Zum 85. Todestag von Franz Kafka

 

 

Ich kannte ihn – vor dem Kriege – als einen langen, magern, braunen Menschen, dunkel, sehr schweigsam, sehr schüchtern und zurückhaltend.

Im Gegensatz zu Brod, der mir nicht recht gefiel und mir in Prag und Berlin eine große Enttäuschung war, liebte ich Kafka – ohne eine Zeile von ihm zu kennen.

Er wollte nie etwas veröffentlichen – Brod musste ihm alles einzeln aus der Schublade ziehen.

                                                                      

                                                                                 

(Kurt Tucholsky, 20. Juni 1924)

 

Was Hartmut Binder im Laufe einer langjährigen – ja jahrzehntelangen – akribischen Auseinandersetzung mit Franz Kafka zusammentrug kann und soll zu Recht als Monumentalwerk bezeichnet werden. Es ist weit mehr als eine bloße biographische Datensammlung über den Autor, die mit Bildmaterial angereichert ist. Tatsächlich existieren mehrere Bildbände, durch die das Leben von Franz Kafka halbwegs verdeutlicht werden mag.

Jedoch ist es das einmalige Verdienst von Hartmut Binder, direkte Verbindungen von Fotos zu Texten geknüpft zu haben, durch die das Leben von Franz Kafka wie durch eine Lupe vergrößert gesehen werden kann. Der Prager Autor definierte sich selbst vorwiegend über seine zahlreichen Texte, welche im Laufe seines relativ kurzen Lebens entstanden sind. Hierbei fällt auf, dass er weit mehr Briefe geschrieben hat als eigentliche literarische Werke. Hinzu kommen noch seine Tagebücher, die der Nachwelt glücklicherweise überliefert werden konnten.

 

Die Frage ist aber, wie es grundsätzlich möglich ist, hunderte von Fotos spezifischen Textstellen aus dem Fundus von Franz Kafka zuordnen zu können? Der Rezensent glaubt, dass es kaum einen anderen Autor gab, gibt und geben wird, der dermaßen genau seine Lebenswelt beschrieb, und jedes noch so unscheinbare Detail in Betracht zog. Kafka ging nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt, betrachtete nicht die Pflastersteine der Prager Altstadt, sondern zog oft stundenlang die Gassen entlang, und erkundete die Gebäude, Läden, Menschen, Skulpturen, Sehenswürdigkeiten, Kirchen, Synagogen. Sein wachsamer Blick blieb auf Gemälden hängen, und wenn es sein musste, auch stundenlang. Damit bildet Kafka einen erstaunlichen Kontrapunkt zu Dostojewski, der einer seiner vier Lieblingsautoren war, und dessen Die Brüder Karamasoff  ihm seine Geliebte Felice eines Tage zu feierlichem Anlass schenkte. Dostojewskis literarischer Nachlass besticht durch die Darstellung von fein ausgearbeiteter Innenwelt. Wahrscheinlich vermochte es kein anderer Autor, die psychischen Zustände der Menschen so kompakt und tiefgründig zu beschreiben. Kafka hatte eine reichhaltige Innenwelt, wovon seine außerordentlichen literarischen Arbeiten zeugen. Seine drei Romane, und die Erzählungen verzichten jedoch darauf, psychische Zustände darzustellen. Vielmehr sind es die genauen Lebensabläufe, die äußerlichen Ereignisse, die genauen Beobachtungen der Szenarien und Menschen, welche sein Werk prägen. Nur in seinen Tagebüchern, und auch in vielen Briefen werden die Abgründe deutlich, in denen sich Kafka aufhielt. Möglicherweise war es gerade dieser Kontrapunkt zu Dostojewski – fein beschriebene Innenwelten im Vergleich zu detailverliebten Außenwelten -, der ihn zu Dostojewskis Schaffen hinzog.

 

Es wäre falsch, die vorliegende Lebenschronik in Bildern als „Sekundärliteratur“ zu bezeichnen. Mir ist nichts Lebendigeres, Kraftvolleres bekannt, das sich auf Franz Kafka beziehen lässt. Der Autor spricht den Betrachter und Leser mit seinen Schilderungen und Erkenntnissen an, und die dazugehörigen Fotos vermögen die Lebenswelt von Franz Kafka dermaßen zu verdeutlichen, dass es eine Freude für Auge und Herz ist. Die Tiefgründigkeit und imposante Weitschichtigkeit des Autors ist stets präsent, und ständig kann es dem Leser passieren, dass er neue Erkenntnisse erlangt, die ihm bis dato unbekannt waren.

 

Angesichts eines solcherart pompösen Werkes mag es unmöglich sein, die richtigen Worte für eine Besprechung zu finden, welche dem Buch auch nur halbwegs gerecht wird. Jedoch möchte ich die Leserschaft auf zwei Aspekte hinweisen, die allein schon diese erstaunliche Lebenschronik zu einem außerordentlichen Gewinn machen. Es sind einerseits die ursächlich mit den Entstehungsprozessen der einzelnen Romane und Erzählungen zusammenhängenden Einzelheiten, und andererseits die Familienverhältnisse der Kafkas, die in einem zuvor vielleicht nie so konkret beschienenen Licht reflektieren.

 

Vergessen Sie Nabokov und seine absurde „Interpretation“ der Verwandlung. Hartmut Binder weist nach, dass Kafka in der Verwandlung die räumlichen Verhältnisse in einer Wohnung der Familie Kafka (Haus zum Schiff) haargenau wiedergab. Keinerlei Spekulation trübt hier den Blick, sondern eine Skizze spricht für sich!

 

Und wussten Sie, dass die drei Schwestern von Kafka in der Schule sehr schlechte Leistungen erbrachten, und Lichtjahre entfernt von den Qualifikationen ihres Bruders waren? Franz Kafka hatte nie daran geglaubt, je die höhere Schule oder das Studium zu überstehen. Es ging sich für ihn – insbesondere im Studium – gerade so aus, dem verhassten Lernen einen Erfolg abzutrotzen. Seine Zeugnisse fielen nie außerordentlich positiv auf. Dennoch bestand ein eklatanter Unterschied, was die schulischen Leistungen von Kafka gegenüber seinen Schwestern betraf. Franz besuchte von vornherein Schulen mit höheren Anforderungen, während seine Schwestern kaum gefordert wurden, und dessen ungeachtet das Lernziel manchmal nicht erreichten.

 

Ich möchte zum Schluss kurz auf das Zitat zu schreiben kommen, das dieser versuchten Besprechung eines Monumentalwerkes vorangestellt ist. Kurt Tucholsky sah Kafka vielleicht nur einmal in seinem Leben, und der schweigsame Autor vermittelte ihm einen unvergesslichen Eindruck. Es gibt Menschen, die unmöglich vergessen werden können; egal wie viel Zeit seit der Begegnung vergangen sein mag. Franz Kafka war nicht nur ein großartiger Autor und fleißiger Tagebuch- und Briefschreiber; er war gleichermaßen ein bescheidener, empathischer Mensch, der sein Schreiben in keinster Weise als besonders gut definierte, und der nur wenigen Erzählungen zugestand, einer Öffentlichkeit zugemutet werden zu können. Die Lebenschronik in Bildern ist somit nicht „nur“ die Darstellung des Lebens eines Autors, sondern zudem eine Zurechtrückung eines Menschen, dessen Persönlichkeit noch lange nicht ausreichend beleuchtet worden ist. Hartmut Binder gelingt es, mit diesem Werk Kafka ein gehöriges Stückchen näher zu kommen, und dafür gebührt ihm höchstes Lob. Ob es überhaupt möglich ist, noch weitgehender das allzu Menschliche von Franz Kafka zu belegen und in einen Kontext zu seinem reichhaltigen Leben zu setzen, kann nur die Zukunft weisen…