Literarische Analysen

Eines der Prunkstücke der Jandl-Ausstellung in Wien ist ein Brief des Autors an ein 12-jähriges Mädchen. Das Mädchen verstand die Intention eines Gedichtes von Jandl nicht, und schrieb ihn im Namen ihrer ganzen Klasse an, dass er für Aufklärung sorgen möge. Es mag eine Überraschung für das Mädchen gewesen sein, dass es tatsächlich Antwort erhielt. Ernst Jandl erklärte ihm die Hintergründe des Gedichts, das die ganze Menschheitsgeschichte in sich zu vereinigen scheint. Ich will jetzt in keinster Weise auf dieses Gedicht eingehen, und eine literarische Analyse liegt mir fern. Interessant ist aber doch, dass Ernst Jandl einem kleinen Mädchen die „Wahrheit“ hinter dem Gedicht zu erklären bereit war.

 

Das eigene Schreiben, die eigene Literatur zu erklären oder gar zu analysieren ist ein Ding der Unmöglichkeit. Im schlechtesten Falle mag sie berechnend sein, im besten Falle voller Überraschungen. Ich finde es rührend, dass Ernst Jandl, der ja auch als Deutsch- und Englischlehrer fungierte, einem anfragenden Mädchen ein Gedicht zu interpretieren suchte. Vielleicht blieb das einmalig, vielleicht war es die Regel. Interessant wäre es zu wissen, ob Jandl das Gedicht objektiv erklärte oder aber schon während des Schreibens wusste, wohin denn die Reise gehen mochte. Wenn ich mich als „Literaturexperte“ bezeichne, so hat das nichts damit zu tun, dass ich glaube, Literatur analysieren zu können. Ich kann schlechte von guten Texten unterscheiden, doch das ist es auch schon. Der „Literaturexperte“ bezieht sich vielmehr auf meine spezifische Beziehung zu literarischen Texten. Lesen ist für mich so selbstverständlich wie Atmen. That´s it!

 

Vor einigen Jahren habe ich den Versuch gewagt, eigene Texte zu analysieren. Ich versuchte allen Ernstes, die Tragik, das Weltbild, die inneren Erkenntnisse herauszudestillieren. Literatur als Fingerzeig auf die Charakteristik des Autors. Natürlich musste ich damit scheitern. Diese Mischung aus Werkanalyse und direktem Bezug auf mich ist ein Kuriosum. Tatsächliche Erklärungen der Hintergründigkeiten können Autoren zwar großartig nach außen projizieren, sind jedoch in ihrer Selbsterklärung halbwissenschaftlicher Unfug. Das Thema ist manchmal hervorstechend, oft sind autobiographische Elemente eindeutig, aber sonst?

Ernst Jandl hat sich nicht in den Spiegel gesehen und dann seine Interpretation dem Mädchen in Briefform zugeschickt. Er hat dem Kind die Metaphern erklärt und daraus eine eigene Geschichte konzipiert, die fast spannender ist als das Gedicht selbst. Eine ungewöhnliche Angelegenheit, die mich daran erinnert hat, dass ich seinerzeit mit einer persönlichen literarischen Analyse scheitern musste. Mich freut es immer ganz besonders, wenn Leser/innen meine Texte interpretieren, ihre Meinungen bekanntgeben. Egal ob positiv oder negativ. Denn meine Texte sind, kaum veröffentlicht, Allgemeingut. Jede/r Leser/in kann damit umgehen, wie er/sie mag. Und dann kann ich es mir sogar erlauben, selbst den einen oder anderen Text von mir als nicht gelungen zu bezeichnen. Der Abstand ermöglicht mir eine literarische Analyse abseits von der Einschränkung persönlicher Eingenommenheit.

Kann gut sein, dass es bei Jandl so gewesen ist.