Paul Auster: "4 3 2 1",  kein opus magnum

Im Frühjahr 2008 hatte ich das Vergnügen, anlässlich des Prager Autorenfestivals gleich drei Veranstaltungen mit Paul Auster mitzuerleben. Er stellte seinen Film „The inner life of  Martin Frost“ vor, bestritt eine Lesung aus seinem Roman „Man in the dark“ und sprach gemeinsam mit Zeitgenossen über das Jahr 1968. Einmal saß ich in unmittelbarer Nähe von Paul Auster und seiner Frau Siri Hustvedt. Er wartete darauf, mit seiner Lesung beginnen zu können, als ihm Siri etwas ins Ohr flüsterte. Ich war Zeuge davon, wie er sein berühmtes Notizbuch zückte und etwas hineinschrieb.

 

Nach einem wunderbaren Leseabend mit insgesamt drei Autoren (u.a. auch dem großartigen Günter Kunert!) folgte eine kleine Feier der – glaube ich – schwedischen Botschaft. Paul Auster stand mit einem Glas Rotwein in der Hand keine zwei Meter von mir entfernt. Ich hätte an ihn herantreten und etwas fragen oder aber meine Bewunderung für seine Werke zum Ausdruck bringen können. Ich tat es bewusst nicht, weil ich das Gefühl hatte, damit vielleicht einen Mythos zu zerstören. Ein belangloses Gespräch würde mir kaum zur Ehre gereichen. Heute – und das sage ich mit dem Brustton der Überzeugung – hätte ich den Kontakt zu Paul Auster nicht gescheut.

„Mich interessiert, wieso Sie diesen Roman geschrieben haben, dieses enorme Konvolut? Sie haben so wunderbare Romane geschrieben, Sie sind einer meiner absoluten Lieblingsautoren! Aber wieso dieses Monstrum, dieser überbordende Roman? Wenn ich nicht wüsste, dass Sie ihn geschrieben haben, hätte ich nach spätestens 400 oder 500 Seiten aufgehört, ihn zu lesen, das muss ich offen zugeben.“

 

Oh, ob ich mich getraut hätte, Paul Auster dies zu sagen? Vielleicht schon, nicht unbedingt in diesen Worten. Meine Enttäuschung ist recht groß. Ich hatte mir viel von diesem Roman „4 3 2 1“ erwartet. Ein Meisterwerk, und definitiv das opus magnum von Paul Auster. Doch dem ist nicht so, jedenfalls meiner subjektiven Einschätzung gemäss. Manche Rezensenten haben den Roman hochgelobt, andere weniger. Insgesamt fiel die Resonanz allemal positiv aus.

 

Der Roman ist keineswegs mißlungen, das möchte ich betonen. Es gibt einige fantastische Passagen, die das große Können von Paul Auster zeigen. Ich war berührt von diesen Szenen. Auch die Geschichte der Vorfahren ist spannend. Und das Ende hat einen kleinen, feinen Überraschungseffekt.

 

Über weite Strecken ist der Roman sehr geschwätzig. Über unzählige Seiten wird von den Demos gegen Vietnam von Seiten der Studenten berichtet, von sexuellen Ausschweifungen, Baseball und theoretischen Analysen zur Literatur. Teilweise sehr ermüdend. Weniger wäre mehr gewesen. Gekürzt auf die Hälfte hätte dieser Roman ein Meisterwerk sein können. Die Idee ist ja erstaunlich: Wie kann sich der Lebensweg eines Menschen gestalten, wenn die äußeren Ereignisse modifiziert sind? Vier Lebensläufe, vier Leben, aber der selbe Mensch. Grob geschrieben ein Durchschnittsbürger, ein überbordender Charakter, ein viel zu früh aus dem Leben Gerissener und ein Genie. Was aus dieser Ausgangssituation gemacht wird, ist aber leider weitgehend verschenkt.

 

Möglicherweise wollte Paul Auster mal etwas Neues probieren, und das Experiment ist etwas aus dem Ruder gelaufen. Schließlich enden die Lebensläufe spätestens im Alter von 22 Jahren. Interessant sind Kindheit und die frühe Jugend. Die spätere Jugend und das frühe Erwachsenenalter sind eher ein Ärgernis, weil das Gefühl entsteht, diese „gleichen“ Figuren entwickeln sich gar zu ähnlich. Und wenn es kaum Modifikationen gibt, wird die ganze Geschichte fad.

 

Auch sprachlich ist dieser Roman für Auster untypisch. Sehr lange Sätze mit immer wieder belanglosem Inhalt, wenn da nicht die erwähnten Ausnahmen wären.

 

Nichts desto trotz freue ich mich, dieses Mammut-Werk gelesen zu haben. Ich habe mich durchgekämpft und das wollte ich auch. Schließlich enthält meine Bibliothek sämtliche Werke von Paul Auster und ich habe alle gelesen. Die Lektüre hat sich gelohnt, weil es einige großartige, ja fantastische Passagen zu genießen gab. Das wird mir langfristig in Erinnerung bleiben. Der Rest ist geschenkt, eine allzu ausführliche Zugabe. Ich bin darauf gespannt, ob es einen nächsten Roman von Paul Auster geben wird und wie dieser ausfällt. Ich hatte mir nämlich schon vor „4 3 2 1“ (und der langen prosaischen Pause) die Frage gestellt, ob er genug vom Romanschreiben hat...