Der arme Poet

 

 

Es ist mir nicht daran gelegen, das Bild von Carl Spitzweg zu interpretieren oder auf bestimmte Eigenheiten hinzuweisen. Vielmehr ist es der grundsätzliche Gedanke, der dahintersteckt, welcher mich schon längere Zeit beschäftigt. Die Vorstellung, ein Schriftsteller könne alles Weltliche beiseite schieben, um seine Kunst voll und ganz entfalten zu können, vermochte nicht einmal Franz Kafka umzusetzen. Kafka fühlte sich von der Arbeitswelt bedroht, sah im fast täglichen Dasein im Büro einen schweren Einschnitt in sein Leben. Er stellte sich vor, ganz allein in irgendeinem Gewölbe an seinen literarischen Werken zu arbeiten, und nur zu bestimmten Zeiten mit Essen und Trinken versorgt zu sein. Doch wäre er in der Lage gewesen, dies auch umzusetzen, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte?

 

Das literarische Schreiben kann nicht das Leben bestimmen, sondern das Leben kann den Menschen zum literarischen Schreiben inspirieren. Wer die Schriftstellerei als Berufung erkannt hat, und diese fördern will, kann aber nicht umhin, diesen Schritt vor sich selbst bewusst zu machen. In anderem Zusammenhang habe ich schon oft die Aussage gehört: „Ich kann nicht anders!“ Also, es lässt sich schlicht und einfach nicht ändern, dass dieses und jenes so und nicht anders gemacht sein will.

 

Die wenigsten Autorinnen und Autoren können von ihrer literarischen Tätigkeit gut leben oder ihre Existenzgrundlage bestreiten. Die meisten Autorinnen und Autoren sind darauf angewiesen, irgendetwas zu finden, mit dem sie jene finanzielle Grundlage bestreiten, auf der ein Leben ohne große Not ausgestaltet sein mag. Da das Schreiben bei den Berufenen immer eine Rolle spielt, gilt es, diese andere Tätigkeit so zu wählen, dass sie dem Schreiben kein Ende setze. Ausnahme mag sein, insofern diese andere Tätigkeit eine besondere Herausforderung darstellt, durch die inneres Wachstum möglich und also eine Weiterentwicklung möglich ist.

Das literarische Schreiben ist einem Prozess unterworfen, der zum Stillstand gerät, wenn die vorgeschobene Tätigkeit des Broterwerbs das Szenario bestimmt, und dem Leben eine spezifische Richtung gibt. Also, lieber armer Poet sein als erfolgreich in einem Job, der keine Arbeit an sich (siehe Reinhard P. Gruber, „Nie wieder Arbeit“) bedeutet?

 

In Zeiten wachsender Erwerbsarbeitslosigkeit, die sich immer weiter verstärken wird, wenn nicht das System der Arbeitsgesellschaft radikal umorganisiert wird, gilt es, die inneren Kräfte zu bündeln und die eigenen Talente zu forcieren. „Der arme Poet“ (jetzt kommt doch noch eine Interpretation, obzwar ich dies vermeiden wollte) kann  den Glauben an innere Stärke oder die Erkenntnis, dem „Spiel der Kräfte“ nicht gewachsen zu sein, symbolisieren. Vielleicht sogar beides. Tatsache ist, dass ich einer von vielen Autorinnen und Autoren bin, die nicht anders können, und also an der Weiterentwicklung ihres literarischen Schreibens arbeiten. Diese innere Freiheit ist das Wesentliche.