Klaus Wagenbach

Klaus Wagenbach taucht nicht ohne Grund mehrmals in meinem Notizblog auf. Er hat eine wunderbare Jugendbiographie über Franz Kafka geschrieben, ich war Zeuge einer unvergesslichen Veranstaltung, zu der er eingeladen wurde. Also, ich bin offenbar hingerissen, kann das sein? Oh ja, es kann. Verleger wie Klaus Wagenbach sind selten geworden. Politisch Stellung zu beziehen, in gesellschaftskritischen Dingen Tacheles zu reden, seinen Autorinnen und Autoren auch innerlich verbunden zu sein, das können wohl die wenigsten VerlegerInnen auf ihre Fahnen heften. Seine zahlreichen Wortmeldungen, die im Laufe von Jahrzehnten entstanden sind, würden wahrscheinlich mehrere dickbäuchige Bücher ergeben. Dagegen mögen sich die nunmehr veröffentlichten Erinnerungsbilder in Grenzen halten, doch gerade das ist die Meisterschaft des geschriebenen Wortes. Nicht irgendein kaum tragfähiges Konvolut auf den Markt zu schmeißen, das unverständlicherweise hohe Verkaufszahlen erzielt, sondern kürzere und längere Essays, die zusammengenommen ein ganzes Leben erzählen.

 

Zugegebenermaßen kann ich die politischen Hintergründigkeiten nicht immer nachvollziehen. Aber für mich besonders interessant sind die Kapitel, wo es um Franz Kafka und um das Verlagswesen an sich geht. Entgegen meiner sonstigen Vorliebe will ich diesmal Franz Kafka außen vor lassen und mich auf das Verlagswesen fokussieren. Denn was Klaus Wagenbach darüber zu erzählen hat, lässt der Leserin und dem Leser möglicherweise den Atem stocken. Das Risiko, mit einem Verlag eine Bruchlandung hinzulegen, ist so groß wie in kaum einer anderen Branche. Jetzt sowieso, wo viele Verlage entweder von Verlagskonzernen aufgekauft werden oder früher oder später in der Versenkung verschwinden. Mit Büchern lassen sich keine Riesengewinne erzielen, außer es geht um sehr hohe Auflagen. Das Medium Buch ist eine Ware, nicht mehr. Klaus Wagenbuch ist sich dessen bewusst, dass das Cover extrem wichtig für die Ware Buch ist, auch wenn er diesem Warencharakter nicht viel abgewinnen kann. Ihm wurde von mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen abgeraten, einen Verlag aufzubauen. Die Ratschläge waren gut gemeint, brachten ihn aber nicht davon ab, gegen Windmühlen zu kämpfen.

 

Klaus Wagenbach macht gegen die Verlagskonzerne mobil, ohne großartig Namen zu nennen. Er erzählt von „Verlegern“, die von irgendeinem Konzernchef angestellt sind, und jederzeit bei Misserfolg (Verkaufszahlen!) ausgetauscht werden können. Verlagskonzerne haben klare Hierarchien und jeder Verlag in diesem aufgeblasenen Apparat beschäftigt irgendeinen Verleger. Risiko für diese „Verleger“ besteht keines. Falls die Konzernpuzzleteile nicht auf der Erfolgswelle schwimmen, werden sie ausgetauscht, das ist alles. Genau so sehen auch die Bücher aus, die weitgehend vertrieben werden. Nichtssagend, austauschbar, langweilig. Gekauft werden sie, weil enorme Summen in das Marketing gesteckt werden. Sind das überhaupt Autoren und Autorinnen, die diese Bücher geschrieben haben? Ja, das sind sie, aber wer weiß schon, wie tiefgehend die Lektorinnen und Lektoren in die Texte eingegriffen haben? Abgesehen von der Grundidee bleibt da möglicherweise nicht viel Individuelles übrig.

 

Wer als Verlag auf Qualität setzt hat es schwer. Die meisten Menschen wollen unterhalten werden, haben keine Lust darauf, mit Problemen konfrontiert zu sein, die sie in Buchform bedrängen. Schrott wird in Massen gedruckt. Ein 300.000 Mal verkaufter Roman ist kein Qualitätsmerkmal. Es ist eher ein Wunder, sollte ein derartig „gern“ erworbenes Buch auch noch gut sein. Ja, das passiert manchmal, aber die Ausnahme bestätigt die Regel.

Klaus Wagenbach hat viel als Verleger erlebt. Soviel, dass er aus seinen Erinnerungen dickbäuchige, qualitativ hochwertige Bücher machen könnte. Aber das Dickbäuchige (Autobiographische!) folgt vielleicht noch. Zunächst einmal tut es gut, mit seiner Freiheit konfrontiert zu werden.