Herzens-Projekt

  

Im Sommer des Jahres 2006 reifte in meinem Kopf die Idee, Erzählungen zu schreiben, welche Figuren aus dem großen Kafka-Universum in den Blickpunkt stellen. Als langjähriger Freund und Bewunderer der Romane und Erzählungen von Franz Kafka wollte ich einerseits Kafka selbst, andererseits seinen Figuren die Referenz erweisen. Mir war von Anfang an bewusst, dass ich weder den Schreibstil von Franz Kafka zu kopieren versuchen (das geht ohnehin nicht) noch die Figuren in ganz ähnlichem Kontext wie in der Vorlage schildern würde.

Das Ziel bestand darin, den Lebenslinien dieser Figuren neue Komponente zuzuordnen, welche in der Jetzt-Zeit von Bedeutung sein könnten.

 

Ich las viele Erzählungen von Franz Kafka nochmals, und nach einigem Überlegen entschied ich, an welchen Figuren ich mich erproben wollte. Die wichtigste Figur ist zweifellos Blumfeld. Bei Kafka ist er irgendein Büroleiter, der von zwei hüpfenden Bällen um den Verstand gebracht wird. Heutzutage wäre es leicht möglich, dass eine Figur wie Blumfeld wegrationalisiert wird, und also – bildlich gesprochen – auf der Straße landet. Der ehemals langjährige mittlere Angestellte Blumfeld kommt mit Fortdauer seiner Erwerbsarbeitslosigkeit mit seinem Leben immer weniger klar. Von Tag zu Tag wird sein Leben hoffnungsloser, und er ist es selbst, der sich immer mehr in den Wahnsinn hinein katapultiert.

 

Bei all der Melancholie, Lieblosigkeit der Umwelt, und einer erbarmungslosen Arbeitswelt keimt doch ein Stückchen Tendenz zu innerer Befreiung bei einigen Figuren auf. Auch Blumfeld hat zwischendurch schöne Momente, wo er schon fast daran glaubt, dass er sein Leben wieder in eine andere Richtung führen kann. Wer immer nur die äußeren Umstände, die Lebenssituation reflektiert, und die eigenen Wünsche, Ideen, inneren Erfahrungen ignoriert, der kann letztlich nur scheitern. Das Scheitern ist also vorprogrammiert.

 

Kurze Sequenzen lasse ich durchaus als komische Elemente durchgehen. Auch Kafka hat gerne gelacht und geblödelt. Insgesamt sind meine Erzählungen jedoch Darstellungen der Realität von Menschen, die gesellschaftlich betrachtet als Verlierer zählen. Viele Romane und Filme handeln von solchen Verlieren, die aber irgendwann irgendwie doch zu „Siegern“ werden. Das kann bei Kafka und auch bei mir nicht der Fall sein. Es gibt Menschen, die nie aus ihrem Käfig ausbrechen können, und an den eigenen Umständen, welche sie sich machen, zerschellen. Einigen dieser vom Schicksal gebeutelten Menschen habe ich mich mit meinen Erzählungen angenommen.

 

Es gibt keinerlei Berührungspunkt zur Literatur Kafkas, was aber nichts daran ändert, dass seine Figuren im Blickpunkt stehen. Ich habe mir damit ein Herzens-Projekt erfüllt, weil mir Kafka als Autor vielleicht näher steht als alle anderen Autoren, deren Werk ich näher kennen gelernt habe. Nie würde ich mich mit seinem Genie messen, das wäre mehr als überzogen. Doch ich war bereit, mich auf seine Figuren einzulassen, und vielleicht ist mir dies ja recht gut gelungen. Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist „Der Kaltsteher“, die auf der Erzählung „Der Kübelreiter“ basiert. Hier gibt es sicherlich die größten Parallelen, was die Thematik und die Ausführung der Geschichten betrifft. Ein Mensch leidet an der Kälte des Winters, und möchte sich Heizmaterial besorgen…

 

Das Buch wurde von der Verlegerin Ruth Reuter liebevoll gestaltet, und zeigt als Cover einen Ausschnitt aus dem Wiener Prater, einem meiner persönlichen Lieblingsplätze, wo natürlich die Eine oder die Andere Figur ebenso gerne unterwegs ist. Ich freue mich sehr über diese Veröffentlichung.