Ein Leben ohne Bücher

 

Bücher sind gefährlich, weil sie die intellektuelle Entwicklung des Lesers zu fördern vermögen. Der Mensch darf nicht in die individuelle Falle tappen, soll gefälligst der Gleichschaltung in einem perfekt kontrollierten Gesellschaftsgefüge nichts entgegen setzen. Was in „Fahrenheit 451“ verhandelt wird, ist nicht mehr und nicht weniger als die Frage danach, was den Menschen ausmacht. Ist der Mensch dazu verdammt, sich selbst nur als Schatten an der Wand zu begegnen? Ist Selbsterkenntnis überhaupt möglich? Kann der Mensch sich seine eigene Meinung über gesellschaftspolitische Fragen bilden, ohne von wem auch immer belehrt zu werden? Braucht der Mensch ein durchorganisiertes Gesellschaftssystem, um sein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen?

 

Der auf Funktionen reduzierte Mensch ist heutzutage sich selbst enthoben. Er macht oft nicht einmal den Versuch, die Hintergründigkeit seiner Existenz zu reflektieren. Vielmehr grundelt er dahin, dient einem System, das er nicht versteht, und ist ein perfekt gestylter Konsument.

Dieses Schreckensszenario trifft freilich nicht auf alle Menschen zu, aber doch auf sehr viele. Wer das System und seine eigene Rolle darin nicht in Frage stellt, wird schnell vom System überrollt und zu seiner eigenen Fußnote. „Fahrenheit 451“ stellt auf drastische Weise dar, wie ein System funktioniert, das Menschen Selbstreflexion und eine kritische Sicht auf die gesellschaftspolitische Struktur verbietet. Tja, die Gleichschaltung funktioniert nicht so, wie es sich die Zampanos, politischen Machtmenschen und multinational organisierten Unternehmer so gerne wünschen: Denn es mucken immer wieder Menschen auf, die den Verstand noch nicht verloren haben, und zu kämpfen bereit sind.

 

Ein Leben ohne Bücher wäre für mich nicht vorstellbar. Die Autorinnen und Autoren reden mit mir, stellen mir ihre Weltsicht dar, führen einen Dialog mit mir. Ich kann antworten, indem ich die Erkenntnisse, welche ich aus den Büchern gezogen habe, direkt in mein eigenes Leben integriere. Ein Buch bietet die Möglichkeit, die Welt aus einer völlig anderen Perspektive zu sehen. Wer liest, wird zum Teil einer Welt, an der er Gefallen finden kann oder auch nicht. Mit den Zuständen, wie sie in „Fahrenheit 451“ dargestellt werden, bin ich maßlos überfordert. Ich frage mich, ob ich tatsächlich in der Lage wäre, einen ganzen Roman von Dostojewski oder Kafka auswendig zu lernen. Aber vielleicht wäre ich zu dieser Großtat in der Lage, wenn es die einzige Chance ist, einen wunderbaren Roman für die Nachwelt zu bewahren. Ein Totalverbot von Büchern würde mich – und davon bin ich überzeugt – zu einem Rebellen machen. Denn ich würde alles dafür tun, um Büchern meine Ehre zu erweisen.

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“. Dieser Satz von Franz Kafka trifft den Nagel auf den Kopf. Bücher können den Weg zu uns selbst ebnen, damit wir nicht immer nur auf einen Fremden im Spiegel starren, wenn wir uns selbst zu begegnen glauben.