Meine größte Angst

Mein Gedichtband enthält unter anderem einen Text mit dem Titel „Meine größte Angst“. Es geht hierbei darum, dass es eine Horrorvorstellung ist, die Sprache zu verlieren. Mittlerweile sind diese Gedichte Schnee von gestern, zu viel Zeit ist seit der Entstehung verstrichen. Doch die Frage bleibt und ich stelle sie mir in etwas modifizierter Form immer wieder mal: Werde ich einst dem Schreiben zu Lebzeiten entgangen sein?

 

Aus heutiger Sicht ist es unvorstellbar, in noch so ferner Zukunft das Schreiben weitgehend abzustellen. Zu wichtig ist es mir, mich mit Hilfe der Sprache auszudrücken, eine Weiterentwicklung meines literarischen Schreibens anzustreben. Was vor über 20 Jahren begann, lässt sich nicht so einfach in die Garage stellen. Schreiben ist nicht nur literarische Betätigung oder das Verfassen von Blog-Beiträgen. Ich bin in Foren aktiv, produziere fast täglich Mails in alle möglichen Richtungen, und dann gibt es auch noch die sozialen Netzwerke. Das literarische Schreiben lässt sich freilich am allerwenigsten wegdenken.

 

Beim Prager Autorenfestival 2008 hat der Autor Günter Kunert aus seinem Buch „Der alte Mann spricht mit seiner Seele“ zur herrlichen Unterhaltung des versammelten Publikums vorgetragen. Ein Buch mit kurzen, prägnanten Texten. Die Eigenheiten, Gebrechlichkeiten, Wunderlichkeiten des Alters werden auf die Schippe genommen. Der Hang zur Selbstironie macht dieses Buch zu einer kleinen Kostbarkeit. Günter Kunert hat kürzlich seinen 81. Geburtstag gefeiert und ist nach wie vor literarisch aktiv. Bei literarischer Aktivität geht es nur bedingt darum, irgendeinen finanziellen „Erfolg“ einzuheimsen. Nur die wenigsten Autorinnen und Autoren können von ihrem Schaffen leben, das ist weithin bekannt. Aber die meisten Autorinnen und Autoren können nicht anders. Sie müssen schreiben, fühlen sich dem Schreiben verpflichtet.

 

Der Mensch ändert sich unmerklich, der Autor wohl ebenso, schließlich gehört er der menschlichen Spezies an. Was sich also in Zukunft ändern wird, sind die Projekte, die literarischen Formen, die Eigentümlichkeiten. Wenn ich einen Text lese, den ich vor über 20 Jahren verfasst habe, lese ich den Text eines mir heute fast fremden Autors. In 20 Jahren werde ich das wahrscheinlich über jene Texte meinen, die in letzter Zeit oder gerade gestern entstanden sind.

Das Schreiben ist – auch – ein sich selber entdecken und neu entdecken. Ich weiß nicht, was in 20 Jahren sein wird, das Leben wird sicher Überraschungen für mich bereit halten. Doch die Horrorvorstellung, je meine Sprache zu verlieren, habe ich nicht mehr. Sollte es doch passieren, weil es das Schicksal so will, dann werde ich mir selbst entledigt sein.

 

Ich schreibe, also bin ich. Das ist mein Leben, meine Form mich mitzuteilen. Sollte ich das schöne Alter von 80 Jahren erreichen wie Günter Kunert, dann wird sich mein Schreiben in eine ganz neue Richtung entwickelt haben. Ich glaube nicht, dass ich je dem Schreiben zu Lebzeiten entgangen sein werde. Doch es gibt nichts, das es nicht gibt. Eines meiner wichtigsten Lebensziele ist es, mir immer treu zu bleiben. Das Schreiben ausschalten wird nicht gehen. Ich bin darauf gespannt, wohin mich mein literarischer Lebensweg noch führen mag…