Feinheiten

Wann immer ich mich mit meinen eigenen literarischen Versuchungen beschäftige, entdecke ich Textpassagen, manchmal sogar ganze Absätze, die ich heute anders oder gar nicht schreiben würde. Aus den Texten geht meine Entwicklung als Autor hervor. Mit dem kritischen Auge des Lesers entdecke ich feinere und gröbere Schwächen, bin hin und weg, warum ich dieses oder jenes nicht in eine andere Form gebracht habe, wo es nunmehr teilweise bereits als Veröffentlichung vorliegt.

 

Wenn es nur um Nuancen ginge wäre die Sache halb so wild. Ich könnte mich zurücklehnen und mit mir selbst um des Kaisers Bart streiten. Doch allzu auffällige Einzelheiten bringen mich dazu, mit mir schwer ins Gericht zu gehen. Ja, es gibt keinen Text, den ich heute genauso schreiben würde wie anno dazumal. Irgendwie logisch, denn die Inspiration ist jeden Tag anders, und warum sollte es heute genau so laufen wie vor drei oder dreizehn Jahren?

Andererseits macht es Spaß, etwaige Unzulänglichkeiten aufzuspüren und daraus zu lernen. Jeder neue literarische Versuch ist die Chance, es besser zu machen.

 

Die beste Adaption eines literarischen Werkes von mir ist die Weihnachtsgeschichte. Vor vielen Jahren geschrieben und unter den schrecklichsten Voraussetzungen veröffentlicht ist sie nach all dem Fein- und Grobschliff nicht mehr wieder zu erkennen. Frau Stadelmann, meine Verlegerin der neuen Version, hat mit mir gemeinsam die Geschichte in eine bemerkenswerte Form gebracht, inklusive einem großen Koffer voll Überraschungselementen. Jeder Geschichte kann ein Zauber inne wohnen und dieser Zauber ist jetzt definitiv existent. Neue Versionen diverser literarischer Versuchungen können also ungeahnte Höhenflüge ermöglichen. Das ist keineswegs selbstverständlich.

 

Es gilt, mir auch als Autor treu zu bleiben, und zu meinen schwächeren literarischen Auswüchsen zu stehen. Der Traum, DAS Meisterwerk guthin zu verfassen, bleibt ohnehin bestehen. Davon bin ich wie nahezu 100 % aller Autoren um Lichtjahre entfernt. An Feinheiten zu arbeiten, gröbere Ecken und Kanten zu vermeiden und die persönliche Entwicklung als Autor und Kritiker eigener und fremder Texte voranzutreiben mag ein Weg sein, um irgendwann in der Zukunft ausrufen zu können: »Ich habe mein Bestes gegeben, und dieser Text hat jene Tiefe, die ich mir sogar selbst zuzugestehen vermag!«