Bücher zum Mehrfachgebrauch

Es gibt Menschen, die gerne in Bibliotheken gehen. Ich habe lieber meine eigene kleine Bibliothek. Ein Buch nur ausborgen, das geht für mich nicht. Schließlich kann ein Buch auch zwei, drei oder zehn Mal gelesen werden. Nun ja, es gibt das Gegenargument, sich ein Buch dann halt mehrfach auszuborgen, aber das ist nicht unbedingt meine Vorstellung, einem Lieblingsbuch zu begegnen. Ein Buch, das kein zweites Mal gelesen werden will, hat entweder einen Makel oder beschäftigt sich mit einer Thematik, die nur schwer zu ertragen ist.

 

Glücklicherweise gibt es zahlreiche Buchhandlungen, die Bücher zum Erwerb anbieten. Bibliotheken sind zur Recherche ausgezeichnet, doch als Verleih von Büchern, die das Herz erwärmen, nur bedingt geeignet. Ich gewähre nunmehr einen kleinen Einblick in meine Bibliothek in Hinsicht auf Bücher, die ich mehrfach gelesen habe und die mich als Leser geprägt haben.

 

Bei den Kinderbüchern hat es „Der kleine Nick und seine Bande“ auf mindestens 14 erfolgreiche Lesungen meinerseits gebracht. Schon beim ersten Mal war ich entzückt von den lustigen Bengels, die viel Quatsch im Kopf haben und dennoch eine Eigenschaft ihr eigen nennen, die in heutigen Zeiten immer mehr verloren geht: Solidarität. Nick, Chlodwig, der dicke Otto, Adalbert, und viele mehr; Kinder, die eine Freude daran haben, Kinder zu sein. Da ist keine Spur von kleinen Erwachsenen zu sehen, denen das Kind-Sein ausgetrieben werden soll, damit auch ja der „richtige Weg“ eingeschlagen wird. Sempe und Goscinny haben mit dem kleinen Nick und seinen zahlreichen Abenteuern einen Meilenstein in der Literatur für Kinder gesetzt.

 

Die Qualze und die sieben Brüder“ muss ich etwa sieben Mal gelesen haben. Ein Abenteuerroman für Kinder, der einen besonderen Zauber ausstrahlt. Sieben Brüder machen sich auf, den Kampf gegen die Qualze, ein mysteriöses Wesen, zu suchen. Die Qualze ist eine dicke, selbstverliebte Hexe, die nach Lust und Laune ihre Widersacher verzaubern kann. So werden auch die sieben Brüder nach und nach verwandelt. Aber am Ende gibt es eine große Überraschung, die an dieser Stelle freilich nicht verraten wird. Wobei Abenteuerroman wahrscheinlich nur ein Aspekt der Geschichte ist, denn es gibt das Element des Märchens, das kleine und auch größere Kinder in den Bann ziehen kann. Dieses Buch hat mich bezaubert, weil es eine eigene Welt zeigt, in der täglich Wunder passieren und niemand davor gefeit ist, in eine andere Existenzform verwandelt zu werden. Helga Weymar hat ein Stück unverwechselbare Literatur geschaffen.

 

Die Grenze von Kinderbuch zum Buch für „Erwachsene“ mag „Der kleine Prinz“ darstellen. Dieses äußerst bekannte Buch verzaubert die kleinen und die größeren Leser seit vielen, vielen Jahren. Die in dieser Geschichte versammelten Lebensweisheiten sind mittlerweile schon legendär. „Der kleine Prinz“ ist eine Hymne an die Liebe, an das Leben, und es gibt eine Botschaft: Jeder Mensch ist dazu aufgerufen, nach den versteckten Schätzen zu suchen, die tief in ihm verborgen liegen. Wie oft ich diese Geschichte gelesen habe? Ziemlich oft, aber die Geschichte ist es wert, immer wieder mal gelesen zu werden. Ebenso wie „Der kleine Nick“ und „Die Qualze und die sieben Brüder“.

 

Bei Romanen für „Erwachsene“ oder – ich sage mal ganz großspurig – Büchern für reife Leser habe ich mich ebenfalls für drei entschieden, die ich empfehlen kann und welche meine kleine Bibliothek zieren.

Die „New york Trilogie“ von Paul Auster habe ich bislang vier Mal gelesen. Ein Buch, bestehend aus drei Erzählungen, die dem Zufall Tribut zollen. Unglaubliche Geschichten, die sich aber genauso abgespielt haben könnten. Insbesondere die dritte, welche von einem Autor namens Fanshawe handelt, der großartige Romane in seiner Schublade hortet, und seinem Freund, der die Erfolge feiert, die Fanshawe gebühren, ist von einer epochalen Kraft. Da geht es nicht um Plagiate, um irgendwelche sinnentleerten Abschreibübungen, um sich das Reflektieren über welches Thema auch immer zu ersparen, sondern um die Frage, wo die Grenzlinie der Freundschaft verläuft. Die „New york Trilogie“ übt einen Sog aus, dem ich mich von Anfang an nicht entziehen konnte und wollte. Das Ergebnis ist, dass Paul Auster seit vielen Jahren einer meiner absoluten Lieblingsautoren ist, und daran wird sich im Laufe meines Lebens auch nichts mehr ändern. Ein Höhepunkt meines Lebens als Leser war, als ich 2008 Paul Auster anlässlich des Prager Autorenfestivals persönlich begegnen durfte. Ich habe kein Wort mit ihm gesprochen, weil jedes belanglose Wort eines zuviel gewesen wäre. Vielleicht ergibt sich ja mal die Möglichkeit eines mehrstündigen Gesprächs, einer gemeinsamen Erkundung von New York. Das Leben bietet so oft Überraschungen und Zufälle, wie sie auch in den Romanen von Paul Auster passieren, ausgeschlossen ist also von vornherein gar nichts.

 

Gerade mal drei Mal gelesen habe ich „Der Steppenwolf“. Irgendwann habe ich es dann nochmals probiert, jedoch noch vor dem Ende des Romans dessen Buchdeckel für immer geschlossen. Als junger Mann hat mich „Der Steppenwolf“ unglaublich inspiriert und für das Gefühl innerer Aufgewühltheit gesorgt. Ein Mann, der beschließt, sich an seinem 50. Geburtstag das Leben zu nehmen, ein Mann, der weiß, was er will, der aber letztlich sich selbst begegnet und daran nicht zerbricht. Kein anderer Roman von Hermann Hesse kann so verstören und neue Lebensenergien im Leser wecken. Die innere Wahrheit des Menschen ist nicht selten verschüttet und wenn dann plötzlich der Finger in die Wunde gelegt wird…

 

Zwei Mal, ja, zwei Mal „nur“ habe ich „Schuld und Sühne“ von Dostojewski gelesen. Paul Austers „New York Trilogie“ las ich übrigens auch im Original, „Der Steppenwolf“ wurde ja auf Deutsch geschrieben. Weil ich des russischen nicht mächtig bin, konnte und wollte ich bei „Schuld und Sühne“ ausschließlich auf die deutsche Übersetzung zurückgreifen. Wobei ich zwei verschiedene Übersetzungen las. Die zweite ist jene relativ neue von Swetlana Geier, die viele Jahre ihres Lebens damit zugebracht hat, die fünf Hauptwerke von Dostojewski ins Deutsche zu übersetzen. Und wie es ihr gelungen ist! Im Falle von „Verbrechen und Strafe“ hat sie einen anderen Fokus gesetzt. Die Geschichte wird heutiger, verdeutlicht die innere Selbstzerstörung von Raskolnikow noch intensiver als die andere Übersetzung. Dieses Werk von Dostojewski gibt einen dermaßen intensiven Einblick in das Seelenleben des Doppelmörders Raskolnikow, das dem Leser nur die Spucke wegbleiben kann. Raskolnikow ist schließlich bereit, für sein Verbrechen bestraft zu werden und begibt sich freiwillig ins Straflager nach Sibirien. Wahrscheinlich ist „Schuld und Sühne“ oder „Verbrechen und Strafe“ das persönlichste Werk von Dostojewski. Seine eigenen Erfahrungen in Sibirien hat er auch anderweitig („Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“) beschrieben, doch das Gefühl des Mitleids, das dieses literarische Genie im Fortgang seines Lebens immer stärker geprägt hat, drückt sich in der Figur Raskolnikow am stärksten aus. Dieser feige Doppelmörder hat womöglich gar kein Mitleid verdient und doch kann er dem Leser ans Herz wachsen, wenn er sich nicht gegen die Verwandlung des Misanthropen Raskolnikow in einen gutherzigen Menschen sträubt.

 

Meine kleine Bibliothek ist ein Teil von mir. Sie beinhaltet viele Bücher, die mein Leben bereichert haben, und es ist ein gutes Gefühl, auf ein interessantes Buch immer wieder zurückgreifen zu können. Ein Buch wird immer eine andere Wirkung entfalten können, je nachdem, wann und in welchem Gemütszustand man es liest. Oh ja, dieser kleine Eintrag soll auch ein Plädoyer dafür sein, mit Büchern sorgsam umzugehen und sie zu hegen und zu pflegen.