Die Arbeitslosen von Marienthal

Dieses Werk hat mich von Anfang bis Ende in seinen Bann gezogen. Es ist kein Kriminalroman, keine Vampir-Story und auch kein Verschwörungsthriller. Was hier geschrieben steht, hat Hand und Fuß. Keine Beschönigungen, keine Ausreden. Wissenschaft eben und irgendwie viel mehr.

 

Eine soziologische Studie, die es buchstäblich zu Weltruhm gebracht hat. Der Großteil der Einwohner von Marienthal wird von heute auf morgen arbeitslos. Was passiert mit den davon betroffenen Menschen? Sollte es nicht ein „Vorteil“ sein, dass nahezu jeder ehemals Beschäftigte nunmehr von Arbeitslosigkeit betroffen ist? Es handelt sich um keine Abhandlung über Einzelschicksale, auch wenn es diese logischerweise gibt. Wenn ein ganzer Ort zur scheinbaren Untätigkeit verurteilt ist, bleibt kein Stein auf dem anderen.

 

Neben vielen anderen Aspekten ist jedoch einer von besonderer Bedeutung. Ein Kernpunkt der Studie der Sozialwissenschafter ist jener, die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen in ein Schema einzuordnen, dass deren Umgang mit der Situation darstellt. Wie gehen von Arbeitslosigkeit betroffene Menschen mit diesem Umstand um? Das letztlich gar nicht so überraschende Ergebnis in diesem Kontext: Die meisten Menschen sind resigniert (fast die Hälfte!), ein Viertel apathisch, 16 % ungebrochen und 11 % verzweifelt. Im Klartext heißt das, dass in etwa drei Viertel der Arbeitslosen von Marienthal ihr Schicksal „akzeptiert“ hat und nicht mehr viel vom Leben erwartet. Eher positiv zu sehen ist wohl, dass nur jeder neunte Betroffene tatsächlich verzweifelt ist. Und 16 % ungebrochene Menschen ist ein gar nicht so geringer Wert.

 

Nun, und was lässt sich aus diesem Ergebnis ableiten? Freilich, es war eine andere Zeit (20er Jahre des 20. Jahrhunderts), und es geht um Arbeitslosigkeit in epochalem Ausmaß. Dennoch bin ich der Auffassung, dass die Kategorisierung in diese vier Gruppen bis heute nichts an Bedeutung verloren hat. Wobei ich soweit gehe und behaupte, diese Kategorisierung lässt sich nicht allein an von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen festmachen. Ebenso sind die in Erwerbsarbeit stehenden Menschen einzuordnen. Zwar mag es eindimensional sein, Menschen in Grundhaltungen zu unterteilen, andererseits lassen sich von diesen Grundhaltungen ausgehend ja ganze Lebensläufe mit allerlei Verästelungen festmachen.

Angesichts einer Erwerbsarbeitswelt, die immer mehr Menschen zu Billiglöhnen verurteilt und nicht selten Menschenrechte verletzt, mag es gar nicht so von der Hand zu weisen sein, dass die meisten in Erwerbsarbeit stehenden eine resignierende Grundhaltung haben. Sie erwarten nicht mehr allzu viel vom „Erwerbsarbeitsleben“, wurschteln sich halt irgendwie weiter, ohne sich große Gedanken über die Sinnhaftigkeit dieses Unternehmens zu machen. Die Gruppe der apathischen Arbeiter und Angestellten, die sich ohne zu murren mit ihrem Schicksal abgefunden haben ist sicher auch nicht klein. Verzweifelte, die von Mobbing, totaler Über- oder Unterforderung betroffen sind, gibt es sicher nicht wenige. Und die Ungebrochenen, die danach streben, ihre Situation zu verbessern und das beste aus ihrem (Erwerbsarbeits)leben machen wollen sind so etwas wie das Salz in der Suppe einer die Erwerbsarbeit als Götzen verehrenden Gesellschaft.

 

Es verwunderte mich übrigens nicht, dass die meisten weiblichen Arbeitslosen von Marienthal mit der neuen Situation viel besser und konstruktiver umgehen konnten als die  Männer. Zum Einen, weil sie sich nicht ausschließlich mit der Erwerbsarbeit identifizieren, zum Anderen, weil sie mit Kindererziehung und Haushalt Aufgaben haben, die sie in Schwung halten.

 

Kurz und gut: Die Arbeitslosen von Marienthal sind deswegen so heutig, weil mittlerweile die Strukturen der Arbeitsgesellschaft derartig merkwürdige Ausmaße angenommen haben (Profitmaximierung der Unternehmen, „Humankapital“ als jenseitiger Begriff mit allen entsprechenden Folgen), dass keineswegs nur Erwerbsarbeitslosigkeit ein Grund für Resignation, Apathie und im schlimmsten Fall Verzweiflung sein muss. Die Erwerbstätigen sind davon genau so betroffen, allein schon wegen des Drucks, nicht bald selbst zum Heer der Erwerbsarbeitslosen gehören zu wollen.

 

Doch es gibt eine positive Botschaft, die aus der lesenswerten Studie der Arbeitslosen von Marienthal entnommen werden kann: Bleib dir selbst treu, vertraue deinen Fähigkeiten und Qualitäten. Lass dich nicht unterkriegen! Erwerbsarbeitslosigkeit kann eine Chance sein, dich neu zu orientieren.

 

Die Erwerbsarbeitswelt hat sich seit der Studie der Arbeitslosen von Marienthal radikal geändert. Aber wir später geborenen sollten uns diese Studie vor Augen führen, wenn wieder mal Arbeitslosenzahlen verniedlicht werden. Sehr viele Menschen in Österreich haben ein so niedriges Einkommen, dass sie davon kaum ihre Existenz zu bestreiten vermögen. Das sollte uns zu denken geben. Erwerbsarbeit ist nicht gleich Erwerbsarbeit. Erwerbsarbeit, die in die Armut oder darüber hinaus führt darf nicht sein. Ungebrochenheit ist die einzige Chance, dem Leben konstruktiv zu begegnen. Ganz egal, ob erwerbsarbeitslos oder erwerbstätig. Weil es unser Leben ist und das Leben nicht nur aus Erwerbsarbeit oder der Suche danach besteht.