Es war einmal

Märchen waren für mich der erste Kontakt zur Literatur. Ich habe schon Märchen gekannt, ehe ich überhaupt schreiben oder lesen konnte. Märchen sind in allen Kulturkreisen bekannt. Verwunderlich nur, dass ich in all den Jahren als Autor erst ein einziges Märchen geschrieben habe, aber das kann sich noch ändern. Märchen üben einen Zauber aus, von dem ungebrochen viele Kinder verzückt sind. „Moderne“ Märchen sind gar nicht so einfach zu verfassen. Zumal es nicht nur einfach darum geht, Figuren zu erfinden und sie in eine komplexe, hintergründige Welt mit pädagogischem Einschlag zu integrieren. Die Zustände auf der uns bekannten Welt sind so unverständlich bis beängstigend, dass vielleicht nur das Märchen dazu in der Lage ist, eine beruhigende Wirkung auszuüben. Denn hinter all dem Wahnsinn gibt es eine andere Welt, eine Welt, in der nicht nur Geld regiert und Ungerechtigkeit ein Normalzustand ist.

 

Es war einmal, da hatten Märchen auch die Funktion, von einer Welt zu erzählen, die bis in die heutige Zeit hineinwirken kann. Märchen von heute müssen wohl die Funktion haben, weit in die Zukunft vorauszuschauen. Dystopien haben ihnen fast schon den Rang abgelaufen. Friede, Freude, Eierkuchen und alles wird gut, das klingt tatsächlich wie ein „Märchen“. An eine bessere Welt zu glauben darf keine Utopie sein. Märchen weisen über die kurze Zeitstrecke hinaus, die dem Menschen auf Erden gegeben ist. Er ist dazu in der Lage, zu träumen, zu hoffen, zu glauben, der Welt seinen Stempel aufzudrücken. Sich in einer Welt zurecht finden zu wollen, in der alles darauf hinaus läuft, dass die – ohnehin nie bewährten – Systeme in sich zusammen stürzen, ist für jeden Menschen eine große Aufgabe. Einfach immer nur Teil des „etablierten“ Systems zu sein und darin irgendeine Rolle zu spielen ist zu wenig. Was gibt es nur für schöne Märchen, in denen die ungewöhnlichsten Figuren auftreten: Das tapfere Schneiderlein, der kleine Muck, Zwerg Nase, Dornröschen, Schneewittchen, der tapfere Zinnsoldat, nur um einige in unseren Breitengraden bekannte Märchenfiguren zu nennen.

Ist das Leben nicht selbst ein Märchen, nur dass wir Menschen es nicht mehr richtig wahrnehmen? Wir könnten Helden unseres eigenen Lebens sein, und versuchen, das Bestmögliche zu bewirken, sodass es unseren Mitmenschen warm ums Herz wird oder sie nachzudenken beginnen. Jeder Mensch trägt die Möglichkeit in sich, ein Märchenheld zu sein. Märchen sind für Kinder so faszinierend, weil sie sich mit den positiven Figuren identifizieren. Als Erwachsene werden wir mit einer anderen Realität vertraut. Dort „siegen“ in den seltensten Fällen die Guten, „Gewinner“ sind meist jene, die so perfekt an das System angepasst sind, dass sie je nach Bedarf wie ein Chamäleon die Farbe wechseln können, um mit dem gerade angesagten „System“ zu verschmelzen. Bloß, dass sie das nicht tun, um sich vor etwaigen Feinden zu schützen, sondern um sich selbst in Szene zu setzen und bessere Chancen zu haben, in irgendeiner beruflichen „Karriere“ voran zu kommen, was oft bewirkt, dass sie andere Menschen psychisch und/oder physisch vernichten.

 

Märchen sind Illusion, aber das müssen sie nicht zwangsläufig sein. Der Traum von einer besseren Welt interessiert die Machthabenden und die Gewinner des Systems nicht. Aber wir, die wir an das Gute glauben, können der Welt unseren Stempel aufdrücken, indem wir dem System unsere Individualität entgegen setzen und zu Helden unseres eigenen Lebens werden.

Sicher nicht einfach, doch die Alternative ist die Systemgläubigkeit und also der Glaube an wirtschaftlichen, aber nicht menschlichen Fortschritt. So tauchen wir also ein in unser eigenes Märchen!