Arthur Schnitzler

Es gibt – glaube ich – kein Grab eines Autors, das ich öfters besucht habe als jenes von Arthur Schnitzler. Im Rahmen meiner Recherchen für den „Zentralfriedhofs-Führer“ führten mich meine Wege erstmals zum altjüdischen Friedhof beim ersten Tor des Zentralfriedhofs. Der erste Versuch, das Grab zu finden, scheiterte kolossal. Ein kurioser Vorfall rund um diese erste Suche ist sogar Bestandteil meines ersten Krimis „Die schüchterne Zeugin“. Wenig später gelang es mir dann aber mühelos, das Grab von Arthur Schnitzler zu finden.

Aber hier soll nicht nur vom Grab die Rede sein, sondern vom Autor Arthur Schnitzler. Einer der allerersten von mir gelesenen Texte, die einen hohen literarischen Anspruch haben, ist der „Leutnant Gustl“. Er wurde im Deutsch-Unterricht empfohlen, der innere Monolog sollte interpretiert werden. Und ich war sofort fasziniert vom Innenleben des Leutnants Gustl. Eine schrullige Figur irgendwie, jedoch ganz nach meinem Geschmack. Sein Spaziergang in der Prater Hauptallee ist mir in besonders guter Erinnerung geblieben. Überhaupt: Sind es nicht immer scheinbare Kleinigkeiten, die nach der Lektüre eines Buches zurückbleiben? Und wie schaut das Jahre später aus? Der „Leutnant Gustl“ ist heute keine Identifikationsfigur mehr für mich, zumindest nehme ich das an. Er steht für etwas, das weit in der Vergangenheit zurück liegt. Gibt es etwas „Heutiges“, das mit dieser Novelle zusammen hängen könnte? Oberflächlich betrachtet wenig bis nichts, doch die eigentliche Dramatik ist die innere Zerrissenheit, die Gustl zu schaffen macht. Er hängt mehr oder weniger in der Luft und weiß sich nicht zu helfen. Dann kommt ihm das „Glück“ zu Hilfe, doch auch das weiß er nicht so recht zu ergreifen.

Der „Leutnant Gustl“ ist in seiner Dramatik zeitlos. Denn dieser Protagonist ist mit sich selbst im Unreinen, wirft Schatten an die Wand, vor denen er Angst hat. Er ist ein Verlorener, der aber nicht hoffnungslos verloren ist. Doch die Zeichen der Zeit treiben ihren Unsinn mit ihm. In der zeitlosen Dramatik wird die Zeit dann doch zum nerven zerfetzenden Kontrahenten des Leutnants. Ist denn der Mensch tatsächlich so sehr in „seiner Zeit“ gefangen, dass er gar keine Chance hat, dieser scheinbaren Wirklichkeit die Stirn zu bieten? Kann er sich nicht auflehnen und andere Wege gehen, also seiner Zeit voraus sein? Schnitzler war definitiv seiner Zeit voraus, als er diese Novelle schrieb. Sigmund Freud fand diese Tatsache wahrscheinlich gespenstisch. Schnitzler und Freud waren Seelenverwandte, weil sie der Seele und deren Kränkungen auf der Spur waren. Der „Leutnant Gustl“ ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie es passieren kann, dass ein Mensch von einer – scheinbaren - Winzigkeit so sehr aus dem Gleis geworfen wird, sodass er nie wieder vor dieses Ereignis zurückkehren kann. Die Schramme sitzt für immer in der Seele, und somit wäre der Leutnant gut damit beraten gewesen, bei Freud in die Psychoanalyse zu gehen. Oder auch nicht, die Psychoanalyse ist ja nicht für jeden aus der Bahn geworfenen Menschen das einzige Mittel, in psychischer Hinsicht zu „gesunden“.

Bevor ich jetzt auch noch andere Werke von Arthur Schnitzler vergeblich zu analysieren bemüht sein will, weise ich lieber nochmals auf die letzte Ruhestätte dieses einzigartigen Schriftstellers hin: Vom ersten Tor des Zentralfriedhofs aus nach nur wenigen Metern nach rechts ausscheren und dem Weg folgen. Probieren Sie´s!