Passion

In diesen Tagen über die Passion nachzudenken, darüber, welche Leiden Jesus ertrug, bis er sein Werk vollendete, sollte nicht nur räumlich auf die Kirchen beschränkt sein, sondern ist überall und immer möglich. Zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern diente und dient die Passion als Inspirationsquelle. Das Magische daran ist die Gleichzeitigkeit ins Spiel zu bringen, sich die Passion als Ereignis vorzustellen, das jetzt passiert. Es ist nicht einfach, diesem großen Thema gerecht zu werden. Und es gibt keine bessere Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass Jesus ein Jude war. Die geschwisterliche Beziehung der beiden Weltreligionen leidet darunter, wenn fundamentalistische Tendenzen die beidseitigen hohen Werte in den Dreck ziehen.

 

Allerlei selbsternannte Moralapostel haben sich furchtbar aufgeregt, als die Verfilmung von Nikos Katzantzakis Roman Die letzte Versuchung in den Kinos anlief. Das Buch schafft es auf wunderbare Weise, die angesprochene Gleichzeitigkeit umzusetzen. Grund der Entrüstung seitens des Films sind die letzten Minuten, wo Jesus von einem jungen Mädchen, das sich als sein Schutzengel entpuppt, vor dem Tod am Kreuz gerettet wird, und schließlich sein Leben als Gottes Sohn hinter sich lässt. Er gründet eine Familie, zeugt mehrere Kinder und hat insgesamt drei Ehefrauen. Allerdings entpuppt sich das alles als Traum, also tatsächlich als „letzte Versuchung“, der er widersteht, weil er sein Martyrium vollenden will. Der Sturm der Entrüstung war allein schon aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine Traumsequenz handelt, unangebracht und extrem überzogen. Zudem ist die Leidensgeschichte Jesu die Passion eines Menschen, der seinen letzten Weg geht, weil er davon überzeugt ist, damit die ganze Menschheit zu erlösen. Den Menschen, das einzige Wesen auf Gottes Erden, das dazu in der Lage ist, die grausamsten Verbrechen zu begehen, und dies oft auch noch „intellektuell“ zu begründen sucht. Kein anderes Wesen bedarf der Erlösung mehr als der Mensch, es geht also nicht um Anthropozentrismus, sondern haargenau um das Gegenteil.

 

Ostern auch als das Fest zu sehen, das jeden Menschen mit sich selbst versöhnen kann, geht genau in die Richtung, die Katzantzakis vorschwebte. Jeder Mensch ist dazu aufgerufen, die Wahrheit in sich zu suchen, und wenn das noch so beschwerlich ist. Den eigenen Weg zu gehen, und Jesus dabei nie aus dem Blickpunkt zu verlieren ist die höchste Aufgabe des Christen. Wer sich mit sich selbst versöhnt, der wird auch begreifen, dass Judentum und Christentum einander nicht Feind sein können, sondern einander ergänzen. Wir können Kämpfe in uns ausfechten, aber nie auf Kosten Unschuldiger. Der Jude Jesus hat den Menschen den Weg gezeigt, der sie sich selbst und Gott näher bringt. Dafür hat er großes Leid auf sich genommen. Die Passionsgeschichte des neuen Testaments ist eine Lektüre für alle Menschen, welche sich der Wahrheit stellen wollen, die in ihnen liegt. Jesus begegnet jedem Einzelnen auf ganz besondere Weise. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, und die Passionsgeschichte (wieder) zu lesen ist allemal eine sehr gute Wahl.