Frank Castorf und Dostojewski

Die Inszenierungen von Frank Castorf sind mittlerweile legendär. Seine Arbeiten sind immer einem Entwicklungsprozess unterworfen und keine Aufführung eines Stückes gleicht einer anderen. Abseits von Dostojewski habe ich keine so guten Erfahrungen mit Inszenierungen des Regisseurs gemacht. Doch Castorf ist buchstäblich auf Dostojewski programmiert. Ich hatte das Vergnügen, bislang vier diesbezügliche Regiearbeiten dieses ungewöhnlichen Regisseurs zu sehen. Herausragend hierbei „Schuld und Sühne“ mit einem genialen Martin Wuttke in der Hauptrolle des Raskolnikow. Eine Provokation sondergleichen, die jedoch mit der Vorlage durchaus in Verbindung zu bringen ist.

 

Ganz anders bei „Der Spieler“, welcher kürzlich bei den Wiener Festwochen lief. Fünf Stunden sind eindeutig zu viel für einen der kürzeren Romane aus der Feder von Dostojewski. Der gesamte erste Teil, der gut zwei Stunden dauerte, war nicht mehr und nicht weniger als eine Vorbereitung auf das, was im zweiten Teil folgte. Dostojewski selbst kam selten zu Wort. Berührend die Schlussszene vor der Pause, die Kathrin Angerer in den Blickpunkt setzte. Sie sprach einen Brief von Dostojewski mit so viel innerer Anteilnahme, dass ich mit einem guten Vorgefühl in die Pause ging. Leider passierte dann lange Zeit nichts Wesentliches. So sehr sich die ausgezeichneten Schauspieler auch ins Zeug legten, das änderte nichts daran, dass das Stück eine Enttäuschung darstellt. Zumindest für mich, der eine starke Verbindung zu den Romanen von Dostojewski hat. Die skurrile Erzählung „Das Krokodil“ in die Geschichte einzubinden brachte wenigstens ein wenig Erheiterung in die Zuschauerränge, die sich im Laufe des Theaterabends merklich lichteten.

 

Rückblickend stelle ich mir die Frage, ob Castorf sich mit dieser Inszenierung weitere Dostojewski-Adaptionen ersparen wollte. Es gibt so viele Querverweise zu anderen Werken von Dostojewski, dass der Eindruck entsteht, der Regisseur wolle so etwas wie eine „Zusammenfassung“ generieren und damit den „Akt Dostojewski“ schließen. Wir können also gespannt sein, ob Castorf doch noch einen drauf setzt und früher oder später eine weitere Dostojewski-Adaption inszeniert. Sehr gut eignen würden sich „Der Doppelgänger“ und „Aus einem Totenhause“. Zumindest zu diesen beiden Werken bemerkte ich keinen Querverweis und vielleicht wird es ja doch noch was. Der Countdown läuft.