Bücher als Dutzendware

Die Zeiten meines Bücherverschlingens sind vorbei. Tägliche Fressattacken, die dazu führen, dass die Anzahl konsumierter Bücher im Jahresschnitt im dreistelligen Bereich liegen, gehören definitiv der Vergangenheit an. Doch nie bin ich der Versuchung erlegen, Bücher wie Konsumgüter zu behandeln und bei Sonderangeboten zuzugreifen, feilgebotene Bücher kiloweise nach Hause zu bringen. Allerdings weiß ich noch wie gestern, als ein Schulkollege und ich hochgeistige Literatur zu schnabulieren vorhatten und Buchhandlungen heimsuchten, auf dass der intellektuellen Begierde nachgegeben werden konnte.

 

Jahr für Jahr drängen zehntausende neue Bücher auf den Markt. Es ist eine unmögliche Kunst, bei diesem Angebot den Überblick zu behalten. Ich halte im Vergleich zu früher eher Bücherdiät und konzentriere mich auf wenige Autor/innen und Interessensgebiete. Natürlich lacht mich immer wieder mal ein Buch an, flüstert mir zu: „Nimm mich, denn vielleicht könnte ich dein Leben verändern!“ Die Botschaft vernehme ich wohl, doch nur in Ausnahmefällen gebe ich nach.

 

Der Besitz von Büchern als Statussymbol ist eine unmögliche Vorstellung. Ich verfüge auch über kein „Regal ungelesener Bücher“, angeblich ein gar nicht so seltenes Phänomen. Wenn ich mir ein Buch zulege, dann will ich es definitiv früher oder später lesen. Nicht immer fällt es leicht, dieses Vorhaben komplikationslos durchzuführen. Allerlei Faktoren können bedingen, dass der Lesefortschritt gefährdet ist. Doch am Ende ist es stets äußerst erfreulich, wenn ich das Unmögliche möglich gemacht und etwa den zweiten Teil der Kafka-Biographie von Reiner Stach bewältigt habe. Bücher der Unterhaltung wegen zu „konsumieren“ kommt für mich nicht in Frage. Ein Buch sehe ich nicht als Produkt, das benutzt wird, um danach in irgendeinem Regal oder sonst wo zu verstauben. Ich verbinde Erinnerungen, Gedanken, Emotionen, Ereignisse, Erfahrungen mit Büchern. Jedes Buch schmeckt anders, riecht anders, fühlt sich anders an. In wenigen Fällen war nach nur wenigen Seiten klar, dass ein Buch ungenießbar ist. Da musste ich leichten Herzens die Lektüre beenden. In anderen Fällen hat ein Buch einen derartigen Sog entwickelt, das ich es unbedingt nochmals lesen musste. Im Falle der „New York Trilogie“ von Paul Auster sogar zusätzlich im Original.

 

Bücher als Wirtschaftsfaktor, als Konsumgut zu sehen, kann für den Bücherliebhaber nur zweitrangig sein. Entscheidend ist der persönliche Bezug zum Roman, zum Sachbuch, zu den Erzählungen, zu den Essays, zu den komischen Geschichten. Nicht die Quantität ist entscheidend, sondern die Qualität der Bücher für einen selbst.

 

Ein Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

 

Wie wahr, wie wahr! Ein Buch kann soviel bewirken, im Leser auslösen, in manchen Fällen sogar heilen. Eine ganze Welt kann vor einem erstehen oder ins Wanken geraten. Die überdimensionalen Buchhandlungen verdecken diesen persönlichen, individuellen, besonderen Eindruck. Bücher springen einem buchstäblich entgegen, sind zur Ware in einem Supermarkt degradiert. Ein Buch darf nie zu einem Produkt verkommen, und wenn doch, dann sollte es wie eigentlich alle Konsumprodukte genauestens begutachtet werden, bevor es sich zur Verzehrung eignet. Dagegen haben sicher auch die Autorinnen und Autoren nichts.