Mein Kafka-Jahr 2014

Seit der ersten Lektüre, es muss sich um Kafkas „Prozess“ gehandelt haben, beschäftige ich mich im Grunde Jahr für Jahr mit seinem Werk und seiner Biographie. Erstaunlich allerdings, dass ich 1990 sämtliche unvollendeten Romane gelesen habe, um diese dann bis diesen Februar des Jahres 2014 nicht mehr hervorzukramen. Was sich zwischenzeitlich ereignet hat, ist vielfache Lektüre seiner Erzählungen, eine Menge Studium von Sekundärliteratur, hervorzuheben insbesondere die Jugendbiographie von Klaus Wagenbach, „Kafkas Welt“ von Hartmut Binder sowie die Biographien mit literarischem Anspruch von Reiner Stach.

 

Zudem habe ich Mitte der 1990er Jahre ein Theaterstück geschrieben, das sich an Kafkas „Amerika“ anlehnt. Und ich habe einige Kafka-Figuren in meinem Erzählungsband „Blumfeld, ein älterer Arbeitsloser“ in die Jetzt-Zeit transformiert. Ach, und natürlich habe ich mich mit Filmen, Theaterstücken und auch Musik im Kafka-Kontext auseinander gesetzt. 2008 entdeckte ich Kafka als Zeichner. Und meine beiden Aufenthalte in Prag hatten freilich auch einen Kafka-Schwerpunkt.

 

Doch es sollte 24 Jahre dauern, bis ich mich wieder daran gemacht habe, seine Romane zu lesen. Wieso dies so lange gedauert hat, lässt sich schwer erklären. Irgendwie fand und finde ich sein Leben so spannend und seine Erzählungen so visionär und aufschlussreich, dass ich gar nicht daran dachte, wiederholt zu seinen Romanen zu greifen. Dies habe ich nunmehr nachgeholt. Beginnend mit dem „Prozess“, fortsetzend mit „Das Schloss“ und abschließend mit „Amerika“ ist dieses Jahr 2014 ein ganz Grundlegendes auf meiner Entdeckungsreise des Werkes von Franz Kafka.

 

Ich habe Kafkas Werke ganz anders erlebt als vor vielen Jahren. Die komische Komponente hat mich bei „Amerika“ dermaßen amüsiert, dass ich diesen Roman richtiggehend genießen konnte. Der Mythos von Kafka als düsteren, weltabgewandten Menschen kann sehr leicht zerstört werden, wenn seine Werke ohne diese merkwürdigen Vorurteile gelesen werden. Kafka hat am Leben auch gelitten wie wir alle, doch sein eigentliches Drama war die Hingabe an das Schreiben, an die Auseinandersetzungen mit kleinsten Details, die ihm Tag für Tag bei seinen Spaziergängen und überhaupt in Prag aufgefallen sind, und über die er schreiben musste.

 

Somit kann ich mit Fug und Recht behaupten, Kafka für mich neuentdeckt zu haben. Und das, obzwar ich sein Werk schon seit so vielen Jahren kenne. Er ist wohl der Autor, mit dem ich liebend gerne zu Lebzeiten Bekanntschaft, ja Freundschaft geschlossen hätte. Ein Freund, der mich seit fast 25 Jahren begleitet. Eine Freundschaft, wie sie spannender und überraschender nicht sein könnte.