Mainstream

 

Denglisch ist längst eine „besonders beliebte“ Sprache. Und zwar nicht nur in „Managerkreisen“. Da lassen sich viele Witze darüber erzählen, was ich aber nicht vorhabe. Stattdessen geht es mir um ein einziges Wort, das in Mode gekommen ist, und nicht zuletzt in der Literatur Bedeutung erlangt hat. Es handelt sich um den sogenannten Mainstream. Damit ist allgemein der kulturelle Geschmack einer großen Mehrheit gemeint. In der Pop-Kultur gilt Mainstream als Abgrenzung zum Independent, wobei wir bei einem weiteren englischen Begriff wären. Nun ja, und die Chance auf literarischen Erfolg erhöht sich eklatant, insofern damit der Mainstream getroffen wird.

 

Ich beschäftige mich schon länger mit dem Phänomen Mainstream. In Hinblick auf literarische Werke geht es darum, ein möglichst großes Publikum mit unterhaltsamen und nicht zu anspruchsvollen Texten zu beglücken. Selbstreflexion, Nadelstiche in die dunklen Seiten der Menschen und der Gesellschaft sind nur mehrheitsfähig, wenn entweder sensationelle Dinge beschrieben oder mit Versatzstücken aus Fantasy, Historie und Horror gespielt wird. Das muss freilich noch nicht heißen, dass eine gute Umsetzung eines an den Mainstream angepassten literarischen Werkes augenblicklich zu Ruhm und Ehre des Autors gereicht und sich die Verlage um das Manuskript balgen. Aber die Chancen sind allemal relativ gut.

 

Der Mainstream bildet immer auch die Befindlichkeit einer Gesellschaft ab. Nicht zum ersten Mal kommt mir da in den Sinn, dass Kafka, Dostojewski oder Hesse heutzutage als Literaten abgemeldet wären. Innere Zerrissenheiten eines Helden müssen – wenn schon geschildert – Aspekte hervorbringen, die über ein persönliches Unglück hinausgehen. Die Darstellung der gesellschaftlichen Realität gewinnt durch Überzeichnung, Satire, Tabubruch. Es mag eine gute Methode geben, als Autor Erfolg „anzuziehen“. Nämlich immer wieder zu studieren, welche Methoden jene Autorinnen und Autoren anwenden, die schon Erfolg hatten oder gerade haben. Und hierbei ergibt sich wieder: Jene, die den Mainstream bedienen. Wobei der Mainstream freilich sehr schnell in eine andere Richtung ausscheren kann. Es gilt also, die richtigen Parameter zur richtigen Zeit umzusetzen. Ich habe den lauten Verdacht, dass das nicht wenige – insbesondere „erfolgreiche“ – Autorinnen und Autoren tun.

 

Irgendwann habe ich irgendwo gelesen, dass ein literarisches Meisterwerk gar nicht übergangen werden kann. Früher oder später wird sich der Autor über den verdienten Erfolg freuen. Aber ist das wirklich so? Thomas Bernhard schrieb einmal von unzähligen Genies, die in Wien zugrunde gehen. Es mag zutreffen, dass es in Wien ungewöhnlich viele Genies sind, aber es lässt sich sicher ohne weiters auf die gesamte literarische Welt übertragen. Eine enorme Anzahl großartiger Werke wird millionenfach von Verlagen abgelehnt, und mit dem Hinweis, dass sich das Manuskript „ökonomisch nicht verwerten ließe“, an die Autorinnen und Autoren zurück geschickt. Klar, der Mainstream muss bedient werden, alles klar?

 

Auf der anderen Seite gibt es den Begriff Independent, der nicht ganz so bekannt ist wie der – eh schon wissen. Wiederum ein englisches Wort für die Tatsache, dass es nicht darum geht, den kulturellen Geschmack einer großen Mehrheit zu bedienen, sondern Menschen anzusprechen, die aus einem Roman, einer Geschichte, einem Krimi mehr herauslesen wollen als geistig leicht verdauliches. Auf Filme übertragen handelt es sich um jene Geschichten, die stets nach Mitternacht ausgestrahlt werden. Ausnahmen sind freilich die Kultursender ARTE und 3SAT. Wer will schon Bücher lesen, die eine intellektuelle Herausforderung darstellen? Nun ja, Menschen, die kein Interesse daran haben, immer nur mit den Wölfen zu heulen, wenn es gilt, ein Schaf einzukreisen.

 

Mein eigenes Schreiben richtet sich an Leserinnen und Leser, die nicht darauf aus sind, mit dem ewig Gleichen abgespeist zu werden. Somit war es durchaus eine gute Idee, mein allererstes Werk (lyrische Prosa) „Die Ewiggleichen“ zu nennen. Warum immer nur Magerkost, wenn das Leben zwischen Buchdeckeln viel mehr abbilden kann? Ich bin bemüht, mein Schreiben dahingehend zu entwickeln, dass dieses Leben immer lebendiger und spannender wird. Und zwar nicht, um den Mainstream zu erreichen, sondern immer zutreffender ein Teil jener Kultur zu sein, die zum Mainstream werden könnte, wenn die Menschen bereit wären, sich für sie zu öffnen. Dafür lasse ich mich gerne auf das Abenteuer Schreiben ein.