Kafka heute

 

Darüber nachgedacht habe ich schon oft, aber erst kürzlich wurde ich wieder daran erinnert: „Kafka würde heute nicht veröffentlicht werden.“ Ein Satz, den der Erfolgsregisseur Dieter Wedel anlässlich einer Diskussion aussprach. Diesem Satz ging ein kleines Gespräch über die Quote voraus.

 

Was aber hat die Einschaltquote mit Kafka zu tun? Das lässt sich gar nicht so schwer herleiten. Eine hohe Quote erzielt nur „massentaugliches“, und „massentauglich“ waren die Romane und Erzählungen von Franz Kafka nie, wollten es auch nie sein. Kafka wollte schreiben. Er war ein Getriebener, ein lebendiges Buch. Er hat es nie darauf angelegt, veröffentlicht zu werden. Sein Freund Max Brod hat ihn mit Verlegern in Kontakt gebracht, und Kafka erlebte einige Veröffentlichungen. Es geht nicht allein darum, dass Franz Kafka einfach nur schreiben wollte, und mit dem Geschaffenen oft schwer ins Gericht ging. Kafka wäre heutzutage auf dem Literaturmarkt ein „Nischenprodukt“.

 

Nicht selten bekam ich von Verlagen zu hören, dass sich ein Buch auch verkaufen muss. Und dazu muss es mehr oder weniger dem „Mainstream“ dienen. Jedes Jahr wird der Markt mit unzähligen neuen Büchern überschwemmt, doch nur die wenigsten davon haben das Zeug, hohe Verkaufszahlen zu erzielen. Das hängt zum Einen vom Marketing ab, zum Anderen von Mundpropaganda. Vom Autor hängt es nicht ab. Denn der Autor wird gemacht.

 

Franz Kafka wäre heutzutage nicht zum Autor gemacht worden. Er hätte sich nicht von irgendwelchen Verlagen über den Tisch ziehen oder mit Knebelverträgen binden lassen. Nie und nimmer wäre er bereit gewesen, monatelange Lesereisen auf sich zu nehmen. Ganz zu schweigen davon, dass ihm Talkshows ein Gräuel wären, und er nicht mal in „Treffpunkt Kultur“ fünf Minuten lang harmlose Fragen hätte beantworten wollen.

 

Wenn Dieter Wedel sagt, dass Franz Kafka heute nicht veröffentlicht werden würde, dann meint er damit die großen Verlagshäuser, also jene, die – im übertragenen Sinne – hohe „Quoten“ erzielen. Kleine, aber feine Verlage wären mit Sicherheit an seinen Werken interessiert. Ein Autor seines Ranges würde auch heute nicht unbemerkt bleiben. Traurig ist jedoch, dass tatsächlich ganz andere Autoren die großen Erfolge abstauben. Klar, es gibt auch Thomas Pynchon und Patrick Süskind, die einige Anknüpfungspunkte mit Kafka haben. Aber hätte es Kafka heutzutage so weit bringen können? Hätte er ein Drehbuch geschrieben? Wäre er bereit, als ewiger „Geheimfavorit“ auf den Literaturnobelpreis zu gelten?

 

Franz Kafka würde auch heute veröffentlicht werden, wenn er einen Freund hätte, der ihn unterstützt. Ohne Protektion ist es nicht vorstellbar, dass dieser wunderbare Autor von seinem Schreiben leben könnte. Wahrscheinlich würde er das auch gar nicht wollen…

 

Würde, könnte, hätte, wäre… Zeichen von Spekulation. Was ich damit jedoch zum Ausdruck bringen will: Autoren, die nicht bereit sind, den „Mainstream“ zu bedienen, haben es auch heute schwer. Ob sie es wollen oder nicht. Kafka wäre es wohl einerlei… Er wollte auch heute nur schreiben, und hinausschreien: „Ich bin Literatur!“