1989

Es gibt Augenblicke, die das Leben eines Menschen verändern können, und mir ging es so, als im Herbst 1989 mein Deutsch-Lehrer das Klassenzimmer betrat. Er tippte mit seinem Finger an seine Stirn, und damit war eine Lektion zum Thema Kommunikation eingeleitet. Was folgte waren einige intensive Wochen, durch die ich das Schreiben neu entdeckte. Mein Lehrer, Herr Zsilla, hatte etwas in mir zum Klingeln gebracht, dessen Ausläufer bis heute weiter wirken. Er bestärkte mich darin, dem Schreiben meine Aufmerksamkeit zu widmen. Und er tat dies, ohne mich mit der Nase darauf zu stoßen. Ich schrieb viele Aufsätze, von denen mein Mentor leider nur die wenigsten korrigieren konnte. Denn bald schon erfuhr ich, dass er Leukämie hatte. Er starb nur wenige Monate später im 46. Lebensjahr, und damals vermochte ich gar nicht, seinen Tod mit aller Konsequenz zu realisieren. Was Herr Zsilla für mich getan hat lässt sich gar nicht in Worten ausdrücken. Aber eines steht fest: Ohne sein Einwirken wäre ich nicht der, der ich jetzt bin und dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Er hat mein Leben derart bereichert, dass ich auch an dieser Stelle nur schreiben kann: Lieben, lieben Dank, Herr Zsilla, für Ihr großes Engagement, Ihr großes Herz, Ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten! Sie haben etwas in mir gesehen, das ich selbst noch gar nicht kannte.

 

1989 war erstaunlicherweise auch das Jahr, in dem „Der Club der toten Dichter“ in die Kinos kam. Dieser Film gehört zu den von mir am häufigsten gesehenen, wenn er nicht überhaupt auf Platz eins dieser Rangliste hervorragt. Wenn ich diesen Film sehe, dann stelle ich jedes Mal fest, wie wichtig es ist, dass der Mensch Menschen braucht, die ihm Kraft geben, den eigenen Weg zu gehen. Freilich mag der Mensch auch aus sich selbst heraus Kräfte entwickeln, durch die er sein Leben zu meistern vermag, doch nur durch die innige Verbindung zu einem oder mehreren anderen Menschen kann daraus jene Stärke erwachsen, die Wunden heilen kann. „Der Club der toten Dichter“ wurde nicht unisono als großartiger Film beschrieben, merkwürdige Kritiken waren jedenfalls dabei. Ich will auf diese Absurditäten nicht eingehen, sondern die Besonderheit des Films hervorkehren: Ein Lehrer zeigt seinen Schülern die Welt der Literatur und betont zudem die Individualität, die in jedem Menschen angelegt ist. Den eigenen Weg zu gehen, sich nicht von wem auch immer verunsichern zu lassen, alles dafür zu geben, dass sich der Traum eines gelungenen Lebens erfüllt… Das hat nichts mit Beruf, mit Karriere, mit Geld, mit Erfolg zu tun, sondern nur mit einem: Mit der Erkenntnis, dem Weg des Herzens zu folgen. Was vielleicht ein wenig kitschig klingt, ist der Königsweg des Lebens: Jenen Schatz zu suchen, der im Herzen verborgen ist. Oh, es ist keineswegs offensichtlich, und die jungen Männer im Film sind erst dabei, am Schloss der Schatztruhe zu kratzen, doch irgendwann macht sich das Gefühl breit, den eigenen Weg gefunden zu haben. Wohin dieser Weg führt ist gar nicht mal so wichtig. Allein schon, dass dieser Weg gegangen wird, macht das Leben zu einem großen Abenteuer.

Für mich ist es das literarische Schreiben, das mich vorwärts treibt. Und überhaupt die Auseinandersetzung mit Kunst, der Wunsch, neue Projekte zu realisieren. Kein Weg ist schnurgerade, es gibt zahlreiche verschlungene Pfade und manchmal verirrt man sich irgendwo im tiefen Wald. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, sich einen Reim aufs Leben zu machen, doch ich bin bereit, dem Pfad weiter zu folgen. Auch ein Film kann zu Tränen rühren, und die letzte Szene von „Der Club der toten Dichter“ ist für mich eine der wunderbarsten der Filmgeschichte: Ein paar Jungen verlassen den Weg vorgegebener Regeln und erklären sich mit ihrem Lehrer solidarisch.

 

1989 hat mein Leben maßgeblich beeinflusst. Und dass dann auch noch die Mauer fiel, und wie ich dies in Zusammenhang zu meiner persönlichen Geschichte bringe, habe ich einst auf meiner alten Website beschrieben.