Die schwierigste Lesung meines Lebens

Es kam schon mal vor, dass eine Lesung wegen nicht vorhandenem Publikum abgesagt wurde. Im Rahmen einer anderen Lesung verschwanden die Zuhörer nach und nach. Zwei Mal las ich einem grippalen Infekt zum Trotz. Und die zwei Lesungen im Wiener Kanal waren auch nicht ohne.

 

Aber all das ist nichts im Vergleich zu dem dramatischen Ereignis, das meiner Lesung in der wunderbaren Contramass-Galerie voranging. Ich wollte schon einige Minuten vor dem festgesetzten Beginn da sein, und bemerkte, dass die Straße, in der sich die Galerie befindet, vollkommen abgesperrt war. Ein Polizeiauto blockierte den Verkehr, Busse waren ohne Fahrgäste und Fahrer geparkt. Ich ging an der Galerie vorbei, weil in unmittelbarer Nähe Polizei und Feuerwehr postiert waren. Ein Feuerwehrmann war gerade dabei, ein Fahrrad aus einer misslichen Lage zu befreien. Mir war bewusst, dass da etwas Heftiges passiert sein musste. Ein Passant fragte mich, ob ich Bescheid wüsste, doch das musste ich verneinen. Dass ein Unfall stattgefunden hatte, war jedoch klar.

 

Einige Minuten später betrat ich die Galerie. Die Galerieleiterin begrüßte mich herzlich. Und in den nächsten Minuten musste ich mir eine schreckliche Schilderung anhören. Vor einer oder eineinhalb Stunden habe sie einen mächtigen Crash gehört, sei auf die Straße gelaufen, und habe dann eine Frau gesehen, die lebensgefährlich verletzt worden war. Ein Autofahrer hatte bei rot die Kreuzung überfahren, dann sei es zu einer Kollision mit einem bei grün in die Kreuzung von einer anderen Seite einfahrenden Auto gekommen. Dieses andere Fahrzeug sei so unglücklich touchiert worden, dass es gegen zwei Passanten geschleudert wurde. Eine Passantin sei von beiden in den Unfall verwickelten Fahrzeugen gerammt und eingeklemmt worden. Ein Passant sei frontal erwischt worden und buchstäblich durch die Luft gesegelt. Letzterer überlebte mit schweren Verletzungen. Die Passantin aber, eine gebürtige Inderin, erlag nur wenig später ihren schweren Verletzungen. Die Galerieleiterin hatte dieses grauenhafte Ereignis hautnah mitbekommen. Trotz dieser Umstände stand nie in Frage, dass meine Lesung stattfinden sollte.

 

Freilich war dieser schreckliche Unfall für längere Zeit erstes Gesprächsthema zwischen all den Gästen, die im Laufe der Zeit eintrudelten. Mit der Zeit gelang es, andere Themata anzusprechen, und mit einer Verspätung von einer Stunde startete ich dann meine Lesung. Der Zufall wollte es, dass in einigen meiner Texte der Tod eine wesentliche Rolle spielt. Der Tod, der hinter der nächsten Ecke lauern kann. Nur wenige Meter vom Lesungsort entfernt wollte eine Frau eine Kreuzung überqueren und war im nächsten Moment lebensgefährlich verletzt, und wenig später tot.

 

Nach der Lesung begab sich die Mehrzahl der Gäste, die Galerieleiterin und ich in ein nahegelegenes Cafe. Zu später Stunde betrat ein besonderer Gast das Cafe. Eine Frau, die den Unfall gesehen hatte und eine der ersten überhaupt am Unfallort war. Sie hatte die Frau versucht erstzuversorgen. Zufälligerweise waren auch medizinisch geschulte Menschen vor Ort. Doch trotz dieser Umstände war es nicht möglich, die Frau zu retten. Die Schilderungen der Zeugin waren so erschreckend, dass mir ganz anders wurde. Einige Wochen später kam ich wieder bei der Galerie vorbei und dort, wo der Unfall stattgefunden hatte, waren Kerzen aufgestellt. Ich hatte eine Lesung zu bestreiten gehabt, die von einem schrecklichen Unglück überschattet war. Die schwierigste Lesung meines Lebens beendete ich damit, auf die Vorkommnisse hinzuweisen, die ein Menschenleben gekostet hatten.

 

Ich glaube daran, dass die junge Frau nun in einer besseren Welt ist, wo es kein Leid mehr gibt.