9. November 1989 

Eine Frage, die sich viele Menschen stellen und oft auch beantworten können, ist: Wo war ich am 9. November 1989 und was habe ich getan? Nun, ich für meinen Teil war mit Sicherheit in Wien und habe im Fernsehen die unglaubliche Geschichte verfolgt. Schon im Vorfeld gab es Diskussionen in meiner Schule, und ein damaliger Freund hatte vorausgesehen, dass die Mauer fällt. Für mich war dies angesichts der friedlichen Demonstrationen, die sich in der DDR abspielten, auch nur eine Frage der Zeit.

 

Dieser 9. November 1989 ist nicht nur geschichtsträchtig, sondern für die Geschichte Europas von maßgeblicher Bedeutung. Bis heute wirkt diese Geschichte. Deutschland hat es verstanden, aus der Geschichte zu lernen. Das Eingeständnis schwerer Schuld, die im Namen des Nationalsozialismus entstanden ist, lässt sich als diametral zum Verständnis Österreichs verstehen, wo lange Zeit das Märchen vom „ersten Opfer“ Hitlers erzählt worden ist.

 

Gerade auch die Versäumnisse, die nach der Öffnung der Mauer im bald darauf neuen vereinten Deutschland passiert sind, wurden im Grunde nie unter den Deckmantel des Schweigens gekehrt. Das Eingeständnis von Verfehlungen, egal ob schwerwiegend oder weniger schwer, ist die Voraussetzung, um überhaupt als Staat Fortschritte zu machen. Wer stets nur Ausreden sucht oder schlicht und einfach nicht die Tatsachen auf den Tisch legt, der wird irgendwann die Rechnung präsentiert bekommen. Dementsprechend sehe ich insbesondere die Gewaltlosigkeit, die den 9. November 1989 gekennzeichnet hat, als beispielgebend. Veränderung in eine positive Richtung ist möglich. Hermann Hesse schrieb so schön: Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.

Und, ja, was am 9. November 1989 geschehen ist, ist die Verwirklichung einer als unmöglich geglaubten Veränderung.

 

Für mich persönlich war das Jahr 1989 (interessanterweise auch beginnend mit dem Herbst) auch eine Phase der Wandlung, mehr noch eine Zäsur. Dementsprechend stelle ich nunmehr abschließend einen Text in den Fokus, den ich in Zusammenhang zu diesem erstaunlichen Jahr 1989 vor vielen Jahren geschrieben habe.

 

Es ist, als wäre es gestern gewesen, und doch ist es schon lange her. Der Fall der Mauer fiel zusammen mit dem Beginn meines neues Lebens und das kam so:

In jenem denkwürdigen Jahr, wo der Fall der Mauer den Umbruch Osteuropas einleitete, begegnete mir ein Mensch, dessen Einmaligkeit und Liebe ein Wanken meiner Prinzipien verursachte. Er war Deutschlehrer von unglaublicher Vitalität, und vermochte es, mir in der Trostlosigkeit des Schulalltags eine Kerze anzuzünden, die bis heute nicht erloschen ist. Mit viel Herzenswärme überzeugte er mich davon, dass ich großes Schreibtalent besäße. Er ließ die ganze Schulklasse an meinen Gedankenausflügen teilhaben, indem er mich ersuchte, vor den SchülerInnen einen Aufsatz vorzutragen. Es wurde mir schlussendlich sogar applaudiert. Die einzige Schularbeit, die er mir je korrigierte, beurteilte er dermaßen positiv, dass ich vor Freude hätte fliegen können. Einer meiner Mitschüler ahnte genau zu jenem Zeitpunkt, wo mir Flügel angewachsen waren, dass die Mauer schon bald fallen würde, da es für ihn keinen Zweifel gab. Der Fall der Mauer wurde für mich zum Symbol für ein neues Leben, das haargenau in jene Zeit hineinfiel, wo alles sich von einem Tag zum anderen veränderte. Es verwundert nicht, dass im Herbst des Jahres 1989 der erwachte junge Dichter sich im Kino den Film „Club der toten Dichter“ ansah; einen Film, der von einem Englisch-Lehrer handelte, welcher absolut unkonventionelle Unterrichtsmethoden verfolgte, um seinen Zöglingen Literatur nahezubringen. Robin Williams, der den Lehrer ausgezeichnet verkörpert, ähnelt in vielerlei Hinsicht meinem großartigen Entdecker der Fähigkeiten, die in mir schlummerten. Plötzlich las ich sehr viele Bücher von Autoren, die ich zuvor nie hätte lesen mögen. Eine Aufbruchsstimmung brachte eine Mauer in mir zum Umstürzen, die mich bis zu jenem magischen Moment, als der Käpt´n, wie ich ihn nennen will, zum ersten Male die Klasse betrat, indem er die verwunderten SchülerInnen mit einem Klopfen seines Zeigefingers auf die Stirn begrüßte, daran gehindert hatte, innerlich ein Gefühl von Freiheit zu verspüren. Stets hatte ich mich eingeengt gefühlt von Ängsten und unüberwindbaren Komplexen; aber plötzlich war der Zugang zu meinem Inneren freigelegt, und ich folgte dem Weg, der mich dorthin geführt hat, wo ich jetzt angelangt bin. Als die Mauer fiel, fiel auch langsam die Mauer in mir. Ein Mauersturz eröffnet immer die Möglichkeit, Freiheit zu erlangen. Die Berliner Mauer war das Symbol für die bewusste Abriegelung bestimmter Menschen voneinander; sie war somit mehr als bloßes politisches Machtinstrument oder brutale Trennungslinie eines zuvor geeinten Deutschland. Für mich als damals jungen Burschen von knapp neunzehn Lenzen, der ich in Wien aufwuchs (und dort nach wie vor mein Leben gestalte), war der Mauerfall immerhin die eindrucksvolle Bestätigung, daß manchmal Wunder geschehen; auch wenn es mir egal hätte sein können.

1989 war das Jahr, wo ich von einem Lehrer inspiriert zu schreiben begann, wo ich mit Büchern Freundschaften schloss, die ich zuvor ignoriert hatte, wo mein Leben einen Schub bekam, dessen Wirkung ich noch heute spüren kann.

Die Geschichte, für die ich so dankbar bin, dass ich sie mit Freude niederschrieb, hat ein schreckliches Ende: Mein Lehrer konnte sich nicht lange um mich kümmern; bald schon musste er ins Spital, und ich erfuhr, dass er schon längere Zeit an unheilbarer Leukämie gelitten hatte. Er starb bald darauf, und mir ist bewusst, dass ich wahrscheinlich der letzte junge Mensch gewesen sein muss, den er durch seine Berufung zum Lehrer ermutigen konnte, sein Talent zu erkennen, zu entwickeln und das Schreiben als wichtigen Teil des Lebens zu sehen. Ohne ihn wäre ich nie zu dem geworden, der ich jetzt bin. Und dafür werde ich ihm immer dankbar sein.