Prager Autorenfestival 2008

 

Unglaublich, dass es schon wieder ein Jahr her ist, als ich meinem Lieblingsautor Paul Auster beim Autorenfestival in Prag begegnete. Er stellte seinen Film „The inner life of Martin Frost“ vor, beteiligte sich an einer Diskussion mit dem Schwerpunkt 1968 und hielt eine Lesung aus seinem Roman „Man in the Dark“.

 

An meinem vorletzten Tag in Prag hatte ich das Glück, in unmittelbarer Nähe von Paul Auster und seiner Frau Siri zu sitzen. Und ich konnte Paul dabei beobachten, wie er ein rotes Notizbuch nahm, und sich etwas notierte.

 

Ich bin damals noch nicht auf die Idee gekommen, mal ein Werk von ihm im Original zu lesen. Doch das Schicksal meinte es gut mit mir und wenige Monate nach dem Festival führte ein Englisch-Kurs, der von einem ausgezeichneten Trainer gehalten wurde, dazu, dass ich das Wagnis auf mich nahm, „The new york Trilogy“ im Original zu lesen. Ich hatte schon ein wenig Vorerfahrung, weil ich „The old man and the sea“ und „Benjamin Button“ im Original gelesen hatte. Nun also dieses fantastische Werk von Paul Auster.

 

Durch die verstärkte Konzentration las ich die drei Erzählungen im Original viel langsamer und mit mehr Aufmerksamkeit als ein in die deutsche Sprache übersetztes Buch. Somit sog ich die Wörter buchstäblich in mich ein, und es dauerte mehrere Wochen, um die drei Geschichten zu bewältigen. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, alles verstanden zu haben. Doch es ist nicht übertrieben, von einem Verständnis zu schreiben, das bei etwa 70 % liegt. Die anderen 30 % habe ich mir irgendwie zusammengereimt bzw. davon profitiert, dass ich die Erzählungen schon mehrmals auf Deutsch gelesen hatte.

 

Als ich an das Ende der „New York Trilogy“ im Original gelangt war, fühlte ich so etwas wie Stolz. Nicht nur darauf, dass es mir gelungen war, dieses Buch fertig zu lesen. Mehr noch, weil ich eines meiner absoluten Lieblingsbücher im Original gelesen hatte, und die Begeisterung keine Grenzen kannte. Die Qualität der Sprache von Paul Auster können freilich die englische Sprache beherrschende Literaturkenner weit besser beurteilen als ich. Dennoch habe ich mehr als nur eine Ahnung dieser Qualität gefühlt.

 

Die Begegnung mit Paul Auster wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es hatte etwas von Magie an sich, insbesondere auch, weil ich mich spontan entschied, Paul nicht anzusprechen, obzwar ich durchaus mit ihm in Kontakt hätte treten können. Diesen Mann zu beobachten, zu sehen, wie er sich darstellt oder eben nicht darstellt, weil er einen sehr zurückhaltenden, bescheidenen Eindruck vermittelte, war für mich mehr als genug. Ein sehr bedeutungsvoller Wunsch war in Erfüllung gegangen, und wer weiß, ob es je zu einer zweiten Begegnung kommen wird…

 

© Milena Findeis