Das Buch der Bücher

Es soll Menschen geben, welche die Bibel – und zwar das alte und das neue Testament – fortlaufend gelesen haben. Ein Unterfangen, das sehr viel Konzentration und Ausdauer voraussetzt. Ich habe mich bislang fast ausschließlich mit dem neuen Testament beschäftigt. Dies ist für sich betrachtet keine einfache Aufgabe. Die Konzentration auf einzelne Abschnitte konfrontieren jeden Leser mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Das neue Testament kann niemanden kalt lassen, der sich näher damit auseinandersetzt.  

Ich werde an dieser Stelle keine „Neuinterpretation“ der Bibel liefern. Es existiert soviel Sekundärliteratur über die Bibel, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, daraus einen gemeinsamen Nenner abzuleiten. Was mich seit einigen Jahren besonders interessiert ist die Kanonisierung, und somit auch die Frage, warum diese und jene Texte Einzug in die Bibel gefunden haben und andere nicht. Da die Evangelien das Herzstück des neuen Testaments sind, ist es äußerst spannend, die Hintergründe der Auswahl verstehen zu wollen. Es fand also eine Kanonisierung statt, und die bekannten vier Evangelien fanden Einzug in das neue Testament. Das am spätesten verfasste ist das Johannes-Evangelium. Darauf gründen sich viele Ansichten der christlichen Kirchen, insbesondere der katholischen. Ja, es scheint sogar so zu sein, dass dieses Evangelium so etwas wie der „Weisheit letzter Schluss“ ist. Kurios hierbei ist, dass das Johannes-Evangelium auf den anderen Evangelien beruht und also genau genommen eine Interpretation von Interpretationen ist. Ich kann diesem Evangelium nichts abgewinnen. Es gibt zahlreiche Bücher darüber, warum das Johannes-Evangelium anderen Evangelien vorgezogen worden ist. Wie wahrscheinlich nicht anders zu erwarten ging es um die Macht der Kirche. Die Gläubigen wurden damit an die Leine genommen und in eine bestimmte Richtung gezogen. Wie fatal es ist, eine bestimmte Richtung vorzugeben, beweist die weitgehend immer noch im Altertum steckende katholische Kirche. Gott sei Dank gibt es eine Reihe von Initiativen und Proponenten der Kirche, an denen die Gegenwart nicht spurlos vorübergeht. Das Festhalten an überalterten „Prinzipien“ stößt bei vielen Gläubigen auf Unverständnis. Das Johannes-Evangelium ist an der Misere nicht ganz unschuldig. Dieses „altertümliche Märchen“ sollte eigentlich keinen ernsthaft Gläubigen vom Ofen hervor locken. Unsinnigkeiten wie die „biologische Jungfräulichkeit“ von Maria wollen besonders hartgesottene Vertreter der Kirchen daraus herauslesen. Ja, es gibt ein paar nette Details, die das Johannes-Evangelium verschönern, um es mal so auszudrücken. Aber diese wenigen Details, auf die ich bewusst nicht eingehen will, ergeben noch keinen „Leitfaden“, an den sich der Gläubige orientieren kann.

Wer das Thomas-Evangelium kennt, der kennt somit den Unterschied zum Johannes-Evangelium. Insbesondere die Gegenüberstellung dieser beiden Evangelien hat mich in Beschlag genommen. Die Person Jesu nicht bloß „abheben“ zu lassen, sondern ihr jene Bodenhaftigkeit zu verleihen, durch die Jesus tatsächlich als Mitmensch erfahrbar wird, ist das große Verdienst des Thomas-Evangeliums. Die Beschränkung auf göttliche Aspekte, wobei hie und da die mitmenschliche Komponente gerade mal mitschwingt, ist das „Verdienst“ des Johannes-Evangeliums. Womit kann der Mensch mehr anfangen? Ich schreibe mal klipp und klar mit dem Thomas-Evangelium. Denn die Erkenntnis, Jesus eine göttliche Komponente zuzuordnen, ist undenkbar ohne das Verständnis für den „Menschensohn“, um es mal so auszudrücken. Leider hat sich das Johannes-Evangelium in das neue Testament hineingeschlichen, und spielt etwa an einigen katholischen Feiertagen eine „große Rolle“. Ja, dieser Johannes konnte womöglich gut schreiben, hatte sicher auch Ahnung von den anderen Evangelien. Aber das ändert nichts daran, dass er bloß interpretiert hat, und dies keineswegs so, dass gläubigen Menschen damit gedient ist.

Jeder Leser des alten oder neuen Testaments wird seine eigenen Erfahrungen mit den Texten machen und daraus für sein Leben etwas mitnehmen können. Es bedarf nicht unbedingt einer „Anleitung“, auf das die Texte auch verstanden oder „richtig“ interpretiert werden. Wer sein Herz öffnet, der wird ganz persönlich von einer Geschichte umschmeichelt, die faszinierend ist. Eine Geschichte einer Menschwerdung. Der Spruch: »Mach es wie Gott, werde Mensch!« wird immer wieder mal zitiert. Doch genau darum geht es: Ein Mensch zu werden, der seinen eigenen Weg geht und dabei auf Gott vertraut. Ein Bild von Gott kann sich kein Mensch ernsthaft machen, doch jeder Mensch kann versuchen, dem Ruf zu folgen, der aus seiner Seele strömt. Denn dort berührt Gott jeden Menschen ganz persönlich. Es geht darum, diese Berührung wahrzunehmen. Die Bibel erzählt Geschichten, die genau in diese Richtung gehen. Auch das Thomas-Evangelium. Die apokryphen Evangelien, insbesondere das Thomas-Evangelium, sind allemal als Lektüre zu empfehlen.