Kafka Band: Das Schloss

Wer sich ein wenig mit meiner Website auseinander setzt, der wird um Franz Kafka nicht herumkommen. Es gibt so Vieles, das mich mit diesem grandiosen Autor verbindet, ihn zu einem Seelenverwandten macht, den ich gerne zu seinen Lebzeiten kennen gelernt hätte. Nun gibt es eine Band, die sich ganz Franz Kafka widmet. Die Kafka Band hat 2014 „Das Schloss“ vertont. Und wie! „Das Schloss“ gilt als Schlüsselwerk von Kafka, wobei dies möglicherweise zu einfach gedacht ist. Denn seine drei unvollendeten Romane sind allesamt ein Schlüssel zur Welt von Franz Kafka, die einmal betreten einen unheimlichen Sog entwickeln kann. Er hat kein üppiges Werk hinterlassen, und sich selbst nie großes Schreib-Talent attestiert. Ohne Kafka ist mein eigenes Schreiben schwer vorstellbar. Und es kommt nicht von ungefähr, dass ich mit „Blumfeld, ein älterer Arbeitsloser“ den Versuch unternommen habe, Kafka-Figuren in die Gegenwart zu schicken.

 

Musik ist eine Kunst, die wohl am Tiefgehendsten zu berühren vermag. Musik prägt das eigene Leben mit, weil es den Rhythmus vorgibt. Texte von Franz Kafka zu vertonen ist eine enorme Herausforderung, welche die Kafka Band auf großartige Weise gemeistert hat. Bei der Vertonung geht es nicht darum, eine Quintessenz herauszudestillieren, irgendwie am Text zu kleben oder etwas hinzuzufügen. Vielmehr sind es kurze Passagen, die Tragik und Komik mit Inbrunst vereinen. Dabei kommt die Hintergründigkeit der Geschichte nicht zu kurz. Eine Annäherung an Kafka kann auch der Kafka Band nicht gelingen. Das Geheimnisvolle, das Eigenartige, das Unverwechselbare sticht auch in der musikalischen Umsetzung hervor. Wer sich Kafka anzunähern versucht, wird eher ein, zwei Schritte zurück geworfen. Seine literarischen Werke bilden eine Symbiose mit seinem Leben, das uns wiederum durch seine Werke, Tagebücher und Briefe bekannt ist. Doch die eigentliche Kunst des Lesers besteht immer darin, zwischen den Zeilen zu lesen. Und die Vertonung von „Das Schloss“ kann in diesem Sinne interpretiert werden. Da wird eine kleine Geschichte hörbar und ich frage mich, was mit dieser Geschichte nicht zum Ausdruck gebracht wird.

 

Es ist wie mit dem eigenen Leben: Das nach außen Sichtbare, ja selbst das in Form von Kunst nach außen Projizierte ist bloß die Spitze des Eisberges. Im tiefen Meer steckt die ganze Größe der menschlichen Existenz, die im besten Falle erahnt werden kann. „Das Schloss“ in der musikalischen Adaption der Kafka Band schafft einen neuen Zugang zum Ungesagten. Das ist eine Qualität, die gar nicht hoch genug eingestuft werden kann. Kein Wunder, dass mit Jaroslav Rudiš ein Autor, und mit Jaromír 99 ein Comic-Zeichner zwei stark mit Kafkas Werk vertraute Künstler aus Prag den Kern dieser ungewöhnlichen Band bilden. Es ist ein Hochgenuss, den Songs zu lauschen und damit einen neuen Zugang zu Kafkas Werk zu erfahren.