Der Kanon und Kleist

Es gibt gar wunderliche Dinge. Und dazu gehört auch, dass ich mich erst dieses Jahr anlässlich des 200. Todestages von Heinrich von Kleist mit dessen Prosa beschäftigt habe. Wobei sich wiederum die Frage stellt: Welche Werke sind denn Pflichtlektüre für den ambitionierten Leser? Im Grunde lässt sich diese Frage nicht beantworten, da jeder Leser für sich entscheiden muss, mit welchen Büchern er sich einlassen will. Ei, es gibt freilich Literaturkritiker, die einen Kanon beschwören, der jene „Pflichtlektüre“ empfiehlt. Zu einer gewissen Berühmtheit ist der Kanon von Marcel Reich-Ranicki gelangt, der Kleist gleich mit drei bzw. vier Prosa-Werken (nebst Theaterstücken) anführt. Neben dem Michael Kohlhaas noch Die Marquise von O. und Prinz Friedrich von Homburg sowie „Erzählungen nach eigener Wahl“. Nun, die besondere Qualität der von Kleist geschaffenen Prosawerke besteht in der eigentümlichen, präzisen Sprache. Ein Sprachduktus, an den ich mich langsam zu gewöhnen versucht war. Kleist schuf Werke, die politisch Stellung nehmen, stellt gesellschaftskritische Fragen. Dennoch ist es die Sprache selbst, die mich an Kleist gebunden hat.

 

Nach der Lektüre einiger Prosawerke von Kleist ist mir der Autor schnell vertraut geworden. Die Eigentümlichkeit der Sprache, die sich manchmal buchstäblich verzettelt (Schachtelsätze!), erinnert mich sogar an frühere Werke von mir selbst. Wohlgemerkt ist es nicht möglich und wäre meinerseits ein Anzeichen von Selbstüberschätzung, die beiden Sprachstile zu vergleichen, und dann zu einem gerechten Urteil zu gelangen. Kleist und ich leb(t)en in völlig verschiedenen Zeitaltern. Aber diese Komplexität mancher Satzungetüme ist ein Element in der Prosa von Kleist, die nicht wegzudenken ist.

Und schließe ich mich dem Kanon von Reich-Ranicki an? Teilweise. Was Kleist betrifft jedoch durchaus. Er hat nicht wenige Tabus gebrochen, und damit neue Felder in der Literatur beackert. Und die im „gefeierten“ Todesjahr von Kleist oft gestellte Frage, ob dieser Autor denn vergessen worden wäre, hätte er nicht zunächst Henriette Vogel und dann sich selbst umgebracht, kann durchaus mit NEIN beantwortet werden. Kleist hat erstaunliche Werke von sprachlicher Präzision und Komplexität geschaffen, und gesellschaftspolitisch Stellung genommen. Hätte er länger gelebt, wären der Nachwelt noch weit mehr literarische Leckerbissen vermacht worden. Möglicherweise ist aber eben gerade dieser Gedanke verunmöglicht, weil der von Todessehnsucht angetriebene Kleist nie vorgehabt hat, ein würdiges Leben im hohen Alter zu führen. Er soll impulsiv, schnell verärgert und gleichzeitig voller Lebensenergie gewesen sein. Der Tod hat ihn nicht ereilt, sondern er hat ihn gesucht. Seine Werke tragen seine Unterschrift, und damit ist er so unverwechselbar wie nur wenige seiner Kolleg/innen mit literarischen Ambitionen. Die Prosawerke von Kleist mögen sich also durchaus zur „Pflichtlektüre“ ambitionierter Leser eignen.