Otto von Habsburg

 

Der Tod von Otto von Habsburg brachte ein opulentes Begräbnis mit sich. Im Vorfeld mokierten sich manche vermeintliche Anhänger der Demokratie, dass dieses Begräbnis nur unnötig viel Geld koste und alte Zeiten aufkeimen lasse, die längst niemanden mehr interessieren. Tatsächlich habe ich auch in meinem Umfeld merkwürdige Sprüche gehört, welche in diese Richtung abzielten. Beide Argumente sind unsinnig. Das bisserl Geld ist nicht mal die Portokassa für überbezahlte Manager, und wer sagt, dass es schlecht sein muss, mit einer etwas länger zurückliegenden Vergangenheit für einen Moment in Berührung zu kommen?

 

Die Monarchie war nicht nur schlecht, so wie die Demokratie nicht nur gut ist. Das Kaiserreich zeichnete sich durch eine andere Denkungsart der Menschen aus, und die Strategie des Kaisers war durchschaubarer als jene der „führenden“ Politiker heutzutage in Österreich. Es war früher nicht alles besser, aber auf der anderen Seite ist heute auch nicht alles besser.

 

Im Grunde will ich aber auf etwas anderes hinaus. Georg Markus erzählte anlässlich des Todes von Otto von Habsburg eine Anekdote: Und zwar wurde einst Joseph Roth bei Otto von Habsburg vorstellig. Otto von Habsburg wusste, dass Roth dem Alkohol zugeneigt war, und riet dem genialen Autor, vom Alkohol abzulassen. Roth tat wie ihm geheißen, was aber seinen vorzeitigen Tod nur wenige Wochen später nicht verhindern konnte. Es gab also einen Bezug zwischen Otto von Habsburg und Joseph Roth! Ich wurde neugierig, hatte bis dahin überhaupt erst eine einzige Erzählung von Joseph Roth gelesen. Mit Inbrunst las ich in den folgenden Wochen den „Radetzkymarsch“ und die „Kapuzinergruft“. Was für eine Literatur! Von Anfang an wurde ich hineingezogen in die alten Zeiten inklusive des Abgesangs der Monarchie. Nicht nur die Thematik vermochte mich zu faszinieren, fast noch mehr berauschte mich die geschliffene Sprache von Roth. Jeder Satz steht wie ein Berg da, der erklommen werden muss. Es machte einfach Spaß, zwei Meisterwerke zu lesen, die einander wunderbar ergänzen. Die Monarchie nur schlecht zu reden ist ein Unding. Die Demokratie hat den Menschen in gewisser Hinsicht befreit, andererseits ist er in einer kapitalistischen Arbeitsgesellschaft gefangen, und wird zum Konsumenten erzogen. Ist eine Freiheit, die der Psyche nachgewiesenermaßen schadet, so großartig? War der einfache Bürger in Zeiten der Monarchie nur unfrei, und dazu verdammt, den aufgestellten Regeln zu folgen? Und wird nicht auch der heutige Mensch dazu verdammt, Spielregeln einzuhalten, die zumindest ebenso unsinnig sind wie anno dazumal, jedoch aufgrund der Technisierung und totalen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten weitaus katastrophalere Folgen nach sich ziehen?

 

Ich habe mir das Begräbnis von Otto von Habsburg teilweise angesehen, und hatte nie den Eindruck, dass hier auf Kosten des Steuerzahlers alte Zeiten künstlich aufgebauscht werden. Vielmehr wurde mir bewusst, was dem „modernen“ Menschen von heute am meisten fehlt: Gelassenheit und Interesse für die Geschichte Österreichs! Es ist nicht alles Gold, was glänzt, aber auch nicht alles verstaubt, worüber ein Mantel des Schweigens gelegt ist.