Comics, Teil 2: Kiesgrubennacht von Volker Reiche 

In einer Büchersendung von und mit Elke Heidenreich wurde ich vor vielen Jahren erstmals auf Volker Reiche aufmerksam. Seinerzeit galt es den ersten Sammelband der „Strizz“-Comics zu besprechen. Ich fing sofort Feuer und es gelang mir sogar, für www.sandammeer.at ein E-Mail-Interview mit Volker Reiche zu machen. Es sollten weitere sieben Sammelbände folgen, die ich allesamt verschlang. Dann war plötzlich Schluss, „Strizz“ war Geschichte und wie es mit ihm, Leo und Co, Kater Paul, Raphael und allen weiteren netten Geschöpfen des „Strizz“-Universums weiterging, steht in den Sternen.

 

Zu meiner großen Überraschung wurde ich erst heuer, also 2014, darauf aufmerksam, dass Volker Reiche sein vielleicht persönlichstes Buch gezeichnet und geschrieben hat: „Kiesgrubennacht“. Eine Selbstverständlichkeit, mir dieses Buch zuzulegen. Und was soll ich schon groß schreiben: Einen Comic dieser Art gibt es wohl nur selten zu bestaunen. Der Zeichner und Autor schildert seine eigene Geschichte von Kind an bis in die Jetzt-Zeit. Es ist also eine Autobiographie, aber im Grunde noch weit mehr. Denn es geht auch um die Frage, inwiefern Erinnerungen trügen können bzw. was überhaupt von Erinnerungen zu halten ist. Sind Erinnerungen eine Art von Fiktion? Was erinnert wird sind Momente, die offensichtlich das Leben mitgeprägt haben. Im Falle von Volker Reiche und seinem Vater ist es eine einzige Begebenheit, die maßgeblich ist und bis heute nicht geklärt zu sein scheint: War der Vater an Erschießungen von unschuldigen Menschen im zweiten Weltkrieg beteiligt? Der Vater diente dem Nazi-Regime, indem er als so etwas wie „der Dichter des Führers“ fungierte. Wann immer die Frage auf die berühmte „Kiesgrubennacht“ kam, blockte der Vater ab. Volker Reiche schildert den Vater als Despoten, selbstherrlichen Patriarchen und ins Alter gekommen als unverbesserlichen Ewiggestrigen. Es ist gespenstisch, wie er diese Erinnerungen zeichnerisch und mit wenigen Worten unterstrichen umgesetzt hat.

 

Gleichermaßen geht es um Volker Reiches Werdegang als Zeichner. Er nimmt sich schon mal auch selbst auf die Schippe, wenn er – und das ist ganz bombastisch! – Kater Paul, Raphael, Strizz, kurzum Protagonisten des „Strizz“-Universums, über seine Erinnerungen reflektieren lässt. „Kiesgrubennacht“ ist eine Tragikomödie höchsten Grades, mit einer Leichtigkeit dargestellt, dass dem Betrachter ganz schwer ums Herz werden kann. Damit mag Volker Reiche seinen bislang wohl herausragendsten Comic gestaltet haben. Die zeichnerische Kraft, die den Bildern inne liegt, verdeutlicht das Phänomen, das er sein Talent in die Waagschale wirft, um vielleicht der „Wahrheit“ seines Lebens und seiner Geschichte ein kleines Stückchen näher zu kommen.