Du Künstler!

In letzter Zeit hatte ich zwei Erlebnisse, die mir – wieder mal – verdeutlicht haben, wie möglicherweise von vielen Menschen Kunst bewertet wird.

 

Auf der Kärntner Straße gab es eine Theaterperformance. Eine Eigenheit der Schauspieler war das „Festfrieren“ von Bewegungen, also künstlerischer Stillstand. Dies nahm ein älterer Augenzeuge zum Anlass, Schimpfkanonaden loszulassen und als letzte Steigerung Du Künstler! zu schreien. Die Begriffe Idiot, Trottel, was auch immer, erfahren mit der Bezeichnung Künstler einen herablassenden Endpunkt. Das erinnerte mich auch an eine alte Frau, die seinerzeit Christoph Schlingensief als Künstler zu diffamieren glaubte.

 

Ich wartete ein Sachbuch lesend auf die Straßenbahn beim Schottentor. Da kam ein Mann mittleren Alters auf mich zu und sprach mich mit den Worten an: „Du bist jo total deppert, liest a Buach! Des gibt’s jo ned!“ Er verfolgte mich noch ein Weilchen nicht nur mit Worten, sondern schweren Fußes, bis sein Auftritt endlich Geschichte war. Bücher werden von sehr vielen Menschen nie gelesen, ja nicht einmal wahrgenommen. Wer also ein Buch liest, gilt schon als „verdächtige Person“. Verrückt? Oder nicht doch ein Zeichen der Zeit, wo es nur mehr darum geht, dass die Menschen der Leistungsgesellschaft funktionieren?

 

Diese beiden Erfahrungen waren für mich keine Überraschungen. Es war der Zusammenprall von Kunst mit Nicht-Publikum. Kunst wird gern unter den Teppich gekehrt, nur der Staatskünstler oder Megaerfolgreiche wird von der Politik wahrgenommen. Künstler werden mehrheitlich gemacht, für irgendwelche Zwecke instrumentalisiert, in Fällen von Erfolg oft zum Abziehbild ihrer selbst. Doch die Menschen da draußen nehmen ihre Umwelt – oder konstruktivistisch geschrieben ihre Welt – nur marginal wahr. Da gibt es keine Nuancen, Feinabstimmungen, Details, Besonderheiten. Nicht, dass ich die Wohlstandsbürger allesamt in die berühmte Schublade stecken will, doch es ist nicht übertrieben, von einer Mehrheit oder zumindest keiner Minderheit zu sprechen, die sich in einer Welt einsperrt, wo es nur klare Abgrenzungen zu geben hat. Menschen werden schnell in spezifische Klassen unterteilt, und es gibt in diesem einfachen Raster nicht mal Ausnahmen von der Regel. Also, Künstler sind allgemein fragwürdige Existenzen und das Lesen von Büchern ist allgemein ein sinnloses Vergeuden von Zeit.

 

Das Einschwören auf einfache Rezepte wird dem Leben jedes einzelnen Menschen nicht gerecht. Wie langweilig wäre es, wenn es die Vielfalt nicht gäbe! Vielfalt der Kulturen, künstlerischer Ausdrucksformen, Identitäten, Charakterprofile. Jeder Mensch ist eine Welt für sich und all jene, die Künstler diffamieren und/oder vor Büchern Abstand nehmen, als wären es giftige Pilze,  haben noch nicht die Erkenntnis gewonnen, welchen Stellenwert sie selbst auf dieser Welt haben (könnten). Einfache Parolen nachzuplappern (außer es handelt sich um eine künstlerische Performance) ist der beste Weg, die eigene Identität in fremde Hände zu geben und mögliche Selbstreflexion mit innerer Isolation zu tauschen.

 

Künstlerische Betätigungen können den Menschen Spiegel vorhalten. Und jene Zeitgenossen, die nicht gerne in Spiegel sehen, beschimpfen und erniedrigen sich im Endeffekt nur selbst.