Jahresheiligenziehen

Seit einigen Jahren vollziehe ich am Ende des Jahres das Jahresheiligenziehen. Dieser Brauch wird von vielen Katholiken praktiziert. Ein Heiliger soll ein ganzes Jahr lang den Menschen begleiten, der ihn „gezogen“ hat. Hieraus kann eine besondere Beziehung entstehen. Im besten Falle kann der Heilige eine Vorbildwirkung entfalten.

 

Das Jahresheiligenziehen ist im modernen Zeitalter auch via Internet möglich. Ich habe meinen Jahresheiligen 2016 hier gezogen.

 

2015, also dieses Jahr, war meine Jahresheilige Johanna-Franziska Chantal, also eine vielleicht nicht so bekannte Heilige. Ich muss zugestehen, mich nicht allzu sehr in ihr Leben vertieft zu haben. Dafür hat mich Teresa von Avila intensiv begleitet, deren 500. Geburtstag sich jährte.  „Die innere Burg“ ist wohl ihr bekanntester Text. Hierbei beschreibt sie sieben Wohnungen, in denen Gottesbegegnung und somit spirituelle Entwicklung wirksam wird. Hochinteressant dabei ist, dass Teresa diesen Text ausschließlich für ihre Mitschwestern verfasst hat, also gar nicht vor hatte, ihn darüber hinaus zu verbreiten. So wendet sie sich immer wieder an ihre Mitschwestern. Sie beschreibt die einzelnen Wohnungen sehr genau, sodass der Leser einen Eindruck davon bekommt, wie diese eingerichtet sind. Dadurch erhält der an spirituellem Wachstum orientierte Leser die Möglichkeit, seinen Seins-Zustand in diesem Kontext mehr oder weniger zu „bewerten“. Entscheidend ist jedoch, daraus neue Quellen zu erschließen, aus denen die Gottesbeziehung neu erfahrbar wird. Teresa weist immer wieder darauf hin, keineswegs fehlerfrei zu sein und die Gottesbeziehung dementsprechend weiter entwickeln zu wollen. Ich habe aus diesem Buch heraus neue Erkenntnisse gewinnen können, die ich teilweise schon in mein Leben integrieren konnte. Wobei es freilich nicht darum geht, plötzlich schon zu Lebzeiten mit den Engeln zu singen, sondern beispielsweise um Demut und die diesbezügliche Grunderfahrung.

 

Nun ja, gestern habe ich das Jahresheiligenziehen für 2016 bewerkstelligt. Und ich bin hingerissen davon, welcher Heilige mich im neuen Jahr begleiten wird. Es wird Philipp Neri sein, Patron von Rom, und Symbolfigur für eine Erneuerung der Kirche. Er gilt als der heitere Heilige, sein Leben und Wirken war durchzogen von Heiterkeit und Humor. Er gilt als Spaßmacher, als Narr Gottes. Ich habe bereits begonnen, mich mit ihm ein wenig auseinander zu setzen. Philipp Neri war der Lieblingsheilige von Goethe, der über ihn in seiner berühmten italienischen Reise ein ganzes Kapitel geschrieben hat, wo er die Besonderheit dieses Heiligen sehr behutsam beschreibt. Und es gibt „Zufälle“, die gibt es gar nicht (weil es „Zufälle“ tatsächlich nicht gibt): Phillip Neri wurde im selben Jahr wie Teresa von Avila geboren, und auch am gleichen Tag heilig gesprochen. Erst vor wenigen Monaten sind anlässlich seines 500. Geburtstages zwei Bücher erschienen, die sich mit seinem Leben auseinander setzen. Darunter ein besonderes Werk, das erst jetzt nach Jahrhunderten!!! endlich in deutscher Fassung vorliegt. Es steht für mich fest, mich insbesondere mit diesem Werk 2016 zu beschäftigen. Das Jahresheiligenziehen hat mir also einen Heiligen beschert, den ich mit besonderer Freude als Jahresbegleiter und womöglich darüber hinaus wählen werde.

 

Das Jahresheiligenziehen sei jedem gläubigen Katholiken empfohlen. Es ist ein schöner Brauch, der viel Positives im Leben des Einzelnen bewirken kann, wenn er dazu bereit ist.