Paul Auster: "4 3 2 1",  kein opus magnum

Im Frühjahr 2008 hatte ich das Vergnügen, anlässlich des Prager Autorenfestivals gleich drei Veranstaltungen mit Paul Auster mitzuerleben. Er stellte seinen Film „The inner life of  Martin Frost“ vor, bestritt eine Lesung aus seinem Roman „Man in the dark“ und sprach gemeinsam mit Zeitgenossen über das Jahr 1968. Einmal saß ich in unmittelbarer Nähe von Paul Auster und seiner Frau Siri Hustvedt. Er wartete darauf, mit seiner Lesung beginnen zu können, als ihm Siri etwas ins Ohr flüsterte. Ich war Zeuge davon, wie er sein berühmtes Notizbuch zückte und etwas hineinschrieb.

 

Nach einem wunderbaren Leseabend mit insgesamt drei Autoren (u.a. auch dem großartigen Günter Kunert!) folgte eine kleine Feier der – glaube ich – schwedischen Botschaft. Paul Auster stand mit einem Glas Rotwein in der Hand keine zwei Meter von mir entfernt. Ich hätte an ihn herantreten und etwas fragen oder aber meine Bewunderung für seine Werke zum Ausdruck bringen können. Ich tat es bewusst nicht, weil ich das Gefühl hatte, damit vielleicht einen Mythos zu zerstören. Ein belangloses Gespräch würde mir kaum zur Ehre gereichen. Heute – und das sage ich mit dem Brustton der Überzeugung – hätte ich den Kontakt zu Paul Auster nicht gescheut.

„Mich interessiert, wieso Sie diesen Roman geschrieben haben, dieses enorme Konvolut? Sie haben so wunderbare Romane geschrieben, Sie sind einer meiner absoluten Lieblingsautoren! Aber wieso dieses Monstrum, dieser überbordende Roman? Wenn ich nicht wüsste, dass Sie ihn geschrieben haben, hätte ich nach spätestens 400 oder 500 Seiten aufgehört, ihn zu lesen, das muss ich offen zugeben.“

 

Oh, ob ich mich getraut hätte, Paul Auster dies zu sagen? Vielleicht schon, nicht unbedingt in diesen Worten. Meine Enttäuschung ist recht groß. Ich hatte mir viel von diesem Roman „4 3 2 1“ erwartet. Ein Meisterwerk, und definitiv das opus magnum von Paul Auster. Doch dem ist nicht so, jedenfalls meiner subjektiven Einschätzung gemäss. Manche Rezensenten haben den Roman hochgelobt, andere weniger. Insgesamt fiel die Resonanz allemal positiv aus.

 

Der Roman ist keineswegs mißlungen, das möchte ich betonen. Es gibt einige fantastische Passagen, die das große Können von Paul Auster zeigen. Ich war berührt von diesen Szenen. Auch die Geschichte der Vorfahren ist spannend. Und das Ende hat einen kleinen, feinen Überraschungseffekt.

 

Über weite Strecken ist der Roman sehr geschwätzig. Über unzählige Seiten wird von den Demos gegen Vietnam von Seiten der Studenten berichtet, von sexuellen Ausschweifungen, Baseball und theoretischen Analysen zur Literatur. Teilweise sehr ermüdend. Weniger wäre mehr gewesen. Gekürzt auf die Hälfte hätte dieser Roman ein Meisterwerk sein können. Die Idee ist ja erstaunlich: Wie kann sich der Lebensweg eines Menschen gestalten, wenn die äußeren Ereignisse modifiziert sind? Vier Lebensläufe, vier Leben, aber der selbe Mensch. Grob geschrieben ein Durchschnittsbürger, ein überbordender Charakter, ein viel zu früh aus dem Leben Gerissener und ein Genie. Was aus dieser Ausgangssituation gemacht wird, ist aber leider weitgehend verschenkt.

 

Möglicherweise wollte Paul Auster mal etwas Neues probieren, und das Experiment ist etwas aus dem Ruder gelaufen. Schließlich enden die Lebensläufe spätestens im Alter von 22 Jahren. Interessant sind Kindheit und die frühe Jugend. Die spätere Jugend und das frühe Erwachsenenalter sind eher ein Ärgernis, weil das Gefühl entsteht, diese „gleichen“ Figuren entwickeln sich gar zu ähnlich. Und wenn es kaum Modifikationen gibt, wird die ganze Geschichte fad.

 

Auch sprachlich ist dieser Roman für Auster untypisch. Sehr lange Sätze mit immer wieder belanglosem Inhalt, wenn da nicht die erwähnten Ausnahmen wären.

 

Nichts desto trotz freue ich mich, dieses Mammut-Werk gelesen zu haben. Ich habe mich durchgekämpft und das wollte ich auch. Schließlich enthält meine Bibliothek sämtliche Werke von Paul Auster und ich habe alle gelesen. Die Lektüre hat sich gelohnt, weil es einige großartige, ja fantastische Passagen zu genießen gab. Das wird mir langfristig in Erinnerung bleiben. Der Rest ist geschenkt, eine allzu ausführliche Zugabe. Ich bin darauf gespannt, ob es einen nächsten Roman von Paul Auster geben wird und wie dieser ausfällt. Ich hatte mir nämlich schon vor „4 3 2 1“ (und der langen prosaischen Pause) die Frage gestellt, ob er genug vom Romanschreiben hat...

 

 

"Tatort"-Jubiläum!

Der „Tatort“ feiert also offiziell am 13. November 2016 sein Jubiläum. Tatsächlich ist ja die 1000. Folge schon vor einiger Zeit gelaufen. Nachdem die „Außer der Reihe“-„Tatort“e des ORF nicht mitgezählt werden, gilt „Taxi nach Leipzig“ als 1000. Episode. Kurioserweise mit dem Ermittlergespann Lindholm und Borowski. Ich erwarte mir von diesem Jubiläumsfall nicht viel. Zum Einen, weil es übertrieben ist, Maria Furtwängler als Schauspielerin zu bezeichnen. Zum Anderen, weil der „Tatort“ seit einigen Jahren deutlich an Potenzial verloren hat.

 

Die richtig guten Folgen sind heutzutage eine Seltenheit. Hie und da gibt es Ausnahmen. Wenn ich nun meine persönliche „Top 10“ der „Tatort“-Geschichte präsentiere, so sind aber gleich zwei aus dem Jahre 2013 enthalten. Jetzt aber nicht mehr viel Vorgerede, hier kommen sie auch schon, meine „Top 10“:

 

Platz 10: „Schwarzer Advent“ (Batic, 2007)

Christian Berkel, heute als „Kriminalist“ bekannt, spielt einen Familienvater, der wiederum seinem Vater, der nach langer Zeit wieder nach Deutschland kommt, eine heile Familie vorspielen will, und dafür über Leichen geht, bis sich die Situation zum Zerrreißen spannt. Ein ungewöhnlicher Vorweihnachts-Krimi, der schauspielerisch hervorragend umgesetzt ist.

 

Platz 9: „Liebe – Sex – Tod“ (Batic, 1997)

Und noch einmal Batic! Genial, wie der viel zu früh verstorbene Oliver Hasenfratz eine Doppel-Rolle verkörpert! Es geht in diesem Krimi viel um Einsamkeit und den „besonderen Kick“. Oliver Hasenfratz agiert wohl in der (Doppel)rolle seines Lebens!

 

Platz 8: „Unvergessen“ (Eisner, 2013)

Dieser Krimi rund um ein Massaker, das im 2. Weltkrieg passiert ist, beruht auf wahren Begebenheiten. Am Peršmanhof wurden 11 Zivilisten getötet. Eisner und Fellner sind den Tätern auf der Spur. Abgesehen von kleinen Schwächen ein aufrüttelnder Fall, der an die Nieren geht.

 

Platz 7: „Abschaum“ (Lürsen, 2004)

Für einige Zeit handelte es sich hier wohl um den „Tatort“ mit den meisten Leichen. Hier kann einem auch wirklich das Blut gefrieren! Ausgehend vom Tod eines 12-jährigen Mädchens begeben sich Lürsen und Stedefreund in einen Sumpf, der unglaublich tief ist und sich schließlich als Sekte übelsten Zuschnitts herausstellt. Selten habe ich einen Täter am Ende so sehr verstanden wie in diesem Fall.

 

Platz 6: „Morde ohne Leichen“ (Fichtl, 1997)

Eine kafkaeske Geschichte um einen Auftragskiller, der mit einem Bestattungsunternehmen zusammen arbeitet. Glänzend, wie Udo Samel den Killer inszeniert. Und eine Geschichte, die in ihrer Tragikomik besticht. Auch „Tatort“e aus Österreich haben immer wieder Substanz gehabt, und haben es manchmal sogar heute noch (siehe Platz 8).

 

Platz 5: „Der Fall Schimanski“ (Schimanski, 1991)

Was für ein Abgang von Schimmi! Wenn ich so an die letzten Folgen anderer Ermittler denke, sticht das grande finale von Schimanski sehr, sehr deutlich hervor. Klar, später gab es noch über einige Jahre die Figur außerhalb des „Tatort“ zu bewundern, doch der letzte „Tatort“-Auftritt von Schimanski spielt alle Stückeln! Komisch, spannend, einmalig! Götz George in seiner Glanzrolle, die ihn zum wohl populärsten Ermittler der „Tatort“-Geschichte gemacht hat.

 

Platz 4: „Gegen den Kopf“ (Stark, 2013)

Gäbe es nicht zwei kleine Schwächen, dann hätte ich diesen „Tatort“ auf Platz 1 gehievt! Doch alles in allem ist es ein Bravourstück der „Tatort“-Geschichte. Die Geschichte rund um einen Mann, dem seine Zivilcourage das Leben kostet, kann niemanden kalt lassen.

 

Wenige Jahre vorher hatte Dominik Brunner sein Leben verloren, nachdem er vier Schüler vor zwei radikalen Jugendlichen geschützt hatte. Dieser Vorfall war in Solln, nahe München passiert. Diese wahre Begebenheit ist die Grundlage des Films. Das ganze Ensemble spielt herausragend, inklusive der beiden Täter. Worin die kleinen Schwächen gelegen haben mögen, darüber können Krimi-Freunde rätseln.

 

Platz 3: „Das Glockenbachgeheimnis“ (Batic, 1999)

Und Batic zum Dritten! Dieser Film ist mehr als ein Krimi. Es werden Geschichten und Mysterien rund um das Glockenbachviertel erzählt. Batic und Leitmayr haben, nachdem ein Mord passiert ist, die Aufgabe, tiefer in die Geheimnisse des Viertels einzutauchen. Schließlich wird eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen, ein Film, der auch durch wunderbare Bildkompositionen besticht!

 

Platz 2: „Oskar“ (Dellwo, 2002)

Der erste gemeinsame Falle für Dellwo und Sänger ist furchtbar. Ein totes Baby wird in einer Müllsortieranlage gefunden. Den Täter aufzuspüren wird eine sehr knifflige Angelegenheit. Doch dieser Film ist mehr Drama denn Krimi. Es ist unendlich traurig, welche Erkenntnisse gezogen werden. Dadurch, dass sich Dellwo und Sänger kennen lernen, gibt es für den Zuschauer immer wieder Atempausen, was die furchtbare Komponente der Geschichte betrifft.

 

Platz 1: „Eine unscheinbare Frau“ (Lürsen, 2001)

Für mich seit Jahren unantastbar mein Lieblings-„Tatort“! Der Fall zeigt eine Frau, die scheinbar „unscheinbar“ ist. Doch als sie sexuell bedrängt wird, sich wehrt und den Täter tötet, beginnt sich eine Geschichte zu entwickeln, die auf einen einmaligen showdown hinausläuft. Wie es möglich sein kann, dass aus Opfern Täter werden, wird in diesem Fall eindrucksvoll dargestellt. Hervorzuheben ist Bettina Kupfer, die die Hauptrolle verkörpert. Lürsen und Stedefreund „bekriegen“ sich ein wenig, das ändert aber nichts an dem Sog, den dieser Krimi erzeugt. Hammer!

 

So, das ist also meine „Top 10“. Es sind keine Filme aus den 1970´er und 1980´er Jahren enthalten. Das bedeutet nicht, dass es da nicht großartige „Tatort“e gegeben hätte. Ich denke da allein schon an Stoever, Kressin, Finke und Haferkamp! Doch meine „Top 10“ ist wie für jeden anderen, der eine Rangliste erstellt, sehr subjektiv. Vielleicht gibt es ja den Einen oder Anderen, der auf diese Liste stösst und sich damit sogar anfreunden kann. Es ist zu hoffen, dass sich der „Tatort“ erholt, und nicht irgendwann sang- und klanglos verschwindet, weil es nichts mehr zu sagen gibt, und nur mehr Einheitsbrei geboten wird. Noch gibt es hie und da Ausnahmen, doch diese werden immer seltener...

 

Meta-Blog und Mainstream

Einige Jahre war es ganz still um meinen Blog geworden. Doch mein 25-jähriges Autorenjubiläum hat mich im Herbst 2014 dazu bewogen,  wieder als Blogger aktiv zu werden. Seitdem sind einige Blog-Beiträge entstanden. Zwischendurch war ich parallel dazu ein gutes Jahr bei einer spezifischen Blogger-Plattform. Es handelt sich um eine community, die mich nach vielversprechendem Start nicht mehr überzeugt. Ein Faktor scheint über alle anderen erhaben zu sein: Die Klick-Rate! Und wer weder den Mainstream bedient noch ein Thema anspricht, das für hitzigen Diskussionsstoff zu sorgen verspricht, kann von keiner hohen Klick-Rate ausgehen. Nun, mir geht es mit den verstrichenen Jahren als Blogger immer mehr um Qualität. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich gleichermaßen Autor bin. Das Schielen auf möglichst viele Leser/innen ist für manche Autor/innen und zweifellos noch viel mehr Blogger/innen wichtig. Warum eigentlich? Ein Text soll etwas in Bewegung bringen, in Gang setzen, bestenfalls. Insofern ein Text nur wiederkäut, was ohnehin schon tausende andere Texte darstellen, ist er nur ein Beleg für den Mainstream, und somit uninteressant. Es gilt doch, etwas Besonderes zu schaffen, etwas, das die Menschen jenseits von Klick-Zahlen zu erreichen vermag!

 

Wie ich seit meinem Wiedereinstieg als Blogger bemerkt habe, fallen meine Klick-Zahlen – jedenfalls auf meiner Website – deutlich geringer aus als zwischen 2009 und 2012. Warum dies so ist, kann ich nicht sagen. Spielt aber auch keine große Rolle. Es gibt einige wenige Blog-Beiträge, die relativ viel gelesen worden sind, daran lässt sich gut ablesen, woran Menschen besonders interessiert sind, die sich auch abseits des Mainstream informieren wollen. Nachdem es sich hier um einen Blog handelt, der ausschließlich literarische Themen behandelt, können auch Rückschlüsse darauf gezogen werden, welche Autor/innen gerne in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Immerhin gehört auch Marcel Proust dazu, dieser Blog hat dementsprechend ungebrochen seine Bedeutung, auch wenn er nicht allzu viele Leser/innen hat.

 

Was will ich damit überhaupt zum Ausdruck bringen? Wieso habe ich jetzt nicht über ein literarisches Werk, eine Autorin oder ein sonstiges literarisches Sujet geschrieben? Vielleicht gerade deswegen, weil es mir ein Bedürfnis war, die Wichtigkeit zu untermauern, welche die Literatur gerade in der heutigen Zeit hat. Einen Blog zu betreiben, der die Literatur im Fokus hat, gibt es denn so was? Ja, soll es geben! Nunmehr wieder ganz exklusiv an dieser Stelle, mit großer Freude, wenn auch nicht mit diesem großen Nachdruck, den ich über Jahre hinweg ausübte. Hie und da ein literarischer Strich, das ist allemal ein Gegenentwurf zu ewig gleichen Blog-Inhalten, die nur darauf aus sind, zu provozieren und gleichzeitig den Mainstream zu bedienen. Ich bleibe der Literatur treu und freue mich über jeden Leser! Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Bücher zum Nulltarif 

 

Wie ich kürzlich feststellen musste, ist die E-book-Version meines eben erst erschienenen Romans über allerlei illegale Gratis-Download-Portale zu haben. Freilich ein Umstand, der mich nicht unbedingt erfreut. Diese Nulltarif-Mentalität greift ja schon lange um sich. Bücher, Musik und Filme werden somit als Ware gehandhabt, die keinen Wert an sich haben.

 

Wenn ein künstlerisches Werk keinen Wert zugestanden bekommt, wird deutlich,

wie tief die Moral in dieser Welt gesunken ist. Es geht nur mehr darum, Zugang zu diesem und jenem zu haben, nicht um qualitative Aspekte. Wer meinen Roman gratis liest, findet es nicht der Mühe wert, sich um mich als Autor einen Deut zu

scheren. Als Urheber habe ich überhaupt keine Chance, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Das ist keinem Künstler möglich, und es gibt ja wohl zehntausende Betroffene.

 

Bücher zum Nulltarif „anzubieten“ ist nur ein weiterer Beleg dafür, welche Richtungen das weltweite Netz genommen hat. Im Grunde sind es Richtungen, die gar nicht verfolgt werden können. Wobei die „Gratis-Kultur“ immer stärker ausgeprägt ist. Nun, ich lese selbst sehr selten E-books. Genau genommen habe ich überhaupt erst ein oder zwei gelesen. Mir würde es auch nicht einfallen, mich eines Gratis-Download-Portals zu bedienen, von dem die Künstler nichts haben. Angesichts dieser Entwicklung ist anzudenken, dass von diesem Irrsinn betroffene Künstler wenigstens eine Entschädigung für den entstandenen finanziellen Nachteil bekommen. Und da kann ich auch gleich das bedingungslose

Grundeinkommen ins Spiel bringen, von dem JEDER MENSCH profitieren würde.

 

Auf der einen Seite werden Gemälde von seinerzeit verkannten oder auch

hochgelobten Malern für illusorische Summen ersteigert, die jeglicher Sinnhaftigkeit entbehren. Auf der anderen Seite wird Kunst als kostenlose

Massenware „vertrieben“. Zwei Seiten einer Medaille, die nur zu gut die Absurdität des Neoliberalismus und dessen Folgen aufzeigen.

 

 

Blue Jeans - der Phettberg-Comic

Seit 8. November 2008 gestioniert Hermes Phettberg via Twitter und darüber hinaus. Dies kann auch auf seiner Website www.phettberg.at nachgelesen werden. Der Mitte der 1990´er Jahre mit seiner „Nette Leit Show“ wie ein Komet im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufgetauchte seiner eigenen Beschreibung nach Elende eroberte die Herzen der Menschen im Sturm. Er war von der ersten Sekunde an authentisch und dies machte die Sendung zu der vielleicht innovativsten Produktion dieser Zeit. Nach insgesamt nur 24 Ausgaben der Show, von denen 19 im ORF gezeigt wurden, endete das gelungene Experiment einer Selbstbespiegelung vor Fernseh-Publikum inklusive der zahlenden Gäste vor Ort.

 

Sieben Jahre später folgte noch der „Beichtphatter Phettberg“, auch diese vom Privatsender ATV gezeigte Show endete nach zwei Jahren. Zwischendurch aber lief Hermes Phettberg in der „Arche Phettberg“ zu Höchstform auf. Anfang 2001 hatte ich die Freude, bei einem Talk dieser nur im Internet ausgestrahlten 168-stündigen Live-Performance mit Hermes und weiteren Gäste eine gute Stunde oder mehr zu diskutieren. Es ging auch um sehr ernste Themen. So war etwa die Gründerin der Stiftung Kindertraum dabei.

 

Ich weiß noch, dass es wohl 2007 eine Retrospektive Phettberg im Metro-Kino gab, und der ursprünglich angekündigte Hauptprotagonist nicht kommen konnte, weil er einen Schlaganfall zu verarbeiten hatte. Nunmehr ist es ruhig um ihn geworden. Von mehreren Schlaganfällen und einem Herzinfarkt gehandikapt lebt er in seiner Wohnung in Gumpendorf und ist auf Unterstützung angewiesen, um sein Leben meistern zu können. Doch seinen Humor und sein Interesse an jungen Männern in Blue Jeans hat er nicht verloren. Hier kommt Walter Fröhlich ins Spiel, ein Comic-Zeichner, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit Hermes Phettberg zusammen zu arbeiten. Walter Fröhlich konzentriert sich hierbei weitgehend auf jenen Zeitraum, als der von Sobo Swobodnik  verantwortete Dokumentarfilm Der Papst ist kein Jeansboy im Spittelberg Kino im heißen Sommer des Jahres 2013 über mehrere Wochen gezeigt wurde. Hermes Phettberg wird durch diesen Film auf sehr dezente Weise portraitiert.

 

Auch der Comic zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Zeichner zurück nimmt und die Hauptfigur Hermes Phettberg auf liebevolle Weise in den Fokus setzt. Die Gestionsprotokolle von Hermes Phettberg sind mitsamt der berühmten bleibenden Tippfehler wieder gegeben. Dadurch entfaltet der Comic eine Geschichte, die über den erwähnten Zeitraum hinausgeht. Der Betrachter erhält Einblick in das Leben von Hermes Phettberg, seine Gedanken, Träume, Hoffnungen und Zweifel. Und der Mann ist dankbar, dankbar für jede Unterstützung und Hilfeleistung, dankbar für jedes wohlmeinende Wort. Er ist auch nicht entsetzt oder wütend, als er in einer hilflosen Situation stundenlang um Hilfe ersucht. Phettbergs größter Wunsch ist es, dass sich einer seiner erbarmt. Ein Wunsch, der sich bislang nicht erfüllt hat. Aber er ist nunmehr buchstäblich so etwas wie ein Anti-Held geworden, sowohl im Comic als auch im Leben.

 

Walter Fröhlich hat den Comic keinem Verlag angeboten, sondern mittels Crowdfunding die nötigen finanziellen Mittel erzielen können. Somit gibt es nur eine bestimmte Anzahl an Büchern, die erworben werden konnten. Möglicherweise gibt es noch die Möglichkeit, das Eine oder Andere Exemplar zu ergattern. Tatsache ist allemal, dass es sich um eine kleine, aber sehr feine Auflage handelt, und die Betrachter ihr Exemplar als Besonderheit einstufen können. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

 

 

Jahresheiligenziehen

Seit einigen Jahren vollziehe ich am Ende des Jahres das Jahresheiligenziehen. Dieser Brauch wird von vielen Katholiken praktiziert. Ein Heiliger soll ein ganzes Jahr lang den Menschen begleiten, der ihn „gezogen“ hat. Hieraus kann eine besondere Beziehung entstehen. Im besten Falle kann der Heilige eine Vorbildwirkung entfalten.

 

Das Jahresheiligenziehen ist im modernen Zeitalter auch via Internet möglich. Ich habe meinen Jahresheiligen 2016 hier gezogen.

 

2015, also dieses Jahr, war meine Jahresheilige Johanna-Franziska Chantal, also eine vielleicht nicht so bekannte Heilige. Ich muss zugestehen, mich nicht allzu sehr in ihr Leben vertieft zu haben. Dafür hat mich Teresa von Avila intensiv begleitet, deren 500. Geburtstag sich jährte.  „Die innere Burg“ ist wohl ihr bekanntester Text. Hierbei beschreibt sie sieben Wohnungen, in denen Gottesbegegnung und somit spirituelle Entwicklung wirksam wird. Hochinteressant dabei ist, dass Teresa diesen Text ausschließlich für ihre Mitschwestern verfasst hat, also gar nicht vor hatte, ihn darüber hinaus zu verbreiten. So wendet sie sich immer wieder an ihre Mitschwestern. Sie beschreibt die einzelnen Wohnungen sehr genau, sodass der Leser einen Eindruck davon bekommt, wie diese eingerichtet sind. Dadurch erhält der an spirituellem Wachstum orientierte Leser die Möglichkeit, seinen Seins-Zustand in diesem Kontext mehr oder weniger zu „bewerten“. Entscheidend ist jedoch, daraus neue Quellen zu erschließen, aus denen die Gottesbeziehung neu erfahrbar wird. Teresa weist immer wieder darauf hin, keineswegs fehlerfrei zu sein und die Gottesbeziehung dementsprechend weiter entwickeln zu wollen. Ich habe aus diesem Buch heraus neue Erkenntnisse gewinnen können, die ich teilweise schon in mein Leben integrieren konnte. Wobei es freilich nicht darum geht, plötzlich schon zu Lebzeiten mit den Engeln zu singen, sondern beispielsweise um Demut und die diesbezügliche Grunderfahrung.

 

Nun ja, gestern habe ich das Jahresheiligenziehen für 2016 bewerkstelligt. Und ich bin hingerissen davon, welcher Heilige mich im neuen Jahr begleiten wird. Es wird Philipp Neri sein, Patron von Rom, und Symbolfigur für eine Erneuerung der Kirche. Er gilt als der heitere Heilige, sein Leben und Wirken war durchzogen von Heiterkeit und Humor. Er gilt als Spaßmacher, als Narr Gottes. Ich habe bereits begonnen, mich mit ihm ein wenig auseinander zu setzen. Philipp Neri war der Lieblingsheilige von Goethe, der über ihn in seiner berühmten italienischen Reise ein ganzes Kapitel geschrieben hat, wo er die Besonderheit dieses Heiligen sehr behutsam beschreibt. Und es gibt „Zufälle“, die gibt es gar nicht (weil es „Zufälle“ tatsächlich nicht gibt): Phillip Neri wurde im selben Jahr wie Teresa von Avila geboren, und auch am gleichen Tag heilig gesprochen. Erst vor wenigen Monaten sind anlässlich seines 500. Geburtstages zwei Bücher erschienen, die sich mit seinem Leben auseinander setzen. Darunter ein besonderes Werk, das erst jetzt nach Jahrhunderten!!! endlich in deutscher Fassung vorliegt. Es steht für mich fest, mich insbesondere mit diesem Werk 2016 zu beschäftigen. Das Jahresheiligenziehen hat mir also einen Heiligen beschert, den ich mit besonderer Freude als Jahresbegleiter und womöglich darüber hinaus wählen werde.

 

Das Jahresheiligenziehen sei jedem gläubigen Katholiken empfohlen. Es ist ein schöner Brauch, der viel Positives im Leben des Einzelnen bewirken kann, wenn er dazu bereit ist.

 

 

 

 

Stille Nacht

Ein Lied geht um die Welt. In über 300 Sprachen übersetzt gilt das Weihnachtslied „Stille Nacht“ als eines der meistinterpretierten Lieder überhaupt. Der Erfolg war und ist bahnbrechend. Das Lied zählt zum Unesco-Kulturerbe. Die Schöpfer des zu Weihnachten 1818 erstmals einem illustren Kreis dargebrachten musikalischen Meisterwerkes sind Josef Mohr, der für den Text verantwortlich zeichnet, und der die Melodie komponierende Franz Xaver Gruber.

 

Über dieses Lied ist schon sehr viel geschrieben worden. Umso bemerkenswerter, dass Titus Müller den Versuch gemacht hat, eine neue Sichtweise aufzutun. Im Mittelpunkt steht Josef Mohr, dessen Leben von vielen Entbehrungen, Kraftakten und doch auch einigen Glücksfällen durchzogen war. Er litt ein Leben lang darunter, das Kind einer ledigen Mutter zu sein, seinen Vater hat er nie kennen gelernt. Um überhaupt ins Priesterseminar eintreten und also Theologie studieren zu können, musste er beim Erzbischof um „Dispensation wegen Ermangelung der ehelichen Geburt“ ersuchen, die ihm schließlich gewährt wurde. Im Jahre 1815 wurde er 23-jährig zum Priester geweiht.

 

Die Schicksale von Josef Mohr und einer vom Autor fiktionalisierten Familie werden miteinander kunstvoll verwoben. Doch die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten, die Figuren des Großvaters, der Mutter, des Förderers Hiernle und natürlich Franz Xaver Gruber sind historisch verbrieft. Besonders berührend ist die Schilderung der Begegnung von Josef mit seinem 86-jährigen Großvater. Der Priester und musikalisch Hochbegabte lernte ihn erst kurz vor dessen Tod kennen. Möglicherweise hat er seine Liebe zur Musik von seinem ihm unbekannten Vater geerbt. Die harte Arbeit der Schiffer, die Auseinandersetzung mit Krieg, Plünderungen, Liebe und Tod sind Hauptmerkmale der Erzählung.

 

Aber alles läuft auf die Entstehung von „Stille Nacht“ hin. Warum dieses Lied ausgerechnet Weihnachten 1818 zur Uraufführung gelangte, hat Titus Müller in einen der dichterischen Freiheit geschuldeten Kontext gebracht. Tatsache ist, dass in dieser Zeit Priester, die nicht genau nach vorgegebenen Strukturen agierten, schnell ihren Arbeitsplatz verlieren konnten. Die Priesterweihe freilich blieb unangetastet. Josef Mohr ist, indem er gemeinsam mit dem Organisten und Lehrer Franz Xaver Gruber seiner Gemeinde „Stille Nacht“ vorstellte, das hohe Risiko eingegangen, dafür von vorgesetzten Stellen bestraft zu werden. Doch er ist zum Glück seinem Herzen gefolgt. Die Geschichte von „Stille Nacht“ ist also auch eine Geschichte davon, wie wichtig es ist, den eigenen Weg zu gehen, ganz egal, was immer das für Konsequenzen haben mag. Auch daran sollten wir denken, wenn wir dieses einmalige Weihnachtslied anstimmen und Freude in uns aufsteigt.

 

Der in der Erzählung von Titus Müller nur als Nebenfigur agierende Franz Xaver Gruber hat 28 Jahre in Hallein als Organist und Chorregent gewirkt. Seine Grabstätte befindet sich in unmittelbarer Nähe der Pfarrkirche. Seit 1993 gibt es in Hallein das Stille Nacht – Museum, das sich mit dem Leben und Wirken von Franz Xaver Gruber beschäftigt. Ein Besuch dieses kleinen, feinen Museums ist sehr zu empfehlen. Es ist auch die Gitarre von Josef  Mohr ausgestellt, die er 1818 zur Uraufführung spielte. Herzstücke sind Autographen von „Stille Nacht“.

 

Die Lektüre der Erzählung von Titus Müller eignet sich freilich in der Weihnachtszeit besonders gut. Als Leser können wir uns in eine Zeit hineinversetzen, die für die Menschen sehr hart war. Weihnachten 1818 muss etwas passiert sein, das ein helles, warmes Licht in den Herzen der Menschen entfacht hat. Möge dieses Licht uns auch fast 200 Jahre später nicht verborgen bleiben.

 

10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte 

Ich kann mich noch gut erinnern, als Sonja Schiff den ersten Beitrag auf fischundfleisch

setzte. Sie erzählte von ihren Erfahrungen als Altenpflegerin und wie sehr sie ihren

Job liebt. Das sorgte von Anfang an für Polarisierung. Die Einen fanden es spannend, dass sie einen neuen Blick auf die Thematik werfen konnten. Die Anderen wollten nicht glauben, warum Altenpflege richtiggehende „Glücksgefühle“ hervorrufen kann. Ich gehörte und gehöre ungebrochen zu den Einen.

 

Dementsprechend war ich gespannt auf das Sachbuch. Und nunmehr kann ich verkünden, dass ich „10 Dinge, die ich von alten Menschen lernte“ zu den wichtigsten Sachbüchern zähle, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Die Qualität des Werkes fußt auf mehreren Pfeilern, die ich kurz skizzieren möchte.

 

1. Pfeiler: Die autobiographische Dimension

 

Sonja Schiff gibt – auch – Einblick in ihr Leben, und wie es dazu kam, dass sie es als Berufung versteht, für und mit alten Menschen zu arbeiten. Ihr Lebensweg war und ist nicht geradlinig, es gibt Brüche und Wellen. Doch ihren Ausführungen ist zu entnehmen, wie froh sie darüber ist, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sie war und ist gerne Altenpflegerin, beschäftigt sich mit den alten Menschen weit über die pflegerischen Tätigkeiten hinaus. Und da folgt auch schon der

 

2. Pfeiler: Altenpflege, die weit über die Pflege hinausgeht

 

Wenn Altenpflege ausschließlich auf pflegerische Tätigkeiten beschränkt ist, verliert sie die menschliche Komponente. Altenpfleger haben mit Menschen zu tun. Und wer den Beruf der Altenpflegerin ausübt, muss sich dessen bewusst sein, dass es auch um die psychische und soziale Auseinandersetzung mit alten Menschen geht. Sonja Schiff zeigt auf, wie Altenpflege verstanden werden muss. Die groben Schwächen des Systems, wo es nur um Effizienz und finanzielle Aufrechnung geht, wirkt bis in den Sozial- und Gesundheitsbereich und somit auch in die Altenpflege hinein. Doch weshalb den Fokus einzig und allein auf die Pflege und die notwendigen Handgriffe beschränken? Menschenwürdige Behandlung von alten Menschen ist eine Verpflichtung. Sonja Schiff lebte und lebt dies vor.

 

3. Pfeiler: Lernen von alten Menschen

 

Das Schwergewicht des Buches bildet zehn Erkenntnisse, welche die Autorin gezogen hat. Es sind Leitsätze geworden, die für sie Teil des Lebens sind. Alte Menschen können Lehrmeister sein, wenn ihnen Gehör geschenkt, ihnen Aufmerksamkeit gewidmet wird. Sonja Schiff hat unzählige Begegnungen mit alten Menschen gehabt, die ihre Sichtweise auf das Leben schließlich verändert haben. Die Perspektive hat sich geschärft, die Scheuklappen sind abgeworfen.

 

4. Pfeiler: Jeder Leser findet etwas Besonderes

 

Ich bin mir sicher, dass jeder Leser des Buches eine andere Stelle im Buch hat, die ihm besonders viel bedeutet. Es ist ein Buch zum wieder lesen. Manche Kapitel haben mich emotional sehr berührt. Hervorheben möchte ich „Die Seele hat kein Alter“ und „Mit sich selbst Frieden zu schließen macht frei“. Peter Ustinov hat kurz nach seinem 80. Geburtstag verkündet, dass er sich innerlich immer noch wie ein Kind fühle. Tatsächlich mag der Körper abbauen, Vieles wird beschwerlicher. Doch das Lebensgefühl ist davon nicht betroffen. Ich für meinen Teil fühle mich deutlich jünger als ich bin. Ja, ich gebe zu, ein kindliches Gemüt zu haben. Ich bin neugierig, wissbegierig, möchte ständig dazu lernen. Alte Menschen, die das Kind in sich bewahrt haben, sind nicht wirklich alt. Alt ist nur der Körper, nie aber die Seele. Davon ist die Autorin und davon bin ich überzeugt.

 

Es gibt Menschen, die ihr Lebtag keinen Frieden mit sich schließen. Sie wollen immer wer anderer sein, als sie sind. Sie wollen etwas werden. Sich bewusst zu machen, dass wir wer sind, und zwar immer, jetzt und in jedem folgenden Augenblick, ist für nicht wenige Zeitgenossen nicht vorstellbar. Wer aber immer nur dem falschen Hasen hinterher läuft, der ja bekanntermaßen nie erwischt werden kann, versäumt sein Leben. Frei zu werden ist ein lebenslanger Prozess. Niemand ist davor gefeit, doch zu glauben, dass dieses und jenes fehlt, damit Selbstakzeptanz möglich wird. Dabei verwandeln wir uns ohnehin ständig. Wir werfen die eine Schale ab und legen uns eine neue an. Das ist Leben. Was wir heute werden wollen, kann uns morgen schon unbedeutend sein. Mit sich selbst Frieden zu schließen heißt wohl auch, zu akzeptieren, dass wir uns selbst nie in den hintersten Winkel unserer Seele beleuchten können. Das ist vergebene Liebesmüh und bringt nichts.

 

5. Pfeiler: Leben und Sterben

 

In diesem Buch ist viel vom Sterben und vom Tod die Rede. Dies ist eine Thematik, die von der Gesellschaft tabuisiert wird. Somit ist es wichtig, hierfür eine Lanze zu brechen. Es gibt sogar „lustiges Sterben“, wie am Ende des Buches erzählt wird. Natürlich gibt es auch schreckliches Sterben, doch das hängt weniger vom Sterbenden, sondern hauptsächlich von jenen Menschen ab, die den herannahenden Tod des Sterbenden nicht wahrhaben wollen. Sonja Schiff möchte bewusst sterben. Niemand kann sich aussuchen, wie, wann und unter welchen Umständen er stirbt. Leben und Sterben gehören zusammen, sie sind zwei Seiten der selben Medaille. Alte Menschen sehnen oft den Tod herbei, wissen letztlich, wann es Zeit ist zu gehen. Diese Passagen sind besonders berührend.

 

6. und letzter Pfeiler: Wie ist es um die Zukunft der Altenpflege bestellt?

 

Sozusagen als Anhang des Buches richtet die Autorin Briefe an die Altenpflege und die Altenpflege-Politiker. Ersterer soll den Kolleginnen Mut machen. Zweiterer verantwortliche Politiker wach rütteln, und erkennen lassen, wie wichtig es ist, den Stellenwert der Altenpflege anzuerkennen und bessere Rahmenbedingungen sowohl für das Pflegepersonal als auch die alten Menschen zu schaffen. Denn eines steht fest: Menschen, die sich der Altenpflege verschrieben haben, sind physisch und psychisch extrem gefordert. Sie arbeiten viele zusätzliche Stunden ohne Bezahlung, schließlich gilt es, alte Menschen und deren Angehörige gerade dann zu unterstützen, wenn der Sterbeprozess stattfindet oder der Tod Erlösung gebracht hat. Und unbezahlte Überstunden in Form von zusätzlicher sozialer Zuwendung sind üblich. Wer in der Altenpflege tätig ist, und diesen Job bloß als Aneinanderreihung von Aufgaben versteht, die vorgegeben sind, ist fehl am Platz. Altenpflege ist Berufung und es ist an der Zeit, dass sie entsprechend gewürdigt wird. Im Sinne von besserer Bezahlung, flexibleren Arbeitszeiten, die auf persönliche Bedürfnisse Rücksicht nehmen, menschenwürdige Rahmenbedingungen also, von denen insbesondere die alten Menschen profitieren. Denn sie sind es, um die es geht. Sie brauchen viel mehr Zuwendung und soziale Begleitung, als ihnen gemeinhin zugestanden wird.

 

Ein letzter Punkt noch, der mir wichtig ist: Ich habe vor wenigen Jahren eine Ausbildung zum Seniorenanimateur abgeschlossen, meine Schwerpunkte waren Biographiearbeit und Seniorentheater. Meine aufwändigen Versuche, hauptamtlich in diesem Kontext alte Menschen zu aktivieren, zu erfreuen, mit ihnen eine schöne, lebendige Zeit zu verbringen, sind bislang gescheitert. Und zwar daran, dass es hierfür offenbar kein Budget gibt. Dieses „fehlende“ Budget ist es, woran ersichtlich ist, wie „wichtig“ den zuständigen Politikern oder überhaupt der nur auf Jugend und Erfolg getrimmten Gesellschaft es sein mag, für alte Menschen über die Pflege hinaus gesellschaftliche Teilhabe zu schaffen. Nichts anderes ist Biographiearbeit, Seniorentheater, über das „übliche Maß“ hinaus gehende Gespräche, überhaupt soziale Begleitung und Zuwendung. Jeder alte Mensch hat ein Recht auf Pflege UND jeder alte Mensch hat ein Recht auf soziale Begleitung und Zuwendung. Der demographische Wandel ist längst eingeläutet. Die Blauäugigkeit oder besser noch die Ignoranz der zuständigen Politiker ist erstaunlich. Auch alte Menschen haben mal etwas geleistet, oft mehr als wir Jüngeren uns vorstellen können. Alte Menschen dann einfach auf ein Abstellgleis zu stellen und nicht auf deren Bedürfnisse zu reagieren ist im Grunde ein Skandal.

 

Sonja Schiff ist hierfür zu danken, dass sie uns Leser Anteil nehmen lässt an einer Reise, die uns mit alten Menschen und deren Lebensweisheiten in Verbindung bringt. Möge dieses Buch viele Leser finden.

 

 

Eine wahre Begebenheit 

Am 24. Dezember 1933 wurde in Willoughby, Ohio, eine unbekannte junge Frau von einem Zug touchiert und kam hierbei zu Tode.  Ein Ereignis, das bis heute über Willoughby hinaus nachwirkt.

 

Ich habe Ende 2013, also 80 Jahre nach dem dramatischen Ereignis, von diesem durch einen Hinweis im weltweiten Netz erfahren, und es hat mich nicht losgelassen. Seit 1993 ist die Identität der jung zu Tode gekommenen Frau geklärt. Ihre Grabstelle auf dem Friedhof von Willoughby wurde mit einer Zusatztafel versehen. Der Name der Frau war Josephine Klimczak.

 

Nie zuvor hat mich eine Begebenheit so sehr in den Bann gezogen wie in diesem Fall. Schnell war für mich klar, dass ich darüber schreiben will. Das Thema hatte mich gefunden! Ich recherchierte, nahm dann die Geschehnisse zum Anlass, Zeitzeugen auf den Plan zu rufen und einen Mann im Jahre 2013 auf die Reise nach Willoughby zu schicken, wo er vor Ort versucht, den Schleier des Geheimnisses zu lüften.

 

Kein Mensch darf einfach vergessen sein. Erinnerung ist kostbar. Wer diesen Roman liest, der wird zum Teil einer Welt, die es heute nicht mehr gibt. Josephine Klimczak lebt ungebrochen in den Herzen vieler Menschen fort, die von ihr gehört haben oder ihr Grab besuchen. Auch für mich ist sie lebendig. Ich bewahre mit meiner Geschichte das Andenken an sie. Als Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Menschen nicht zu vergessen, die Gutes in dieser Welt zu tun berufen waren und sind.

Rettet Raffi! 

Auf dieses Büchlein habe ich mich schon lange gefreut. Hintergrund ist der, dass eine meiner Lieblingsschauspielerinnen, Bettina Kupfer, für den Text mitverantwortlich ist. Das Kinderbuch wird als „Buch zum Film“ bezeichnet, dabei ging das Buch ja dem Film voraus.

 

Raffi ist ein Hamster, der Fußball spielen und Verstecke von Zigaretten entdecken kann. Er ist also eine Sportkanone und eine Spürnase. Dementsprechend ist er der ganze Stolz von Sammy, einem achtjährigen Jungen, der es faustdick hinter den Ohren hat. Eines Tages wird Raffi krank. Nur eine Notoperation kann ihn retten. Nach einigem Hin und Her wird vom Familienrat die Rettung von Raffi entschieden. Der Hamster ist noch mitgenommen von der Operation, als er unbeabsichtigterweise entführt wird. Ein eben erst aus dem Gefängnis entlassener Ganove hat das Auto der Familie gestohlen. Seine Freundin, die im Film übrigens von Bettina Kupfer verkörpert wird, findet das gar nicht gut. Sie will, dass er ein bürgerliches Leben beginnt, doch davon hält der Mann nichts.

 

Die Dinge kommen ins Rollen. Sammy versucht alles, um seinen geliebten Raffi wieder zu finden und ist sogar der Polizei immer einen Schritt voraus. Sowohl Raffi als auch Sammy müssen einige brenzlige Situationen überstehen, bis die Geschichte  ein happy end findet. Den Autoren Bettina Kupfer und Arend Agthe gelingt es sehr gut, jene Spannung aufkommen zu lassen, die das Herz von Kindern höher schlagen lässt. Es sind feine Nuancen, die sich durch das Buch ziehen. Auch der Liebe und der Familie als wichtigstem Boden der Gesellschaft wird viel Raum gegeben. Hie und da holpert der Text etwas, doch das wird die Leserinnen und Leser des Buches nicht stören.

 

Auch für mich als vermeintlich Erwachsenen erwies sich dieses Werk als lohnende Lektüre. Es hat Spaß gemacht, den Abenteuern von Raffi, Sammy und einigen weiteren Protagonisten zu folgen. Und ich fand es schön, Bettina Kupfer als Autorin zu entdecken. Empfehlung für jung und alt!

 

 

"Zentralfriedhof, der Film" und die lange Nacht der Museen 2015

Am 3. Oktober 2015 war es soweit. Der in kongenialer Zusammenarbeit mit Peter Bosch

entstandene Kurzdokumentarfilm „Zentralfriedhof, der Film“ machte als Teil des Programms des Bestattungsmuseums anlässlich der langen Nacht der Museen Station. 

Die Aufbahrungshalle, in der als besonderes Highlight die Bestattung von Falco reinszeniert wurde, diente auch als Ausstrahlungsort des Films. Hierfür hatte sich das Team des Bestattungsmuseums ins Zeug gelegt. Es wurde linksseitig deutlich abgetrennt vom übrigen Szenario und dennoch als Teil davon, Kinoatmosphäre geschaffen. Also, eine Leinwand, auf die der Film zwischen 18 Uhr und 1 Uhr morgens ununterbrochen von einem Projektor projiziert wurde. Gemütliche Sessel aus Holz, Abdunkelung. Dieser Ort schuf eine mystische Atmosphäre, die dem Film sehr gerecht wurde.

 

Eine weitere Attraktion in der Aufbahrungshalle war es, einen Sarg bemalen zu können. Nachdem das Bestattungsmuseum in dieser Nacht einen sehr guten Zulauf hatte, ist davon auszugehen, dass viele Menschen zumindest einen Blick auf den Film geworfen haben. Wie viele Personen ihn sich ganz angesehen haben, ist freilich unmöglich anzugeben. Im eigentlichen Bestattungsmuseum läuft noch für einige Zeit eine Sonderausstellung, die einige prominente Persönlichkeiten in den Blickpunkt stellt. Darunter Kardinal König, Ernst Happel und natürlich Falco. Bewegte Bilder des Begräbnisses des Letztgenannten wurden sowohl in der Aufbahrungshalle als auch im Bereich der Sonderausstellung gezeigt.

 

Und nach dem Besuch von Aufbahrungshalle und Bestattungsmuseum genossen Peter Bosch und ich noch einige Stunden die lange Nacht der Museen. Ich hielt mich in der Munch-Ausstellung in der Albertina auf. Hierbei wurde mir bewusst, wie viele Zaungäste unterwegs waren. Offensichtlich Leute, die überhaupt keine Ahnung von Munch haben, und – unglaublich, aber wahr! – richtiggehend darüber entsetzt waren, wie negativ die Lebenseinstellung dieses Künstlers gewesen sein muss. Wahrscheinlich war diesen „Besuchern“ nicht mal bewusst, dass die Ausstellung den Titel Liebe, Tod und Einsamkeit trägt. Wie auch immer, ich fand die Präsentation zahlreicher Druckgrafiken großartig und ließ mich von den unzähligen Besucher/innen überhaupt nicht nervös machen. Sehr nett war zudem, dass eine offenbar aus Norwegen angereiste Geigerin tiefgründige und gleichermaßen manchmal ins Fröhliche hinaufsteigende Melodien erklingen ließ.

 

Nach einem Abstecher im nahezu verwaisten Literaturmuseum, das mich nicht unbedingt mitriss, folgte zur Krönung des Abends oder auch der Nacht eine Erkundung der Fix und Foxi – Ausstellung im BA Kunstforum. Als Kind habe ich ja sehr viele Comic-Hefte und Bücher gelesen, darunter auch jede Menge Fix und Foxi. Nunmehr war es möglich, auch einige Strips aus den allerersten Jahren zu lesen, was ich auch ausführlich tat. Hier waren zum Unterschied zur Munch-Ausstellung ausschließlich Menschen zugegen, die ernsthaft am Sujet interessiert waren. Gegen 23 Uhr schauten sich gut 15 Kinder in einer Video-Ecke Fix und Foxi – Filme an. Und ein Junge von höchstens neun

Jahren betrachtete die an den Wänden drapierten Comics mit kritischem Blick.

 

Alles in allem erwies sich dieser 3. Oktober 2015 als großartiger Tag. Und die Fotos, die im Bestattungsmuseum und der Aufbahrungshalle entstanden sind, dokumentieren eindrucksvoll, dass auch der Film zumindest Neugier erweckte.

 

 

Copyright der Fotos: B & F Wien/Bestattungsmuseum

 

 

 

Zum Tod von Henning Mankell 

Soeben habe ich davon erfahren, dass Henning Mankell gestorben ist. Dies macht mich sehr betroffen. Er war und ist einer meiner Lieblingsautoren. Das ist in meinem Falle durchaus überraschend, weil ich um Bestseller-Autoren für gewöhnlich einen großen Bogen mache. Es ist nur wenige Tage her, dass ich sein letztes Buch „Treibsand“ gelesen und rezensiert habe. Darin erzählt Mankell einige Details aus seinem Leben, die ihn als Mensch unter Menschen kennzeichnen. Er hat in seinem Leben – wie wohl wir alle – schwerwiegende Fehler begangen. Und er musste einmal einen dermaßen grauenhaften Unfall mitansehen, dass ihn diese Erfahrung tief geprägt hat.

 

Henning Mankell war ein Autor, der polarisiert hat. Er vertrat auch unpopuläre Meinungen, und es ist keineswegs so, dass ich ihn als „Bruder im Geiste“ bezeichnen könnte. Dennoch haben mich nicht nur seine (Kriminal)romane, sondern ebenso er selbst interessiert. Wer ist der Mensch hinter diesen literarischen Auswüchsen? Das habe ich mich oft gefragt. Ich will an dieser Stelle keine Spekulationen anstellen oder ihn über Gebühr loben. Tatsache ist, dass seine Figur Wallander für mich nach wie vor präsent ist, ungeachtet der guten bis mittelmäßigen Verfilmungen der Romane.

 

Meine Reise mit Henning Mankell war ziemlich lang. Sie begann Mitte der 1990´er Jahre mit „Mittsommermord“. Zum Glück hat mich dieser Roman begeistert, und so konnte ich gar nicht anders als sämtliche Wallander-Krimis und einige weitere Romane dieses Autors lesen. „Der Chronist der Winde“, die einfühlsame Geschichte eines Straßenkindes, ist  für mich sein stärkstes Werk. Mankell war ein Mensch, der ständig in Versuchung war, sich literarisch auszudrücken. Er hat in letzter Zeit an einem Roman geschrieben, den er vielleicht sogar beenden konnte. Ein glühender Autor lässt sich auch von einer schweren Krebs-Erkrankung nicht bremsen.

 

Henning Mankell hat einen wichtigen Stellenwert in meinem Leben als Leser. Er bescherte mir viele, viele spannende, interessante, nachdenklich machende Lesestunden. Nicht alles, was er schrieb, hat mich in Begeisterungsstürme versetzt. Aber er hat etwas geschafft, was auf nur wenige Autor/innen, mit denen ich konfrontiert worden bin, gelungen ist: Ich war neugierig auf weitere Bücher. Damit gehört er einem illustren Kreis an, den er nie verlassen wird.

 

Er ruhe in Frieden.

 

Das literarische Quartett, die Wiederkehr? 

Gestern war es soweit, die mit Spannung erwartete Rückkehr des literarischen Quartetts flimmerte über den Bildschirm. Gastgeber Volker Weidermann stellte sein Stammteam Maxim Biller und Christine Westermann vor. Zudem gesellte sich die Autorin Juli Zeh hinzu. Besprochen wurden wie gehabt vier Bücher. Nur eines davon bekam weitgehend positive Kritik, jenes eines gewissen Knausgard, der in erster Linie sich selbst autobiographisch inszeniert.

 

Wie ist diese Neuauflage eines Kult-Formats einzustufen? Das Stammteam könnte unterschiedlicher nicht sein. Volker Weidermann ist versucht, die positiven Seiten der Bücher hervorzukehren. Das können manchmal auch nur zwei oder drei Seiten sein. Max Biller wiederum ist schonungslos in seiner Kritik, er spricht etwa Trojanow den Status des Autors ab, wobei nicht bekannt ist, ob er vor Macht und Ruhm irgendein anderes Werk von Trojanow gelesen hat. Christine Westermann ist so etwas wie der ruhende Pol, sie ist zu sehr damit beschäftigt, sprachliche Unsicherheiten (vielleicht der Übersetzung geschuldet?) hervorzukehren. Die beiden Männer geben ihr ansonsten zu wenig Gelegenheit, das Eine oder Andere zur Verteidigung eines Buches anzubringen. Nun, und Juli Zeh als Gast stellt das Buch von Trojanow vor und ist auch die Einzige, die diesem Werk etwas Positives abgewinnen kann. Weidermann verteidigt Trojanow immerhin Maxim Biller gegenüber, eine literarische Niete sei er keineswegs, sondern ein ausgezeichneter Autor, der halt mal etwas Schwächeres geschrieben habe.

 

Das Problem dieser Sendung ist schnell belegt. 45 Minuten sind viel zu kurz, um vier Bücher halbwegs adäquat zu besprechen und sich darüber auszutauschen. Die Zeit verging wie im Fluge, im Grunde ein gutes Zeichen! Doch Bücher sollten nicht im Schnelldurchlauf abgehandelt werden. Die Beschleunigung der heutigen Zeit schlägt sich also auch in der Neuauflage des literarischen Quartetts nieder, was ich sehr schade finde. Dadurch wird es verunmöglicht, das Lesen von Büchern als Kontrapunkt zur immer schneller werdenden Welt in den Fokus zu nehmen. Weidermann, Biller und Westermann machen ihre Sache keineswegs schlecht, allerdings sind sie dazu gezwungen, in aller gebotenen Kürze Stellungnahmen abzugeben und etwaige Streitgespräche zu führen. Natürlich werde ich dran bleiben, und auch die nächste Sendung verfolgen. Die Premiere geriet den Umständen entsprechend gut. Mehr Sendezeit sollte allerdings obligatorisch sein!

 

 

Schattenspringer 2 

Wer das Debut von Daniela Schreiter betrachtet und gelesen hat, der kommt

gar nicht umhin, auch den zweiten Teil auf die Bücher-Liste zu setzen. Und dieser Comic hat es in sich!

 

Der Wunsch nach Zweisamkeit ist ein wesentlicher Aspekt in der autobiographischen Aufarbeitung von Daniela Schreiter. Das Allein-Sein zu durchbrechen erwies sich nach einigen Versuchen als durchaus angenehm. Die erste tiefer gehende Beziehung funktionierte im gemeinsamen Haushalt durchaus gut, bis beiden Beteiligten klar wurde, dass die Liebe nicht mehr im Spiel war. Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass sowohl Daniela als auch ihr Partner Autisten sind.

 

Und da sind wir auch schon beim zweiten gewichtigen Punkt: Die Entdeckung des Autismus. Für mich als Leser zweifellos der spannendste und interessanteste Faktor, den Daniela Schreiter offenbart. Sie fühlte sich über viele, viele Jahre ihres Lebens anders, konnte dieses Anders-Sein jedoch nicht erklären. Bezeichnenderweise stellte keiner der Ärzte die Diagnose Autismus, sondern sie recherchierte selbst im Internet und vermutete, dass sie Autistin, konkret Asperger-Autistin, sein könnte. Diese Vermutung wurde dann von fachmännischer Seite bestätigt. Für Daniela Schreiter war die Diagnose eine Befreiung. Sie wusste endlich, wieso sie anders war, und dass sie damit nicht allein ist. Dennoch dauerte es eine Weile, bis sie dies so weit in ihre Persönlichkeit integrierte, und sich als Autistin voll und ganz akzeptierte. Seitdem hat ihr Leben eine Steilkurve nach oben beschritten. Es geht ihr gut, und das kommt auch beim zweiten Band ihrer Autobiographie heraus.

 

Die tragikomischen Seiten ihrer Persönlichkeit werden wie schon im ersten Teil offenbar. Doch die reifer werdende Jugendliche und junge Frau gerät mehr in den Fokus. So setzt sie sich mit ihrem sexuellen Erwachen und der Liebe auseinander. Und wir Leser und Liebhaber von Comics können auf einen dritten Band gespannt sein, schließlich ist noch lange nicht alles gesagt, wie die Autorin und Zeichnerin selbst zugibt. Also, möge es diesen dritten Band geben und uns dadurch die Künstlerin noch ein wenig vertrauter werden.

 

Daniela Schreiter leistet mit ihren Comics einen wertvollen Beitrag, um die Welt von Autisten greifbarer zu machen, und etwaige Vorurteile ad absurdum zu führen. Sie hatte immer große Probleme damit, so zu tun, als wäre sie „normal“. Nun kann sie sein, wie sie ist. Und was ist schon „normal“, sind wir nicht alle auf die ein oder andere Weise „ver-rückt“?

 

 

 

Zum 90. Geburtstag von Ernst Jandl 

Er war der wohl ungewöhnlichste Dichter, den Österreich in seiner langenLiteraturgeschichte hervorgebracht hat. Denn Ernst Jandl schrieb nicht nur Gedichte, er visualisierte und sprach sie mit einer Inbrunst und Genauigkeit, die seinesgleichen suchte und sucht. Es wäre einseitig, von reiner Experimentallyrik zu sprechen. Die Bandbreite ist enorm, es gibt unzählige Varianten und Ausprägungen. Sein Zusammenwirken mit Musikern krönte seine Qualität als Lyriker. Und es gibt viele Studenten und auch Theater-Gruppen, die sich an seiner Arbeit als Autor orientierten und orientieren.

 

Ich habe Ernst Jandl nur einmal live miterleben können. Dies hat dazu geführt, mich näher mit ihm und seinem Werk beschäftigen zu wollen. Vor einigen Jahren gab es eine Ausstellung über ihn. So erfuhr ich, dass er trotz der ihm entgegen gebrachten Hochachtung als Autor darauf angewiesen war, über viele Jahre als Lehrer zu arbeiten. Es ist davon auszugehen, dass nicht jeder seiner Schüler von ihm inspiriert wurde. Doch so mancher hat sich möglicherweise selbst dazu aufgerufen gefühlt, die Dichterseele in sich zu erwecken.

 

Ein ganz wichtiger Mensch an seiner Seite war Friederike Mayröcker, welche Ende letzten Jahres ihren 90. Geburtstag feierte und bis heute als Autorin aktiv ist. Auch sie war bis in ihr 45. Lebensjahr hinein als Lehrerin tätig. Beiden gemein ist, dass sie ihr Schreiben mit Akribie verfolgten und die Lehrer-Tätigkeit daneben als sehr belastend empfanden. Durch spezifische Umstände war es beiden möglich, Mitte 50 in Frühpension zu gehen und sich ab dann voll und ganz dem Schreiben widmen zu können.

 

Nunmehr will ich auch das kleine „Rätsel“ auflösen, das mein Ernst Jandl gewidmetes Gedicht darstellen mag. Es erstaunt mich doch ziemlich, dass offenbar kein aufmerksamer Leser der Sachlage auf die Schliche kam. Ich habe nämlich vordergründig mit dem Mittel des Anagramms gearbeitet. Hierbei wird ein Ursprungs-Wort durch Verwendung der gleichen Buchstaben, die in eine andere Reihenfolge gesetzt sind, neu erschaffen. Das können natürlich auch mehrere Wörter oder ganze Sätze sein. In meinem Fall geht dies aus dem Mantra „St. Chrea“ hervor, dieses Anagramm leitet sich vom Namen des gegenwärtigen FPÖ-Bundesparteiobmanns ab. Auch das Spielen mit Splittern des Namens, also Chrst, gehört bedingt in diese Kategorie. Das i, welches dann einmal eingebunden ist, verweist darauf, dass es NICHT dazu gehört, also auf eine reine Selbststilisierung verweist.

 

Mit dem Mittel des Gedichts ist es möglich, über die Grenzen des Üblichen hinaus zu geraten. Das ewig gleiche Spiel des Verweisens auf Unarten, Absurditäten und populistische Faktoren ist ermüdend und gleichermaßen langweilig. Ich wollte also eine kreative Nuance einbringen. Durch meine Erklärung ist es nunmehr den geschätzten Leserinnen und Lesern vielleicht möglich, tiefer in die Sinnhaftigkeit dieses Ernst Jandl gewidmeten Gedichtes einzudringen.

 

Ernst Jandl lebe hoch, hoch hoch!

Och, och, oh,

oh, och, oho

langes oooo

Für Ernst Jandl 

Nicht erwähnen Chrst

Das sein besser

Wollen Chrst sein besser?

Sprich Mantra Chrstea

St. Chrea, St. Chrea

Chrst wollen bauen Arche

 

Erzeugen Sch---tm

 

Nicht erwähnen Chrst

Chrst fuchteln mit Kreiz

Wollen sein besser Chrst

Sprich Mantra Chrstea

St. Chrea, St. Chrea

Chrst wollen sein ChrIst

 

Erzeugen Sch---tm

Darum nicht erwähnen Chrst

Nachlese zur Premiere von "Zentralfriedhof, der Film" 

Meine Erwartungen wurden deutlich übertroffen. Das Kino war gerappelt voll, und es wurden sogar gut 20 zusätzliche Sessel aufgestellt, damit noch mehr Gäste Platz nehmen konnten. Bei allen fünf gezeigten Kurzfilmen handelte es sich um Premieren-Aufführungen. Bevor die Filme am Stück gezeigt wurden, begaben sich Regisseure, Produzenten und Schauspieler/innen auf die Bühne und wurden kurz vorgestellt. Das Rampenlicht schien das Publikum auszublenden. Eine ganz eigene Atmosphäre, auf einer Bühne zu stehen.

 

Nach dem ersten, eher kryptischen Film, gelangte auch schon der Film zur Aufführung, den Peter Bosch und ich Anfang 2012 fertig gestellt hatten. Auf der großen Leinwand übte er noch mehr Faszination aus als auf einen Fernsehbildschirm beschränkt. Zudem ist die Bildqualität erstaunlich. Der Zentralfriedhof zeigt sich in seinen schönsten Farben. Während der Aufführung war es fast mucksmäuschenstill im Kino. Nur als der besondere Gast, der Hamster, im Abspann seine verdiente Würdigung erfuhr, wurde ein wenig gelacht. Der Applaus war ob der Thematik, die gegen Ende hin sehr dramatisch ist, verhalten.

 

Die Filme drei und vier an diesem Kurzfilmabend dauerten insgesamt nur knapp 15 Minuten. Zunächst ein Film in englischer Sprache, der sich mit der Entwicklung des Menschen zu einem selbstreflexiven Wesen auseinander setzt. Und dann eine Doku über einen Schmied, dessen Lebensweisheiten ich nur bedingt teilen kann. Imposant allemal die Bilder, welche ihn bei der Arbeit zeigen.

 

Ein sehr schöner Schlusspunkt ist ein Film über einen jungen Wissenschafter, der ein Stipendium dazu nutzt, zurückgezogen über die Unendlichkeit zu sinnieren und dies schriftlich festzuhalten. Hier gibt es einen Schnittpunkt mit meinem Film: Die Entschleunigung! Der Mensch sollte nicht Sklave der überhöhten Geschwindigkeit sein, die ihn von allen Seiten zu betören sucht. Langsamer werden, sich Zeit nehmen, die Dinge in Ruhe betrachten, an scheinbaren Kleinigkeiten Freude finden. Im Falle des jungen Wissenschafters gerät seine Welt völlig aus den Fugen, und er will mit der „modernen“ Welt gar nichts mehr zu tun haben. Der Zentralfriedhof wiederum wird als Ort gezeigt, an dem die Zeit still steht. Dort kann verweilt werden, ohne auf die Uhr zu schauen. Vielleicht kann der Eine oder die Andere Zuschauer/in der mathematischen Hintergründigkeit des Films auf die Spur kommen.

 

Alles in allem ein wunderbarer Filmabend in beeindruckender Kulisse. Hernach klangen die Premieren ohne großes Brimborium ab. Was zurück bleibt sind besondere Momente, die nachhaltig bleiben werden. Und der Gedanke daran, dass ein weiterer Film unbedingt fertig gestellt werden muss. Ein Film, der für Furore sorgen mag.

 

 

Kinopremiere von "Zentralfriedhof, der Film" 

Gut Ding braucht Weile! Am 8. April findet ab 20 Uhr im Schikaneder die Kinopremiere von „Zentralfriedhof, der Film“ statt. Im Rahmen einer kleinen Kurzfilmnacht werden zwei bis drei weitere Filme gezeigt.

 

 

Freilich freue ich mich schon sehr darauf, dass der Film Premiere hat! Peter Bosch und ich haben einen ganz besonderen Film geschaffen, der völlig neue Glanzlichter auf den Wiener Zentralfriedhof wirft. Wir haben den Film bei Wettbewerben eingereicht, doch bei einigen Tausend!!! Konkurrenten ist es so gut wie unmöglich, im Rahmen eines größeren Festivals gezeigt zu werden. Die Kinopremiere bietet nun Interessierten die Möglichkeit, den Film zu sehen. Karten sind zu gegebener Zeit über das Kino erhältlich. Es schadet nicht, ein bis zwei Wochen vor der Vorstellung beim Kino nachzufragen.

 

 

Das Team wird vor Ort sein.

Meine Weihnachtsgeschichte als Jubiläumsprojekt 

2014 beging ich mein 25-jähriges Autorenjubiläum. Dies nahm ich zum Anlass, ein besonderes Projekt ins Leben zu rufen. Freunde, Wegbegleiter und Kolleg/innen waren dazu aufgerufen, jeweils einen Teil meiner Weihnachtsgeschichte zu lesen. Jedes Kapitel der Geschichte ist einem Tag zugeordnet. Es beginnt mit dem 25.11. und endet mit dem 26.12.

 

12 Menschen waren schnell gefunden, die mein Projekt unterstützten. Die Audio-Dateien konvertierte ich als Video-Dateien, schuf eine eigene Projekt-Seite via Facebook und stellte dort die Dateien in Echt-Zeit ein. Dieses Experiment gelang. Knapp 1000 Zugriffe auf die Dateien erfolgten, wobei etwa 50 bis 55 Stammhörer/innen regelmäßig das Projekt begleiteten. Auffällig hierbei, dass ausgerechnet die letzten beiden Tage einen Rücklauf hatten. Das sind der 24.12. und der 26.12. An diesen Tagen ist freilich Weihnachten und somit die Rückläufigkeit verständlich. Allerdings gibt es nur wenige „Zurückkehrer“, d.h. einige Stammhörer/innen müssen auf die letzten beiden Tage verzichtet haben. Das ist äußerst schade, denn gerade diese Tage haben es in sich!

 

Alles in allem sehe ich dieses Jubiläumsprojekt als gelungen an. Schließlich galt es nicht, eine Vielzahl an Hörer/innen zu bündeln, sondern insbesondere Menschen, mit denen ich längere Zeit als Kollege, Wegbegleiter oder Freund verbunden bin, damit eine kleine Freude zu machen. Und selbstverständlich habe ich mich sehr über die Kooperationen gefreut! Ursprünglich war ich ja keineswegs davon überzeugt, dass alles auch wirklich klappt. Doch die Resonanz war sehr gut und die Dateien erhielt ich allesamt rechtzeitig, sodass keine Probleme auftauchen hätten können.

 

Auch an dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei allen Beteiligten, die dieses Projekt möglich gemacht haben!



 

Obendrüber da schneit es 

Ich habe in der Weihnachtszeit seit vielen Jahren das Ritual, Bücher mit weihnachtlichem Inhalt zu lesen. Diesmal war Obendrüber da schneit es dran. Nachdem ich die Verfilmung zwei Mal mit Vergnügen gesehen hatte, ließ sich die Neugier auf das Buch nicht mehr aufhalten. Der Film ist großartig. Das liegt freilich auch am fantastischen Schauspieler-Ensemble. Allen voran Wotan Wilke Möhring, Diana Amft, Gisela Schneeberger, August Zirner und Bibiane Zeller. Die Geschichte rund um Mieter eines Hauses, die durch einen Unfall, der sich mitten vor dem Haus abspielt, den Weihnachtsabend zusammen verbringen, rührt ans Herz.

 

Nun also das Buch, geschrieben von Astrid Ruppert. Tja, es liegt der seltene Fall vor, dass ich die Verfilmung deutlich höher einstufe als das Buch. Normalerweise ist dies umgekehrt. Woran liegt´s? Wahrscheinlich daran, dass die Hauptfiguren etwas anders angeordnet sind. Der Pastor verunfallt zwar auch in der literarischen Vorlage, doch er wirkt eher wie ein Nebendarsteller. Das Buch erzählt jeweils aus der Sicht der Protagonisten. Auch die alte Dame, im Film hervorragend von Bibiane Zeller verkörpert, bekommt zu wenig Raum zugestanden. Ich will dem Buch aber nicht Unrecht tun! Nicht jeder Bestseller muss von vornherein eine schlechte literarische Qualität aufweisen. Astrid Ruppert kann gut schreiben und sie verbindet die Schicksale der Mieter sehr geschickt. Der berühmte Funke springt aber nur manchmal über. Insbesondere bei jenen Szenen, wo es um den Tod und die Sehnsucht danach geht. Oder auch Vater und Tochter am Grab von Frau und Mutter sich in ihrer Trauer endlich wieder einander nähern. Ansonsten hat der Roman einige Längen, weil allzu viel hineingepackt werden sollte.

 

Einer der Höhepunkte des Films ist, wenn die alleinerziehende Mutter eines Töchterchens (Diana Amft) in der Kirche den Song „Fix you“ von Coldplay interpretiert. Dies lässt den Tränen freien Lauf, die Dame erfüllt dem Pastor damit einen Wunsch, den er selbst nicht auszusprechen wagte. Ja, die Menschen können einander an Weihnachten in ganz neuer Pracht begegnen. Wer bereit ist, sich an sich selbst anzunähern, der wird auch die Herzen von Menschen erwärmen, die sonst möglicherweise vor ihrem eigenen Spiegelbild Angst haben.

 

„Fix you“ gehört seit Erstausstrahlung des Films zu meinen Lieblingssongs. Damit hat Weihnachten schon mal eine wunderbare Begleitmelodie.



 https://www.youtube.com/watch?v=k4V3Mo61fJM



 

 

Wiener Blut, die Besprechung! 

Ballett als Thema ist schon mal ein großes Wagnis. Doch wer wagt gewinnt manchmal auch. Dementsprechend ist die Ballett-Serie von Alicia Mirowna ein literarisches Projekt, das abseits des üblichen literarischen Einheitsbreis hervorsticht. Mit Ballett hatte ich nie etwas am Hut, in einem Vortrag habe ich mal davon gehört, dass Ballett der gefährlichste Sport überhaupt wäre, weil hochgradige Verletzungen nie vermeidbar wären. Dies freilich bezogen auf die sogenannten Profis. Das sei auch der Grund, warum diese Könner ihres Fachs nur bis zu einem bestimmten Alter tanzen könnten. Doch dies spielt in dieser Ballett-Serie keine Rolle, schließlich geht es darum, anhand von Ballett die dramatischen Aspekte des Leistungssports darzustellen, und was so alles dazugehört.

 

Eine Tanzschule in Wien ist jener Ort, wo sich die Schicksale der Protagonisten für eine Weile bündeln. Es gibt große Talente und eher mittelmäßige Schüler, es gibt deutsche Gründlichkeit und österreichische Schlampigkeit seitens der Lehrerinnen und Lehrer. Und der Leser kann aus dem umfangreichen Personal des Romans auswählen, welche Figuren ihn besonders interessieren bzw. ob er an deren Erfahrungen in gesteigertem Sinne Anteil nehmen mag. Mir fiel die Auswahl nicht schwer. Da ist zum Einen Sandra Schmitt, eine gebürtige Deutsche, die in der Wiener Tanzschule Zeidler unmögliches möglich machen soll. Zum Anderen gibt es Tibor, einen in die Jahre gekommenen ungarischen Tanzlehrer. Zum Dritten die Schülerin Yvonne, die immer knapp am großen Erfolg vorbeischrammt. Und zum Vierten einen gewissen Joey, Gründer der nach ihm benannten Tanzschule Zeidler, dessen Wurschtigkeit und Narzissmus unübertrefflich sind. Allein diese vier Figuren sorgen schon mal für gehörig Wirbel.

 

Die Autorin gibt sich große Mühe, den Wiener Dialekt ein Stück weit zu integrieren. Das ist sehr lobenswert, immerhin ist sie nicht in Wien geboren. Nun besteht absurderweise aufgrund dessen die Gefahr, dass dieser Roman zu „österreichisch“ sein mag. Manche Ausdrücke sind deutschen Leserinnen und Lesern unbekannt bzw. sie können damit nichts anfangen. Doch ist es gerade diese kleine österreichische Note, die diesen Roman zu etwas Besonderem macht. Sandra Schmitt ist – um mal ein Klischee anzustrengen – eine Perfektionistin von deutschem Schlag, die mit ihren 44 Jahren endlich das große Los ziehen und zukünftige Meistertänzerinnen und Meistertänzer ausbilden will. Dafür ist sie sogar bereit, nach Wien zu fahren, wo angeblich der personifizierte Charme zu Hause sein soll. Ein Klischee trifft also ein weiteres Klischee, und es ergibt sich eine wunderliche Reise, an deren Ende kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Tibor ist als feuriger Ungar in Wien gestrandet, Yvonne hat mit Minderwertigkeitskomplexen zu leiden (da schaut ihr Freud über die Schulter!), und Joey ist ein Karrierist, der glaubt, alle anderen seien seine Lakaien. Wenn dann auch noch hauptsächlich die Mütter der mehr oder weniger begabten Schüler Raum zugebilligt bekommen, mysteriöse Fremde auftauchen, die so fremd gar nicht sind, dann entsteht ein erstaunliches Sittengemälde, an dem sich die Geister scheiden können. Wer sieht schon gerne in den Spiegel? Hier geht es wahrscheinlich gar nicht anders, denn der kunterbunte Reigen von Figuren hat für jede Leserin und jedem Leser etwas bereit. Meine Lieblingsfigur ist eindeutig Yvonne, eine – scheinbar – ewige Verliererin, die sich schon in jungen Jahren in einer Welt behaupten muss, die nicht gerade die ihre ist.

 

Es ist nicht unbedingt das Wien, das ich kenne, in dem sich diese Geschichte abspielt, aber das ist sekundär. Es ist aber überhaupt nicht das Wien, als das es sich gerne brüstet, also die Weltstadt der Musik, Kunst und überhaupt. Dieses Wien ist schwer zu decodieren, ist nicht greifbar. Und deswegen ist es eine absolute Notwendigkeit, diese österreichische Nuance in die Geschichte zu implizieren. Die kleinen Begegnungen, Irrungen und Wirrungen in der Metropole sind so etwas wie der Kitt, der die Ereignisse zusammen hält, und selbst mich Wiener Urgestein dadurch fasziniert, dass er ein neues Wien repräsentiert bekommt, wo er auch gerne mal vorbeischauen würde. Das Lokalkolorit inklusive einer kleinen Dosis Wiener Dialekt macht die Würze dieses Buches aus. Also sollte manche deutsche Leserin, mancher deutscher Leser, sich daran stören, dann sei er dazu eingeladen, mal nach Wien zu kommen und sich ein seriöses Bild zu machen. Denn eines ist ja wohl klar: Jede Geschichte zeigt auch die Eigenheiten der Protagonisten und somit ihre Herkunft, ob diese nun Fantasien oder eben Wien ist.

 

Insgesamt ein Roman, der durch Charme, feinen Humor und leise Gesellschaftskritik besticht. Wien ist anders, das zeigt auch diese im Ballett-Milieu verankerte Geschichte.


Mich freut es sehr, dass ich ein klein wenig zum Gelingen dieses Romans beitragen konnte.


 

 

Mein Kafka-Jahr 2014

Seit der ersten Lektüre, es muss sich um Kafkas „Prozess“ gehandelt haben, beschäftige ich mich im Grunde Jahr für Jahr mit seinem Werk und seiner Biographie. Erstaunlich allerdings, dass ich 1990 sämtliche unvollendeten Romane gelesen habe, um diese dann bis diesen Februar des Jahres 2014 nicht mehr hervorzukramen. Was sich zwischenzeitlich ereignet hat, ist vielfache Lektüre seiner Erzählungen, eine Menge Studium von Sekundärliteratur, hervorzuheben insbesondere die Jugendbiographie von Klaus Wagenbach, „Kafkas Welt“ von Hartmut Binder sowie die Biographien mit literarischem Anspruch von Reiner Stach.

 

Zudem habe ich Mitte der 1990er Jahre ein Theaterstück geschrieben, das sich an Kafkas „Amerika“ anlehnt. Und ich habe einige Kafka-Figuren in meinem Erzählungsband „Blumfeld, ein älterer Arbeitsloser“ in die Jetzt-Zeit transformiert. Ach, und natürlich habe ich mich mit Filmen, Theaterstücken und auch Musik im Kafka-Kontext auseinander gesetzt. 2008 entdeckte ich Kafka als Zeichner. Und meine beiden Aufenthalte in Prag hatten freilich auch einen Kafka-Schwerpunkt.

 

Doch es sollte 24 Jahre dauern, bis ich mich wieder daran gemacht habe, seine Romane zu lesen. Wieso dies so lange gedauert hat, lässt sich schwer erklären. Irgendwie fand und finde ich sein Leben so spannend und seine Erzählungen so visionär und aufschlussreich, dass ich gar nicht daran dachte, wiederholt zu seinen Romanen zu greifen. Dies habe ich nunmehr nachgeholt. Beginnend mit dem „Prozess“, fortsetzend mit „Das Schloss“ und abschließend mit „Amerika“ ist dieses Jahr 2014 ein ganz Grundlegendes auf meiner Entdeckungsreise des Werkes von Franz Kafka.

 

Ich habe Kafkas Werke ganz anders erlebt als vor vielen Jahren. Die komische Komponente hat mich bei „Amerika“ dermaßen amüsiert, dass ich diesen Roman richtiggehend genießen konnte. Der Mythos von Kafka als düsteren, weltabgewandten Menschen kann sehr leicht zerstört werden, wenn seine Werke ohne diese merkwürdigen Vorurteile gelesen werden. Kafka hat am Leben auch gelitten wie wir alle, doch sein eigentliches Drama war die Hingabe an das Schreiben, an die Auseinandersetzungen mit kleinsten Details, die ihm Tag für Tag bei seinen Spaziergängen und überhaupt in Prag aufgefallen sind, und über die er schreiben musste.

 

Somit kann ich mit Fug und Recht behaupten, Kafka für mich neuentdeckt zu haben. Und das, obzwar ich sein Werk schon seit so vielen Jahren kenne. Er ist wohl der Autor, mit dem ich liebend gerne zu Lebzeiten Bekanntschaft, ja Freundschaft geschlossen hätte. Ein Freund, der mich seit fast 25 Jahren begleitet. Eine Freundschaft, wie sie spannender und überraschender nicht sein könnte.

 

 

 

 

 

 

9. November 1989 

Eine Frage, die sich viele Menschen stellen und oft auch beantworten können, ist: Wo war ich am 9. November 1989 und was habe ich getan? Nun, ich für meinen Teil war mit Sicherheit in Wien und habe im Fernsehen die unglaubliche Geschichte verfolgt. Schon im Vorfeld gab es Diskussionen in meiner Schule, und ein damaliger Freund hatte vorausgesehen, dass die Mauer fällt. Für mich war dies angesichts der friedlichen Demonstrationen, die sich in der DDR abspielten, auch nur eine Frage der Zeit.

 

Dieser 9. November 1989 ist nicht nur geschichtsträchtig, sondern für die Geschichte Europas von maßgeblicher Bedeutung. Bis heute wirkt diese Geschichte. Deutschland hat es verstanden, aus der Geschichte zu lernen. Das Eingeständnis schwerer Schuld, die im Namen des Nationalsozialismus entstanden ist, lässt sich als diametral zum Verständnis Österreichs verstehen, wo lange Zeit das Märchen vom „ersten Opfer“ Hitlers erzählt worden ist.

 

Gerade auch die Versäumnisse, die nach der Öffnung der Mauer im bald darauf neuen vereinten Deutschland passiert sind, wurden im Grunde nie unter den Deckmantel des Schweigens gekehrt. Das Eingeständnis von Verfehlungen, egal ob schwerwiegend oder weniger schwer, ist die Voraussetzung, um überhaupt als Staat Fortschritte zu machen. Wer stets nur Ausreden sucht oder schlicht und einfach nicht die Tatsachen auf den Tisch legt, der wird irgendwann die Rechnung präsentiert bekommen. Dementsprechend sehe ich insbesondere die Gewaltlosigkeit, die den 9. November 1989 gekennzeichnet hat, als beispielgebend. Veränderung in eine positive Richtung ist möglich. Hermann Hesse schrieb so schön: Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.

Und, ja, was am 9. November 1989 geschehen ist, ist die Verwirklichung einer als unmöglich geglaubten Veränderung.

 

Für mich persönlich war das Jahr 1989 (interessanterweise auch beginnend mit dem Herbst) auch eine Phase der Wandlung, mehr noch eine Zäsur. Dementsprechend stelle ich nunmehr abschließend einen Text in den Fokus, den ich in Zusammenhang zu diesem erstaunlichen Jahr 1989 vor vielen Jahren geschrieben habe.

 

Es ist, als wäre es gestern gewesen, und doch ist es schon lange her. Der Fall der Mauer fiel zusammen mit dem Beginn meines neues Lebens und das kam so:

In jenem denkwürdigen Jahr, wo der Fall der Mauer den Umbruch Osteuropas einleitete, begegnete mir ein Mensch, dessen Einmaligkeit und Liebe ein Wanken meiner Prinzipien verursachte. Er war Deutschlehrer von unglaublicher Vitalität, und vermochte es, mir in der Trostlosigkeit des Schulalltags eine Kerze anzuzünden, die bis heute nicht erloschen ist. Mit viel Herzenswärme überzeugte er mich davon, dass ich großes Schreibtalent besäße. Er ließ die ganze Schulklasse an meinen Gedankenausflügen teilhaben, indem er mich ersuchte, vor den SchülerInnen einen Aufsatz vorzutragen. Es wurde mir schlussendlich sogar applaudiert. Die einzige Schularbeit, die er mir je korrigierte, beurteilte er dermaßen positiv, dass ich vor Freude hätte fliegen können. Einer meiner Mitschüler ahnte genau zu jenem Zeitpunkt, wo mir Flügel angewachsen waren, dass die Mauer schon bald fallen würde, da es für ihn keinen Zweifel gab. Der Fall der Mauer wurde für mich zum Symbol für ein neues Leben, das haargenau in jene Zeit hineinfiel, wo alles sich von einem Tag zum anderen veränderte. Es verwundert nicht, dass im Herbst des Jahres 1989 der erwachte junge Dichter sich im Kino den Film „Club der toten Dichter“ ansah; einen Film, der von einem Englisch-Lehrer handelte, welcher absolut unkonventionelle Unterrichtsmethoden verfolgte, um seinen Zöglingen Literatur nahezubringen. Robin Williams, der den Lehrer ausgezeichnet verkörpert, ähnelt in vielerlei Hinsicht meinem großartigen Entdecker der Fähigkeiten, die in mir schlummerten. Plötzlich las ich sehr viele Bücher von Autoren, die ich zuvor nie hätte lesen mögen. Eine Aufbruchsstimmung brachte eine Mauer in mir zum Umstürzen, die mich bis zu jenem magischen Moment, als der Käpt´n, wie ich ihn nennen will, zum ersten Male die Klasse betrat, indem er die verwunderten SchülerInnen mit einem Klopfen seines Zeigefingers auf die Stirn begrüßte, daran gehindert hatte, innerlich ein Gefühl von Freiheit zu verspüren. Stets hatte ich mich eingeengt gefühlt von Ängsten und unüberwindbaren Komplexen; aber plötzlich war der Zugang zu meinem Inneren freigelegt, und ich folgte dem Weg, der mich dorthin geführt hat, wo ich jetzt angelangt bin. Als die Mauer fiel, fiel auch langsam die Mauer in mir. Ein Mauersturz eröffnet immer die Möglichkeit, Freiheit zu erlangen. Die Berliner Mauer war das Symbol für die bewusste Abriegelung bestimmter Menschen voneinander; sie war somit mehr als bloßes politisches Machtinstrument oder brutale Trennungslinie eines zuvor geeinten Deutschland. Für mich als damals jungen Burschen von knapp neunzehn Lenzen, der ich in Wien aufwuchs (und dort nach wie vor mein Leben gestalte), war der Mauerfall immerhin die eindrucksvolle Bestätigung, daß manchmal Wunder geschehen; auch wenn es mir egal hätte sein können.

1989 war das Jahr, wo ich von einem Lehrer inspiriert zu schreiben begann, wo ich mit Büchern Freundschaften schloss, die ich zuvor ignoriert hatte, wo mein Leben einen Schub bekam, dessen Wirkung ich noch heute spüren kann.

Die Geschichte, für die ich so dankbar bin, dass ich sie mit Freude niederschrieb, hat ein schreckliches Ende: Mein Lehrer konnte sich nicht lange um mich kümmern; bald schon musste er ins Spital, und ich erfuhr, dass er schon längere Zeit an unheilbarer Leukämie gelitten hatte. Er starb bald darauf, und mir ist bewusst, dass ich wahrscheinlich der letzte junge Mensch gewesen sein muss, den er durch seine Berufung zum Lehrer ermutigen konnte, sein Talent zu erkennen, zu entwickeln und das Schreiben als wichtigen Teil des Lebens zu sehen. Ohne ihn wäre ich nie zu dem geworden, der ich jetzt bin. Und dafür werde ich ihm immer dankbar sein. 

 

140. Geburtstag des Wiener Zentralfriedhofs

Am 30. Oktober 1874 wurde der Wiener Zentralfriedhof inoffiziell eröffnet. Grund genug, diesen leisen Geburtstag zum Anlass zu nehmen, an mein Liebkind zu denken.

Im Jahre 2007 habe ich den Zentralfriedhof erst so richtig erkundet. Ich habe viele ausführliche Spaziergänge unternommen, um aus dem Vollen schöpfen zu können. Entstanden ist der Zentralfriedhofs-Führer, der mir auch sieben Jahre nach seiner Entstehung und über sechs Jahre nach seiner Veröffentlichung viel Freude macht. Er ist jetzt ein Nachschlagewerk, das Menschen begleitet und vielleicht ein Stück weit vertrauter mit dem Zentralfriedhof macht.

 

Das Büchlein polarisiert, so soll es wohl sein. Es ist nicht glatt gebügelt und fordert den Leser heraus, sich mit ihm anzufreunden. Ich bleibe dem Zentralfriedhof ungebrochen gewogen, es gibt dort immer wieder Neues zu entdecken. Erst seit einem knappen Jahr gehört das Biotop zu einem „versteckten Platz“, den ich besonders gerne ansteuere. Falls ich dort mal einem Leser oder einer Leserin begegnen sollte, würde mich dies besonders freuen.


Im Fokus Zentralfriedhof 

 



 

Comics, Teil 2: Kiesgrubennacht von Volker Reiche 

In einer Büchersendung von und mit Elke Heidenreich wurde ich vor vielen Jahren erstmals auf Volker Reiche aufmerksam. Seinerzeit galt es den ersten Sammelband der „Strizz“-Comics zu besprechen. Ich fing sofort Feuer und es gelang mir sogar, für www.sandammeer.at ein E-Mail-Interview mit Volker Reiche zu machen. Es sollten weitere sieben Sammelbände folgen, die ich allesamt verschlang. Dann war plötzlich Schluss, „Strizz“ war Geschichte und wie es mit ihm, Leo und Co, Kater Paul, Raphael und allen weiteren netten Geschöpfen des „Strizz“-Universums weiterging, steht in den Sternen.

 

Zu meiner großen Überraschung wurde ich erst heuer, also 2014, darauf aufmerksam, dass Volker Reiche sein vielleicht persönlichstes Buch gezeichnet und geschrieben hat: „Kiesgrubennacht“. Eine Selbstverständlichkeit, mir dieses Buch zuzulegen. Und was soll ich schon groß schreiben: Einen Comic dieser Art gibt es wohl nur selten zu bestaunen. Der Zeichner und Autor schildert seine eigene Geschichte von Kind an bis in die Jetzt-Zeit. Es ist also eine Autobiographie, aber im Grunde noch weit mehr. Denn es geht auch um die Frage, inwiefern Erinnerungen trügen können bzw. was überhaupt von Erinnerungen zu halten ist. Sind Erinnerungen eine Art von Fiktion? Was erinnert wird sind Momente, die offensichtlich das Leben mitgeprägt haben. Im Falle von Volker Reiche und seinem Vater ist es eine einzige Begebenheit, die maßgeblich ist und bis heute nicht geklärt zu sein scheint: War der Vater an Erschießungen von unschuldigen Menschen im zweiten Weltkrieg beteiligt? Der Vater diente dem Nazi-Regime, indem er als so etwas wie „der Dichter des Führers“ fungierte. Wann immer die Frage auf die berühmte „Kiesgrubennacht“ kam, blockte der Vater ab. Volker Reiche schildert den Vater als Despoten, selbstherrlichen Patriarchen und ins Alter gekommen als unverbesserlichen Ewiggestrigen. Es ist gespenstisch, wie er diese Erinnerungen zeichnerisch und mit wenigen Worten unterstrichen umgesetzt hat.

 

Gleichermaßen geht es um Volker Reiches Werdegang als Zeichner. Er nimmt sich schon mal auch selbst auf die Schippe, wenn er – und das ist ganz bombastisch! – Kater Paul, Raphael, Strizz, kurzum Protagonisten des „Strizz“-Universums, über seine Erinnerungen reflektieren lässt. „Kiesgrubennacht“ ist eine Tragikomödie höchsten Grades, mit einer Leichtigkeit dargestellt, dass dem Betrachter ganz schwer ums Herz werden kann. Damit mag Volker Reiche seinen bislang wohl herausragendsten Comic gestaltet haben. Die zeichnerische Kraft, die den Bildern inne liegt, verdeutlicht das Phänomen, das er sein Talent in die Waagschale wirft, um vielleicht der „Wahrheit“ seines Lebens und seiner Geschichte ein kleines Stückchen näher zu kommen.

 

 

 

 

Wiener Depesche: Was kostet das Leben? 

Beim Finale der Wiener Depesche kann nur Geld zur Sprache kommen, eh klar. ;-)  Falcos legendäres letztes Album „Out of the dark“ enthält einen sogenannten „hidden track“, bei dem es auch nur um Geld geht. Geld, Geld über alles? Ein wenig Geld für „Wiener Blut“, egal ob als E-book oder als print, darf gerne ausgelegt werden. Und wer im Gegenzug in meine Bücher investieren will, den halte ich davon auch nicht ab...

 


Geld! Auch in Wien, bestätigte mir Herr Heimlich. Die Mieten sind ungefähr so hoch wie in Deutschland, wenn man die teuren Münchener, Berliner, Frankfurter, Kölner u. dgl. Viertel weglässt, aber mit 1300 Euronen sollte man pro Monat schon rechnen, wenn man mit Nachwuchs unterwegs ist. (Klingt, mit dem richtigen Job, bezahlbar, oder?) Kindergeld gibt es auch, allerdings nicht so üppig und nach Lebensalter der Kinder gestaffelt, und nennt sich Familienbeihilfe. Als ich die Zahlen gesehen habe, musste ich erst mal schlucken – da sind wir in Deutschland echt gut bedient!

Aber leider nimmt auch in Wien der soziale Wohnungsbau ab. Wenn man also das nächste Mal durch Wien flaniert, sollte man das als Tourist im Hinterkopf haben.

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Wiener Depesche: Sex sells

 

Sind „sex and crime“ eine gute Kombination? Ich habe bei meinen ersten beiden Krimis diesen Spagat versucht. Der letzte Teil der Trilogie verzichtet auf die sexuelle Komponente. Gut, dass Frau Stadelmann sich wohl nobel zurück gehalten hat, das ist sicher die richtige Entscheidung.

 

 


Nach dem letzten Roman erreichte mich eine E-Mail, deren Inhalt ich in Auszügen wiedergebe:

Liebe Alicia, als ich gelesen habe, dass der Roman einen männlichen Protagonisten hat, habe ich mich auf eine Geschichte über Homosexualität gefreut. Leider hat sich mein Wunsch nicht erfüllt. Es wäre klasse, wenn du das Thema auch mal einbringen könntest.

Joau. Warum nicht? Wobei ich nicht sicher bin, was der Leser sich erhofft. „Einfach nur“ eine Geschichte über die Konflikte, die sich daraus ergeben können, dass sich jemand zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt – oder heiße Bettszenen? Beides schien und scheint mir durchaus möglich, wobei ich es vermeiden möchte, Homosexualität nur auf den Sex zu beschränken, wie es in den Medien nach meinem Geschmack zu oft passiert. Tja, und dann auch noch in einem fremden Land …

Herr Heimlich ist eher zwiegespalten, und wir kennen alle die Reaktionen auf Conchita Wurst. Ich denke, da wird sich in den nächsten Jahren eine Menge ändern, hoffentlich zum Positiven, und somit habe ich das Thema angerissen, aber (noch) nicht ausgewalzt. Homosexualität bleibt aber ein Thema, und das nicht nur, um die Verkaufszahlen hochzutreiben.

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Wiener Depesche: Bohemiens, Avantgarde - Künstlerpack eben 

 

 

Mit der Anrede „Du Künstler!“ wird einem in Wien nicht unbedingt ein Kompliment gemacht, davon konnte ich mich selbst schon überzeugen. Einfach alle in eine Schublade stecken, das ist einfach.  Dabei sind Künstler genau so verschieden und grenzen sich voneinander ab wie normale Menschen. ;-) 

 

 

Bitte verzeiht mir diese Überschrift, ich konnte nicht widerstehen! Natürlich sind Künstler kein Pack, sondern so was wie der Entwicklungsstand einer Gesellschaft. Im Hinblick auf die Bohème ist es sogar eine sozialgeschichtliche Sache, die sich bewusst von der Avantgarde abgegrenzt hat – aber alle haben sich, je nach Geldbeutel, mit Kunst beschäftigt

Wie verhält sich nun so ein Künstler in Wien? Es liest sich ziemlich bekannt, was Herr Heimlich berichtet, man achte auf die Anführungszeichen: Der verkannte Künstler verfügt über einen hohen Grad an Selbstkritik, sucht den Kontakt zu Gleichgesinnten und kann über mehrere Stunden an einem Glas Bier in einem Lokal nippen. Der sogenannte „erfolgreiche“ Künstler gibt sich nicht selten arrogant und allwissend, erklärt gerne seine „Kunst“ (was der verkannte Künstler gewöhnlicherweise nicht tut!). Und weil er „Erfolg“ hat, ist aus seiner Sicht seine Kunst über alle Zweifel erhaben. Dabei ist das „Phänomen“ nicht selten, dass „erfolgreiche“ Musiker, Literaten oder Maler qualitativ stark abbauen, nachdem sich der „Erfolg“ eingestellt hat. So ein Typ ist auch Sandras neuer Chef, Hans-Jürgen Zeidler, genannt Joey. Er weiß, was er tut, fährt allen über den Mund, ist der alleinige Herrscher und kennt als Einziger das Geheimnis einer profunden Vorbereitung zur Teilnahme an Ballettwettbewerben. Punkt.

Ich habe lang überlegt, ob ich ihn wirklich so stereotyp daherkommen lassen soll und beschloss: Yes, I can. Denn mit dieser Allmacht, dem Größenwahn kommen noch ein paar andere Eigenschaften daher, die sich wunderbar verpacken lassen, z. B. seine Fähigkeit, andere Menschen zu manipulieren oder die Tatsache, dass er allein mit seinem Auftreten die Situation kontrolliert. So was nennt man Charisma, oder im destruktiven Fall Sozio- bzw. Psychopathie. (Nein. Kein Hannibal Lector – noch nicht jetzt.)

Wie es sich für einen waschechten Künstler gehört, scharwenzelt er um die Mäzene herum, die seinen Lebensstil finanzieren, also eher reiche Wiener mit „Kunstverständnis“, die theoretisch in Döbling wohnen könnten. Aber das wäre mir wiederum zu einfach gewesen, denn nur weil sich jemand Kunst leisten kann, heißt es nicht, dass er nichts davon versteht … Ich war mir noch nicht ganz klar darüber, wie und ob ich den Umstand mit den Mäzenen einbaue, weshalb man sich auf den zweiten Teil freuen darf.

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Wiener Depesche: Sprach-Schmankerl, 2. Teil 


Einst hat mich beim Schottentor ein Passant angesprochen, und mich für plemplem erklärt, weil ich in einem Buch gelesen habe. Der Ausdruck „plemplem“ würde sicher gut in den Roman von Frau Stadelmann passen, aber es hat sich leider nicht ergeben. Der Passant hat freilich auch einen anderen Ausdruck benutzt, aber der ist wiederum nicht druckreif. ;-)

 


Der Lerneffekt ist wahnsinnig groß, und vielleicht mag ja jemand nach der Lektüre von Herrn Heimlichs Lektion seine Zuhörer mit ein paar neuen Ausdrücken verblüffen – here we go:

Wie sagt man

    Das wird anstrengend? Jugendliche sagen da schon mal „Das wird heavy“, Erwachsene eher „Des wird hoart!“ oder „Des wird gaunz schee einegehen“.

    Sagt man Trottoir oder Bürgersteig? In Wien / Österreich sagt man wohl eher „Gehsteig“.  Anm.: Fünf Euro verloren, Mist!

    Wie nennt man das Kerngehäuse, das vom Apfel übrig bleibt? Also, meine Generation sagt da wohl „Batzen“, der Ausdruck wird aber nur sehr selten verwendet. Anm.: Ich habe ihn trotzdem genommen. Es klingt einfach zu verlockend.

    Wie heißt der Windbeutel in Österreich und womit ist er gefüllt? Anm.: Achtung, es droht erhöhter Speichelfluss: Brandteigkrapferl, gefüllt mit Erdbeeren und Schlagobers (kein Österreicher sagt „Sahne“ ;-)

    Anm.: Achtung, noch mal die Gefahr erhöhten Speichelflusses: Gibt es einen Vulgärausdruck für „sich übergeben“? Speiben, ist in Wien/Österreich ein sehr beliebter Ausdruck. ;-)

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Wiener Depesche: Die Frage nach der Herkunft 

 

„Wien ist anders“ lautet ein Slogan über meine Heimatstadt. Aber inwiefern? Frau Stadelmann weiß das vielleicht sogar besser zu beantworten als ich als geborener Wiener. Schließlich ist Betriebsblindheit nie auszuschließen. Gut, dass Wien für Zuwanderer zwar nicht immer ein goldenes Pflaster, aber doch eine Stadt ist, wo ein neues Leben begonnen werden kann. Seit einigen Jahren sind diesbezüglich die Deutschen ganz dick da und prägen das Stadtbild mit.

 

 

Wollen Sie eine Familienfehde anzetteln oder einen Bürgerkrieg?“ Nein, eigentlich einen Kapuziner mit dem Herrn Leopold im Caféhaus trinken, dazu ein paar Brandteigkrapferl mit Schlagobers genießen und schon läuft der Plot. Dabei sind Recherchen zur Bevölkerung aber trotzdem unerlässlich, denn Herr Leopold könnte ja aus einem anderen Land stammen und zufällig in Wien gestrandet sein. Zum Beispiel könnte er aus Tschechien kommen. Oder Kroatien. Oder Ungarn! Tja, und dann sollte man sich auch noch irgendwie auskennen, was die Herkunft angeht …

 

Für Herrn Heimlich ist es kein Problem, dass ich schon einen Ungarn, nämlich Tibor Hurtonyné, Sandra Schmitts Lehrer aus Akademiezeiten, mitbringe. Praktischerweise haben Ungarn und Österreich ja einen historischen Bezug. Man denke nur an Sisi, die schöne Kaiserin Elisabeth, die sich ziemlich oft und gern auf dem Gut in Gödöllö aufhielt und angeblich ihren Teil zur Befriedung Ungarns beigetragen hat, sodass sie nicht nur Kaiserin von Österreich, sondern auch noch Königin von Ungarn wurde (und anscheinend mit dem Revoluzzer Andrassy … aber das ist eine andere Geschichte). Wie überall auf der Welt auch gibt es einen Stadtteil, in dem besonders viele ungarischen Bürger wohnen, und das ist, so ließ mich Herr Heimlich wissen, die Leopoldstadt, der 2. Bezirk Wiens. Es gibt natürlich auch türkische Bürger oder Muslime, und leider, leider bildet Wien anscheinend im Hinblick auf Ghettobildungen keine Ausnahme. Und wie man sich hier denken kann, betreffen die Ressentiments auch die Deutschen, die in Wien wohnen, wobei es sich wohl eher auf das Nicht-ernst-nehmen bezieht. (Wobei – wir nehmen uns ja auch nicht so richtig ernst, oder?) Manche täten sich auch durch besonders ausgeklügeltes „Weanerisch“ hervor, berichtete Herr Heimlich augenzwinkernd, was wohl die echten Wiener sehr amüsant fänden. Mit diesem Background kam auch ein schöner Begriff in meinen Wortschatz, nämlich das „Zerkugeln“, das Kaputtlachen (über die Deutschen. Wer mitlachen möchte, hätte JETZT die Gelegenheit, in den Keller zu gehen …).

Ob ich ihm dafür böse bin? Nö, warum denn? Schließlich sind wir selbst für das Bild, das die Welt von uns hat, verantwortlich. Immerhin haben wir lang an dem Bild des korrekten, arbeitsamen Deutschen gearbeitet, und so sieht das Ergebnis aus – eigentlich ganz gut, denke ich.

 

Jedenfalls kann man vor diesem Hintergrund eine ziemlich coole Geschichte erzählen: Die piefige Sandra Schmitt, die diesmal so richtig im Mittelpunkt stehen darf, trifft zunächst auf ihren alten Tanzlehrer, dessen „ungarische Herkunft“ sich über die Jahre in Österreich bereits abgeschliffen hat, dann auf Sandor, der in der Leopoldstadt diverse Fäden zieht – und auf Hans-Jürgen, der sich lieber Joey nennen lässt und ein „endkrasses“ Tanzstudio führt. Er ist ein echter Künstler, ziemlich nervig und sabotiert mit Vorliebe seine Mitarbeiter – was für die überkorrekte Sandra Schmitt wirklich schwer zu ertragen ist, gerade in der Stadt der Liebe und der Mehlspeisen.

 

Hier geht´s zum Verlag: www.wunderwaldverlag.de 

 

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Wiener Blut, der Roman! 

 Wer sich über soviel „Wiener Blut“ wundern sollte: Frau Stadelmann hat einen Roman geschrieben, der im Ballett-Milieu spielt und Wien als Schauplatz hat. Ich habe ihr u.a. hinsichtlich der möglichen Schauplätze, der Sprache, den Eigenarten von Wienern und Touristen in Wien Ezzes gegeben. Auf das Ergebnis, also den Roman, bin ich schon mächtig gespannt!


Nachdem die Ballettlehrerin Sandra Schmitt drei Schüler an die Münchener Ballettakademie gebracht hat, will sie nun mit Tibor in Wien eine Wettkampfgruppe mit jungen Talenten aufbauen. Klar, dass auch für sie dabei ein wenig später Ruhm herausspringen soll, denn sie bedauert immer noch, dass die Auflösung der DDR gleichzeitig das Ende ihrer Bühnenkarriere bedeutete.

In den schicken Räumen von Joey Zeidlers Tanzschule stehen die Zeichen jedoch auf Sturm. Beim Audit, mit dem die jugendlichen Schüler für die Wettkampfgruppe ausgewählt werden sollen, geht es nicht mit rechten Dingen zu. Die Mütter Alexandra, Katharina und Barbara hassen sich leidenschaftlich und lassen keine Gelegenheit aus, Sandra und Tibor Steine in den Weg zu legen. Die hochbegabte Yvonne verpasst jedes Mal haarscharf den ersten Platz. Lauras Eltern ächzen unter den Gebühren für die Tanzstunden. Simons Vater findet Ballett überflüssig. Daniel, der Älteste, bekommt wegen seines guten Aussehens immer wieder Ärger. Und dann sind da noch die gut gefüllten Briefumschläge, die nach jedem Wettkampf von den Schülern zu Joey wechseln … Gerade, als Sandra glaubt, alle Ungereimtheiten aufgedeckt zu haben, kommt es zur Katastrophe, mit der auch Tibor zu tun zu haben scheint.

Alicia Mirowna wirft einen Blick hinter die Kulissen des Wettkampfbetriebes, in dem Jugendliche alles dafür geben, unter die ersten Drei zu kommen. Tränen der Wut und der Erschöpfung bestimmen den Alltag ebenso wie unbändiger Jubel und die beständige Frage, ob man den richtigen Weg gewählt hat. Aber auch die Streitereien zwischen Eltern und Lehrern gehören dazu, die öfter, als man denkt, die Grenze zum Kleinkrieg überschreiten. Und natürlich hat die Autorin auch für diesen Roman ein Ass im Ärmel, denn nichts ist wankelmütiger als das Schicksal. Wieder mit verlinktem Glossar und den beliebten Scherenschnitten.

Kafka Band: Das Schloss

Wer sich ein wenig mit meiner Website auseinander setzt, der wird um Franz Kafka nicht herumkommen. Es gibt so Vieles, das mich mit diesem grandiosen Autor verbindet, ihn zu einem Seelenverwandten macht, den ich gerne zu seinen Lebzeiten kennen gelernt hätte. Nun gibt es eine Band, die sich ganz Franz Kafka widmet. Die Kafka Band hat 2014 „Das Schloss“ vertont. Und wie! „Das Schloss“ gilt als Schlüsselwerk von Kafka, wobei dies möglicherweise zu einfach gedacht ist. Denn seine drei unvollendeten Romane sind allesamt ein Schlüssel zur Welt von Franz Kafka, die einmal betreten einen unheimlichen Sog entwickeln kann. Er hat kein üppiges Werk hinterlassen, und sich selbst nie großes Schreib-Talent attestiert. Ohne Kafka ist mein eigenes Schreiben schwer vorstellbar. Und es kommt nicht von ungefähr, dass ich mit „Blumfeld, ein älterer Arbeitsloser“ den Versuch unternommen habe, Kafka-Figuren in die Gegenwart zu schicken.

 

Musik ist eine Kunst, die wohl am Tiefgehendsten zu berühren vermag. Musik prägt das eigene Leben mit, weil es den Rhythmus vorgibt. Texte von Franz Kafka zu vertonen ist eine enorme Herausforderung, welche die Kafka Band auf großartige Weise gemeistert hat. Bei der Vertonung geht es nicht darum, eine Quintessenz herauszudestillieren, irgendwie am Text zu kleben oder etwas hinzuzufügen. Vielmehr sind es kurze Passagen, die Tragik und Komik mit Inbrunst vereinen. Dabei kommt die Hintergründigkeit der Geschichte nicht zu kurz. Eine Annäherung an Kafka kann auch der Kafka Band nicht gelingen. Das Geheimnisvolle, das Eigenartige, das Unverwechselbare sticht auch in der musikalischen Umsetzung hervor. Wer sich Kafka anzunähern versucht, wird eher ein, zwei Schritte zurück geworfen. Seine literarischen Werke bilden eine Symbiose mit seinem Leben, das uns wiederum durch seine Werke, Tagebücher und Briefe bekannt ist. Doch die eigentliche Kunst des Lesers besteht immer darin, zwischen den Zeilen zu lesen. Und die Vertonung von „Das Schloss“ kann in diesem Sinne interpretiert werden. Da wird eine kleine Geschichte hörbar und ich frage mich, was mit dieser Geschichte nicht zum Ausdruck gebracht wird.

 

Es ist wie mit dem eigenen Leben: Das nach außen Sichtbare, ja selbst das in Form von Kunst nach außen Projizierte ist bloß die Spitze des Eisberges. Im tiefen Meer steckt die ganze Größe der menschlichen Existenz, die im besten Falle erahnt werden kann. „Das Schloss“ in der musikalischen Adaption der Kafka Band schafft einen neuen Zugang zum Ungesagten. Das ist eine Qualität, die gar nicht hoch genug eingestuft werden kann. Kein Wunder, dass mit Jaroslav Rudiš ein Autor, und mit Jaromír 99 ein Comic-Zeichner zwei stark mit Kafkas Werk vertraute Künstler aus Prag den Kern dieser ungewöhnlichen Band bilden. Es ist ein Hochgenuss, den Songs zu lauschen und damit einen neuen Zugang zu Kafkas Werk zu erfahren.

 

 

 

 

 

Wiener Depesche: Sprach-Schmankerl, 1. Teil 



Wie es Karl Farkas so schön formulierte und für alle Zeiten Gültigkeit haben mag: Was Deutschland und Österreich trennt, ist die gemeinsame Sprache.





Ursprünglich wollte ich auch Dialoge auf „Weanerisch“ einfügen, aber mit Rücksicht auf das allgemeine Sprachempfinden und Herrn Heimlich habe ich mich dann doch nur des Hochdeutschen bedient. Trotzdem wollte ich ein paar Dingen auf den Grund gehen, die nicht alle Eingang in den Roman gefunden haben, aber es gibt ja eine Fortsetzung:

    Gibt es den Ausspruch „Halt dei Pappn“ im Sinne von „Halt den Mund“? „Hoit die Pappn“ ist weniger beliebt als „Hoit die Goschn“. ;-) Anm.: Ihr wisst, womit ihr im Roman rechnen könnt.

Was sagt man statt

    Brand haben – sehr durstig sein? Kommt auch in Österreich/Wien vor! (Anm.: Gott sei Dank!) „I glaub, der Durscht bringt mi um“ ist ein beliebter Song. So mancher Wiener mag diesen Ausdruck hie und da gebrauchen. Ansonsten tatsächlich: „I hob an Brand!“

    Kohldampf haben – sehr hungrig sein? „Zund“ war früher im Gebrauch, sagt aber kaum wer, auch ich nicht. „Gusta“ für den kleinen Hunger, das ist klar ... Anm.: Sagt man bei uns noch „Gusta“? Wenn nicht, fange ich sofort damit an.

    Ich bin nassgeschwitzt: I transpirier (?) Anm.: Es klingt jedenfalls schweißtreibend – ist gebongt!

    Mir doch Wurscht! Das ist ja wienerisch! ;-) Anm.: Ach …

    Reiß dich zusammen! „Jetzt hoit amoi den Raund!“ (hört man aber eher selten ...) Anm.: Leider hat Sandra Schmitt es verlangt, und die sagt so was nicht. Aber ich setze alle meine Hoffnungen auf die Fortsetzung.

    So ein Idiot (zu Deutsch: So ein Spast!) So a Trottel! So a Depp! So a Koffer! Anm.: Wo kommt jetzt bloß die Assoziation zu den Touristen her …?

 

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Wiener Depesche: Touristengeschwader 

 


„Wiener Blut“ ist diesmal nicht aus der Konserve, sondern purer Lebenssaft. Michaela Stadelmann bestätigt ein Klischee und macht mich damit endgültig zu ihrem Verbündeten:

 

 

 


 

Wer schon mal in Wien war, kennt die „Mozarts“, die Herren, die mit Schleifchen, Rüschchen, Kniebundhosen und Perücke Konzertkarten anbringen wollen. Während wir Touris auf Selfis mit diesen Herren stehen, sehen das die Wiener sie wohl eher kritisch – als ob es vor und nach Mozart nichts gegeben hätte!

Touristen findet man hauptsächlich in der Innenstadt und an den „wichtigen“ Orten (Stephansdom, Hofburg, Museen, Heurige usw.), weshalb man echte Wiener anscheinend nur dort findet, wenn sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen. (Aber das ist in Nürnberg auch so, also können wir den Ball flachhalten …) Weil ich darauf bestanden habe, hat Herr Heimlich mir seine Meinung zu Touristen dargelegt, die ich einfach mal wiedergebe – zum Beherzigen bei der nächsten Wien-Reise: Deutsche Touristen sind oft eher laut und entscheiden sich für das „Übliche“. Im Sinne des „korrekten Deutschen“ rennen sie mit Stadtplänen herum, planen in der Tat die ihnen vorschwebenden Routen und versuchen dies auch umzusetzen. Da sind sie sicher konsequent.

Treffender hätte man das nicht sagen können! Jeder, der sich jetzt empört, schaut bitte vorsichtshalber die Fotos vom letzten Urlaub durch. Außerdem ist es doch praktisch und überaus effizient, wenn man im Ausland sofort erkannt wird: Man kriegt gleich die richtige Speisekarte, ohne sich radebrechend zum Deppen zu machen.

 

Wunderwaldverlag

 

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Wiener Depesche: Jürgen Heimlich, mein Informant an der Donau 

 

 

 

 

Michaela Stadelmann über ihre Überlegungen, sich von einem Wiener Ur-Gestein Ezzes geben zu lassen:


Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal nachfragen. Jemand anders könnte es wissen! Bis der Roman “Wiener Blut” endlich erscheint, könnt ihr lesen, wie mir mein Informant aus Wien beim Schreiben geholfen hat:

Es ist ja immer so eine Sache mit den Großstädten. Berlin kennt jeder! München ist auch kein Problem. Und was Düsseldorf und Köln oder Frankfurt angeht, googelt man sich rasch ein paar Infos zusammen oder fährt hin.

Jetzt wollte ich mit dem neuen Dance-Floor-Roman aber nach Wien und hatte keine Zeit, die Wege meiner Protagonisten vor Ort nachzuvollziehen. Ganz auf das Wiener Flair wollte ich aber auch nicht verzichten, und so „organisierte“ ich mir einen Botschafter des österreichischen Lifestyles, einen waschechten Wiener, der auch noch den passenden Namen hat: Jürgen Heimlich. Und was soll ich sagen? Er hat meine Piefke-Fragen mit einer geradezu unheimlichen Lässigkeit beantwortet.

Dabei kamen mir meine Fragen hin und wieder ziemlich blöd vor, weil ich das Gefühl hatte, dass „man“ das als vielseitig gebildete Autorin doch wissen müsste! Andere Sachen hätte ich mir wiederum „ergoogeln“ können. Aber wer greift schon auf Suchmaschinen zurück, wenn er bzw. sie die Gelegenheit hat, in „echt weanerischen“ Erläuterungen mit Augenzwinkern und Schmäh zu schwelgen?

 

Hier geht es zum Original:

 

Wunderwaldverlag


 

 

 

 

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Comics: Daniela Schreiter, Schattenspringer 

Mit Autismus wurde ich (wie wahrscheinlich viele andere) erstmals durch den Film „Rainman“ konfrontiert. Wohl 10, 15 Jahre später war ich Gast einer Veranstaltung, wo u.a. eine Autistin als Malerin auftrat. Es war mir nicht möglich, einen Kontakt zu ihr aufzubauen. Mittlerweile weiß ich, dass Autismus viel komplexer und individueller ist, als ich jahrelang gedacht hatte. Jeder Autist ist nicht nur Autist, sondern in erster Linie Mensch. Der Autismus ist zwar ein wesentliches Element seines Mensch-Seins, einen Menschen auf seinen Autismus hin festzulegen ist allemal komplett verkehrt. Absurd die Vorstellung, dass sich ein Autist über seinen Autismus definiert.

 

 

Nun, ich kam durch ein soziales Netzwerk mit einer Autorin in Berührung, die Autistin ist. Ihr Name ist Daniela Schreiter und sie ist Comic-Zeichnerin. Durch ihre tolle Website www.fuchskind.de  konnte ich einen Großteil des „Schattenspringer“ bereits genießen, bevor dieses Werk 2014 verdientermaßen bei Panini als Buch veröffentlicht worden ist. Daniela Schreiter schildert ihr Leben mit einem Augenzwinkern. Sie eröffnet dem Betrachter des Comic ihr Leben auf eine Weise, die mit sich bringt, in diesem Falle „Menschen mit Asperger-Syndrom“ nicht in irgendeine Schublade zu sperren, aus der sie nie herauskommen können. Wenn wir Daniela mit „normalen“ Menschen vergleichen, so wird schnell klar, dass „Normalität“ kein Kriterium ist, um den Menschen überhaupt zu kategorisieren. Mehr noch: Jegliche Kategorisierung des Menschen ist eindimensional und führt letztlich zu einer Fehleinschätzung. Und kann es nicht sein, dass so sensible und selbstreflexive Menschen wie Daniela die eigentlich „normalen“ Menschen in einer Gesellschaft sind, die von nicht wenigen Aliens bevölkert scheint, deren einzige Aufgabe bspw. darin liegen mag, irgendeine „Karriere“ zu machen?

 

Ein Comic kann schon mal übers Ziel hinausschießen, dafür gäbe es genügend Beispiele. Der „Schattenspringer“ orientiert sich in aller Klarheit am Leben selbst, es wird nichts hinzu erfunden, die Eigenheiten von Daniela Schreiter schließen sie zwar – scheinbar – von der Gesellschaft aus, gleichermaßen sind es gerade diese Eigenheiten, die sie für die Gesellschaft besonders interessant machen. Sie hält uns „normalen“ Menschen einen Spiegel vor, und wer dann noch der Auffassung ist, sein Leben erhöbe den Anspruch, vergleichsweise reichhaltiger oder grenzenloser zu sein, der hat das Buch nicht verstanden. Freilich legt es Daniela Schreiter wohl gar nicht darauf an, eine Konfrontation mit der scheinbaren „Normalität“ zu bestreiten. Doch ist es nicht so, dass Menschen mit nicht so leicht zu durchschauenden Weltbildern die „Welt an sich“ in Frage stellen? Wer einfach so dahinlebt, scheinbar „gesund“, der leidet am Weltschmerz. Das Leben verlangt innere UND äußere Auseinandersetzung. Es reicht nicht, der Außenwelt zu begegnen, wenn diese als bloßes Selbstverständnis erscheint. Die Welt ist jeden Tag neu, jeder Tag ist ein neues Abenteuer. Wer die Bedeutung des eigenen Lebens nicht davon abhängig macht, inwieweit er dem Weltbild entspricht, das ihm von außen hin vorgegaukelt wird, der kann wachsen, reifen, der Welt mit offenen Armen begegnen. Genau dies mag ein Credo von Daniela Schreiter sein. Sie bleibt sich selbst treu, akzeptiert ihre Eigenheiten, erfreut sich des Lebens. Das sollten wir alle tun, dazu sind wir aufgerufen. Der „Schattenspringer“ kann auch als Lebenshilfe verstanden werden, und zwar als Lebenshilfe abseits pseudo-esoterischer Oberflächlichkeit. Wenn wir damit aufhören, andere Menschen stets in Schubladen zu sperren, wo sie ein eindimensionales Abbild unserer Unzulänglichkeiten fristen, dann wird sich eine neue Lebensqualität auftun, die Menschen miteinander in vorurteilsfreien Kontakt bringt. Genau daran mangelt es heutzutage, und genau daran ist ersichtlich, wie wichtig Bücher wie jenes von Daniela Schreiter sind, die bereit sind, sich – auch – für Menschen zu öffnen, denen der berühmte Knopf noch nicht aufgegangen ist.

 

 


25 Jahre Autor 

Vor deutlich mehr als zwei Jahren habe ich meinen letzten Blog-Eintrag vollzogen. Ich hatte ein Archiv eingerichtet, und damit den Anschein erweckt, als seien weitere Berichte aus meinem Schreibexil ausgeschlossen. Doch wie heißt es so schön: Sag niemals nie und so reaktiviere ich aus relevanten Gründen diesen Blog.

 

Dieses Jahr 2014 hat auch dahingehend eine Bedeutung für mich, weil ich mein 25-jähriges Jubiläum als Autor begehe. Im September 1989 habe ich erste Schritte unternommen, mich literarisch auszutoben. Es waren meist kurze Texte, mein Mentor, der wunderbare Herr Zsilla, hat das Flämmchen gesehen, das in mir loderte. Und ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich 25 Jahre später eine Flamme in mir verspüre, die mein Leben beleuchtet. Schreiben und Leben gehören zusammen. Literarisches Schreiben ist der Versuch, das Leben zu begreifen und daraus Schlüsse zu ziehen.

 

Wenn ich auf diese 25 Jahre zurück blicke, so erinnere ich mich an viele Stunden des Zweifels, der ständig aufkommenden Frage, ob ich denn wirklich ein Autor bin, der seinen Weg geht oder doch nur einer, der glaubt, vielleicht zum Autor zu taugen. Seit einigen Jahren hat sich in mir die Überzeugung gebildet, dass mein Autoren-Dasein genau meinem innersten Wesen entspricht. Ich gehe den Weg, der für mich der Richtige ist.

 

Zu wissen, wodurch der eigene Weg gekennzeichnet ist, setzt Ehrlichkeit voraus. Insofern die geringsten Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Weges bestehen, sollten Konsequenzen gezogen werden. Mein Weg als Autor war steinig, anspruchsvoll, weit verzweigt, von manchem Hindernis verstellt. Doch im Grunde ist es der Weg, den ich auch weiterhin zu gehen bereit bin.

 

In den letzten beiden Jahren habe ich zwei weitere literarische Projekte abgeschlossen.  Zum Einen eine ungewöhnliche Autobiographie, zum Anderen einen Roman der anderen Art. Hinzu kommt die Veröffentlichung meiner Erzählung „Wunschfrei“ vor wenigen Monaten. Damit schließt sich der Kreis ununterbrochenen 10-jährigen Schaffens, nachdem ich von 1998 bis 2004 eine künstlerische Pause eingelegt hatte. Diese zweite Phase (die erste Phase dauerte von 1989 bis 1997) hat mich als Autor wachsen und reifen lassen. Gut möglich, dass jetzt wieder eine Schaffenspause eintritt. Denn ich habe das Gefühl, neue Richtungen einschlagen zu wollen, mich in neuen Herausforderungen zu versuchen, die freilich eine literarische Komponente haben, jedoch nicht unbedingt darauf hinaus zielen, wiederum weitere eigenständige literarische Projekte voranzutreiben. Es geht um die Auseinandersetzung mit anderen Biographien, anderen Leben, anderen Schreibstilen, vielleicht auch um essayistische Auseinandersetzungen. Was ein wenig kryptisch anklingt, wird früher oder später aufgelöst.

 

Jedenfalls werde ich alles mir mögliche tun, meinen neuesten Roman bei einem größeren Verlag unterzubringen. Ich habe das Gefühl, dass dieser Roman mehr noch als jedes andere literarische Projekt von mir eine größere Leserschaft verdient, und bin diesbezüglich auch schon bestätigt worden. Nach 25 Jahren literarischer Tätigkeit ist es an der Zeit, dass dieser nach außen hin sichtbare „Erfolg“ geschieht. „Erfolg“ dahingehend, dass ich dann dort angelangt bin, wo ich das Gefühl habe, hinzugehören. Das hat nichts mit Größenwahn, sondern ehrlicher Selbsteinschätzung zu tun. Es geht auch nicht um äußeren „Erfolg“, sondern um einen Verdienst, der mir zusteht. 25 Jahre literarisches Schreiben fänden in diesem Falle einen schönen Zieleinlauf.

 

Sollte es nicht so kommen, wie ich es mir wünschte und entspräche, dann werde ich dennoch nicht aufhören, mich der Literatur zu verschreiben. Es wird noch mehr im Stillen sein, noch mehr im Hintergrund. Doch es wird mein Leben lang die Literatur meine Berufung bleiben, daran kann und wird sich so und so nichts ändern.

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Jahre www.literaturexperte.com oder das Archiv

Kaum zu glauben, aber meine Website hat jetzt auch schon drei Jahre auf den Buckel. Und es ist an der Zeit, über die Dynamik von Websites zu philosophieren. Von Anfang an war es mir wichtig, meine Website userfreundlich zu gestalten. Die wesentlichen Informationen sollten schnell angesteuert werden können, Neuigkeiten im Vordergrund stehen. Einige Male habe ich kleine Adaptionen vorgenommen, im Sinne eines dynamischen Prozesses entwickelt sich eine Website von Tag zu Tag weiter.

 

Eine Website vereinigt in sich – je nachdem – mehr oder weniger Daten. Diese Daten können anwachsen oder sich auch reduzieren, je nachdem, was der Webmaster vorhat. Eine Website kann einen sehr persönlichen Anstrich haben oder die Sachebene des „Schöpfers“ kultivieren. Wie auch immer, früher oder später mag das Eine oder Andere nicht mehr den Zahn der Zeit darstellen, und jetzt kommt das Archiv ins Spiel. Blogs sind im Zeitalter des weltweiten Netzes nicht mehr wegzudenken, Menschen betreiben aus den unterschiedlichsten Gründen Blogs und schreiben dort hinein, was auch immer für sie wichtig oder unwichtig genug ist, um einem Publikum präsentiert zu werden. Manche Blogger haben für großes Aufsehen gesorgt, und in manchen Fällen eine konstruktive Richtung – wohin auch immer – vorgegeben. Andererseits kann im Rahmen eines Blog allerlei Schwachsinn verzapft werden, die Bandbreite des menschlichen Vorstellungsvermögens ist immens.

 

Nun also das Archiv. Ich blogge seit 2004, meine zwei alten Blogsites sind noch nicht stillgelegt (Blogspot, myblog) und mein nunmehriges Blog ist Bestandteil meiner Website. Knapp 350 Blogeinträge sind im Laufe der Jahre entstanden, das ist ein Schnitt von etwas weniger als einem Blogeintrag pro Woche. Klingt gar nicht mal viel, aber ich war auch immer bemüht, nur Dinge zu bloggen, die für mich tatsächlich von Relevanz sind. 2011 habe ich sogar kurzfristig überlegt, eine Auswahl von Blogeinträgen als „Abgesang auf die Nullerjahre“ in welcher Form auch immer zu veröffentlichen. Nun gut, es muss ja nicht alles gleich an die große Glocke gehängt werden und so ein Blog lebt ohnehin vom guten Willen des Verfassers. Tatsächlich bin ich zur Auffassung gelangt, dass ein Blog nicht in alle Ewigkeit geschrieben werden muss. Alles geht irgendwann zu Ende, nichts hält ewig und auch wenn ich Jahr für Jahr so weiter machen könnte, habe ich beschlossen, aus dem Notizblog ein Notizblog-Archiv zu machen. Damit ist angezeigt, dass der Blog als abgeschlossen gilt, und User nach Belieben in den Einträgen herumstöbern können, wenn ihnen danach ist. Weitere Einträge werden nicht folgen.

 

Im Sinne der Dynamik meiner Website wird sich immer wieder etwas tun. Dieser Blog, der nunmehr den Status eines Archivs einnimmt, hat mit dem Eintrag zu „Alle sieben Wellen“ jede Menge Klicks generiert, und damit ist eindrucksvoll bewiesen, welches der zahlreichen Bücher und Themen, die ich vorgestellt habe, den ersten Rang einnimmt. Das ist nicht mehr zu toppen, zumindest gehe ich nicht davon aus. Und so ziehe ich mich also als Blogschreiber zurück, verstärke dadurch vielleicht sogar meine Präsenz als Literaturexperte.

 

Wie schrieb Andy Lettau so schön und den „Nagel auf den Kopf“ treffend:

Jürgen hat eine starke Affinität zu Fernseh-Krimis, Friedhöfen, Theologie und Fußball. Und natürlich zur Literatur, die er mit einem "Experte" und einem .com dahinter augenzwinkernd auf seiner Homepage zur Herzensangelegenheit erklärt. Ihm geht es nicht darum, Literatur in Massen zu verschlingen und sie bildungsbürgergleich stolz ins Regal zu stellen, sondern sie zu verinnerlichen.

 

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich könnte immer und ewig im Rahmen eines Blogs neue Bücher und neue mit der Literatur in Verbindung stehende Themen besprechen, aber das verinnerlichen von Literatur sollte die Hauptsache sein.

 

So mag das Notizblog-Archiv ein hoffentlich interessantes und in einigen Fällen sogar lustiges Nachschlagewerk sein!

 

Bücher zum Mehrfachgebrauch

Es gibt Menschen, die gerne in Bibliotheken gehen. Ich habe lieber meine eigene kleine Bibliothek. Ein Buch nur ausborgen, das geht für mich nicht. Schließlich kann ein Buch auch zwei, drei oder zehn Mal gelesen werden. Nun ja, es gibt das Gegenargument, sich ein Buch dann halt mehrfach auszuborgen, aber das ist nicht unbedingt meine Vorstellung, einem Lieblingsbuch zu begegnen. Ein Buch, das kein zweites Mal gelesen werden will, hat entweder einen Makel oder beschäftigt sich mit einer Thematik, die nur schwer zu ertragen ist.

 

Glücklicherweise gibt es zahlreiche Buchhandlungen, die Bücher zum Erwerb anbieten. Bibliotheken sind zur Recherche ausgezeichnet, doch als Verleih von Büchern, die das Herz erwärmen, nur bedingt geeignet. Ich gewähre nunmehr einen kleinen Einblick in meine Bibliothek in Hinsicht auf Bücher, die ich mehrfach gelesen habe und die mich als Leser geprägt haben.

 

Bei den Kinderbüchern hat es „Der kleine Nick und seine Bande“ auf mindestens 14 erfolgreiche Lesungen meinerseits gebracht. Schon beim ersten Mal war ich entzückt von den lustigen Bengels, die viel Quatsch im Kopf haben und dennoch eine Eigenschaft ihr eigen nennen, die in heutigen Zeiten immer mehr verloren geht: Solidarität. Nick, Chlodwig, der dicke Otto, Adalbert, und viele mehr; Kinder, die eine Freude daran haben, Kinder zu sein. Da ist keine Spur von kleinen Erwachsenen zu sehen, denen das Kind-Sein ausgetrieben werden soll, damit auch ja der „richtige Weg“ eingeschlagen wird. Sempe und Goscinny haben mit dem kleinen Nick und seinen zahlreichen Abenteuern einen Meilenstein in der Literatur für Kinder gesetzt.

 

Die Qualze und die sieben Brüder“ muss ich etwa sieben Mal gelesen haben. Ein Abenteuerroman für Kinder, der einen besonderen Zauber ausstrahlt. Sieben Brüder machen sich auf, den Kampf gegen die Qualze, ein mysteriöses Wesen, zu suchen. Die Qualze ist eine dicke, selbstverliebte Hexe, die nach Lust und Laune ihre Widersacher verzaubern kann. So werden auch die sieben Brüder nach und nach verwandelt. Aber am Ende gibt es eine große Überraschung, die an dieser Stelle freilich nicht verraten wird. Wobei Abenteuerroman wahrscheinlich nur ein Aspekt der Geschichte ist, denn es gibt das Element des Märchens, das kleine und auch größere Kinder in den Bann ziehen kann. Dieses Buch hat mich bezaubert, weil es eine eigene Welt zeigt, in der täglich Wunder passieren und niemand davor gefeit ist, in eine andere Existenzform verwandelt zu werden. Helga Weymar hat ein Stück unverwechselbare Literatur geschaffen.

 

Die Grenze von Kinderbuch zum Buch für „Erwachsene“ mag „Der kleine Prinz“ darstellen. Dieses äußerst bekannte Buch verzaubert die kleinen und die größeren Leser seit vielen, vielen Jahren. Die in dieser Geschichte versammelten Lebensweisheiten sind mittlerweile schon legendär. „Der kleine Prinz“ ist eine Hymne an die Liebe, an das Leben, und es gibt eine Botschaft: Jeder Mensch ist dazu aufgerufen, nach den versteckten Schätzen zu suchen, die tief in ihm verborgen liegen. Wie oft ich diese Geschichte gelesen habe? Ziemlich oft, aber die Geschichte ist es wert, immer wieder mal gelesen zu werden. Ebenso wie „Der kleine Nick“ und „Die Qualze und die sieben Brüder“.

 

Bei Romanen für „Erwachsene“ oder – ich sage mal ganz großspurig – Büchern für reife Leser habe ich mich ebenfalls für drei entschieden, die ich empfehlen kann und welche meine kleine Bibliothek zieren.

Die „New york Trilogie“ von Paul Auster habe ich bislang vier Mal gelesen. Ein Buch, bestehend aus drei Erzählungen, die dem Zufall Tribut zollen. Unglaubliche Geschichten, die sich aber genauso abgespielt haben könnten. Insbesondere die dritte, welche von einem Autor namens Fanshawe handelt, der großartige Romane in seiner Schublade hortet, und seinem Freund, der die Erfolge feiert, die Fanshawe gebühren, ist von einer epochalen Kraft. Da geht es nicht um Plagiate, um irgendwelche sinnentleerten Abschreibübungen, um sich das Reflektieren über welches Thema auch immer zu ersparen, sondern um die Frage, wo die Grenzlinie der Freundschaft verläuft. Die „New york Trilogie“ übt einen Sog aus, dem ich mich von Anfang an nicht entziehen konnte und wollte. Das Ergebnis ist, dass Paul Auster seit vielen Jahren einer meiner absoluten Lieblingsautoren ist, und daran wird sich im Laufe meines Lebens auch nichts mehr ändern. Ein Höhepunkt meines Lebens als Leser war, als ich 2008 Paul Auster anlässlich des Prager Autorenfestivals persönlich begegnen durfte. Ich habe kein Wort mit ihm gesprochen, weil jedes belanglose Wort eines zuviel gewesen wäre. Vielleicht ergibt sich ja mal die Möglichkeit eines mehrstündigen Gesprächs, einer gemeinsamen Erkundung von New York. Das Leben bietet so oft Überraschungen und Zufälle, wie sie auch in den Romanen von Paul Auster passieren, ausgeschlossen ist also von vornherein gar nichts.

 

Gerade mal drei Mal gelesen habe ich „Der Steppenwolf“. Irgendwann habe ich es dann nochmals probiert, jedoch noch vor dem Ende des Romans dessen Buchdeckel für immer geschlossen. Als junger Mann hat mich „Der Steppenwolf“ unglaublich inspiriert und für das Gefühl innerer Aufgewühltheit gesorgt. Ein Mann, der beschließt, sich an seinem 50. Geburtstag das Leben zu nehmen, ein Mann, der weiß, was er will, der aber letztlich sich selbst begegnet und daran nicht zerbricht. Kein anderer Roman von Hermann Hesse kann so verstören und neue Lebensenergien im Leser wecken. Die innere Wahrheit des Menschen ist nicht selten verschüttet und wenn dann plötzlich der Finger in die Wunde gelegt wird…

 

Zwei Mal, ja, zwei Mal „nur“ habe ich „Schuld und Sühne“ von Dostojewski gelesen. Paul Austers „New York Trilogie“ las ich übrigens auch im Original, „Der Steppenwolf“ wurde ja auf Deutsch geschrieben. Weil ich des russischen nicht mächtig bin, konnte und wollte ich bei „Schuld und Sühne“ ausschließlich auf die deutsche Übersetzung zurückgreifen. Wobei ich zwei verschiedene Übersetzungen las. Die zweite ist jene relativ neue von Swetlana Geier, die viele Jahre ihres Lebens damit zugebracht hat, die fünf Hauptwerke von Dostojewski ins Deutsche zu übersetzen. Und wie es ihr gelungen ist! Im Falle von „Verbrechen und Strafe“ hat sie einen anderen Fokus gesetzt. Die Geschichte wird heutiger, verdeutlicht die innere Selbstzerstörung von Raskolnikow noch intensiver als die andere Übersetzung. Dieses Werk von Dostojewski gibt einen dermaßen intensiven Einblick in das Seelenleben des Doppelmörders Raskolnikow, das dem Leser nur die Spucke wegbleiben kann. Raskolnikow ist schließlich bereit, für sein Verbrechen bestraft zu werden und begibt sich freiwillig ins Straflager nach Sibirien. Wahrscheinlich ist „Schuld und Sühne“ oder „Verbrechen und Strafe“ das persönlichste Werk von Dostojewski. Seine eigenen Erfahrungen in Sibirien hat er auch anderweitig („Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“) beschrieben, doch das Gefühl des Mitleids, das dieses literarische Genie im Fortgang seines Lebens immer stärker geprägt hat, drückt sich in der Figur Raskolnikow am stärksten aus. Dieser feige Doppelmörder hat womöglich gar kein Mitleid verdient und doch kann er dem Leser ans Herz wachsen, wenn er sich nicht gegen die Verwandlung des Misanthropen Raskolnikow in einen gutherzigen Menschen sträubt.

 

Meine kleine Bibliothek ist ein Teil von mir. Sie beinhaltet viele Bücher, die mein Leben bereichert haben, und es ist ein gutes Gefühl, auf ein interessantes Buch immer wieder zurückgreifen zu können. Ein Buch wird immer eine andere Wirkung entfalten können, je nachdem, wann und in welchem Gemütszustand man es liest. Oh ja, dieser kleine Eintrag soll auch ein Plädoyer dafür sein, mit Büchern sorgsam umzugehen und sie zu hegen und zu pflegen.

 

Bücher als Wertanlage

Gemeinhin werden Bücher als Handelsware bezeichnet. Wie jede andere Ware auch haben sie ihren Preis und es gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Für Menschen, die eine enge Beziehung zu Büchern pflegen ist die Herabstufung des Buches zur Handelsware oder überhaupt zum „Konsumgut“ nur schwer nachzuvollziehen. Ich zähle auch zu diesen Menschen, doch der zivilisierte Mensch wird schon früh zum Konsumenten erzogen, und so gilt es auch, sich Bücher einzuverleiben. Der Preis eines Buches erscheint oft willkürlich oder merkwürdig. So manches kostet keine fünf Euro und erfüllt hohe qualitative Ansprüche, für manches andere muss der Käufer 30 Euro hinlegen, und ist dann von literarischer Anspruchslosigkeit entsetzt.

 

Preise für Bücher müssen festgesetzt werden. Das beginnt bei einem Cent und endet in astronomischen Höhen. Aber nein, in manchen Fällen werden Bücher verschenkt, die jedoch auch mal einen Preis hatten oder immer noch haben. Wie auch immer: Wenn einen Schritt weiter gegangen wird, können Bibliotheken als Wertanlage gesehen werden. Unter 500 oder 20.000 Büchern werden schon welche dabei sein, die einen guten Preis erzielen. Doch welcher Bücherfreund trennt sich gerne von Büchern? Gerade jene, die ihm am meisten wert sind, wird er – zu welchem Preis auch immer – nicht abgeben wollen. Subjektiv als wertlos empfundene Bücher wiederum taugen höchstens als Geschenke für Menschen, die nur bedingt als Freunde zu bezeichnen sind. Oder sie werden wo auch immer verschachert.

 

Bücher als Wertanlage sind also ein zweischneidiges Schwert für Bücherfreunde. Nur wer Bücher ausschließlich als Ware betrachtet, kann damit Geschäfte machen. In Zeiten, wo Großverlage eine Unmenge literarisch ungenügende „Ware“ produziert, verkommen – leider - Bücher immer mehr zu Dutzendware. Umso erfreulicher ist es, wenn es noch Verlage gibt, die diesem Trend nicht folgen und Büchern die Bedeutung zurückgeben, welche diese in Zeiten von überbordendem Konsumismus weitgehend verloren haben. Doch nochmals zurück zum Preis: Wie kann es sein, dass großartige Bücher einerseits teilweise nahezu verschenkt werden, und andererseits Preise erzielen, dass dem potenziellen Leser Hören und Sehen (und Lesen) vergehen? Das hängt wohl mit dem Durchschnittszyklus eines Buches zu tun. Gerade erst am Markt etabliert es sich oder nicht, erzielt dann gute oder schlechte Verkäufe, um früher oder später den „Markt gesättigt zu haben“. Und wenn dann ein ehemals gut verkauftes Buch für einen Cent verramscht wird, kann es damit zu tun haben, dass es keinen „Wert“ mehr besitzt, weil es ohnehin zu viele Exemplare davon gibt. Erweist sich ein Buch als antiquarische Seltenheit kann es hohe Preise erzielen, selbst wenn es ehemals möglicherweise gar nicht so hohe Verkaufszahlen erzielen konnte. Irgendwie verrückt, aber so ist es nun mal.

 

Für mich sind Bücher eine Wertanlage. Jedoch nicht in dem Sinne, dass ich auf sie zurückgreifen kann, wenn es gilt, mir einen Traum zu erfüllen, der viel Geldeinsatz erfordert, sondern dahingehend, dass sie mich als Mensch mehr oder weniger geprägt haben. Bücher können den Menschen nicht verändern, aber prägen, davon bin ich überzeugt. Und die Sichtweise auf die Welt kann im besten Fall weitläufiger werden, da spielt es keine Rolle, ob diese Bücher gar nichts, einen Cent oder 199 Euro gekostet haben.

 

Passion

In diesen Tagen über die Passion nachzudenken, darüber, welche Leiden Jesus ertrug, bis er sein Werk vollendete, sollte nicht nur räumlich auf die Kirchen beschränkt sein, sondern ist überall und immer möglich. Zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern diente und dient die Passion als Inspirationsquelle. Das Magische daran ist die Gleichzeitigkeit ins Spiel zu bringen, sich die Passion als Ereignis vorzustellen, das jetzt passiert. Es ist nicht einfach, diesem großen Thema gerecht zu werden. Und es gibt keine bessere Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass Jesus ein Jude war. Die geschwisterliche Beziehung der beiden Weltreligionen leidet darunter, wenn fundamentalistische Tendenzen die beidseitigen hohen Werte in den Dreck ziehen.

 

Allerlei selbsternannte Moralapostel haben sich furchtbar aufgeregt, als die Verfilmung von Nikos Katzantzakis Roman Die letzte Versuchung in den Kinos anlief. Das Buch schafft es auf wunderbare Weise, die angesprochene Gleichzeitigkeit umzusetzen. Grund der Entrüstung seitens des Films sind die letzten Minuten, wo Jesus von einem jungen Mädchen, das sich als sein Schutzengel entpuppt, vor dem Tod am Kreuz gerettet wird, und schließlich sein Leben als Gottes Sohn hinter sich lässt. Er gründet eine Familie, zeugt mehrere Kinder und hat insgesamt drei Ehefrauen. Allerdings entpuppt sich das alles als Traum, also tatsächlich als „letzte Versuchung“, der er widersteht, weil er sein Martyrium vollenden will. Der Sturm der Entrüstung war allein schon aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine Traumsequenz handelt, unangebracht und extrem überzogen. Zudem ist die Leidensgeschichte Jesu die Passion eines Menschen, der seinen letzten Weg geht, weil er davon überzeugt ist, damit die ganze Menschheit zu erlösen. Den Menschen, das einzige Wesen auf Gottes Erden, das dazu in der Lage ist, die grausamsten Verbrechen zu begehen, und dies oft auch noch „intellektuell“ zu begründen sucht. Kein anderes Wesen bedarf der Erlösung mehr als der Mensch, es geht also nicht um Anthropozentrismus, sondern haargenau um das Gegenteil.

 

Ostern auch als das Fest zu sehen, das jeden Menschen mit sich selbst versöhnen kann, geht genau in die Richtung, die Katzantzakis vorschwebte. Jeder Mensch ist dazu aufgerufen, die Wahrheit in sich zu suchen, und wenn das noch so beschwerlich ist. Den eigenen Weg zu gehen, und Jesus dabei nie aus dem Blickpunkt zu verlieren ist die höchste Aufgabe des Christen. Wer sich mit sich selbst versöhnt, der wird auch begreifen, dass Judentum und Christentum einander nicht Feind sein können, sondern einander ergänzen. Wir können Kämpfe in uns ausfechten, aber nie auf Kosten Unschuldiger. Der Jude Jesus hat den Menschen den Weg gezeigt, der sie sich selbst und Gott näher bringt. Dafür hat er großes Leid auf sich genommen. Die Passionsgeschichte des neuen Testaments ist eine Lektüre für alle Menschen, welche sich der Wahrheit stellen wollen, die in ihnen liegt. Jesus begegnet jedem Einzelnen auf ganz besondere Weise. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, und die Passionsgeschichte (wieder) zu lesen ist allemal eine sehr gute Wahl.

 

Roger Willemsen und "Wetten...dass?"

Vor langer, langer Zeit kam ich mal mit Roger Willemsen ins Gespräch. Er stellte eines seiner erstaunlichen Werke vor, ohne auch nur einen Satz vorzulesen. Nach Willemsens Erzählungen gab es die Möglichkeit, zu speisen und zu trinken. Ich nahm die Möglichkeit beim Schopf, und sprach den Autor an. Das Gespräch dauerte nicht länger als vielleicht fünf oder sieben Minuten, weil schnell andere begeisterte Leser Schlange standen, einige nur, um ein Autogramm zu erbeten. Angesichts von „Willemsens Woche“, einem Talk-Format, das ich einst mit Vergnügen gesehen hatte und sich in jeder Nuance von üblichen Talk-Formaten unterschied, befragte ich Roger Willemsen nach seinem Eindruck „Wetten…dass?“ betreffend. Er attestierte Thomas Gottschalk sehr gute Qualitäten als Moderator, befand aber auch, dass dessen Show im Laufe der Jahre nicht mehr viel mit der Grundidee zu tun habe. Zu viel Musik, zu viel Entertainment. Die Wetten stünden fast schon im Hintergrund. In früheren Zeiten habe er die Sendung durchaus geschätzt. Diese früheren Zeiten mochten die 1980er, möglicherweise auch noch die 1990´er – Jahre gewesen sein. Denn die schnell vorüber gezogenen Nullerjahre boten auch in punkto „Wetten…dass?“ weitgehend Magerkost.

 

Als Seher der ersten Stunde, der ich dieser Show allein schon aus „sentimentalen Gründen“ die Treue hielt, ergibt sich nunmehr die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Denn ein mäßiges Sendungskonzept UND ein mäßiger Moderator sind selbst für einen sentimentalen Menschen wie mich zuviel des Schlechten. Irgendwann ist der Ofen aus, und so folge ich also Roger Willemsen mit einigen Jahren Verspätung nach, was die Nichtbeachtung dieser einst großartigen Show betrifft. Schade, aber alles hat seine Zeit, und nach dem Abgang von Thomas Gottschalk ist diese Zeit offensichtlich abgelaufen. Denn ob Gottschalk es sich nochmals antut, und in ein, zwei Jahren wieder auf die große Bühne zurückkehrt, ist zu bezweifeln.

 

Roger Willemsen sehe ich immer wieder gerne. Der Dampfplauderer vermag es, mit ungewöhnlichen Perspektiven jedes ihm abgeverlangtes Interview zu veredeln. Einige Minuten Gespräch mit ihm haben mich davon überzeugt, dass der Eindruck, den er vermittelt, absolut stimmig ist. Er ist authentisch, äußerst empathisch und ein Autor, der immer etwas Neues zu erzählen hat. Drei Aspekte, die ihn sehr sympathisch machen.

 

Es war einmal ein Verlag

Mir sind bisher nur sehr wenige Verlage untergekommen, wo ich davon überzeugt war, dass die Verleger ihre Projekte mit Herzblut umgesetzt haben. Meistens geht es nur um Kommerz, darum Verkaufserfolge zu erzielen, immer öfter gilt es, mit Provokation zu punkten. Dabei gibt es so viele Autorinnen und Autoren, die tatsächlich etwas zu sagen haben und sich nicht in Elfen, Zauberer, Hexen, Vampire oder Schreihälse verwandeln wollen, weil es der Buchmarkt so „fordert“.

 

Glückliche Umstände haben es ermöglicht, dass ich in direktem Kontakt zu einer VERLEGERIN gekommen bin, welche mit mir in Zusammenhang zu meiner ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichte kooperiert hat. Michaela Stadelmann hat ihr Herzblut in die Projekte ihrs Verlages gesteckt. Der Wunderwaldverlag hat wunderbare Bücher herausgebracht, und die Serie Lit.Limbus ist in der deutschsprachigen Verlagslandschaft eine einzigartige Idee, die ausgezeichnet umgesetzt worden ist. Kurzum: Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich in zwei Anthologien des Verlags vertreten bin und zudem meine Weihnachtsgeschichte im Rahmen der Serie Lit.Limbus veröffentlicht wurde. Danke für die Zusammenarbeit, Frau Stadelmann!

 

Frau Stadelmann war buchstäblich alleinverantwortlich für ihren Verlag, und hat innerhalb kürzester Zeit Wunder bewirkt. Bücher, die durch ein ausgezeichnetes Lektorat gegangen sind, wie ich es vorher kaum für möglich gehalten hätte. Heftromane, deren literarische Qualitäten weitaus höher zu bewerten sind als viele sogenannte „Bestseller“, die durch extremes Marketing und/oder „bekannte“ Namen kommerziellen Erfolg erzielen. Zu diesen großartigen Ergebnissen kann ich Michaela Stadelmann nur aus vollem Herzen gratulieren.

 

Wie aber der Titel dieser Episode („Es war einmal ein Verlag“) schon nahelegt, hat sich Frau Stadelmann entschlossen, ihren Verlag zu schließen. Wieder einmal also muss ein Verlag die Pforten schließen, der für Furore hätte sorgen können! Oh nein, er hat ja für Furore gesorgt, doch wussten davon – leider – nur Insider. Der Wunderwaldverlag ist aber gar nicht gescheitert, er hat nur etwas zu transportieren versucht, was heutzutage fast schon verpönt ist: Nämlich Leser/innen literarische Texte nahezubringen, die nicht auf ein Zielpublikum hingeschrieben sind, sondern durch Originalität überzeugen.

 

Im Rahmen der Lagerräumung sind derzeit zahlreiche Werke zu günstigen Preisen zu haben. Wer also Interesse an ungewöhnlichen Büchern hat, der wird dort sicher fündig!

 

Bleibt mir nur noch, mich auf einige Bücher des (Ex)-Verlags zu freuen, die mir schöne Lesestunden bescheren werden.

 

Bücher, Bücher, E-books...

Langsam wird auch der deutschsprachige Raum von einem Phänomen mehr als nur gestreift. Das sogenannte E-book ist ein typisches Erzeugnis des Zeitalters des weltweiten Netzes. Vor zwanzig Jahren hätte kein Hahn danach gekräht, was aber auch kein Wunder ist, denn das Internet war da noch in den Kinderschuhen. Das E-book hat den Vorteil, dass es der Leser problemlos in die Tasche stecken kann, nur eben nicht unbedingt nur ein einziges davon, sondern gern auch hundert oder tausend. So mancher Zeitgenosse in U-Bahn oder Straßenbahn nutzt die Möglichkeit, E-books auf irgendwelchen Readern zu lesen, ganz ungeniert.

 

Sind E-books der Weisheit letzter Schluss, läuten sie das Ende des klassischen Buches ein, oder ist überhaupt alles Humbug, weil eh bald die Welt untergeht? Nun ja, E-books sind eine gute Ergänzung zu den Büchern, wie wir sie seit Jahrhunderten kennen. Ich muss gestehen, nur marginal auf E-books zuzugreifen. Denn ich mag es, in Büchern zu blättern, manchmal nach Lust und Laune umzublättern, vorzugreifen oder innezuhalten. Meine kleine, feine Bibliothek wird von E-books nie übertroffen werden können. Und was in 100, 1000 oder 10.000 Jahren sein wird? Schau ma mal, ob da der Mensch überhaupt noch Lust oder zumindest Interesse verspürt, mittels welchen Mediums auch immer zu lesen. E-books sind der Anfang einer Revolution, die noch lange nicht ausgestanden ist. Die totale Technisierung der Welt schreitet voran, auch wenn der Großteil der Menschheit nichts davon hat und die Schöpfung ansonsten sowieso durch die Finger schaut. Ein E-book hat kein Alter, es kann auf und abgedreht werden, wenn dies der Leser will und die Verbindung nicht gestört ist. Ein Buch, also das Ding mit Deckeln und Blättern aus Papier dazwischen, hat ein Lebensalter, es wurde irgendwann gedruckt, und es ist spannend, in einem „alten“, sprich antiquarischen Buch zu schmökern.

 

Gibt es irgendetwas, das für das E-book spricht? Ja, natürlich, die Tatsache, dass es eine andere Form des Lesens ermöglicht, eine, die bei einem Umzug des Lesers in ein anderes Häuschen oder eine andere Wohnung nicht unzählige mit Büchern prall gefüllte Kartons in Bewegung bringt, und somit für viel Schweiß sorgt. Auch ich bin vom Virus des E-books infiziert, ich gebe es ja zu. Einige meiner Werke sind als E-book erhältlich, auch wenn sie noch nicht weggehen wie die warmen Semmeln. Sie sind Teil einer Bibliothek, die nur digital existiert. Angeblich oder vielleicht sind digitale Spuren nie auszulöschen, möglicherweise werden meine E-books also sogar länger leben als die viel älteren klassischen Bücher, die in allerlei Bibliotheken, auf allerlei Nachtkästchen und überhaupt an allen möglichen Plätzen anzutreffen sind.

 

Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch und davon ist nicht mal das E-book ausgenommen, auch wenn der Leser es nicht mit klassischen Eselsohren verunstalten kann. Ach ja, und E-book gefällt mir besser als „elektronisches Buch“, auch wenn ich ansonsten Verfechter deutschsprachiger Begriffe bin.

 

Arthur Schnitzler

Es gibt – glaube ich – kein Grab eines Autors, das ich öfters besucht habe als jenes von Arthur Schnitzler. Im Rahmen meiner Recherchen für den „Zentralfriedhofs-Führer“ führten mich meine Wege erstmals zum altjüdischen Friedhof beim ersten Tor des Zentralfriedhofs. Der erste Versuch, das Grab zu finden, scheiterte kolossal. Ein kurioser Vorfall rund um diese erste Suche ist sogar Bestandteil meines ersten Krimis „Die schüchterne Zeugin“. Wenig später gelang es mir dann aber mühelos, das Grab von Arthur Schnitzler zu finden.

Aber hier soll nicht nur vom Grab die Rede sein, sondern vom Autor Arthur Schnitzler. Einer der allerersten von mir gelesenen Texte, die einen hohen literarischen Anspruch haben, ist der „Leutnant Gustl“. Er wurde im Deutsch-Unterricht empfohlen, der innere Monolog sollte interpretiert werden. Und ich war sofort fasziniert vom Innenleben des Leutnants Gustl. Eine schrullige Figur irgendwie, jedoch ganz nach meinem Geschmack. Sein Spaziergang in der Prater Hauptallee ist mir in besonders guter Erinnerung geblieben. Überhaupt: Sind es nicht immer scheinbare Kleinigkeiten, die nach der Lektüre eines Buches zurückbleiben? Und wie schaut das Jahre später aus? Der „Leutnant Gustl“ ist heute keine Identifikationsfigur mehr für mich, zumindest nehme ich das an. Er steht für etwas, das weit in der Vergangenheit zurück liegt. Gibt es etwas „Heutiges“, das mit dieser Novelle zusammen hängen könnte? Oberflächlich betrachtet wenig bis nichts, doch die eigentliche Dramatik ist die innere Zerrissenheit, die Gustl zu schaffen macht. Er hängt mehr oder weniger in der Luft und weiß sich nicht zu helfen. Dann kommt ihm das „Glück“ zu Hilfe, doch auch das weiß er nicht so recht zu ergreifen.

Der „Leutnant Gustl“ ist in seiner Dramatik zeitlos. Denn dieser Protagonist ist mit sich selbst im Unreinen, wirft Schatten an die Wand, vor denen er Angst hat. Er ist ein Verlorener, der aber nicht hoffnungslos verloren ist. Doch die Zeichen der Zeit treiben ihren Unsinn mit ihm. In der zeitlosen Dramatik wird die Zeit dann doch zum nerven zerfetzenden Kontrahenten des Leutnants. Ist denn der Mensch tatsächlich so sehr in „seiner Zeit“ gefangen, dass er gar keine Chance hat, dieser scheinbaren Wirklichkeit die Stirn zu bieten? Kann er sich nicht auflehnen und andere Wege gehen, also seiner Zeit voraus sein? Schnitzler war definitiv seiner Zeit voraus, als er diese Novelle schrieb. Sigmund Freud fand diese Tatsache wahrscheinlich gespenstisch. Schnitzler und Freud waren Seelenverwandte, weil sie der Seele und deren Kränkungen auf der Spur waren. Der „Leutnant Gustl“ ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie es passieren kann, dass ein Mensch von einer – scheinbaren - Winzigkeit so sehr aus dem Gleis geworfen wird, sodass er nie wieder vor dieses Ereignis zurückkehren kann. Die Schramme sitzt für immer in der Seele, und somit wäre der Leutnant gut damit beraten gewesen, bei Freud in die Psychoanalyse zu gehen. Oder auch nicht, die Psychoanalyse ist ja nicht für jeden aus der Bahn geworfenen Menschen das einzige Mittel, in psychischer Hinsicht zu „gesunden“.

Bevor ich jetzt auch noch andere Werke von Arthur Schnitzler vergeblich zu analysieren bemüht sein will, weise ich lieber nochmals auf die letzte Ruhestätte dieses einzigartigen Schriftstellers hin: Vom ersten Tor des Zentralfriedhofs aus nach nur wenigen Metern nach rechts ausscheren und dem Weg folgen. Probieren Sie´s!

Das Buch der Bücher

Es soll Menschen geben, welche die Bibel – und zwar das alte und das neue Testament – fortlaufend gelesen haben. Ein Unterfangen, das sehr viel Konzentration und Ausdauer voraussetzt. Ich habe mich bislang fast ausschließlich mit dem neuen Testament beschäftigt. Dies ist für sich betrachtet keine einfache Aufgabe. Die Konzentration auf einzelne Abschnitte konfrontieren jeden Leser mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Das neue Testament kann niemanden kalt lassen, der sich näher damit auseinandersetzt.  

Ich werde an dieser Stelle keine „Neuinterpretation“ der Bibel liefern. Es existiert soviel Sekundärliteratur über die Bibel, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, daraus einen gemeinsamen Nenner abzuleiten. Was mich seit einigen Jahren besonders interessiert ist die Kanonisierung, und somit auch die Frage, warum diese und jene Texte Einzug in die Bibel gefunden haben und andere nicht. Da die Evangelien das Herzstück des neuen Testaments sind, ist es äußerst spannend, die Hintergründe der Auswahl verstehen zu wollen. Es fand also eine Kanonisierung statt, und die bekannten vier Evangelien fanden Einzug in das neue Testament. Das am spätesten verfasste ist das Johannes-Evangelium. Darauf gründen sich viele Ansichten der christlichen Kirchen, insbesondere der katholischen. Ja, es scheint sogar so zu sein, dass dieses Evangelium so etwas wie der „Weisheit letzter Schluss“ ist. Kurios hierbei ist, dass das Johannes-Evangelium auf den anderen Evangelien beruht und also genau genommen eine Interpretation von Interpretationen ist. Ich kann diesem Evangelium nichts abgewinnen. Es gibt zahlreiche Bücher darüber, warum das Johannes-Evangelium anderen Evangelien vorgezogen worden ist. Wie wahrscheinlich nicht anders zu erwarten ging es um die Macht der Kirche. Die Gläubigen wurden damit an die Leine genommen und in eine bestimmte Richtung gezogen. Wie fatal es ist, eine bestimmte Richtung vorzugeben, beweist die weitgehend immer noch im Altertum steckende katholische Kirche. Gott sei Dank gibt es eine Reihe von Initiativen und Proponenten der Kirche, an denen die Gegenwart nicht spurlos vorübergeht. Das Festhalten an überalterten „Prinzipien“ stößt bei vielen Gläubigen auf Unverständnis. Das Johannes-Evangelium ist an der Misere nicht ganz unschuldig. Dieses „altertümliche Märchen“ sollte eigentlich keinen ernsthaft Gläubigen vom Ofen hervor locken. Unsinnigkeiten wie die „biologische Jungfräulichkeit“ von Maria wollen besonders hartgesottene Vertreter der Kirchen daraus herauslesen. Ja, es gibt ein paar nette Details, die das Johannes-Evangelium verschönern, um es mal so auszudrücken. Aber diese wenigen Details, auf die ich bewusst nicht eingehen will, ergeben noch keinen „Leitfaden“, an den sich der Gläubige orientieren kann.

Wer das Thomas-Evangelium kennt, der kennt somit den Unterschied zum Johannes-Evangelium. Insbesondere die Gegenüberstellung dieser beiden Evangelien hat mich in Beschlag genommen. Die Person Jesu nicht bloß „abheben“ zu lassen, sondern ihr jene Bodenhaftigkeit zu verleihen, durch die Jesus tatsächlich als Mitmensch erfahrbar wird, ist das große Verdienst des Thomas-Evangeliums. Die Beschränkung auf göttliche Aspekte, wobei hie und da die mitmenschliche Komponente gerade mal mitschwingt, ist das „Verdienst“ des Johannes-Evangeliums. Womit kann der Mensch mehr anfangen? Ich schreibe mal klipp und klar mit dem Thomas-Evangelium. Denn die Erkenntnis, Jesus eine göttliche Komponente zuzuordnen, ist undenkbar ohne das Verständnis für den „Menschensohn“, um es mal so auszudrücken. Leider hat sich das Johannes-Evangelium in das neue Testament hineingeschlichen, und spielt etwa an einigen katholischen Feiertagen eine „große Rolle“. Ja, dieser Johannes konnte womöglich gut schreiben, hatte sicher auch Ahnung von den anderen Evangelien. Aber das ändert nichts daran, dass er bloß interpretiert hat, und dies keineswegs so, dass gläubigen Menschen damit gedient ist.

Jeder Leser des alten oder neuen Testaments wird seine eigenen Erfahrungen mit den Texten machen und daraus für sein Leben etwas mitnehmen können. Es bedarf nicht unbedingt einer „Anleitung“, auf das die Texte auch verstanden oder „richtig“ interpretiert werden. Wer sein Herz öffnet, der wird ganz persönlich von einer Geschichte umschmeichelt, die faszinierend ist. Eine Geschichte einer Menschwerdung. Der Spruch: »Mach es wie Gott, werde Mensch!« wird immer wieder mal zitiert. Doch genau darum geht es: Ein Mensch zu werden, der seinen eigenen Weg geht und dabei auf Gott vertraut. Ein Bild von Gott kann sich kein Mensch ernsthaft machen, doch jeder Mensch kann versuchen, dem Ruf zu folgen, der aus seiner Seele strömt. Denn dort berührt Gott jeden Menschen ganz persönlich. Es geht darum, diese Berührung wahrzunehmen. Die Bibel erzählt Geschichten, die genau in diese Richtung gehen. Auch das Thomas-Evangelium. Die apokryphen Evangelien, insbesondere das Thomas-Evangelium, sind allemal als Lektüre zu empfehlen.

Es war einmal

Märchen waren für mich der erste Kontakt zur Literatur. Ich habe schon Märchen gekannt, ehe ich überhaupt schreiben oder lesen konnte. Märchen sind in allen Kulturkreisen bekannt. Verwunderlich nur, dass ich in all den Jahren als Autor erst ein einziges Märchen geschrieben habe, aber das kann sich noch ändern. Märchen üben einen Zauber aus, von dem ungebrochen viele Kinder verzückt sind. „Moderne“ Märchen sind gar nicht so einfach zu verfassen. Zumal es nicht nur einfach darum geht, Figuren zu erfinden und sie in eine komplexe, hintergründige Welt mit pädagogischem Einschlag zu integrieren. Die Zustände auf der uns bekannten Welt sind so unverständlich bis beängstigend, dass vielleicht nur das Märchen dazu in der Lage ist, eine beruhigende Wirkung auszuüben. Denn hinter all dem Wahnsinn gibt es eine andere Welt, eine Welt, in der nicht nur Geld regiert und Ungerechtigkeit ein Normalzustand ist.

 

Es war einmal, da hatten Märchen auch die Funktion, von einer Welt zu erzählen, die bis in die heutige Zeit hineinwirken kann. Märchen von heute müssen wohl die Funktion haben, weit in die Zukunft vorauszuschauen. Dystopien haben ihnen fast schon den Rang abgelaufen. Friede, Freude, Eierkuchen und alles wird gut, das klingt tatsächlich wie ein „Märchen“. An eine bessere Welt zu glauben darf keine Utopie sein. Märchen weisen über die kurze Zeitstrecke hinaus, die dem Menschen auf Erden gegeben ist. Er ist dazu in der Lage, zu träumen, zu hoffen, zu glauben, der Welt seinen Stempel aufzudrücken. Sich in einer Welt zurecht finden zu wollen, in der alles darauf hinaus läuft, dass die – ohnehin nie bewährten – Systeme in sich zusammen stürzen, ist für jeden Menschen eine große Aufgabe. Einfach immer nur Teil des „etablierten“ Systems zu sein und darin irgendeine Rolle zu spielen ist zu wenig. Was gibt es nur für schöne Märchen, in denen die ungewöhnlichsten Figuren auftreten: Das tapfere Schneiderlein, der kleine Muck, Zwerg Nase, Dornröschen, Schneewittchen, der tapfere Zinnsoldat, nur um einige in unseren Breitengraden bekannte Märchenfiguren zu nennen.

Ist das Leben nicht selbst ein Märchen, nur dass wir Menschen es nicht mehr richtig wahrnehmen? Wir könnten Helden unseres eigenen Lebens sein, und versuchen, das Bestmögliche zu bewirken, sodass es unseren Mitmenschen warm ums Herz wird oder sie nachzudenken beginnen. Jeder Mensch trägt die Möglichkeit in sich, ein Märchenheld zu sein. Märchen sind für Kinder so faszinierend, weil sie sich mit den positiven Figuren identifizieren. Als Erwachsene werden wir mit einer anderen Realität vertraut. Dort „siegen“ in den seltensten Fällen die Guten, „Gewinner“ sind meist jene, die so perfekt an das System angepasst sind, dass sie je nach Bedarf wie ein Chamäleon die Farbe wechseln können, um mit dem gerade angesagten „System“ zu verschmelzen. Bloß, dass sie das nicht tun, um sich vor etwaigen Feinden zu schützen, sondern um sich selbst in Szene zu setzen und bessere Chancen zu haben, in irgendeiner beruflichen „Karriere“ voran zu kommen, was oft bewirkt, dass sie andere Menschen psychisch und/oder physisch vernichten.

 

Märchen sind Illusion, aber das müssen sie nicht zwangsläufig sein. Der Traum von einer besseren Welt interessiert die Machthabenden und die Gewinner des Systems nicht. Aber wir, die wir an das Gute glauben, können der Welt unseren Stempel aufdrücken, indem wir dem System unsere Individualität entgegen setzen und zu Helden unseres eigenen Lebens werden.

Sicher nicht einfach, doch die Alternative ist die Systemgläubigkeit und also der Glaube an wirtschaftlichen, aber nicht menschlichen Fortschritt. So tauchen wir also ein in unser eigenes Märchen!

 

Wandlungen

Geht es schon wieder um Kafka? Nun ja, irgendwie schon. Aber hauptsächlich darum, welche Verwandlungen das Leben eines Menschen radikal verändern können. Vom langweiligen Beamten zum Käfer aufgewertet zu werden ist eine Vorstellung, die nicht wirklich Glücksgefühle erzeugt. Der Mensch ist ständig versucht, sein Leben auf den Kopf zu stellen.

 

Kann es sein, dass ein Autor beschließt, kein Autor mehr sein zu wollen? Mehr noch, eine „Karriere“ anzustreben, zum was auch immer zu degenerieren, den Schritt rückwärts zu machen? Ja, ist es möglich, den Schreibkram hinter sich zu lassen und in irgendeinem „bürgerlichen Beruf“ aufzugehen? Kafka hat das nie geschafft, wollte er auch gar nicht. Er ging seiner Berufung als Autor nach, und verdiente sein Brot mit juristischen Spitzfindigkeiten. Javier Marias erzählt in einem seiner zahlreichen Romane von einem Autor, der nach zwei erfolgreich verlegten Büchern das Schreiben sein lässt. Hat das mit der Angst vor dem Ruhm zu tun oder damit, dass dieser Autor bereits die Spitze des Berges erklommen hat und mit dem nächsten Schritt in den Abgrund stürzen würde?

 

Nicht wenige Autoren werden vom eigenen Ruhm überrollt, und schaffen es nicht mehr, auf dem Boden zu bleiben. Andere verzichten darauf, diesen Ruhm überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, arbeiten weiter an der literarischen Entwicklung und ziehen letzte Konsequenzen, wenn sie an frühere Erfolge nicht mehr anknüpfen können. Wer hoch hinaus will, hat einen weiten Weg vor sich. Wer aber recht weit oben ist, schwebt immer in der Gefahr, abzustürzen. Vielleicht nur wenige Meter und mit den Folgen von Schürfwunden. Doch ebenso sind Prellungen, Brüche, schwere Verletzungen mit Todesfolge nicht auszuschließen. Wer sich vor Wandlungen total verschließt, und sich ausschließlich als Autor definiert, ist vor schweren Konsequenzen nicht gefeit. Der Autor ist nicht nur Autor, er ist in erster Linie Mensch. Dass ein Mensch im Beamtengewand zum Käfer degeneriert, und dies als Aufwertung verstanden werden kann, ist von tragikomischer Wucht. Doch ein Autor kann durchaus die Überlegung anstellen, nicht mehr „nur“ Autor sein zu wollen. Dann kann er mit Höhenflügen besser umgehen, und Abstürze besser verkraften. Er wird mit Schürfwunden davonkommen, sich aufrappeln und weitere literarische Projekte nicht ausschließen. Ein Autor sollte der Welt gegenüber offen sein, an sich als Mensch arbeiten, kurzum auch persönliche Verwandlungen zulassen, dann wird er nicht so leicht in Versuchung geraten, den Käfer in sich immer größer werden zu lassen, bis dieser die eigene Persönlichkeit verschluckt. Kafka war und blieb immer Mensch trotz aller Lebenskrisen und Lebensdramen. Sein Käfer stirbt, doch der Mensch erwacht zu neuem Leben.

 

Feinheiten

Wann immer ich mich mit meinen eigenen literarischen Versuchungen beschäftige, entdecke ich Textpassagen, manchmal sogar ganze Absätze, die ich heute anders oder gar nicht schreiben würde. Aus den Texten geht meine Entwicklung als Autor hervor. Mit dem kritischen Auge des Lesers entdecke ich feinere und gröbere Schwächen, bin hin und weg, warum ich dieses oder jenes nicht in eine andere Form gebracht habe, wo es nunmehr teilweise bereits als Veröffentlichung vorliegt.

 

Wenn es nur um Nuancen ginge wäre die Sache halb so wild. Ich könnte mich zurücklehnen und mit mir selbst um des Kaisers Bart streiten. Doch allzu auffällige Einzelheiten bringen mich dazu, mit mir schwer ins Gericht zu gehen. Ja, es gibt keinen Text, den ich heute genauso schreiben würde wie anno dazumal. Irgendwie logisch, denn die Inspiration ist jeden Tag anders, und warum sollte es heute genau so laufen wie vor drei oder dreizehn Jahren?

Andererseits macht es Spaß, etwaige Unzulänglichkeiten aufzuspüren und daraus zu lernen. Jeder neue literarische Versuch ist die Chance, es besser zu machen.

 

Die beste Adaption eines literarischen Werkes von mir ist die Weihnachtsgeschichte. Vor vielen Jahren geschrieben und unter den schrecklichsten Voraussetzungen veröffentlicht ist sie nach all dem Fein- und Grobschliff nicht mehr wieder zu erkennen. Frau Stadelmann, meine Verlegerin der neuen Version, hat mit mir gemeinsam die Geschichte in eine bemerkenswerte Form gebracht, inklusive einem großen Koffer voll Überraschungselementen. Jeder Geschichte kann ein Zauber inne wohnen und dieser Zauber ist jetzt definitiv existent. Neue Versionen diverser literarischer Versuchungen können also ungeahnte Höhenflüge ermöglichen. Das ist keineswegs selbstverständlich.

 

Es gilt, mir auch als Autor treu zu bleiben, und zu meinen schwächeren literarischen Auswüchsen zu stehen. Der Traum, DAS Meisterwerk guthin zu verfassen, bleibt ohnehin bestehen. Davon bin ich wie nahezu 100 % aller Autoren um Lichtjahre entfernt. An Feinheiten zu arbeiten, gröbere Ecken und Kanten zu vermeiden und die persönliche Entwicklung als Autor und Kritiker eigener und fremder Texte voranzutreiben mag ein Weg sein, um irgendwann in der Zukunft ausrufen zu können: »Ich habe mein Bestes gegeben, und dieser Text hat jene Tiefe, die ich mir sogar selbst zuzugestehen vermag!«

 

John Grisham mal ganz anders

In der Vorweihnachtszeit begebe ich mich gerne auf die Suche nach Büchern, die mit Weihnachten zu tun haben. Es sollen keine dickbäuchigen Wälzer sein, welche Gefahr in sich bergen, bis Weihnachten überhaupt nicht fertig gelesen zu werden. Nein, einfach Bücher, deren Wert darin besteht, Weihnachten vielleicht etwas anders darzustellen. Seit Ende 2008 lese ich durch einen exzellenten Englisch-Trainer dazu motiviert relativ regelmäßig Bücher in englischer Originalfassung. Und was fand ich da in der Buchhandlung meiner Wahl? Es ist leicht zu erraten, wo John Grisham und das Cover des Buches Gegenstand dieses Eintrages sind: Skipping Christmas!

 

John Grisham ist für seine Thriller bekannt, die allesamt verfilmt wurden. Er vermag es meisterlich, Spannung aufzubauen. Doch Skipping Christmas ist eine ganz andere Geschichte. Es sprüht darin nur so von Tragikomik, einzigartigen Geschehnissen, aberwitzigen Charakteren. Der Thrillerautor mutiert zum Weihnachtsmann, weil in den Vereinigten Staaten bekanntlicherweise das Christkind zwar auch in der Krippe liegt, als Geschenkebringer jedoch Santa Claus den Vorzug geben muss. Das spielt aber in der Weihnachtsgeschichte von Grisham keine Rolle. Es geht um den Kaufrausch, um die kommerzielle Ausschlachtung des Weihnachtsfestes. Das Ehepaar Krank beschließt, der alljährlichen Weihnachtshektik zu entgehen, und stattdessen Urlaub in der Karibik zu machen. Das Töchterchen ist nicht im Lande, und warum sollte nicht mal anstatt hektischer Tage eine friedvolle Zeit in sonnigeren Gefilden die Weihnachtszeit versüßen?

 

Was Grisham inszeniert, ist der helle Wahnsinn. Denn die Kranks werden von den Nachbarn terrorisiert, weil sie sich dem ungeschriebenen Gesetz widersetzen. Sie geraten von einer unmöglichen Situation in die nächste, ihr Vorsatz, dem Weihnachtstrubel ein Schnippchen zu schlagen erzielt genau die gegenteilige Wirkung. So turbulent nämlich ging es wohl noch nie in der Vorweihnachtszeit für das Ehepaar zu. Und doch setzen sie sich durch und sind kurz davor, in die Karibik zu entfliehen, als sich dann doch das Töchterchen zum Weihnachtsfest ankündigt und auch noch den Freund mitbringen wird. Damit ist für weitere Turbulenzen gesorgt, denn die Kranks wollen innerhalb weniger Tage das nachholen, was sie in den Wochen davor aus persönlichem Entschluss heraus vermeiden wollten. Geschenke, ein Weihnachtsbaum, köstliche Speisen müssen besorgt werden. Nicht zu vergessen der Festschmuck! Kurzum werden die Kranks diese letzten Tage vor Weihnachten wohl nie vergessen und die Leser auch nicht, denn nie zuvor habe ich eine Weihnachtsgeschichte gelesen, die von Anfang bis Schluss von so feinem Humor und skurrilen Situationen durchsetzt war. Absolut empfehlenswert, und unbedingt die englische Originalfassung lesen, da ist für wunderbare Lesestunden gesorgt!

 

Otto von Habsburg

 

Der Tod von Otto von Habsburg brachte ein opulentes Begräbnis mit sich. Im Vorfeld mokierten sich manche vermeintliche Anhänger der Demokratie, dass dieses Begräbnis nur unnötig viel Geld koste und alte Zeiten aufkeimen lasse, die längst niemanden mehr interessieren. Tatsächlich habe ich auch in meinem Umfeld merkwürdige Sprüche gehört, welche in diese Richtung abzielten. Beide Argumente sind unsinnig. Das bisserl Geld ist nicht mal die Portokassa für überbezahlte Manager, und wer sagt, dass es schlecht sein muss, mit einer etwas länger zurückliegenden Vergangenheit für einen Moment in Berührung zu kommen?

 

Die Monarchie war nicht nur schlecht, so wie die Demokratie nicht nur gut ist. Das Kaiserreich zeichnete sich durch eine andere Denkungsart der Menschen aus, und die Strategie des Kaisers war durchschaubarer als jene der „führenden“ Politiker heutzutage in Österreich. Es war früher nicht alles besser, aber auf der anderen Seite ist heute auch nicht alles besser.

 

Im Grunde will ich aber auf etwas anderes hinaus. Georg Markus erzählte anlässlich des Todes von Otto von Habsburg eine Anekdote: Und zwar wurde einst Joseph Roth bei Otto von Habsburg vorstellig. Otto von Habsburg wusste, dass Roth dem Alkohol zugeneigt war, und riet dem genialen Autor, vom Alkohol abzulassen. Roth tat wie ihm geheißen, was aber seinen vorzeitigen Tod nur wenige Wochen später nicht verhindern konnte. Es gab also einen Bezug zwischen Otto von Habsburg und Joseph Roth! Ich wurde neugierig, hatte bis dahin überhaupt erst eine einzige Erzählung von Joseph Roth gelesen. Mit Inbrunst las ich in den folgenden Wochen den „Radetzkymarsch“ und die „Kapuzinergruft“. Was für eine Literatur! Von Anfang an wurde ich hineingezogen in die alten Zeiten inklusive des Abgesangs der Monarchie. Nicht nur die Thematik vermochte mich zu faszinieren, fast noch mehr berauschte mich die geschliffene Sprache von Roth. Jeder Satz steht wie ein Berg da, der erklommen werden muss. Es machte einfach Spaß, zwei Meisterwerke zu lesen, die einander wunderbar ergänzen. Die Monarchie nur schlecht zu reden ist ein Unding. Die Demokratie hat den Menschen in gewisser Hinsicht befreit, andererseits ist er in einer kapitalistischen Arbeitsgesellschaft gefangen, und wird zum Konsumenten erzogen. Ist eine Freiheit, die der Psyche nachgewiesenermaßen schadet, so großartig? War der einfache Bürger in Zeiten der Monarchie nur unfrei, und dazu verdammt, den aufgestellten Regeln zu folgen? Und wird nicht auch der heutige Mensch dazu verdammt, Spielregeln einzuhalten, die zumindest ebenso unsinnig sind wie anno dazumal, jedoch aufgrund der Technisierung und totalen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten weitaus katastrophalere Folgen nach sich ziehen?

 

Ich habe mir das Begräbnis von Otto von Habsburg teilweise angesehen, und hatte nie den Eindruck, dass hier auf Kosten des Steuerzahlers alte Zeiten künstlich aufgebauscht werden. Vielmehr wurde mir bewusst, was dem „modernen“ Menschen von heute am meisten fehlt: Gelassenheit und Interesse für die Geschichte Österreichs! Es ist nicht alles Gold, was glänzt, aber auch nicht alles verstaubt, worüber ein Mantel des Schweigens gelegt ist.

 

Die schwierigste Lesung meines Lebens

Es kam schon mal vor, dass eine Lesung wegen nicht vorhandenem Publikum abgesagt wurde. Im Rahmen einer anderen Lesung verschwanden die Zuhörer nach und nach. Zwei Mal las ich einem grippalen Infekt zum Trotz. Und die zwei Lesungen im Wiener Kanal waren auch nicht ohne.

 

Aber all das ist nichts im Vergleich zu dem dramatischen Ereignis, das meiner Lesung in der wunderbaren Contramass-Galerie voranging. Ich wollte schon einige Minuten vor dem festgesetzten Beginn da sein, und bemerkte, dass die Straße, in der sich die Galerie befindet, vollkommen abgesperrt war. Ein Polizeiauto blockierte den Verkehr, Busse waren ohne Fahrgäste und Fahrer geparkt. Ich ging an der Galerie vorbei, weil in unmittelbarer Nähe Polizei und Feuerwehr postiert waren. Ein Feuerwehrmann war gerade dabei, ein Fahrrad aus einer misslichen Lage zu befreien. Mir war bewusst, dass da etwas Heftiges passiert sein musste. Ein Passant fragte mich, ob ich Bescheid wüsste, doch das musste ich verneinen. Dass ein Unfall stattgefunden hatte, war jedoch klar.

 

Einige Minuten später betrat ich die Galerie. Die Galerieleiterin begrüßte mich herzlich. Und in den nächsten Minuten musste ich mir eine schreckliche Schilderung anhören. Vor einer oder eineinhalb Stunden habe sie einen mächtigen Crash gehört, sei auf die Straße gelaufen, und habe dann eine Frau gesehen, die lebensgefährlich verletzt worden war. Ein Autofahrer hatte bei rot die Kreuzung überfahren, dann sei es zu einer Kollision mit einem bei grün in die Kreuzung von einer anderen Seite einfahrenden Auto gekommen. Dieses andere Fahrzeug sei so unglücklich touchiert worden, dass es gegen zwei Passanten geschleudert wurde. Eine Passantin sei von beiden in den Unfall verwickelten Fahrzeugen gerammt und eingeklemmt worden. Ein Passant sei frontal erwischt worden und buchstäblich durch die Luft gesegelt. Letzterer überlebte mit schweren Verletzungen. Die Passantin aber, eine gebürtige Inderin, erlag nur wenig später ihren schweren Verletzungen. Die Galerieleiterin hatte dieses grauenhafte Ereignis hautnah mitbekommen. Trotz dieser Umstände stand nie in Frage, dass meine Lesung stattfinden sollte.

 

Freilich war dieser schreckliche Unfall für längere Zeit erstes Gesprächsthema zwischen all den Gästen, die im Laufe der Zeit eintrudelten. Mit der Zeit gelang es, andere Themata anzusprechen, und mit einer Verspätung von einer Stunde startete ich dann meine Lesung. Der Zufall wollte es, dass in einigen meiner Texte der Tod eine wesentliche Rolle spielt. Der Tod, der hinter der nächsten Ecke lauern kann. Nur wenige Meter vom Lesungsort entfernt wollte eine Frau eine Kreuzung überqueren und war im nächsten Moment lebensgefährlich verletzt, und wenig später tot.

 

Nach der Lesung begab sich die Mehrzahl der Gäste, die Galerieleiterin und ich in ein nahegelegenes Cafe. Zu später Stunde betrat ein besonderer Gast das Cafe. Eine Frau, die den Unfall gesehen hatte und eine der ersten überhaupt am Unfallort war. Sie hatte die Frau versucht erstzuversorgen. Zufälligerweise waren auch medizinisch geschulte Menschen vor Ort. Doch trotz dieser Umstände war es nicht möglich, die Frau zu retten. Die Schilderungen der Zeugin waren so erschreckend, dass mir ganz anders wurde. Einige Wochen später kam ich wieder bei der Galerie vorbei und dort, wo der Unfall stattgefunden hatte, waren Kerzen aufgestellt. Ich hatte eine Lesung zu bestreiten gehabt, die von einem schrecklichen Unglück überschattet war. Die schwierigste Lesung meines Lebens beendete ich damit, auf die Vorkommnisse hinzuweisen, die ein Menschenleben gekostet hatten.

 

Ich glaube daran, dass die junge Frau nun in einer besseren Welt ist, wo es kein Leid mehr gibt.

 

1989

Es gibt Augenblicke, die das Leben eines Menschen verändern können, und mir ging es so, als im Herbst 1989 mein Deutsch-Lehrer das Klassenzimmer betrat. Er tippte mit seinem Finger an seine Stirn, und damit war eine Lektion zum Thema Kommunikation eingeleitet. Was folgte waren einige intensive Wochen, durch die ich das Schreiben neu entdeckte. Mein Lehrer, Herr Zsilla, hatte etwas in mir zum Klingeln gebracht, dessen Ausläufer bis heute weiter wirken. Er bestärkte mich darin, dem Schreiben meine Aufmerksamkeit zu widmen. Und er tat dies, ohne mich mit der Nase darauf zu stoßen. Ich schrieb viele Aufsätze, von denen mein Mentor leider nur die wenigsten korrigieren konnte. Denn bald schon erfuhr ich, dass er Leukämie hatte. Er starb nur wenige Monate später im 46. Lebensjahr, und damals vermochte ich gar nicht, seinen Tod mit aller Konsequenz zu realisieren. Was Herr Zsilla für mich getan hat lässt sich gar nicht in Worten ausdrücken. Aber eines steht fest: Ohne sein Einwirken wäre ich nicht der, der ich jetzt bin und dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Er hat mein Leben derart bereichert, dass ich auch an dieser Stelle nur schreiben kann: Lieben, lieben Dank, Herr Zsilla, für Ihr großes Engagement, Ihr großes Herz, Ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten! Sie haben etwas in mir gesehen, das ich selbst noch gar nicht kannte.

 

1989 war erstaunlicherweise auch das Jahr, in dem „Der Club der toten Dichter“ in die Kinos kam. Dieser Film gehört zu den von mir am häufigsten gesehenen, wenn er nicht überhaupt auf Platz eins dieser Rangliste hervorragt. Wenn ich diesen Film sehe, dann stelle ich jedes Mal fest, wie wichtig es ist, dass der Mensch Menschen braucht, die ihm Kraft geben, den eigenen Weg zu gehen. Freilich mag der Mensch auch aus sich selbst heraus Kräfte entwickeln, durch die er sein Leben zu meistern vermag, doch nur durch die innige Verbindung zu einem oder mehreren anderen Menschen kann daraus jene Stärke erwachsen, die Wunden heilen kann. „Der Club der toten Dichter“ wurde nicht unisono als großartiger Film beschrieben, merkwürdige Kritiken waren jedenfalls dabei. Ich will auf diese Absurditäten nicht eingehen, sondern die Besonderheit des Films hervorkehren: Ein Lehrer zeigt seinen Schülern die Welt der Literatur und betont zudem die Individualität, die in jedem Menschen angelegt ist. Den eigenen Weg zu gehen, sich nicht von wem auch immer verunsichern zu lassen, alles dafür zu geben, dass sich der Traum eines gelungenen Lebens erfüllt… Das hat nichts mit Beruf, mit Karriere, mit Geld, mit Erfolg zu tun, sondern nur mit einem: Mit der Erkenntnis, dem Weg des Herzens zu folgen. Was vielleicht ein wenig kitschig klingt, ist der Königsweg des Lebens: Jenen Schatz zu suchen, der im Herzen verborgen ist. Oh, es ist keineswegs offensichtlich, und die jungen Männer im Film sind erst dabei, am Schloss der Schatztruhe zu kratzen, doch irgendwann macht sich das Gefühl breit, den eigenen Weg gefunden zu haben. Wohin dieser Weg führt ist gar nicht mal so wichtig. Allein schon, dass dieser Weg gegangen wird, macht das Leben zu einem großen Abenteuer.

Für mich ist es das literarische Schreiben, das mich vorwärts treibt. Und überhaupt die Auseinandersetzung mit Kunst, der Wunsch, neue Projekte zu realisieren. Kein Weg ist schnurgerade, es gibt zahlreiche verschlungene Pfade und manchmal verirrt man sich irgendwo im tiefen Wald. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, sich einen Reim aufs Leben zu machen, doch ich bin bereit, dem Pfad weiter zu folgen. Auch ein Film kann zu Tränen rühren, und die letzte Szene von „Der Club der toten Dichter“ ist für mich eine der wunderbarsten der Filmgeschichte: Ein paar Jungen verlassen den Weg vorgegebener Regeln und erklären sich mit ihrem Lehrer solidarisch.

 

1989 hat mein Leben maßgeblich beeinflusst. Und dass dann auch noch die Mauer fiel, und wie ich dies in Zusammenhang zu meiner persönlichen Geschichte bringe, habe ich einst auf meiner alten Website beschrieben.

 

Ein Leben ohne Bücher

 

Bücher sind gefährlich, weil sie die intellektuelle Entwicklung des Lesers zu fördern vermögen. Der Mensch darf nicht in die individuelle Falle tappen, soll gefälligst der Gleichschaltung in einem perfekt kontrollierten Gesellschaftsgefüge nichts entgegen setzen. Was in „Fahrenheit 451“ verhandelt wird, ist nicht mehr und nicht weniger als die Frage danach, was den Menschen ausmacht. Ist der Mensch dazu verdammt, sich selbst nur als Schatten an der Wand zu begegnen? Ist Selbsterkenntnis überhaupt möglich? Kann der Mensch sich seine eigene Meinung über gesellschaftspolitische Fragen bilden, ohne von wem auch immer belehrt zu werden? Braucht der Mensch ein durchorganisiertes Gesellschaftssystem, um sein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen?

 

Der auf Funktionen reduzierte Mensch ist heutzutage sich selbst enthoben. Er macht oft nicht einmal den Versuch, die Hintergründigkeit seiner Existenz zu reflektieren. Vielmehr grundelt er dahin, dient einem System, das er nicht versteht, und ist ein perfekt gestylter Konsument.

Dieses Schreckensszenario trifft freilich nicht auf alle Menschen zu, aber doch auf sehr viele. Wer das System und seine eigene Rolle darin nicht in Frage stellt, wird schnell vom System überrollt und zu seiner eigenen Fußnote. „Fahrenheit 451“ stellt auf drastische Weise dar, wie ein System funktioniert, das Menschen Selbstreflexion und eine kritische Sicht auf die gesellschaftspolitische Struktur verbietet. Tja, die Gleichschaltung funktioniert nicht so, wie es sich die Zampanos, politischen Machtmenschen und multinational organisierten Unternehmer so gerne wünschen: Denn es mucken immer wieder Menschen auf, die den Verstand noch nicht verloren haben, und zu kämpfen bereit sind.

 

Ein Leben ohne Bücher wäre für mich nicht vorstellbar. Die Autorinnen und Autoren reden mit mir, stellen mir ihre Weltsicht dar, führen einen Dialog mit mir. Ich kann antworten, indem ich die Erkenntnisse, welche ich aus den Büchern gezogen habe, direkt in mein eigenes Leben integriere. Ein Buch bietet die Möglichkeit, die Welt aus einer völlig anderen Perspektive zu sehen. Wer liest, wird zum Teil einer Welt, an der er Gefallen finden kann oder auch nicht. Mit den Zuständen, wie sie in „Fahrenheit 451“ dargestellt werden, bin ich maßlos überfordert. Ich frage mich, ob ich tatsächlich in der Lage wäre, einen ganzen Roman von Dostojewski oder Kafka auswendig zu lernen. Aber vielleicht wäre ich zu dieser Großtat in der Lage, wenn es die einzige Chance ist, einen wunderbaren Roman für die Nachwelt zu bewahren. Ein Totalverbot von Büchern würde mich – und davon bin ich überzeugt – zu einem Rebellen machen. Denn ich würde alles dafür tun, um Büchern meine Ehre zu erweisen.

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“. Dieser Satz von Franz Kafka trifft den Nagel auf den Kopf. Bücher können den Weg zu uns selbst ebnen, damit wir nicht immer nur auf einen Fremden im Spiegel starren, wenn wir uns selbst zu begegnen glauben.

 

Kriminacht 2011

 

Es war eine besondere Freude für mich, zum insgesamt dritten Mal als Autor Teil der Kriminacht zu sein. Das Cafe Hegelhof war sehr gut besucht und die Zuhörerinnen und Zuhörer haben mir andächtig gelauscht. Aber das eigentliche Highlight erfolgte einige Minuten nach der Lesung in Form eines jungen Mannes im Alter von vielleicht 10 oder 11 Jahren. Er hat mich um ein Autogramm ersucht. Ich habe ihm sehr gerne seinen Wunsch erfüllt und ein paar Worte mit ihm gewechselt. Kein Autor kennt die Mehrzahl seiner Leser persönlich. Und vom Altersschnitt her kann ich mir überhaupt keine Vorstellung machen. Dieser junge Mann jedoch hat dem Abend die Krone aufgesetzt. Denn er belegt, dass es einen Lesernachwuchs gibt, der auch ungewöhnliche, ausgefallene Literatur liest. Es muss nicht immer irgendein Zauberlehrling sein. Möglicherweise kennt er diesen Kerl sogar, und ist ungeachtet dessen dazu bereit, die Grenzen einer Bestsellerliste zu überschreiten.

 

Falls du dies lesen solltest, lieber junger Leser, dann möchte ich dir ein Kompliment aussprechen: Du bist bereit, literarische Pfade zu betreten, die nur wenig beschritten werden. Damit erweckst du den Eindruck eines Menschen, der genau weiß, was er will – nämlich seinen eigenen Weg gehen, der viel mehr Abenteuer und daraus resultierende Entdeckungen und Erkenntnisse bereit stellen wird, als dies bei den meisten Menschen in unseren Breitengraden der Fall sein mag. Schon die Kinder folgen meist vorgegebenen Strukturen und Mustern, von denen selten abgewichen wird. Dabei ist doch gerade das Ausscheren von diesem Allerweltsweg das Spannende, nicht wahr?

Alles Gute auf deinem weiteren Lebensweg und lass dich nicht unterkriegen.

 

9/11

Ich springe nicht auf den Zug auf, und berichte davon, wie ich den 11.9.2001 erlebt bzw. wann und wie ich von den Terroranschlägen erfahren habe. Dieser Tag hat die Welt der Menschen nachträglich verändert. Nur wenig später wurde dem Terror der „Kampf“ angesagt und Kriege angezettelt, die wiederum nur zahlreiche unschuldige Opfer gefordert haben. Nach 9/11 hätte sich vieles anders entwickeln, aus dem Szenario hätte gelernt werden können. Doch stattdessen hat sich die Sachlage verschärft. Terroranschläge könnten mittlerweile fast überall passieren und wozu selbst einzelne Menschen fähig sind, hat Anders Breivik bewiesen. Entscheidend ist, dass jeder Terroranschlag von Menschen geplant und durchgeführt wird. Menschen, die aus welchem Grunde auch immer mit den Gegebenheiten auf dieser Welt nicht zufrieden sind. Das Raubtier Mensch hat einen Unfrieden geschaffen, der unmöglich zu tilgen ist. Die einzige Waffe gegen diesen Wahnsinn ist es, keine Waffen einzusetzen. Unzufriedenheit, Ungleichheit, religiöse Wahnvorstellungen ergeben zusammen genommen ein Pulverfass, das leicht explodieren kann.

 

Wir Menschen sollten endlich aufhören, uns als Herrscher auf diesem einzigartigen Planeten Erde aufzuführen und der Welt unseren Stempel aufzudrücken. Das hat zu zahlreichen Katastrophen geführt. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, die Natur wird nicht geachtet, sondern ausgebeutet. Alles und Jedes bekommt einen Geldwert zugeordnet. Der Planet Erde wird von gedrucktem Papier beherrscht und ausgeblutet. Manchmal passiert es aber auch, dass Menschen ihren Gedanken zum Wahnsinn Ausdruck verleihen. So geschehen mit der Anthologie „Gedanken im Sturm“, an der ich mich seinerzeit beteiligt habe. Eine Anthologie, die einen Kontrapunkt zu den üblichen Debatten gesetzt hat und noch immer setzt. Der Mensch ist nicht nur Raubtier, auch wenn er dies gerne in seiner Gier hervorkehrt. Der Mensch kann sich Gedanken machen, und diese Gedanken können Stürme auslösen, die andere Menschen zum Nachdenken bringen. Damit ist schon viel gewonnen. Katastrophen aller Art zu Medienereignissen zurechtgestutzt und Verschwörungstheorien demaskieren den Menschen zur Witzfigur, die dem Planeten Erde ernsthafte Probleme beschert. Dagegen gilt es Zeichen zu setzen. Denn der Mensch ist mehr als nur ein Raubtier, das seinen eigenen Vorteil sucht. Auch zehn Jahre nach 9/11 gilt es, die Hintergründe dieser Anschläge zu begreifen zu suchen, und nicht nur den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse weiter zu betreiben. Schwarz-Weiß-Malereien haben nie zu einer Lösung von irgendeinem Problem geführt, sondern jedes einzelne Problem nur verschärft.

 

Aus der schönen, neuen Arbeitswelt

Günter Wallraff hat sich dazu auserkoren gefühlt, wieder undercover Missstände aufzudecken. Was in der Vergangenheit schon traurig genug war, ist heutzutage manchmal unerträglich. Das künstlich aufgeblähte Wirtschaftswachstum fordert eine Unzahl von Opfern. Die wenigen Profiteure des Neoliberalismus maximieren ihren persönlichen Gewinn, während Abermillionen Arbeitnehmer unter oft erbärmlichen Arbeitsbedingungen inklusive Hungerlöhnen ihr Leben fristen.

 

Wenn Wallraff von der schönen, neuen Welt schreibt, meint er im Grunde die Arbeitswelt. Prekäre Jobs sind längst an der Tagesordnung, Menschen quälen sich in Jobs, für die sie teils überqualifiziert sind, andere stecken sich Gelder ein, die ihnen nicht zustehen. Das ist eine Realität, der scheinbar nichts entgegen gesetzt werden kann. Wallraff versucht aber das Unmögliche, und der eine oder andere Erfolg ist ihm im Kleinen immerhin gelungen.

 

An dieser Stelle muss nicht ein einzelnes Unternehmen genannt werden, das seine Mitarbeiter drangsaliert, ausbeutet und austauscht, wenn es „angebracht“ ist. Denn von „schwarzen Schafen“ zu sprechen wäre untertrieben. Die heutige Arbeitsgesellschaft ist weitgehend entmenschlicht, der Mensch wird zu Humankapital, einer Fußnote, einem Funktionsträger, einer austauschbaren „Maschine“ herabgestuft. Die Erfahrungen von Günter Wallraff bezeugen eindrucksvoll, wie es in der schönen, neuen (Arbeits)welt zugeht. Der Wunsch nach einem neuen System wird in vielen Ländern auf der Welt laut. Menschen protestieren, machen ihrem Unmut Luft. Die Ungleichheit nimmt täglich zu, doch das nehmen jene, die auf der Butterseite des Lebens gelandet sind, nicht zur Kenntnis. Eine bloße Systemregulierung, wie sie immer wieder „umgesetzt“ wird, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das System des Raubtierkapitalismus, die Macht des Finanzkapitals, müsste gestürzt werden, um eine neue Welt zu generieren, eine Welt, auf der Menschen vor Ausbeutung, Hunger und Tod aus Erschöpfung oder Verzweiflung bewahrt werden.

 

Günter Wallraff hat sich in die Niederungen der Arbeitswelten in der „modernen Gesellschaft“ begeben, und einen Bericht hinterlassen, der eine Menge Aufklärungsarbeit leistet. Jetzt müssten nur mal endlich die Entscheidungsträger aufwachen und aufhören, nur sich selbst in den Himmel zu loben und dabei auf den Nächsten zu vergessen, der irgendwo im Dreck liegt. Das wäre ein erster Schritt in Richtung einer tatsächlich schöneren Welt.

 

Der Mann im Salz

Der Besuch des Salzbergwerkes in Dürrnberg ist ein großes Erlebnis. Im Rahmen der Tour wurde auch auf den Zusammenhang zum „Mann im Salz“ hingewiesen. Während eines kleinen Spaziergangs in Dürrnberg bin ich dann bei einer Gedenktafel vorbeigekommen, wo auf die ehemalige Existenz des Freudenberg-Stollens hingewiesen wird. In diesem Stollen wurde der berühmte „Mann im Salz“ aufgefunden. Ein Mann, der über Jahrhunderte im Salz konserviert gewesen war, und dessen Auftauchen eine Sensation darstellte.

Dieses ungewöhnliche Ereignis wurde von Ludwig Ganghofer literarisch aufgearbeitet.

 

Wer diesen Roman liest könnte ein wenig enttäuscht sein. Es dauert nämlich ziemlich lange, bis der „Mann im Salz“ auftaucht. Großteils handelt es sich um eine Liebesgeschichte zwischen einem zunächst unfreiwilligen Bergmann und einer jungen Dame, die ihn insgeheim in diese Geschichte hineingezogen hat. Der „Mann im Salz“ wird von manchem Bürger als vom Teufel besessenes Unikum betrachtet, dem ein Exorzismus nicht schaden würde. Überhaupt gehen die Wogen hoch, wie es sein kann, dass ein Mensch so lange vom Salz konserviert sein kann. Das kann nicht mit rechten Dingen hergehen, oder? Und die Frage, welches Begräbnis diesem Mann zuteil werden soll, kann nur mit großem Brimborium beantwortet werden.

 

Kurzum hat Ganghofer ein kleines Märchen gestrickt, das von einer Liebesgeschichte umrahmt wird. Interessant hierbei ist vordergründig die Sprache, der sich Ganghofer bedient. Eine Sprache, die weit über den durchaus vorhandenen Kitschfaktor hinausgeht. Tatsächlich mag der Roman eine Mischung aus Kitsch- und Abenteuerroman sein. Im sehenswerten Keltenmuseum in Hallein ist einiges über den „Mann im Salz“ und über das gefährliche Leben der Knappen im Salzbergwerk zu erfahren. Die Lektüre ist allemal eine interessante Ergänzung zu den Besuchen von Salzbergwerk und Keltenmuseum.

 

Heftromane

Es gab mal eine Zeit, da habe ich mich mit Heftromanen intensiver auseinander gesetzt. In den meisten Fällen war das gar nicht mal so üble, jedoch einfach gestrickte Literatur. Dann sind viele, viele Jahre ins Land gezogen, bevor ich wieder zur Heftroman-Lektüre griff. Und es war ein Volltreffer! Denn die Heftromane aus dem Hause Wunderwaldverlag führen dem Leser vor Augen, dass ausgezeichnete Literatur und Heftromane einander nicht widersprechen müssen. Heftromane haben heutzutage den Status der Herz-Schmerz-Einerlei-Eindimensionalität. Aber es gibt ein Leben außerhalb unglücklicher Liebesgeschichten, die dann doch immer gut ausgehen und Fantasy spielt in manchen Serien ohnehin eine tragende Rolle.

 

Perry Rhodan ist sicher das beste Beispiel für eine gelungene Heftroman-Serie. Ich habe einige Perry-Rhodan-Romane gelesen und spreche der Serie einen gewissen literarischen Anspruch nicht ab, zumal etwa mit Andreas Eschbach, Titus Müller und Leo Lukas sehr gute Autoren Akzente setzen konnten. Die Frage ist nur, ob über das Perry Rhodan – Universum hinaus der Heftroman irgendwann wieder eine neue Blütezeit erleben könnte? Zweifellos ist dies wünschenswert, da so ein kleiner Heftroman durchaus eine geballte Ladung literarische Kraft entfalten kann.

 

In Zeiten des weltweiten Netzes gibt es Projekte, die den Heftroman als Online-Ausgabe gratis anbieten. Besonders hinweisen möchte ich diesbezüglich auf den Geisterspiegel.

Die Abqualifizierung des Heftromans als Trivialliteratur, ja sogar die Schmähung als Schundliteratur sollte nicht bis zum St. Nimmerleinstag Bestand haben. Der Wunderwaldverlag und auch der Geisterspiegel leisten punkto Aufwertung des Heftromans in literarisch anspruchsvolle Höhen Pionierarbeit.

Urlaubslektüre

Ach, du meine Güte, was für ein Wort: Urlaubslektüre. Darunter wird üblicherweise leichte, gut verdauliche Literatur verstanden, die so nebenbei im Urlaub verschlungen werden kann. Aber muss es tatsächlich immer leichte Kost sein? Und ist es überhaupt so, dass mit dem Begriff Urlaubslektüre heutzutage automatisch noch leichte Verdaulichkeit assoziiert wird? Ich behaupte mal frech: NEIN! Urlaubslektüre ist Lektüre, die im Urlaub genossen wird. Hierbei spielt es keine Rolle, wie leicht oder schwer die Romane sein mögen, für die sich der Urlauber entscheidet. Es müssen nicht mal Romane, können ebenso Sachbücher über Fliegenfischen oder Reiseführer zum Mond sein. Ich fühle mich dazu berufen, den Begriff Urlaubslektüre aus der Schmuddelecke zu holen. Aus und vorbei mit eindimensionalen Vorstellungen! Oh, ich habe einst im Urlaub „Schuld und Sühne“ gelesen, sogar am Strand. Auch auf dem Weg zum Urlaubsort, also vorzugsweise im Zug, entziehe ich mich nicht der Literatur. Warum sollte ich schließlich bei Zugfahrten nur aus dem Fenster schauen? Also, Mankell lesen oder – wieder mal – Dostojeweski.

 

Jeder soll im Urlaub das lesen, was er lesen will. Wer in der Alltagsschleife gefangen der leichteren Kost zugänglich ist, wird dies kaum in Urlaubszeiten abändern. Eher ist es vorstellbar, dass Menschen mit hohen Ansprüchen im Urlaub ein wenig zurückstecken, und sich mit – sagen wir mal – Jack London begnügen. Nichts gegen Jack London, aber wer könnte behaupten, dass andererseits Hemingway unverständlich geschrieben hat… Wiederum andererseits: Ist Dostojewski unverständlich, und überhaupt: Soll es ein Zeichen von höherrangiger Literatur sein, wenn sie erst decodiert werden muss? Also, jeder Leser soll entscheiden, welcher Lektüre er sich in seinem Urlaub widmen will. In diesem Sinne: Der Urlaub kann beginnen, wann auch immer!

Wobei: Ist nicht das Lesen von welcher Literatur auch immer ohnehin immer Urlaub, und der Leser aufgrund dessen in einer privilegierten Situation? Darüber will ich jetzt nicht großartig nachdenken, denn der nächste Lesestoff und also Urlaubsstoff kommt bestimmt…

 

Frank Castorf und Dostojewski

Die Inszenierungen von Frank Castorf sind mittlerweile legendär. Seine Arbeiten sind immer einem Entwicklungsprozess unterworfen und keine Aufführung eines Stückes gleicht einer anderen. Abseits von Dostojewski habe ich keine so guten Erfahrungen mit Inszenierungen des Regisseurs gemacht. Doch Castorf ist buchstäblich auf Dostojewski programmiert. Ich hatte das Vergnügen, bislang vier diesbezügliche Regiearbeiten dieses ungewöhnlichen Regisseurs zu sehen. Herausragend hierbei „Schuld und Sühne“ mit einem genialen Martin Wuttke in der Hauptrolle des Raskolnikow. Eine Provokation sondergleichen, die jedoch mit der Vorlage durchaus in Verbindung zu bringen ist.

 

Ganz anders bei „Der Spieler“, welcher kürzlich bei den Wiener Festwochen lief. Fünf Stunden sind eindeutig zu viel für einen der kürzeren Romane aus der Feder von Dostojewski. Der gesamte erste Teil, der gut zwei Stunden dauerte, war nicht mehr und nicht weniger als eine Vorbereitung auf das, was im zweiten Teil folgte. Dostojewski selbst kam selten zu Wort. Berührend die Schlussszene vor der Pause, die Kathrin Angerer in den Blickpunkt setzte. Sie sprach einen Brief von Dostojewski mit so viel innerer Anteilnahme, dass ich mit einem guten Vorgefühl in die Pause ging. Leider passierte dann lange Zeit nichts Wesentliches. So sehr sich die ausgezeichneten Schauspieler auch ins Zeug legten, das änderte nichts daran, dass das Stück eine Enttäuschung darstellt. Zumindest für mich, der eine starke Verbindung zu den Romanen von Dostojewski hat. Die skurrile Erzählung „Das Krokodil“ in die Geschichte einzubinden brachte wenigstens ein wenig Erheiterung in die Zuschauerränge, die sich im Laufe des Theaterabends merklich lichteten.

 

Rückblickend stelle ich mir die Frage, ob Castorf sich mit dieser Inszenierung weitere Dostojewski-Adaptionen ersparen wollte. Es gibt so viele Querverweise zu anderen Werken von Dostojewski, dass der Eindruck entsteht, der Regisseur wolle so etwas wie eine „Zusammenfassung“ generieren und damit den „Akt Dostojewski“ schließen. Wir können also gespannt sein, ob Castorf doch noch einen drauf setzt und früher oder später eine weitere Dostojewski-Adaption inszeniert. Sehr gut eignen würden sich „Der Doppelgänger“ und „Aus einem Totenhause“. Zumindest zu diesen beiden Werken bemerkte ich keinen Querverweis und vielleicht wird es ja doch noch was. Der Countdown läuft.

 

Fußball und Literatur, Teil 4

Wo ist die Literatur nur hingelangt? Elitär benimmt sie sich allzu oft, sitzt bequem in der ersten Reihe fußfrei und verfolgt die um ihr Leben ringenden Autorinnen und Autoren. Knebelverträge werden die Welt nicht retten, doch Autorenseelen können sie in Flammen setzen. Die Luft in den höchsten Sphären der Literatur ist ganz schön dünn. Manch einer ist dort schon an Sauerstoffmangel krepiert. Die höchste Liga erfordert den höchsten Einsatz, außer Protektion schaufelt den Weg zum Bestseller-Autor frei. Wie anders ist es da nicht in den scheinbaren Niederungen der Regionalliga der Literatur! Dort wird gekämpft, gekratzt und gebissen. Jedes Wort wird auf die Waagschale gelegt und stundenlange Diskussionen sind nicht auszuschließen. Regionalliga-Autoren schließen die Türen zum Leser nicht ab. Sie wissen nur zu gut, dass es ein hartes Stück Arbeit ist, nicht abzusteigen. Wer irgendwann in der zweiten Liga parkt, kriegt immerhin keinen Sonnenbrand in der Wüste d