Wandlungen

Geht es schon wieder um Kafka? Nun ja, irgendwie schon. Aber hauptsächlich darum, welche Verwandlungen das Leben eines Menschen radikal verändern können. Vom langweiligen Beamten zum Käfer aufgewertet zu werden ist eine Vorstellung, die nicht wirklich Glücksgefühle erzeugt. Der Mensch ist ständig versucht, sein Leben auf den Kopf zu stellen.

 

Kann es sein, dass ein Autor beschließt, kein Autor mehr sein zu wollen? Mehr noch, eine „Karriere“ anzustreben, zum was auch immer zu degenerieren, den Schritt rückwärts zu machen? Ja, ist es möglich, den Schreibkram hinter sich zu lassen und in irgendeinem „bürgerlichen Beruf“ aufzugehen? Kafka hat das nie geschafft, wollte er auch gar nicht. Er ging seiner Berufung als Autor nach, und verdiente sein Brot mit juristischen Spitzfindigkeiten. Javier Marias erzählt in einem seiner zahlreichen Romane von einem Autor, der nach zwei erfolgreich verlegten Büchern das Schreiben sein lässt. Hat das mit der Angst vor dem Ruhm zu tun oder damit, dass dieser Autor bereits die Spitze des Berges erklommen hat und mit dem nächsten Schritt in den Abgrund stürzen würde?

 

Nicht wenige Autoren werden vom eigenen Ruhm überrollt, und schaffen es nicht mehr, auf dem Boden zu bleiben. Andere verzichten darauf, diesen Ruhm überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, arbeiten weiter an der literarischen Entwicklung und ziehen letzte Konsequenzen, wenn sie an frühere Erfolge nicht mehr anknüpfen können. Wer hoch hinaus will, hat einen weiten Weg vor sich. Wer aber recht weit oben ist, schwebt immer in der Gefahr, abzustürzen. Vielleicht nur wenige Meter und mit den Folgen von Schürfwunden. Doch ebenso sind Prellungen, Brüche, schwere Verletzungen mit Todesfolge nicht auszuschließen. Wer sich vor Wandlungen total verschließt, und sich ausschließlich als Autor definiert, ist vor schweren Konsequenzen nicht gefeit. Der Autor ist nicht nur Autor, er ist in erster Linie Mensch. Dass ein Mensch im Beamtengewand zum Käfer degeneriert, und dies als Aufwertung verstanden werden kann, ist von tragikomischer Wucht. Doch ein Autor kann durchaus die Überlegung anstellen, nicht mehr „nur“ Autor sein zu wollen. Dann kann er mit Höhenflügen besser umgehen, und Abstürze besser verkraften. Er wird mit Schürfwunden davonkommen, sich aufrappeln und weitere literarische Projekte nicht ausschließen. Ein Autor sollte der Welt gegenüber offen sein, an sich als Mensch arbeiten, kurzum auch persönliche Verwandlungen zulassen, dann wird er nicht so leicht in Versuchung geraten, den Käfer in sich immer größer werden zu lassen, bis dieser die eigene Persönlichkeit verschluckt. Kafka war und blieb immer Mensch trotz aller Lebenskrisen und Lebensdramen. Sein Käfer stirbt, doch der Mensch erwacht zu neuem Leben.