Sylvia Dölger: Unerwünscht 

Noch vor Entstehung dieses Kurzromans erfolgte ein Aufruf der Autorin, dem ich gerne folgte. Es galt, sich als mögliche Romanfigur ins Spiel zu bringen, und ich freute mich sehr darüber, dass die Wahl u.a. auf mich fiel. Nunmehr gibt es da also einen Schulleiter, der meinen Namen trägt und diesem auch alle Ehre macht.

 

Es ist das Eine, wenn ich mich selbst in einem Roman als Figur hineinschreibe, wie ich es bei meinem dritten Krimi gemacht habe. Es ist etwas ganz Anderes, als Figur in einem Roman einer Autorin aufzutauchen. Die Autorin und ich haben uns noch nie persönlich gesehen, kennen uns „bloß“ von einem literarischen Forum und haben schon einiges voneinander gelesen. Sie kennt mich also ausschließlich als Autor und von einigen Mails, die wir einander geschrieben haben. Freilich herrscht die dichterische Freiheit und ich wäre mit jeder Anwandlung der Figur, die meinen Namen trägt, glücklich gewesen. Egal ob Monster, Retter der Welt oder Spießbürger mit Hang zum Mord. Als Schulleiter komme ich tatsächlich sehr gut weg. Ich bin genau, kein strenger Lehrer, ja in gewisser Weise sogar nachgiebig. Lehrer? Der Schulleiter? Ja, und ausgerechnet Mathematik, jenes Fach, für das ich als Schüler nicht unbedingt entbrannt bin. Aber vielleicht bin ich ja gerade deswegen Mathe-Lehrer geworden und habe mich – ohne Parteibuch oder Vitamin B – in erster Linie durch meinen überragenden Fleiß zum Schulleiter ausgezeichnet.

 

Aber ich will jetzt gar nicht zu viel über die Rolle, die mir zugeschrieben worden ist, schreiben. Es ist keine monströse Rolle, ich rette auch nicht die Welt und begehe keinen Mord, aber ich zeige mich als Mensch mit Mitgefühl, und das ist so schlecht nicht, oder?

 

Der Kurzroman ist von Anfang an spannend. Die Hauptprotagonistin ist Alicia, ein 15-jähriges Mädchen, das eines Morgens der Wahrheit ins Auge schauen muss, das sie schwanger ist. Sylvia Dölger versteht es ausgezeichnet, die Innenwelt von Alicia zu beleuchten, und ihren Freundeskreis einzubeziehen. Die Geschichte ist aus der Sicht von Alicia erzählt. Die wichtigste Komponente sind die vielfältigen Beziehungen, aus der sich die kleine Welt von Alicia zusammen setzt. Ihre Freundin Isi, ihr Freund Greg, Ben, das Alpha-Männchen der Klasse, Breitling, der Referendar, und, nun ja, da gibt es eben auch noch in einer kleinen Rolle Heimlich, den Jürgen, der hie und da auch als Schulleiter Mathematik unterrichtet. Und ganz wichtig: Die Mutter von Alicia, eine Frau Anfang 30, die eine Abtreibung für die beste Lösung des „Problems“ einstuft. Wie Alicia mit ihrer Situation umgeht und ein Wechselbad der Gefühle durchmacht, das erzählt die Autorin ausgezeichnet.

Als Leser habe ich mich sofort in diese Welt hineindenken und hineinfühlen können, eine Welt, in der nicht alles rosa, sondern Vieles benebelt und grau ist.

 

Ist Greg überhaupt der Vater des Kindes, das Alicia insgeheim doch nicht abtreiben möchte? Diese Frage bleibt bis zum Schluss offen und ist gar nicht mal von vorrangiger Bedeutung. Denn es geht hauptsächlich um die Frage, ob sich Alicia für das Kind entscheidet oder nicht. Sie besucht eine Beratungsstelle für schwangere Teenager und hat auch schon einen Termin für die Abtreibung, doch dann kommt alles ganz anders, wirklich ganz anders…

 

Mehr will ich gar nicht verraten. Ich bin stolz darauf, dass eine Figur, die meinen Namen trägt, Bestandteil dieses rundum gelungenen Kurzromans ist. Schade ist nur das plötzliche Ende, aber vielleicht gibt es ja mal eine Fortsetzung der Geschichte. Herzlichen Dank auch an dieser Stelle an Sylvia, dass sie meine Figur als Schulleiter eingebaut hat, die Szenen mit diesem Heimlich versprühen auch einen gewissen Charme. Ich empfehle diesen Roman gerne weiter, möge er viele insbesondere junge Leserinnen und Leser finden!

 

 

Melanie Metzenthin: Die Sündenheilerin

Erstmals gibt es eine Rezension von mir zu hören. Michaela Stadelmann, Herausgeberin und Mitautorin der fantastischen Lit.Limbus-Reihe, hat sie mit mittelalterlicher Musik untermalt eingelesen.

Da machen die Ohren Augen!


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Rezension von "Die Sündenheilerin"
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ZeitZug: Czernowitz-Prag-Wien

ZeitStreifen

 

Morgen Abend

Ist bei dir noch Morgen

Wieder treffen wir nicht aufeinander

Können höchstens beiläufig

Zwischen meinem Abend und deinem Morgendämmer

Eine Berührung erhaschen

der Fingerkuppen

Durch die Telefonleitung

(Iryna Vikrychak)

 

Im Jahre 2010 wurde das Poesie-Festival Meridian Czernowitz aus der Taufe gehoben. Anfang September 2011 folgte die zweite Auflage, und bereits jetzt steht fest, dass es ein drittes Festival Anfang September 2012 geben wird. Ein Poesie-Festival in einer so geschichtsträchtigen, kulturell und sprachlich mannigfaltigen Stadt zieht Poeten aus vielen Ländern an. So auch Milena Findeis, die als Renate Findeis in Graz-Pirka das Licht der Welt erblickte und seit Anfang der 1990´er Jahre in Prag ihren Lebens- und Berufsmittelpunkt gefunden hat. Im Oktober 2008 gründete die Autorin und Fotografin ein ungewöhnliches Online-Projekt, das ein Sammelsurium an Fotos und Texten zu bieten hat. Jeden Tag kommt ein Tages-Rand-Bild dazu, inklusive einer poetischen Stellungnahme. Künstlerisch hochwertige Webseiten sind im weltweiten Netz keineswegs eine Selbstverständlichkeit, umso höher ist dieses in Eigeninitiative von Milena Findeis entwickelte Projekt einzustufen. Nur drei Jahre später kann der Zeitzug in Buchform bestaunt werden. Freilich hat die für das Prager Autorenfestival seit vielen Jahren ehrenamtlich tätige Künstlerin auch das 2. Poesie-Festival Czernowitz mit ihrer Teilnahme beehrt. Hierbei wurde auch das Buch vorgestellt, das in Zusammenarbeit mit der seit 2005 in Czernowitz lebenden Iryna Vikrychak entstanden ist, die angesichts ihrer Jugend (sie ist 1988 in Zalishchyky geboren) eine erstaunliche künstlerische Reife beweist. Iryna Vikrychak ist Organisatorin des Czernowitzer Poetik Festivals.

Die gesamte Besprechung - erschienen 2012 in der Prager Zeitung - kann hier nachgelesen werden:

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Peter Bosch: "Der Spurenzeichner"

Panoptikum der Skurrilitäten

 

„Die Kunst des Gehens liegt nicht im Einswerden mit dem Weg,

sondern in seinem Vergessen, in seinem Nichtbeachten, jeder

Gedanke daran macht ihn nur beschwerlicher und länger.“

(Peter Bosch)

 

Es gibt Romane, nach dessen Lektüre der Leser mit einem großen

Fragezeichen zurückblickt. Manchmal sind es sogar drei Fragezeichen.

Peter Bosch hat eine kuriose, weit ausschweifende Geschichte geschrieben, die sich im Grunde den drei Hauptfragen der menschlichen Existenz stellt: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Welchen Sinn hat mein Leben? Freilich verpackt er diese Fragen geschickt, spinnt aberwitzige Konstruktionen, doch wer Spuren zeichnet, der muss welche wahrnehmen. Und die wahrgenommenen Spuren sind eben die Fragen, auf die jeder Mensch für sich Antworten suchen muss, insofern er sich dazu berufen fühlt.

 

Ein Erzähler schart Gefährten um sich, um den heiligen Gral durch gemeinsame Anstrengung zu finden. Wer suchet, der findet. Und so mag der Expedition vielleicht sogar ein glückliches

Ende beschieden sein. Gerade dies ist aber unbedeutend. Denn der Ursprung, die Sinnhaftigkeit der Suche korrespondiert immer mit einem Zustand der Leere, der inneren Isolation. Und hier kommt die Zeit ins Spiel: Die Erinnerung macht sich breit und taucht in die Gegenwart ein, wo sie sich neu verwirklichen will. Die verlorene Zeit kann nie und nimmer zurückgeholt werden, sie bleibt verborgen. Und in der Zeit wird die Suche nach was auch immer zu einem Wettlauf, der einem auf der Stelle treten gleicht. Daraus ergibt sich in philosophischer Hinsicht eine geniale Erkenntnis: Ich komme nicht vom Fleck, also beginne ich zu gehen, auch wenn das Ziel nur unbestimmt sein kann.

 

Wer geht, schreitet auf etwas zu. Dieses Etwas ist es wert, erreicht zu werden. Und wenn es nicht erreicht wird, kräht auch kein Hahn danach, dass dies eine Schande sei. Der Autor wird selbst zum Teil eines Spiels, in dem es nur Verlierer gibt, weil die Zeit den Suchenden immer im Würgegriff hat. Andererseits gibt es nur Gewinner, schließlich gilt immer die Rückbezüglichkeit auf die großen drei Fragen.

 

Ich könnte ähnlich unverständlich weiter schreiben, wie es Peter Bosch zeitweise meisterlich beherrscht. Das Unbedeutende wechselt sich mit universellen Ideen ab. Ach, und wie viele Geschichten in der Geschichte erzählt werden. Freilich auch von einer Geschichtenerzählerin, ebenso aber von Pfarrern, die auszogen, das Fürchten zu lernen und sonstigem Inventar.

Ja, die beschriebenen Gestalten sind nichts weiter als Chiffren, die dazu dienen, den einzelnen Fragen auf den Leib zu rücken. Die Angst vor dem Tod, dem Danach. Die Sinnlosigkeit, mit der das Leben manchmal zuschlägt. Die Einsicht, dass vor dem Leben etwas gewesen sein muss, weil sonst nicht etwas wäre, das wiederum vergehen kann. Der ewige Kreislauf des Lebens halt.

 

Was im Gewand der Komik, der Verkleidung, der Darstellung von absurden Dialogen, sich widersprechenden Erkenntnissen oder glänzend geschriebenem Schabernack daherkommt, ist nicht mehr und nicht weniger als der innere Monolog des Erzählers, der nach Antworten auf – richtig geraten – die drei großen Fragen sucht, und hierfür ein prächtig agierendes Ensemble aufstellt. Das Theaterstück zwischendurch ist so etwas wie die große Enttarnung, weil endlich fast ausschließlich Marionetten die Bühne des Lebens bevölkern, auf der Geburt, Leben und Tod einander die Klinke in die Hand geben. Der Bahnreisende entpuppt sich als Fragensteller, auch wenn er dies nicht mit Vehemenz tut, sondern ebenso gerne schweigt.

 

Meine Lieblingsgeschichte von all den Geschichten, die sich der Erzähler ausdenkt, um einer Lösung seiner existenziellen Fragestellungen näher zu kommen, und die er durch die Blumen diverser verrückter Protagonisten dem Leser auftischt, ist jene des Buchhauers. Ein junger Mann hat das Glück, zum Buchhändler ausgebildet zu werden, wobei der Besitzer der Buchhandlung gleichzeitig eine Fleischerei betreibt, seinem Adlatus jedoch ausschließlich buchhändlerische Aufgaben stellt. Es verirrt sich aber nie ein Mensch in die Buchhandlung, Buchstaben kann man nicht essen, doch zum Trost sei geschrieben, dass Stammkunden beliefert werden und für etwas Abwechslung im Leben des unterbeschäftigten Gehilfen sorgen. Diese Geschichte ist so etwas wie eine Referenz für die immense Bedeutung der Literatur und des Lesens. Wenn Bücher zur Ware degradiert sind, die in Massen gedruckt werden, dann hebt sich ihr Sinn auf. Selbstverständlich kann der reife Leser wählen, doch bis er zur Reife gelangt, greift er vielleicht doch lieber täglich zur Leberkässemmel.

 

Es ist ein Vergnügen und gleichzeitig durchaus anstrengend, die Suche nach der verlorenen Zeit, die in der Findung des heiligen Grals münden mag, von der ersten bis zur letzten Seite zu begleiten. Gegen Ende hin wird auch noch vom Ende geschrieben, das sich nicht und nicht einstellt und dann doch, ohne dass dieses Ende ein Ende ist, welches irgendwie erwartet hätte werden können. Der Weg war weit und der Erzähler hat keine Antworten auf die drei großen Fragen gefunden, obwohl ??? 

 

 

Max Frisch: "Stiller"

 

"Sieh, darum ist es so schwer, sich selbst zu wählen, weil in dieser Wahl die absolute Isolation mit der tiefsten Kontinuität identisch ist, weil durch sie jede Möglichkeit, etwas anderes zu werden, vielmehr sich in etwas anderes umzudichten, unbedingt ausgeschlossen wird." (Sören Kierkegaard)

Der Mensch kann sich nur rückwärts denken. Wenn also Stiller gleich zu anfangs den berühmten Satz aufschreibt: "Ich bin nicht Stiller", lässt sich die ganze Kraft der Identitätssuche proklamieren, von der sämtliche großen Romane des genialen Schweizer Autors Max Frisch gekennzeichnet sind.

Es beginnt damit, dass es keine Gegenwart im Denken gibt. Denn alles Denken richtet sich auf etwas, das sich ereignet hat oder vielleicht ereignen wird. Im Jetzt kann es kein Denken geben, da schon in dem Moment, wo ein Gedanke formuliert ist, dieser in sich selbst aufgelöst wurde. Die philosophische Dramatik spannt einen herrlichen Bogen zu dem streitbaren Theologen
Sören Kierkegaard. Max Frisch hat die teils schwerwiegenden Kontexte kierkegaardscher Ausprägung in wunderbare Geschichten gehüllt. Er brachte die Frage der Identität dazu, über Hunderte Seiten gestellt zu werden und unbeantwortet zu bleiben. Insgeheim kann es auch nicht das Ziel sein, Identität aufzudecken. Schlichtweg die Unmöglichkeit dieses Unterfangens sollte zugegeben werden.

Wenn Stiller meint: "Ich bin nicht Stiller", so denkt er sich automatisch rückwärtig. Er hat mit diesem Menschen, der mal Stiller war, vor zwei Jahren oder mehr, nichts mehr zu tun. Dieser Stiller war ein Anderer, ein Fremder. Doch die Menschen um ihn herum bleiben dabei, dass dies genau jener Stiller sei, wie vor ewigen Zeiten. "Du hast dich ja gar nicht verändert!" Dieser Stehsatz von Konversation wird oft dann ausgesprochen, wenn sich ehemalige gute Freunde nach zehn oder fünfzig Jahren wieder begegnen. Das Merkwürdige ist: Die beiden Freunde müssten wissen, dass diese "Feststellung" nur Unsinn sein kann. Denn innerer Stillstand würde den Menschen wohl töten. Es geht nicht darum, unbedingt eine positive Wende zu erkennen, sondern um grundsätzliche Erweiterung des Sichtfeldes. Der Mensch ist keine spanische Wand, hinter der er sich vor sich selbst verbirgt. Hinter der spanischen Wand könnte er sich selbst zu einer Null dimensionieren und ausrufen: "Ich bin stets Derselbe." Aber eine Wesensänderung ist nie auszuschließen. Die Frage des selbstreflexiven Menschen muss daher sein: "Inwieweit kann ich mich selbst akzeptieren?" Da der Mensch ja nie fertig ist mit der Erkenntnis von sich selbst; Selbsterkenntnis eigentlich gar nicht möglich ist, da sie einen zeitlichen Stillstand oder aber die Auflösung der Zeit voraussetzen würde, bleibt es ihm wie Rosegger nur auszurufen: "Auch der Andere, der bist du." Ja, Stiller ist er selbst, weil er selbst in sich beruht. Doch er ist stets auch der, der er sein könnte oder wollte oder aber kurzzeitig ist. So wie etwa Rip van Winkle einschläft und nach vielen Jahren aufwacht. Er geht in seiner Heimatstadt umher, die sich extrem verändert hat, und kann das nicht glauben. Erst nach einiger Zeit nimmt er auf sich selbst Bezug und bemerkt, dass er von dieser Veränderung nicht verschont geblieben ist. Er hat Jahre von Leben verschlafen! Diese Erkenntnis ist freilich ein Hammer, und wenn ein Mann seine Familie verlässt, um dann nach ebenso vielen Jahren plötzlich aufzutauchen und in die Geburtstagstorte zu schießen, woraufhin er wieder in die Verschollenheit zurückgleitet, so sind die unfertigen Identitätsbestandteile menschlicher Selbstreflexion auf den Kopf gestellt.

Der Mensch ist nie, was er einmal war, außer er macht sich zu einem Abziehbild seiner selbst. Das Klonen ist ja nicht mehr als der Versuch, dieses Abziehbild zu manifestieren und damit die selbstregulatorischen Fähigkeiten des Menschen außer Betracht zu ziehen. Wenn der Mensch sich selbst entzogen ist, kann ein weiterer Mensch auftauchen, der wiederum sich selbst entzogen wird, bis diese interstellare Reproduktionsmaschinerie in einem Netz aus Missgeburten endet. Rip van Winkle ist eine der Figuren von Max Frisch, die nur aus sich selbst heraus leben können. Wie beginnen
Märchen nun mal meist: "Es war einmal." Und dann erwartet den Leser eine Geschichte, die durch verschiedentliche Auflösungen menschlicher Identitäts- und Sinnbestimmungen auf eine Konklusio zusteuert, welche an eine Grundwahrheit gemahnt, auf die nie vergessen werden sollte. "Ich bin nicht Stiller" ist die rückwärtsgedrehte Bewegung; sozusagen die vorweggenommene Konklusio. Es ist klar, dass die Figur, die hier erzählt, Stiller ist. Aber eben nicht der Stiller, der von seiner Umgebung so und nicht anders gesehen werden kann. Er nennt sich White, um diese Veränderung nach außen zu projizieren. Er schreibt allerlei Dinge, um eine schlichte Wahrheit buchstäblich in die Welt hinaus zu brüllen: "Ich bin nicht Stiller." Ja, er ist kein Gefangener seiner selbst, und er will nicht nach Jahren von irgendeinem ehemaligen Freund, dem er zufällig begegnet, gesagt kriegen: "Du hast dich ja überhaupt nicht verändert!" Oh, dies ist eine wahrhaft teuflische Angelegenheit. Wenn die zwei Cowboys in die Höhle gehen, um in ihre eigenen Seelen abzutauchen, lässt sich erkennen, warum der Eine ohne den Anderen nicht leben kann. Denn beide sind eine Seite der Medaille. Die Verschiebung geschieht auf die andere Seite hin. Fällt die Medaille auf die selbstgewählte Seite, dann kann der Kapitän der Fußballmannschaft wählen, in welche Richtung der Spielfluss des eigenen Teams gehen soll. Nicht anders ist es mit dem Cowboy, der sich selbst wählt, und somit in die Richtung der Menschen reitet, die er liebt, und von denen er für das Unzeitliche in ihm selbst geliebt wird.

Es ist immer die Verschiebung, für die der Mensch geliebt wird. Es ist immer das Unzeitliche, das Göttliche in ihm selbst. Alles andere ist Lug und Schwachsinn. Menschen verändern sich, und diese Veränderung ist ein Prinzip, das durch sämtliche Romane von Max Frisch hindurchgeht. Eines aber darf in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden: Der Mensch fällt in das Zeitliche hinein, indem er Rollen verkörpert. Und Rollen sind es auch, die Gantenbein verbissen beherrscht. Er spielt den Blinden und macht seiner Umgebung vor, ein ganz Anderer zu sein. Dieses Rollenspiel ist die verbindende Kraft, die häufig zwischen Mann und Frau passiert. Der Mann stellt sich meist ins beste Licht, plustert sich auf, schreit "Kikeriki" oder "Du schaust ja so gut aus", und damit ist das Herz der Herzensdame erobert. Erst Jahre später wird die Maskerade zu einer billigen Komödie stilisiert, und die Wahrheit kommt ans Tageslicht. Und die Wahrheit ist es, welche am wenigsten ertragen werden will. Davor hat der Mensch Angst, also willigt er in die Komödie der substanzlosen Mann-Frau-Beziehung ein und verrät sich dabei über Jahrzehnte selbst. Die Kirche erteilt dazu den Sanktus, und alle Freunde, Bekannten und Verwandten rufen dazu Halleluja. So einfach ist es aber eben nicht. Unter der Oberfläche brodelt es, und Frisch beschreibt auf unnachahmliche Weise, wie diese äußeren Gefälligkeiten auseinander stieben und endlich die Tiefen menschlicher Gefühlsdimensionen kenntlich werden. Das Problem der Identität ist am besten über das Verständnis der Rollen erklärbar. Diese Rollen verkörpert jeder Mensch. So ist es etwa schicklich, dass sich der Mann über den Beruf definiert, und die Frau über die Kinder. Was heißt das eigentlich? Der Mann blüht auf in seiner beruflichen Identität, und die Frau in der Identität als Mutter!? Aber was ist das für ein Unsinn, eine einzige Rolle als besonders prägend zu definieren? Der Mensch etwa, der einen Mord begangen hat, bleibt immer nur der Mörder. "Ja, das ist der, der den X um die Ecke gebracht hat." Eine andere Zuordnung will man nicht zulassen. Diese unsagbaren Idiotien brechen in den Romanen von Max Frisch auf. Es sind wahrhaft identitätsfördernde Geschichten, die erzählt werden. Und insbesondere bei "Homo faber", "Stiller" und "
Mein Name sei Gantenbein" ist es unmöglich, das Spektrum unauflöslicher Identitätsvoraussetzungen zu verstehen, insofern die Bücher nur einmalig gelesen werden. Die ganze Bandbreite öffnet sich erst bei mehrmaligem Lesen. Der "Stiller" ist im Übrigen so perfekt durchkomponiert, dass zum besseren Verständnis zwei Bände voll Materialien existieren, wodurch ein wenig hinter die Strukturen dieses prächtigen Romans gelinst werden kann.

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren. Bis 1954 (in diesem Jahr erschien "Stiller") betrieb er ein Architekturbüro und war im Übrigen als Architekt sehr erfolgreich.

Neben seinen drei brillanten Romanen schrieb er viele Theaterstücke, von denen "Andorra" und "Biedermann und die Brandstifter" wohl die bekanntesten sind. Besonders berührend ist seine vorletzte Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän", wo ein alter Mann in einer von Schnee umfangenen Hütte sein Leben auf ungewöhnliche Weise rekapituliert. Max Frisch ist neben
Friedrich Dürrenmatt (mit dem er einen regen Briefwechsel betrieb) der bekannteste und der Meinung des Rezensenten nach auch beste Schweizer Autor des 20. Jahrhunderts. Er starb am 4. April 1991 nach einem langen Krebsleiden in Zürich.

 

 

aufgenommen in die Linksammlung der Universitätsbibliothek der FU Berlin

 

auch hier nachzulesen

 

 

Klaus Wagenbach: "Kafka"

Biografie seiner Jugend

 

 

Klaus Wagenbach war Anfang des Jahres 1950 Lehrling im Verlag "Suhrkamp vorm. S. Fischer" geworden. Er begann in der Herstellung zu arbeiten, wobei sich Fritz Hirschmann als wunderbarer Lehrer erwies. Nur wenige Monate später erfolgte aus spezifischen Gründen die Trennung in zwei Verlage. Klaus Wagenbach blieb seinem Mentor glücklicherweise erhalten, wodurch er nur kurze Zeit später ein braunes, schäbig gedrucktes Buch für eine Umfangschätzung in die Hand gedrückt bekam. Fritz Hirschmann sagte: "Bub, schätz das mal!" Der Lehrling begann also die Zeilen zu zählen, als er plötzlich stutzte. Er las die erste Zeile, die zu zählen gewesen war:

"Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet."

Er hatte vom Autor Kafka schon gehört; besonders in Hinsicht auf die Konkurrenz, welche in Bezug auf die Rechte zwischen den Verlagen S. Fischer und Suhrkamp bestanden, da es sich um einen in Deutschland unbekannten, weltweit betrachtet allerdings berühmten Autor handeln mochte. Gleich in der darauffolgenden Nacht las Klaus Wagenbach den Prozeß und danach in ziemlich kurzer Zeit sämtliche veröffentlichten Werke dieses Autors. Die Liebe zu Franz Kafka war entzündet worden. Eine Liebe, die in einer Dissertation ihren Ausdruck fand, welche von einem Verlag schnell als positiv bewertet worden war. Es handelt sich um eben jene Biografie, die nunmehr von Herrn Wagenbach selbst kritisch kommentiert und ergänzt und mit vier Essays erweitert worden ist.

Die Biografie erschien erstmals 1958, und Klaus Wagenbach ist eine wunderbare Darstellung des Lebens von Franz Kafka bis ins Jahr 1912 gelungen. Er selbst war mit der Biografie von Max Brod nicht besonders zufrieden gewesen und hat sich mit sehr viel Engagement daran gemacht, für seine große Aufgabe zu recherchieren. Er traf dabei eben auf jenen Max Brod, der ihm nicht nur Dokumente und Fotos, sondern zudem zahlreiche seinerzeit noch unbekannte Briefe an Kafka zugänglich machte. Um Max Brod und viele weitere liebenswürdige Helfer zu treffen, hatte Klaus Wagenbach sich im Jahre 1956 als Nichtjude unter dem Schutz zweier Bürgen nach Israel begeben müssen. Zudem geriet Klaus Wagenbach mit Felix Weltsch und Hugo Bergmann in Kontakt. Max Brod war, nachdem der Biograf sein Manuskript an ihn geschickt hatte, sehr begeistert davon, um allerdings kurze Zeit später ziemlich missmutig zu sein, da er sich selbst als einen Menschen charakterisiert sah, an dem man eigentlich zweifeln müsse. Auf diesen Punkt geht Klaus Wagenbach in einem seiner Kommentare genauso ehrlich ein wie auf viele andere Faktoren, welche nunmehr aufgrund des literaturwissenschaftlichen Fortschritts etwas anders gedeutet werden können.

Was diese Kafka-Biografie von vielen anderen biografischen Kafka-Versuchen unterscheidet, die im Laufe der Jahrzehnte erschienen sind, ist zweifellos die Liebenswürdigkeit, mit der Klaus Wagenbach den Autor Franz Kafka schildert. Er hält nichts davon, Kafkas Werke werkimmanent oder auf eine sonstige fragwürdige Weise zu analysieren, sondern geht einzig und allein von Erkenntnissen aus, die aus dem dokumentarischen Material, welches von Franz Kafka vorliegt, hervorgehen. Als Beispiel hierfür mag die Hintergründigkeit der Erzählung "In der Strafkolonie" gelten, in welcher der Autor auf deutliche Weise eine Maschine schildert, die letztlich ihren Konstrukteur auf abscheuliche Weise zu Tode bringt. Jene Nadeln, die unfassbare Schmerzen verursachen, kannte Franz Kafka in seiner Eigenschaft als Mitarbeiter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt. In Fabriken gab es häufig keinerlei Schutzmaßnahmen für die Gesundheit der Arbeiter, die eben auch mit Maschinen hantierten, welche mit Nadeln gespickt waren. War der Finger nur um einen Millimeter näher an der Ausgangsposition des Werkstücks, so war es leicht möglich, dass der Arbeiter schwer verletzt wurde. In diesem Zusammenhang weist der Rezensent darauf hin, dass Franz Kafka öfters Aufsätze für die Versicherung schrieb. In einem beschäftigte er sich mit dem Unterschied zwischen einer gefährlichen Vierkantwelle und einer Originalsicherheitswelle für Holzhobelmaschinen. Die schlechte Sicherung von Maschinen war Kafka ein Dorn im Auge. Er nahm seine Tätigkeit sehr ernst und war stets bemüht, für mehr Sicherheit für die Arbeiterinnen und Arbeiter in Fabriken einzutreten.

Zwei Aspekte in dieser Biografie möchte der Rezensent hervorheben, zumal Klaus Wagenbach darauf besonderen Wert legen mag. Zum Einen die sprachliche Entwicklung, die Franz Kafka auszeichnete, zum Anderen seine Weigerung, in einem Beruf mit Literatur etwas zu tun haben zu wollen.

Aus den frühesten literarischen Zeugnissen von Franz Kafka geht hervor, dass er sich sprachlich noch ein wenig schwer tat, stets die richtigen Ausdrücke für seine Kopfgeburten zu finden. Er war
als deutschsprachiger Jude in Prag ohnehin fast ein "Unikum", und seine Sprache war eine Zeit lang relativ stark ans Tschechische angelehnt. Somit kam es teilweise zu leicht indifferenten sprachlichen Auseinandersetzungen, welche freilich nur Menschen beurteilen können, die sowohl des Tschechischen als auch des Deutschen mächtig sind. Was Kafka auszeichnete, war, dass er diesen Indifferenzen auf die Spur kommen wollte und sein Pragerdeutsch sich stetig weiter entwickelte. Sein Sprachstil wurde immer genauer und konkreter. Die Natur hatte in seinen Werken ebenso wenig Bedeutung wie etwa bei Dostojewski, worauf Klaus Wagenbach dezidiert hinweist. Zweifellos beschäftigte sich Kafka so intensiv mit der deutschen Sprache, dass er im Laufe der Zeit zu einem Meister der Beschreibung wurde. Bezeichnend für Kafka ist, dass er den Erzähler sozusagen "außen vor" lässt.

Franz Kafka bekam immer wieder Angebote, im Sinne eines literarischen Kontextes erwerbsarbeitsmäßig tätig zu werden. Diese Möglichkeiten hat er stets zurückgewiesen. Er wollte bewusst eine berufliche Tätigkeit ausüben, die ihm viel Möglichkeit gab, seiner eigentlichen Passion, dem Schreiben, viel Zeit widmen zu können, und nicht auch noch beruflich mit sekundären literarischen Belangen eingespannt zu sein. Aufgrund dessen muss es für ihn entsetzlich gewesen sein, an seinem allerersten Arbeitsplatz in der Assicurazioni Generali mehr oder weniger dahinvegetieren zu müssen. Die berufliche Tätigkeit selbst störte ihn nicht besonders, wenngleich er sie keineswegs als "berauschend" empfand. Doch ein Tagespensum von oft zehn Stunden und mehr sowie die Tatsache, dass er hie und da - unbezahlt - zudem an grundsätzlich arbeitsfreien Tagen im Büro auftauchen musste, wurde ihm recht schnell zuviel. Er benötigte genügend Freiraum, den ihm die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt ermöglichte. Bald schon war die tägliche Arbeitszeit des Juristen Kafka auf sechs Stunden reduziert. Freilich fanden es seine Chefs für die berufliche Tätigkeit von Kafka wenig förderlich, dass er dem Schreiben nachging. Doch das mochte den Autor Kafka nicht berührt haben.

Was Wagenbach so herrlich verdeutlicht, sind die Bescheidenheit und Ehrlichkeit, die zwei Grundtugenden von Franz Kafka gewesen sind. Er nahm sich nie ein Blatt vor den Mund und war auch sich selbst gegenüber - teilweise - brutal ehrlich. Während er seine Werke nur selten zu veröffentlichen versuchte, war sein Freund Max Brod von den literarischen Leistungen seines Freundes hingerissen. In einer überlieferten "Anekdote" ist davon die Rede, dass Max Brod, der schon bald Ruhm als Autor einheimsen konnte, auf seine Qualitäten als Autor angesprochen, nicht auf sich selbst einging, sondern den zu dessen Lebzeiten nahezu unbekannten Franz Kafka als das wahre Genie apostrophierte. Für Max Brod war sein Freund Franz buchstäblich ein "Heiliger". Dies war wohl der Grund, warum er das Ersuchen von Franz Kafka, sämtliche Werke nach seinem Tode zu verbrennen, nicht erfüllen wollte. Max Brod hat dadurch der Nachwelt ermöglicht, einen der erstaunlichsten Autoren der Weltliteratur kennen zu lernen. Der Rezensent verhehlt nicht, Franz Kafka ähnlich wie Klaus Wagenbach zugetan zu sein. Es gibt Autoren, die einen nie loslassen, wenn man sie einmal kennen gelernt hat. Somit kann ich schlussendlich ganz persönlich kundtun, dass ich mir gut vorstellen kann, wie sehr Klaus Wagenbach sich der Auseinandersetzung mit dem Werk und dem Leben von Franz Kafka verpflichtet fühlt. Der Biograf bekennt ja, Kafkas dienstälteste lebende Witwe zu sein. Und dies kann insbesondere nach der erquickenden Lektüre der nunmehr kongenial ergänzten und erweiterten Biografie als Tatsache definiert sein.