Der Knacks in der Gegenwart

Eines Abends hatte ich eine Begegnung mit Roger Willemsen. Er sprach mit mir nur wenige Minuten, doch ich fühlte mich durchschaut. Einige Jahre später beschäftigte ich mich mit einem ungewöhnlichen Essay, der einst ein Bestseller war. „Der Knacks“ setzt sich mit jenen Momenten im Leben auseinander, durch die unabänderlich etwas verloren geht. Das Leben ist nun mal ein Experiment, das sich nicht wiederholen lässt. Der Knacks verläuft durch alle Lebensläufe der Menschen, prägt sie, verändert sie, markiert sie. Die ersten und die letzten Kapitel sind großartig. Es geht buchstäblich um Leben und Tod, um das Altern, um Krankheiten, um den Selbstmord. Der Mittelteil hat mich weniger vom Hocker gerissen. Da wird unheimlich viel sublimiert. Die Analyse von menschlichen Regungen, Worthülsen und Emotionen können den Leser leicht verwirren. Schaut Roger Willemsen mitten in die Menschen hinein, öffnet er deren Herzen, Seelen und Körper? Findet er dann alles, was er sucht?

 

Vielleicht gefällt sich Roger Willemsen darin, möglichst schwer verständliche Sätze zu generieren. Leider gelingt es ihm dadurch, Unbehagen auszulösen. Ich habe lange gebraucht, um den Essay fertig zu lesen. Alle paar Seiten fragte ich mich, ob dieser oder jener Dialog tatsächlich stattgefunden haben könnte oder ob der Autor nur illustrieren will, was den „Knacks“ sichtbar macht? Metakommunikation, das Schwafeln über sinnloses Zeug und richtiggehende Wortkalauer wechseln sich ab. Fein, dass es die wunderbaren Kapitel gibt. Wenn Willemsen auf sich selbst bespiegelnde Satzmonstren verzichtet, wird einem vielleicht sogar bewusst, wie wichtig dieser Essay ist. Wichtig im Sinne der Weitläufigkeit, Weisheit, Erkenntnismöglichkeit. Im Alter verläuft der Knacks anders. Die Vergangenheit nimmt plötzlich überhand, die Zukunft weist auf den Tod. Doch muss es so sein? Ohne eine Wertung abzuliefern scheint mir, als wolle Willemsen eine Gegenrichtung andeuten. Der Knacks, die unsichtbaren Linien zahlreicher Verluste brauchen sich nicht über das Leben des Menschen zu legen, als gäbe es keine Gegenwart. Das Leben hat keine Zukunft und keine Vergangenheit, es ist immer Gegenwart. Auch der Knacks wird in der Gegenwart sichtbar, breitet sich dann aber natürlich in die Zukunft aus und wird zu seiner eigenen Vergangenheit.

 

Es gibt keine kontinuierliche Lebenslinie, sondern das ewige Um und Auf des Scheiterns und der unwiederbringlich verlorenen Augenblicke. Ist das schlecht, wenn der Knacks regiert? Oder ist es nicht doch eine für das Leben notwendige Komponente, ohne die pure Langeweile regieren würde?