Was wir hätten sein können

Roger Willemsen hat mich schon einige Male zum Nachdenken gebracht. Er stellt sich gerne sogar im Rahmen von Interviews die selbstreflexive Frage: Was hätte ich sein können? Das lässt sich natürlich weiter denken, über alle Grenzen hinausgehend. Roger Willemsen wurde bei seinen zahlreichen Reisen immer wieder auf sich selbst zurück geworfen, stellte sich in Frage. Warum nicht dort bleiben, auf diesem Stein sitzend beispielsweise? Zwei Stunden, drei Stunden, für immer? Was könnte passieren, wenn ich mich ganz anders definiere? An einem anderen Ort, in einer anderen Umgebung, in einer anderen Gesellschaft, kurzum unter völlig anderen Vorzeichen als gewohnt?

 

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt, seinen eigenen Gedanken, seinen eigenen Vorstellungen. Wenn er diese eigene Welt in Frage stellt, einfach andere Bedingungen schafft, ist er dann ein anderer?

Wie wir hätten sein können, was wir sein wollen. Und wenn wir aber sind, wonach wir gestrebt haben, sind wir nicht mehr jene, die den Ausgangspunkt dieses Strebens setzten und somit wieder nicht, was so erstrebenswert war. Das formulierte sinngemäß Kierkegaard. Wir werden Andere, ändern uns, und bleiben doch im besten Fall uns selbst treu. Entwicklung ist Veränderung, sodass die selbstreflexive Frage nicht unsere Wunschvorstellungen vorweg nimmt. Vielmehr geht es um innere Einkehr, Ausschalten der Eindimensionalität. Leben ist mehr als bloß Streben nach was auch immer. Leben ist der Wunsch nach Sein, nach Gegenwart, nach Einheit, nach innerer Balance, nach Verbundenheit.

 

Unter völlig anderen Bedingungen irgendwo anders auf der Welt hätten wir uns den Wunsch nach Sein, nach Gegenwart, nach Einheit, nach innerer Balance, nach Verbundenheit vielleicht eher erfüllen können. Doch darum geht es Willemsen wahrscheinlich nicht. Aber er bringt mich immer wieder zum Nachdenken, wenn er sich selbstreflexiv in Frage stellt.