Selbstkritik

 

Im Laufe dieses Jahres habe ich an mehreren größeren literarischen Projekten gearbeitet. Drei wurden abgebrochen bzw. nicht finalisiert. Immerhin zwei Projekte sind über die Ziellinie gelaufen. Vielleicht ein guter Schnitt, vielleicht auch nicht. Max Frisch soll das Manuskript des „Stiller“ in den Mistkübel geschmissen haben, weil er damit äußerst unzufrieden war. Seine damalige Lebensgefährtin hat das Manuskript „gerettet“. Nun gut, hätte er es in tausende Stücke zerrissen oder verbrannt wäre es definitiv verloren gewesen. Ein kleiner Hoffnungsstrahl, dass der Roman doch nicht so mies ist, war also mit Sicherheit im Bewusstsein des Autors aus der Schweiz.

 

Jeder Autor mag sich die Frage stellen, welche Qualität seine Texte haben. Die Gründe, warum ich Projekte abbreche, haben nicht immer mit Qualitätskriterien zu tun. Natürlich geht es letzten Endes aber um die Qualität. Denn wenn ein Projekt zu Ende gebracht wurde, setzt die Selbstkritik verschärft ein: Erfüllt dieser Text die großartigen Erwartungen, die ich in ihn gesetzt habe? Jeder Text – selbst wenn er objektiv betrachtet außerordentlich gut ist – könnte noch besser sein. Nach oben hin gibt es keine Grenzen. Somit habe ich mir angewöhnt, meine Texte selbst zu bewerten. Ich versuche, meinen Texten gegenüber nicht noch kritischer zu sein als Texten fremder AutorInnen gegenüber, was mir nicht immer gelingt. Im Mistkübel ist bislang noch kein Text gelandet. Nicht, weil kein Text so großartig schlecht wäre, sondern weil ich den Überblick behalten will. Das grandiose Scheitern, hanebüchene Kapitel eines Romans, eindimensionale Satzungetüme, lieblose Gedichte, alles schon passiert und halb so schlimm.

 

AutorInnen sind nach außen hin als Menschen sichtbar, die Literatur schaffen. Manche Texte erblicken das Licht der Öffentlichkeit und die AutorInnen werden an diesen gemessen. Vielleicht sind es aber gerade die aus Sicht der AutorInnen gescheiterten, hanebüchenen, eindimensionalen, lieblos dahingekritzelten Texte, die das Zeug zu höheren literarischen Weihen hätten? Andererseits ist die Qualität veröffentlichter Texte oft so bescheiden, dass ich an der kritischen Haltung der Verlagsverantwortlichen zweifle. Bereits weithin bekannte und „erfolgreiche“ AutorInnen sind dazu auserkoren, sich selbst an der Hand zu nehmen und nicht aus der Sicherheit heraus, dass ihre Texte ohnehin zu für sie guten finanziellen Konditionen veröffentlicht werden, die Selbstkritik völlig außen vor zu lassen. Die kritische Einstellung den eigenen Texten gegenüber darf nie verloren gehen. Selbstverliebte Intellektuelle erzählen gerne davon, wie intellektuell sie wären, und selbstverliebte AutorInnen interpretieren die Großartigkeit ihrer Romane in großem Stil. Gegen Selbstverliebtheit ist ja nichts einzuwenden. Wenn diese allerdings dazu führt, dass das eigene Leben und Schaffen als das non plus ultra angesehen wird, nun ja…

 

Zurück zum Start. Ich schätze mal, dass vielleicht 20 % der Texte, die ich im Laufe meines Autorenlebens geschrieben habe, gewisse Qualitätskriterien erfüllen. Und zwar von jenen, die fertig geschrieben wurden. Wenn ich die unzähligen Sätze, die während einer literarischen Schaffensphase niedergeschrieben und gestrichen werden, abziehe, kann von 20 % freilich nicht mehr die Rede sein. Am Ende geht es aber darum, sich selbst in den Spiegel schauen zu können. Und ich freue mich über jeden von mir geschriebenen Text, den ich als halbwegs gelungen einstufe. Ob dies wirklich zutrifft, mögen meine LeserInnen beurteilen, insofern diese Texte veröffentlicht wurden.