Tagebücher

Franz Kafka habe ich durch seine Tagebücher erst so richtig kennen gelernt. Stellt sich natürlich die Frage, ob er damit einverstanden wäre, dass seine Tagebücher veröffentlicht wurden? Von Max Frisch ist bekannt, dass er seine Tagebücher sogar in Hinblick auf mögliche Veröffentlichungen geschrieben hat. Dadurch ergeben sich gar keine so großen Unterschiede zwischen seinen Werken und seinen Tagebuchaufzeichnungen. Bei Franz Kafka ist es anders: Seine Werke sind nur ein kleiner Ausschnitt seiner „inneren Wahrheiten“. Er war leidenschaftlicher Tagebuchschreiber, beobachtete seine Umwelt ganz genau, schrieb scheinbare Kleinigkeiten auf, die ihm das Leben erträglicher machen mochten. Franz Kafka war nicht der weltabgewandte, vergeistigte, auf das Schreiben reduzierte seltsame Mann mit unheimlichen Eigenschaften, als der er gerne von wem auch immer hingestellt wird. Er war humorvoll, empathisch, ein sehr guter Zuhörer, Vegetarier, kein Bewegungsmuffel, reiselustig, bescheiden. Das mögen nur Charakterzüge sein, doch damit will ich der Einseitigkeit Einhalt gebieten, die ihn auf den einsamen Asketen reduzieren. Wer Biographien, Briefe und Zeitzeugenberichte kennt, weiß ohnehin Bescheid.

 

Überhaupt bin ich der Auffassung, dass Tagebücher den Kern eines Menschen am ehesten offen legen. Außer der Tagebuchschreiber hat gar nicht die Absicht, das eigene Leben zu reflektieren. Vor einigen Jahren habe ich mich entschieden, ein sogenanntes „Webtagebuch“ anzulegen und es regelmäßig mit Beiträgen aufzufüllen. Fünf Jahre lang setzte ich Erfahrungen, Erkenntnisse, Vorstellungen und Reflexionen in den Fokus, die nicht nur mein Leben, sondern überhaupt die ganze Welt einbezogen. Davon habe ich mich verabschiedet, als ich meinen Autorenauftritt im weltweiten Netz generierte. Mein Notizblog soll dazu dienen, mich als Autor, Leser und Literaturexperten kennen zu lernen. Das allein ist ja schon ein weites Feld. Grenzen gibt es keine. Zudem habe ich die Kommentarfunktion ausgeschaltet, weil ich der Ansicht bin, dass ein „literarisches Tagebuch“ für sich selbst spricht. Wer bereit ist, sich mit dem Autor einzulassen, kann sich ja an ihn wenden. Der im weltweiten Netz verbreitete Unfug, auf alles und jedes noch so winzige Artikelchen seinen Senf dazu geben zu können, wird also von mir hintan gehalten. Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn Leserinnen und Leser auf die Tagebucheinträge von Franz Kafka anno dazumal mit Kommentaren hätten reagieren können. Er wäre vielleicht von einer Lawine unzähliger gut oder schlecht gemeinter Reaktionen überschüttet worden, und ich befürchte, dass er sich dann noch mehr zurückgezogen hätte. So sehr ich soziale Netzwerke (nicht alle, aber einige) schätze, so sehr ist jeder Netzwerker dazu aufgerufen, persönliche Grenzen zu setzen. Das Hinausschreien jedes Lebensdetails enträtselt die eigene Existenz bis zur totalen Entblößung. Und das kann ja wohl nicht das Ziel eines Tagebuchs, eines „Gesichtsbuches“ sein?

 

Somit kann mein Webtagebuch durchaus als „klassische Version“ eines Tagebuches verstanden werden. Und davon werde ich auch nicht abgehen. Inklusive von Brüchen, Bruchstellen, Eigenarten, Hemmschwellen. Es muss nicht jeder Tag in seine Bestandteile zerlegt werden. Es reicht schon, auf die Besonderheiten des Lebens zu reagieren, die literarische Welt in Augenschein zu nehmen. Wenn das jeden Tag stattfindet, ergibt sich eine Alltäglichkeit, die irgendwann zwangsläufig Langeweile seitens der Leserschaft hervorrufen muss. Alle paar Wochen ein Eintrag, in besonderen Fällen mit kürzeren Intervallen, in anderen Fällen mit deutlich längeren Intervallen. Das ist Leben in Wellenbewegungen und nachvollziehbar. Franz Kafka ließ manchmal Monate vergehen, bis er wieder einen Eintrag in sein Tagebuch gemacht hat. Das könnte mir auch passieren, doch keine Sorge, liebe Leserin, lieber Leser, ich versuche selbst das extremste Wellental durch Schreiben von Tagebucheinträgen zu beruhigen.