Der Autor Jürgen Heimlich –
und wie er die Welt sieht
Es begann mit Schnitzler
Im Herbst des Jahres 2006 las ich zufällig davon, dass Arthur Schnitzler auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben ist. Ich entschied instinktiv, dieses Grab aufzusuchen. An einem windigen Tag war es mir nicht vergönnt, das Grab zu finden. Wie ich einige Tage später bemerkte, lag das daran, dass ich das Naheliegende nicht bedacht hatte. Das Grab ist keineswegs irgendwo versteckt, und schwer zu finden, ganz im Gegenteil…
Der Wiener Zentralfriedhof hat mich schon lange in seinen Bann gezogen. Es mag für manchen Zeitgenossen ungewöhnlich sein, dass es Menschen gibt, die eine Vorliebe für Friedhöfe haben, aber in meinem Fall ist dieses Interesse sozusagen „historisch gewachsen“. Jedenfalls kannte ich schon einige Routen, die ich häufig durchschritt. Zum ersten Tor des Zentralfriedhofes hatte ich mich jedoch bis zu diesem Tag im Herbst des Jahres 2006 noch nie zuvor begeben. Und dann fand ich also das Grab von Arthur Schnitzler, und erkundete danach den altjüdischen Friedhof, der zum Großteil stark verwildert ist.
Es dauerte einige Monate, bis in mir die Idee auftauchte, einen Zentralfriedhofs-Führer zu entwerfen, der den Lesern ermöglicht, diesen zweitgrößten Friedhof Europas auf individuelle Weise zu entdecken. Ich machte mich daran, neue Routen zu überlegen, welche von meinen altbekannten abweichen. Und siehe da: Nach einigen Tagen waren fünf Routen zusammengestellt, die nunmehr den Kernteil des Zentralfriedhofs-Führers ausmachen. Ich beschritt diese Routen selbstverständlich in jener Weise, wie ich sie dem geschätzten Leser darstelle. Wer diese Vorschläge durchliest, mag eine Vorstellung davon bekommen, inwiefern eine Route bevorzugt wird oder auch nicht.
Ich ergänzte meine Routen-Vorschläge mit kleinen Erlebnissen und Erfahrungen meinerseits, was spezielle Abteilungen innerhalb des Friedhofs betrifft (bpsw. den Babyfriedhof, den Park der Ruhe und Kraft und die russisch-orthodoxe Abteilung), erzählte von der Besonderheit von Allerheiligen und Allerseelen, und fügte einen Serviceteil hinzu. Dann hatte ich mein Vorhaben umgesetzt, und einen Zentralfriedhofs-Führer geschrieben, der Touristen und interessierte Einheimische mit einem Zentralfriedhof konfrontiert, wie er gewöhnlicherweise in der Fachliteratur nicht geschildert wird.
Wiederum einige Monate später wurde mein Zentralfriedhofs-Führer als sogenanntes mobilebook veröffentlicht. Ein mobilebook ist ein Buch, das auf einem Mobiltelefon gelesen werden kann. In Japan ist diese Form der Vermittlung von Literatur bereits ziemlich erfolgreich, in Europa und somit auch in Österreich eher unbekannt. Doch das Lesen von Büchern auf dem Mobiltelefon bietet die Möglichkeit, mal einen völlig anderen Lesegenuß zu erleben. Es freut mich also sehr, dass der bislang einzige Verlag, welcher mobilebooks entwickelt und vertreibt, meinen Zentralfriedhofs-Führer veröffentlichte.
Schließlich sollte es – erraten – nochmals einige Monate dauern, bis mein Zentralfriedhofs-Führer zunächst als E-book und dann endlich als print-book beim Publikationsnetzwerk Tredition veröffentlicht wurde. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden, das auf das Lesen eines Artikels zurückzuführen ist, der unter anderem das Grab von Arthur Schnitzler zum Inhalt hatte…
Hinter den Kulissen von Sebastian
Mitte der 1990´er Jahre setzte ich mich mitten im Sommer insbesondere mit meiner Kindheit auseinander und es entstand die halbautobiographische Erzählung „Nennt mich Sebastian, den Erwachten“. Ja, es verhält sich tatsächlich so, dass sich Realität und Fiktion in etwa die Waage halten. Im Jahre 2000 lernte ich die Zeitschrift Federwelt und dessen Gründer Titus Müller kennen. Titus gründete damals auch einen E-book-Verlag, und noch im selben Jahr wurde „Nennt mich Sebastian, den Erwachten“ als E-book veröffentlicht.
Titus und ich schickten uns gegenseitig das Manuskript zu, bis es fertig lektoriert war. Durch das Lektorat gewann es zweifellos deutlich an Qualität. Falls Sie von Titus Müller noch nie etwas gehört haben sollten (was ich nur schwer glauben mag), dann sei darauf hingewiesen, dass er mittlerweile zu einem erfolgreichen Autor des Genres historischer Roman avanciert ist.
Im Rahmen zweier Autoren-Seminare, an denen ich in den Jahren 2000 und 2001 teilnahm, lernte ich schließlich Titus auch persönlich kennen und schätzen.
Eine junge Dame las beide Heftromane und war davon begeistert. Sie sagte mir, dass sie auf weitere Geschichten über Sebastian neugierig wäre. Gesagt, getan: Ich trat an Torsten Rybka heran, und er fand diese Idee gut. Also machte ich mich daran, eine völlig andere Erzählung zu schreiben. Ist „Nennt mich Sebastian, den Erwachten“ in der ersten Person geschrieben, so verhält es sich bei „Sebastian im Reich der Zwänge“ so, dass diese Geschichte in der dritten Person erzählt wird. Ein Freund von Sebastian erzählt über ihn und dessen zum Teil ausufernde Zwänge. Im November 2004 erschien „Sebastian im Reich der Zwänge“ als Heftroman.
Die zwei Leben des Sebastian
Diametrale Erzählungen
Engelsdorfer, 2006, 124 Seiten, EUR 9,60
ISBN-10: 393940439X
ISBN-13: 978-3939404392
Erhältlich bei:
Damit aber noch nicht genug. Weitere zwei Jahre später erschienen beide Erzählungen in einem Band, und zwar im Engelsdorfer Verlag. Damit muss die langwierige Geschichte über den eigenwilligen Sebastian aber noch nicht an ein Ende gelangt sein. Erweiterungen sind nicht ausgeschlossen, und wer vermag zu ahnen, was mir Sebastian noch alles einflüstern wird…