Wiener Blut, die Besprechung! 

Ballett als Thema ist schon mal ein großes Wagnis. Doch wer wagt gewinnt manchmal auch. Dementsprechend ist die Ballett-Serie von Alicia Mirowna ein literarisches Projekt, das abseits des üblichen literarischen Einheitsbreis hervorsticht. Mit Ballett hatte ich nie etwas am Hut, in einem Vortrag habe ich mal davon gehört, dass Ballett der gefährlichste Sport überhaupt wäre, weil hochgradige Verletzungen nie vermeidbar wären. Dies freilich bezogen auf die sogenannten Profis. Das sei auch der Grund, warum diese Könner ihres Fachs nur bis zu einem bestimmten Alter tanzen könnten. Doch dies spielt in dieser Ballett-Serie keine Rolle, schließlich geht es darum, anhand von Ballett die dramatischen Aspekte des Leistungssports darzustellen, und was so alles dazugehört.

 

Eine Tanzschule in Wien ist jener Ort, wo sich die Schicksale der Protagonisten für eine Weile bündeln. Es gibt große Talente und eher mittelmäßige Schüler, es gibt deutsche Gründlichkeit und österreichische Schlampigkeit seitens der Lehrerinnen und Lehrer. Und der Leser kann aus dem umfangreichen Personal des Romans auswählen, welche Figuren ihn besonders interessieren bzw. ob er an deren Erfahrungen in gesteigertem Sinne Anteil nehmen mag. Mir fiel die Auswahl nicht schwer. Da ist zum Einen Sandra Schmitt, eine gebürtige Deutsche, die in der Wiener Tanzschule Zeidler unmögliches möglich machen soll. Zum Anderen gibt es Tibor, einen in die Jahre gekommenen ungarischen Tanzlehrer. Zum Dritten die Schülerin Yvonne, die immer knapp am großen Erfolg vorbeischrammt. Und zum Vierten einen gewissen Joey, Gründer der nach ihm benannten Tanzschule Zeidler, dessen Wurschtigkeit und Narzissmus unübertrefflich sind. Allein diese vier Figuren sorgen schon mal für gehörig Wirbel.

 

Die Autorin gibt sich große Mühe, den Wiener Dialekt ein Stück weit zu integrieren. Das ist sehr lobenswert, immerhin ist sie nicht in Wien geboren. Nun besteht absurderweise aufgrund dessen die Gefahr, dass dieser Roman zu „österreichisch“ sein mag. Manche Ausdrücke sind deutschen Leserinnen und Lesern unbekannt bzw. sie können damit nichts anfangen. Doch ist es gerade diese kleine österreichische Note, die diesen Roman zu etwas Besonderem macht. Sandra Schmitt ist – um mal ein Klischee anzustrengen – eine Perfektionistin von deutschem Schlag, die mit ihren 44 Jahren endlich das große Los ziehen und zukünftige Meistertänzerinnen und Meistertänzer ausbilden will. Dafür ist sie sogar bereit, nach Wien zu fahren, wo angeblich der personifizierte Charme zu Hause sein soll. Ein Klischee trifft also ein weiteres Klischee, und es ergibt sich eine wunderliche Reise, an deren Ende kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Tibor ist als feuriger Ungar in Wien gestrandet, Yvonne hat mit Minderwertigkeitskomplexen zu leiden (da schaut ihr Freud über die Schulter!), und Joey ist ein Karrierist, der glaubt, alle anderen seien seine Lakaien. Wenn dann auch noch hauptsächlich die Mütter der mehr oder weniger begabten Schüler Raum zugebilligt bekommen, mysteriöse Fremde auftauchen, die so fremd gar nicht sind, dann entsteht ein erstaunliches Sittengemälde, an dem sich die Geister scheiden können. Wer sieht schon gerne in den Spiegel? Hier geht es wahrscheinlich gar nicht anders, denn der kunterbunte Reigen von Figuren hat für jede Leserin und jedem Leser etwas bereit. Meine Lieblingsfigur ist eindeutig Yvonne, eine – scheinbar – ewige Verliererin, die sich schon in jungen Jahren in einer Welt behaupten muss, die nicht gerade die ihre ist.

 

Es ist nicht unbedingt das Wien, das ich kenne, in dem sich diese Geschichte abspielt, aber das ist sekundär. Es ist aber überhaupt nicht das Wien, als das es sich gerne brüstet, also die Weltstadt der Musik, Kunst und überhaupt. Dieses Wien ist schwer zu decodieren, ist nicht greifbar. Und deswegen ist es eine absolute Notwendigkeit, diese österreichische Nuance in die Geschichte zu implizieren. Die kleinen Begegnungen, Irrungen und Wirrungen in der Metropole sind so etwas wie der Kitt, der die Ereignisse zusammen hält, und selbst mich Wiener Urgestein dadurch fasziniert, dass er ein neues Wien repräsentiert bekommt, wo er auch gerne mal vorbeischauen würde. Das Lokalkolorit inklusive einer kleinen Dosis Wiener Dialekt macht die Würze dieses Buches aus. Also sollte manche deutsche Leserin, mancher deutscher Leser, sich daran stören, dann sei er dazu eingeladen, mal nach Wien zu kommen und sich ein seriöses Bild zu machen. Denn eines ist ja wohl klar: Jede Geschichte zeigt auch die Eigenheiten der Protagonisten und somit ihre Herkunft, ob diese nun Fantasien oder eben Wien ist.

 

Insgesamt ein Roman, der durch Charme, feinen Humor und leise Gesellschaftskritik besticht. Wien ist anders, das zeigt auch diese im Ballett-Milieu verankerte Geschichte.


Mich freut es sehr, dass ich ein klein wenig zum Gelingen dieses Romans beitragen konnte.