Vor der Kriminacht ist nach der Kriminacht

Die Kriminacht hat alle Stückeln gespielt. Gleich nach der am helllichten Mittag erfolgten Eröffnung ist mir auf dem Graben ein Protagonist begegnet, der als personifizierter Tod die Menschen mehr belustigte als schreckte. Und auf dem Weg zu den Niederungen der Stadt, also der Kanalisation, pfiff sich ein barfüßiger Mann mit Vollbart eins in der berühmtesten Straßenbahnlinie Wiens – eh klar – dem 71er. Die anderen Fahrgäste konfrontierte er nur wenige Sekunden mit seiner Kunst, mich aber, der ich mich innerlich auf meine beiden Lesungen vorzubereiten versuchte, nahm er mindestens zehn Minuten in Beschlag.

 

Es war nicht sein Begehr, mir mit seiner Pfeiferei Geld zu entlocken. Vielmehr wollte er mir offenbar irgendeine Botschaft übermitteln, die ich jedoch nicht decodieren konnte. Einmal deutete er auf seiner Stirn einen Vogel an, wobei ich freilich nicht weiß, ob er damit zum Ausdruck brachte, dass er sich selbst als Vogel fühlte oder aber mir die Gunst zugestand, ein armer Irrer zu sein.

 

Doch es blieb nicht bei der Kunstpfeiferei. Unvermittelt stellte er mir in Reimform Fragen, die ich nicht verstand. Er hantelte sich wie ein Dichter Worte aus der Luft holend vorwärts, erzählte mir von Gebäuden, an denen wir vorbeifuhren, erwähnte, wenn ich mich nicht verhört habe, sogar den Friedhof. Gerne hätte ich einen Zusammenhang gefunden, aber Orientierungsplan gab mir der Mann keinen in die Hand. Jedoch klopfte er mir kurz auf die Hand, ließ seinen Finger über einem Foto kreisen, das in meiner Zeitung nicht zum Leben erwachte.

 

Ein Mann, ein Wort! Er pfiff vor dem Aussteigen weiter sein Liedchen vor sich hin, und vielleicht ist er ja ein neuer Stammgast der Linie 71, den ich kennen lernte. Ich musste mich sammeln, neue Energien schöpfen. Schließlich standen mir zwei Lesungen bevor.

 

Die Kanalisation hat mich dann schnell in den Bann gezogen, und den Zuhörerinnen und Zuhörern kann es nicht anders ergangen sein. Unheimlich, das Ganze, und es verstand sich von selbst, dass ich den „dritten Mann“ hochleben ließ. Lesungen unter diesen Bedingungen erfordern ein wenig Überwindung, doch ich bezwang meinen Schatten, der sich zumindest während der zweiten Lesung unter mir ausgebreitet haben musste. Das Publikum zollte mir Applaus und die Befragung einiger Zuhörerinnen und Zuhörer ergab, dass ich trotz des unaufhörlich plätschernden Wien-Flusses verständlich vernommen werden konnte.

 

Zwei nette junge Damen folgten meiner Einladung, nach meinen Büchern zu fragen, und was gibt es Schöneres, als Anklang zu finden? Der barfüßige Mann fand mit mir einen – wenn auch etwas überforderten – Zuhörer, und ich habe zwei netten jungen Damen ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk beschert. Das Publikum lebe überhaupt hoch, auch jene Menschen, die schon vor dem Ende der Lesungen das Weite suchten, weil sie möglicherweise enttäuscht waren, dass ich nicht von toten Ratten im Wien-Fluss, sondern nur von einem Werwolf im Schafspelz, einem ehemaligen Fleischhauer mit Eierlikör-Affinität und einem sich selbst übertölpelnden Mörder erzählte.

 

Die Kriminacht verklang dann in einem verrauchten Ambiente, das ich als passionierter Nichtraucher nicht allzu lange genießen konnte. Ich war Teil einer illustren Gesellschaft, glücklicherweise haben die Seitenblicke nicht vorbeigeschaut. Ein Tag und eine Nacht, die mir viel zu denken geben und einigen Krimi-Stoff liefern könnten, wenn ich ihn denn verarbeiten wollte.