Comics: Daniela Schreiter, Schattenspringer 

Mit Autismus wurde ich (wie wahrscheinlich viele andere) erstmals durch den Film „Rainman“ konfrontiert. Wohl 10, 15 Jahre später war ich Gast einer Veranstaltung, wo u.a. eine Autistin als Malerin auftrat. Es war mir nicht möglich, einen Kontakt zu ihr aufzubauen. Mittlerweile weiß ich, dass Autismus viel komplexer und individueller ist, als ich jahrelang gedacht hatte. Jeder Autist ist nicht nur Autist, sondern in erster Linie Mensch. Der Autismus ist zwar ein wesentliches Element seines Mensch-Seins, einen Menschen auf seinen Autismus hin festzulegen ist allemal komplett verkehrt. Absurd die Vorstellung, dass sich ein Autist über seinen Autismus definiert.

 

 

Nun, ich kam durch ein soziales Netzwerk mit einer Autorin in Berührung, die Autistin ist. Ihr Name ist Daniela Schreiter und sie ist Comic-Zeichnerin. Durch ihre tolle Website www.fuchskind.de  konnte ich einen Großteil des „Schattenspringer“ bereits genießen, bevor dieses Werk 2014 verdientermaßen bei Panini als Buch veröffentlicht worden ist. Daniela Schreiter schildert ihr Leben mit einem Augenzwinkern. Sie eröffnet dem Betrachter des Comic ihr Leben auf eine Weise, die mit sich bringt, in diesem Falle „Menschen mit Asperger-Syndrom“ nicht in irgendeine Schublade zu sperren, aus der sie nie herauskommen können. Wenn wir Daniela mit „normalen“ Menschen vergleichen, so wird schnell klar, dass „Normalität“ kein Kriterium ist, um den Menschen überhaupt zu kategorisieren. Mehr noch: Jegliche Kategorisierung des Menschen ist eindimensional und führt letztlich zu einer Fehleinschätzung. Und kann es nicht sein, dass so sensible und selbstreflexive Menschen wie Daniela die eigentlich „normalen“ Menschen in einer Gesellschaft sind, die von nicht wenigen Aliens bevölkert scheint, deren einzige Aufgabe bspw. darin liegen mag, irgendeine „Karriere“ zu machen?

 

Ein Comic kann schon mal übers Ziel hinausschießen, dafür gäbe es genügend Beispiele. Der „Schattenspringer“ orientiert sich in aller Klarheit am Leben selbst, es wird nichts hinzu erfunden, die Eigenheiten von Daniela Schreiter schließen sie zwar – scheinbar – von der Gesellschaft aus, gleichermaßen sind es gerade diese Eigenheiten, die sie für die Gesellschaft besonders interessant machen. Sie hält uns „normalen“ Menschen einen Spiegel vor, und wer dann noch der Auffassung ist, sein Leben erhöbe den Anspruch, vergleichsweise reichhaltiger oder grenzenloser zu sein, der hat das Buch nicht verstanden. Freilich legt es Daniela Schreiter wohl gar nicht darauf an, eine Konfrontation mit der scheinbaren „Normalität“ zu bestreiten. Doch ist es nicht so, dass Menschen mit nicht so leicht zu durchschauenden Weltbildern die „Welt an sich“ in Frage stellen? Wer einfach so dahinlebt, scheinbar „gesund“, der leidet am Weltschmerz. Das Leben verlangt innere UND äußere Auseinandersetzung. Es reicht nicht, der Außenwelt zu begegnen, wenn diese als bloßes Selbstverständnis erscheint. Die Welt ist jeden Tag neu, jeder Tag ist ein neues Abenteuer. Wer die Bedeutung des eigenen Lebens nicht davon abhängig macht, inwieweit er dem Weltbild entspricht, das ihm von außen hin vorgegaukelt wird, der kann wachsen, reifen, der Welt mit offenen Armen begegnen. Genau dies mag ein Credo von Daniela Schreiter sein. Sie bleibt sich selbst treu, akzeptiert ihre Eigenheiten, erfreut sich des Lebens. Das sollten wir alle tun, dazu sind wir aufgerufen. Der „Schattenspringer“ kann auch als Lebenshilfe verstanden werden, und zwar als Lebenshilfe abseits pseudo-esoterischer Oberflächlichkeit. Wenn wir damit aufhören, andere Menschen stets in Schubladen zu sperren, wo sie ein eindimensionales Abbild unserer Unzulänglichkeiten fristen, dann wird sich eine neue Lebensqualität auftun, die Menschen miteinander in vorurteilsfreien Kontakt bringt. Genau daran mangelt es heutzutage, und genau daran ist ersichtlich, wie wichtig Bücher wie jenes von Daniela Schreiter sind, die bereit sind, sich – auch – für Menschen zu öffnen, denen der berühmte Knopf noch nicht aufgegangen ist.