Di

01

Mai

2012

3 Jahre www.literaturexperte.com oder das Archiv

Kaum zu glauben, aber meine Website hat jetzt auch schon drei Jahre auf den Buckel. Und es ist an der Zeit, über die Dynamik von Websites zu philosophieren. Von Anfang an war es mir wichtig, meine Website userfreundlich zu gestalten. Die wesentlichen Informationen sollten schnell angesteuert werden können, Neuigkeiten im Vordergrund stehen. Einige Male habe ich kleine Adaptionen vorgenommen, im Sinne eines dynamischen Prozesses entwickelt sich eine Website von Tag zu Tag weiter.

 

Eine Website vereinigt in sich – je nachdem – mehr oder weniger Daten. Diese Daten können anwachsen oder sich auch reduzieren, je nachdem, was der Webmaster vorhat. Eine Website kann einen sehr persönlichen Anstrich haben oder die Sachebene des „Schöpfers“ kultivieren. Wie auch immer, früher oder später mag das Eine oder Andere nicht mehr den Zahn der Zeit darstellen, und jetzt kommt das Archiv ins Spiel. Blogs sind im Zeitalter des weltweiten Netzes nicht mehr wegzudenken, Menschen betreiben aus den unterschiedlichsten Gründen Blogs und schreiben dort hinein, was auch immer für sie wichtig oder unwichtig genug ist, um einem Publikum präsentiert zu werden. Manche Blogger haben für großes Aufsehen gesorgt, und in manchen Fällen eine konstruktive Richtung – wohin auch immer – vorgegeben. Andererseits kann im Rahmen eines Blog allerlei Schwachsinn verzapft werden, die Bandbreite des menschlichen Vorstellungsvermögens ist immens.

 

Nun also das Archiv. Ich blogge seit 2004, meine zwei alten Blogsites sind noch nicht stillgelegt (Blogspot, myblog) und mein nunmehriges Blog ist Bestandteil meiner Website. Knapp 350 Blogeinträge sind im Laufe der Jahre entstanden, das ist ein Schnitt von etwas weniger als einem Blogeintrag pro Woche. Klingt gar nicht mal viel, aber ich war auch immer bemüht, nur Dinge zu bloggen, die für mich tatsächlich von Relevanz sind. 2011 habe ich sogar kurzfristig überlegt, eine Auswahl von Blogeinträgen als „Abgesang auf die Nullerjahre“ in welcher Form auch immer zu veröffentlichen. Nun gut, es muss ja nicht alles gleich an die große Glocke gehängt werden und so ein Blog lebt ohnehin vom guten Willen des Verfassers. Tatsächlich bin ich zur Auffassung gelangt, dass ein Blog nicht in alle Ewigkeit geschrieben werden muss. Alles geht irgendwann zu Ende, nichts hält ewig und auch wenn ich Jahr für Jahr so weiter machen könnte, habe ich beschlossen, aus dem Notizblog ein Notizblog-Archiv zu machen. Damit ist angezeigt, dass der Blog als abgeschlossen gilt, und User nach Belieben in den Einträgen herumstöbern können, wenn ihnen danach ist. Weitere Einträge werden nicht folgen.

 

Im Sinne der Dynamik meiner Website wird sich immer wieder etwas tun. Dieser Blog, der nunmehr den Status eines Archivs einnimmt, hat mit dem Eintrag zu „Alle sieben Wellen“ jede Menge Klicks generiert, und damit ist eindrucksvoll bewiesen, welches der zahlreichen Bücher und Themen, die ich vorgestellt habe, den ersten Rang einnimmt. Das ist nicht mehr zu toppen, zumindest gehe ich nicht davon aus. Und so ziehe ich mich also als Blogschreiber zurück, verstärke dadurch vielleicht sogar meine Präsenz als Literaturexperte.

 

Wie schrieb Andy Lettau so schön und den „Nagel auf den Kopf“ treffend:

Jürgen hat eine starke Affinität zu Fernseh-Krimis, Friedhöfen, Theologie und Fußball. Und natürlich zur Literatur, die er mit einem "Experte" und einem .com dahinter augenzwinkernd auf seiner Homepage zur Herzensangelegenheit erklärt. Ihm geht es nicht darum, Literatur in Massen zu verschlingen und sie bildungsbürgergleich stolz ins Regal zu stellen, sondern sie zu verinnerlichen.

 

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich könnte immer und ewig im Rahmen eines Blogs neue Bücher und neue mit der Literatur in Verbindung stehende Themen besprechen, aber das verinnerlichen von Literatur sollte die Hauptsache sein.

 

So mag das Notizblog-Archiv ein hoffentlich interessantes und in einigen Fällen sogar lustiges Nachschlagewerk sein!

 

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Fr

27

Apr

2012

Bücher zum Mehrfachgebrauch

Es gibt Menschen, die gerne in Bibliotheken gehen. Ich habe lieber meine eigene kleine Bibliothek. Ein Buch nur ausborgen, das geht für mich nicht. Schließlich kann ein Buch auch zwei, drei oder zehn Mal gelesen werden. Nun ja, es gibt das Gegenargument, sich ein Buch dann halt mehrfach auszuborgen, aber das ist nicht unbedingt meine Vorstellung, einem Lieblingsbuch zu begegnen. Ein Buch, das kein zweites Mal gelesen werden will, hat entweder einen Makel oder beschäftigt sich mit einer Thematik, die nur schwer zu ertragen ist.

 

Glücklicherweise gibt es zahlreiche Buchhandlungen, die Bücher zum Erwerb anbieten. Bibliotheken sind zur Recherche ausgezeichnet, doch als Verleih von Büchern, die das Herz erwärmen, nur bedingt geeignet. Ich gewähre nunmehr einen kleinen Einblick in meine Bibliothek in Hinsicht auf Bücher, die ich mehrfach gelesen habe und die mich als Leser geprägt haben.

 

Bei den Kinderbüchern hat es „Der kleine Nick und seine Bande“ auf mindestens 14 erfolgreiche Lesungen meinerseits gebracht. Schon beim ersten Mal war ich entzückt von den lustigen Bengels, die viel Quatsch im Kopf haben und dennoch eine Eigenschaft ihr eigen nennen, die in heutigen Zeiten immer mehr verloren geht: Solidarität. Nick, Chlodwig, der dicke Otto, Adalbert, und viele mehr; Kinder, die eine Freude daran haben, Kinder zu sein. Da ist keine Spur von kleinen Erwachsenen zu sehen, denen das Kind-Sein ausgetrieben werden soll, damit auch ja der „richtige Weg“ eingeschlagen wird. Sempe und Goscinny haben mit dem kleinen Nick und seinen zahlreichen Abenteuern einen Meilenstein in der Literatur für Kinder gesetzt.

 

Die Qualze und die sieben Brüder“ muss ich etwa sieben Mal gelesen haben. Ein Abenteuerroman für Kinder, der einen besonderen Zauber ausstrahlt. Sieben Brüder machen sich auf, den Kampf gegen die Qualze, ein mysteriöses Wesen, zu suchen. Die Qualze ist eine dicke, selbstverliebte Hexe, die nach Lust und Laune ihre Widersacher verzaubern kann. So werden auch die sieben Brüder nach und nach verwandelt. Aber am Ende gibt es eine große Überraschung, die an dieser Stelle freilich nicht verraten wird. Wobei Abenteuerroman wahrscheinlich nur ein Aspekt der Geschichte ist, denn es gibt das Element des Märchens, das kleine und auch größere Kinder in den Bann ziehen kann. Dieses Buch hat mich bezaubert, weil es eine eigene Welt zeigt, in der täglich Wunder passieren und niemand davor gefeit ist, in eine andere Existenzform verwandelt zu werden. Helga Weymar hat ein Stück unverwechselbare Literatur geschaffen.

 

Die Grenze von Kinderbuch zum Buch für „Erwachsene“ mag „Der kleine Prinz“ darstellen. Dieses äußerst bekannte Buch verzaubert die kleinen und die größeren Leser seit vielen, vielen Jahren. Die in dieser Geschichte versammelten Lebensweisheiten sind mittlerweile schon legendär. „Der kleine Prinz“ ist eine Hymne an die Liebe, an das Leben, und es gibt eine Botschaft: Jeder Mensch ist dazu aufgerufen, nach den versteckten Schätzen zu suchen, die tief in ihm verborgen liegen. Wie oft ich diese Geschichte gelesen habe? Ziemlich oft, aber die Geschichte ist es wert, immer wieder mal gelesen zu werden. Ebenso wie „Der kleine Nick“ und „Die Qualze und die sieben Brüder“.

 

Bei Romanen für „Erwachsene“ oder – ich sage mal ganz großspurig – Büchern für reife Leser habe ich mich ebenfalls für drei entschieden, die ich empfehlen kann und welche meine kleine Bibliothek zieren.

Die „New york Trilogie“ von Paul Auster habe ich bislang vier Mal gelesen. Ein Buch, bestehend aus drei Erzählungen, die dem Zufall Tribut zollen. Unglaubliche Geschichten, die sich aber genauso abgespielt haben könnten. Insbesondere die dritte, welche von einem Autor namens Fanshawe handelt, der großartige Romane in seiner Schublade hortet, und seinem Freund, der die Erfolge feiert, die Fanshawe gebühren, ist von einer epochalen Kraft. Da geht es nicht um Plagiate, um irgendwelche sinnentleerten Abschreibübungen, um sich das Reflektieren über welches Thema auch immer zu ersparen, sondern um die Frage, wo die Grenzlinie der Freundschaft verläuft. Die „New york Trilogie“ übt einen Sog aus, dem ich mich von Anfang an nicht entziehen konnte und wollte. Das Ergebnis ist, dass Paul Auster seit vielen Jahren einer meiner absoluten Lieblingsautoren ist, und daran wird sich im Laufe meines Lebens auch nichts mehr ändern. Ein Höhepunkt meines Lebens als Leser war, als ich 2008 Paul Auster anlässlich des Prager Autorenfestivals persönlich begegnen durfte. Ich habe kein Wort mit ihm gesprochen, weil jedes belanglose Wort eines zuviel gewesen wäre. Vielleicht ergibt sich ja mal die Möglichkeit eines mehrstündigen Gesprächs, einer gemeinsamen Erkundung von New York. Das Leben bietet so oft Überraschungen und Zufälle, wie sie auch in den Romanen von Paul Auster passieren, ausgeschlossen ist also von vornherein gar nichts.

 

Gerade mal drei Mal gelesen habe ich „Der Steppenwolf“. Irgendwann habe ich es dann nochmals probiert, jedoch noch vor dem Ende des Romans dessen Buchdeckel für immer geschlossen. Als junger Mann hat mich „Der Steppenwolf“ unglaublich inspiriert und für das Gefühl innerer Aufgewühltheit gesorgt. Ein Mann, der beschließt, sich an seinem 50. Geburtstag das Leben zu nehmen, ein Mann, der weiß, was er will, der aber letztlich sich selbst begegnet und daran nicht zerbricht. Kein anderer Roman von Hermann Hesse kann so verstören und neue Lebensenergien im Leser wecken. Die innere Wahrheit des Menschen ist nicht selten verschüttet und wenn dann plötzlich der Finger in die Wunde gelegt wird…

 

Zwei Mal, ja, zwei Mal „nur“ habe ich „Schuld und Sühne“ von Dostojewski gelesen. Paul Austers „New York Trilogie“ las ich übrigens auch im Original, „Der Steppenwolf“ wurde ja auf Deutsch geschrieben. Weil ich des russischen nicht mächtig bin, konnte und wollte ich bei „Schuld und Sühne“ ausschließlich auf die deutsche Übersetzung zurückgreifen. Wobei ich zwei verschiedene Übersetzungen las. Die zweite ist jene relativ neue von Swetlana Geier, die viele Jahre ihres Lebens damit zugebracht hat, die fünf Hauptwerke von Dostojewski ins Deutsche zu übersetzen. Und wie es ihr gelungen ist! Im Falle von „Verbrechen und Strafe“ hat sie einen anderen Fokus gesetzt. Die Geschichte wird heutiger, verdeutlicht die innere Selbstzerstörung von Raskolnikow noch intensiver als die andere Übersetzung. Dieses Werk von Dostojewski gibt einen dermaßen intensiven Einblick in das Seelenleben des Doppelmörders Raskolnikow, das dem Leser nur die Spucke wegbleiben kann. Raskolnikow ist schließlich bereit, für sein Verbrechen bestraft zu werden und begibt sich freiwillig ins Straflager nach Sibirien. Wahrscheinlich ist „Schuld und Sühne“ oder „Verbrechen und Strafe“ das persönlichste Werk von Dostojewski. Seine eigenen Erfahrungen in Sibirien hat er auch anderweitig („Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“) beschrieben, doch das Gefühl des Mitleids, das dieses literarische Genie im Fortgang seines Lebens immer stärker geprägt hat, drückt sich in der Figur Raskolnikow am stärksten aus. Dieser feige Doppelmörder hat womöglich gar kein Mitleid verdient und doch kann er dem Leser ans Herz wachsen, wenn er sich nicht gegen die Verwandlung des Misanthropen Raskolnikow in einen gutherzigen Menschen sträubt.

 

Meine kleine Bibliothek ist ein Teil von mir. Sie beinhaltet viele Bücher, die mein Leben bereichert haben, und es ist ein gutes Gefühl, auf ein interessantes Buch immer wieder zurückgreifen zu können. Ein Buch wird immer eine andere Wirkung entfalten können, je nachdem, wann und in welchem Gemütszustand man es liest. Oh ja, dieser kleine Eintrag soll auch ein Plädoyer dafür sein, mit Büchern sorgsam umzugehen und sie zu hegen und zu pflegen.

 

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Mo

16

Apr

2012

Bücher als Wertanlage

Gemeinhin werden Bücher als Handelsware bezeichnet. Wie jede andere Ware auch haben sie ihren Preis und es gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Für Menschen, die eine enge Beziehung zu Büchern pflegen ist die Herabstufung des Buches zur Handelsware oder überhaupt zum „Konsumgut“ nur schwer nachzuvollziehen. Ich zähle auch zu diesen Menschen, doch der zivilisierte Mensch wird schon früh zum Konsumenten erzogen, und so gilt es auch, sich Bücher einzuverleiben. Der Preis eines Buches erscheint oft willkürlich oder merkwürdig. So manches kostet keine fünf Euro und erfüllt hohe qualitative Ansprüche, für manches andere muss der Käufer 30 Euro hinlegen, und ist dann von literarischer Anspruchslosigkeit entsetzt.

 

Preise für Bücher müssen festgesetzt werden. Das beginnt bei einem Cent und endet in astronomischen Höhen. Aber nein, in manchen Fällen werden Bücher verschenkt, die jedoch auch mal einen Preis hatten oder immer noch haben. Wie auch immer: Wenn einen Schritt weiter gegangen wird, können Bibliotheken als Wertanlage gesehen werden. Unter 500 oder 20.000 Büchern werden schon welche dabei sein, die einen guten Preis erzielen. Doch welcher Bücherfreund trennt sich gerne von Büchern? Gerade jene, die ihm am meisten wert sind, wird er – zu welchem Preis auch immer – nicht abgeben wollen. Subjektiv als wertlos empfundene Bücher wiederum taugen höchstens als Geschenke für Menschen, die nur bedingt als Freunde zu bezeichnen sind. Oder sie werden wo auch immer verschachert.

 

Bücher als Wertanlage sind also ein zweischneidiges Schwert für Bücherfreunde. Nur wer Bücher ausschließlich als Ware betrachtet, kann damit Geschäfte machen. In Zeiten, wo Großverlage eine Unmenge literarisch ungenügende „Ware“ produziert, verkommen – leider - Bücher immer mehr zu Dutzendware. Umso erfreulicher ist es, wenn es noch Verlage gibt, die diesem Trend nicht folgen und Büchern die Bedeutung zurückgeben, welche diese in Zeiten von überbordendem Konsumismus weitgehend verloren haben. Doch nochmals zurück zum Preis: Wie kann es sein, dass großartige Bücher einerseits teilweise nahezu verschenkt werden, und andererseits Preise erzielen, dass dem potenziellen Leser Hören und Sehen (und Lesen) vergehen? Das hängt wohl mit dem Durchschnittszyklus eines Buches zu tun. Gerade erst am Markt etabliert es sich oder nicht, erzielt dann gute oder schlechte Verkäufe, um früher oder später den „Markt gesättigt zu haben“. Und wenn dann ein ehemals gut verkauftes Buch für einen Cent verramscht wird, kann es damit zu tun haben, dass es keinen „Wert“ mehr besitzt, weil es ohnehin zu viele Exemplare davon gibt. Erweist sich ein Buch als antiquarische Seltenheit kann es hohe Preise erzielen, selbst wenn es ehemals möglicherweise gar nicht so hohe Verkaufszahlen erzielen konnte. Irgendwie verrückt, aber so ist es nun mal.

 

Für mich sind Bücher eine Wertanlage. Jedoch nicht in dem Sinne, dass ich auf sie zurückgreifen kann, wenn es gilt, mir einen Traum zu erfüllen, der viel Geldeinsatz erfordert, sondern dahingehend, dass sie mich als Mensch mehr oder weniger geprägt haben. Bücher können den Menschen nicht verändern, aber prägen, davon bin ich überzeugt. Und die Sichtweise auf die Welt kann im besten Fall weitläufiger werden, da spielt es keine Rolle, ob diese Bücher gar nichts, einen Cent oder 199 Euro gekostet haben.

 

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So

01

Apr

2012

Passion

In diesen Tagen über die Passion nachzudenken, darüber, welche Leiden Jesus ertrug, bis er sein Werk vollendete, sollte nicht nur räumlich auf die Kirchen beschränkt sein, sondern ist überall und immer möglich. Zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern diente und dient die Passion als Inspirationsquelle. Das Magische daran ist die Gleichzeitigkeit ins Spiel zu bringen, sich die Passion als Ereignis vorzustellen, das jetzt passiert. Es ist nicht einfach, diesem großen Thema gerecht zu werden. Und es gibt keine bessere Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass Jesus ein Jude war. Die geschwisterliche Beziehung der beiden Weltreligionen leidet darunter, wenn fundamentalistische Tendenzen die beidseitigen hohen Werte in den Dreck ziehen.

 

Allerlei selbsternannte Moralapostel haben sich furchtbar aufgeregt, als die Verfilmung von Nikos Katzantzakis Roman Die letzte Versuchung in den Kinos anlief. Das Buch schafft es auf wunderbare Weise, die angesprochene Gleichzeitigkeit umzusetzen. Grund der Entrüstung seitens des Films sind die letzten Minuten, wo Jesus von einem jungen Mädchen, das sich als sein Schutzengel entpuppt, vor dem Tod am Kreuz gerettet wird, und schließlich sein Leben als Gottes Sohn hinter sich lässt. Er gründet eine Familie, zeugt mehrere Kinder und hat insgesamt drei Ehefrauen. Allerdings entpuppt sich das alles als Traum, also tatsächlich als „letzte Versuchung“, der er widersteht, weil er sein Martyrium vollenden will. Der Sturm der Entrüstung war allein schon aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine Traumsequenz handelt, unangebracht und extrem überzogen. Zudem ist die Leidensgeschichte Jesu die Passion eines Menschen, der seinen letzten Weg geht, weil er davon überzeugt ist, damit die ganze Menschheit zu erlösen. Den Menschen, das einzige Wesen auf Gottes Erden, das dazu in der Lage ist, die grausamsten Verbrechen zu begehen, und dies oft auch noch „intellektuell“ zu begründen sucht. Kein anderes Wesen bedarf der Erlösung mehr als der Mensch, es geht also nicht um Anthropozentrismus, sondern haargenau um das Gegenteil.

 

Ostern auch als das Fest zu sehen, das jeden Menschen mit sich selbst versöhnen kann, geht genau in die Richtung, die Katzantzakis vorschwebte. Jeder Mensch ist dazu aufgerufen, die Wahrheit in sich zu suchen, und wenn das noch so beschwerlich ist. Den eigenen Weg zu gehen, und Jesus dabei nie aus dem Blickpunkt zu verlieren ist die höchste Aufgabe des Christen. Wer sich mit sich selbst versöhnt, der wird auch begreifen, dass Judentum und Christentum einander nicht Feind sein können, sondern einander ergänzen. Wir können Kämpfe in uns ausfechten, aber nie auf Kosten Unschuldiger. Der Jude Jesus hat den Menschen den Weg gezeigt, der sie sich selbst und Gott näher bringt. Dafür hat er großes Leid auf sich genommen. Die Passionsgeschichte des neuen Testaments ist eine Lektüre für alle Menschen, welche sich der Wahrheit stellen wollen, die in ihnen liegt. Jesus begegnet jedem Einzelnen auf ganz besondere Weise. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, und die Passionsgeschichte (wieder) zu lesen ist allemal eine sehr gute Wahl.

 

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Sa

24

Mär

2012

Roger Willemsen und "Wetten...dass?"

Vor langer, langer Zeit kam ich mal mit Roger Willemsen ins Gespräch. Er stellte eines seiner erstaunlichen Werke vor, ohne auch nur einen Satz vorzulesen. Nach Willemsens Erzählungen gab es die Möglichkeit, zu speisen und zu trinken. Ich nahm die Möglichkeit beim Schopf, und sprach den Autor an. Das Gespräch dauerte nicht länger als vielleicht fünf oder sieben Minuten, weil schnell andere begeisterte Leser Schlange standen, einige nur, um ein Autogramm zu erbeten. Angesichts von „Willemsens Woche“, einem Talk-Format, das ich einst mit Vergnügen gesehen hatte und sich in jeder Nuance von üblichen Talk-Formaten unterschied, befragte ich Roger Willemsen nach seinem Eindruck „Wetten…dass?“ betreffend. Er attestierte Thomas Gottschalk sehr gute Qualitäten als Moderator, befand aber auch, dass dessen Show im Laufe der Jahre nicht mehr viel mit der Grundidee zu tun habe. Zu viel Musik, zu viel Entertainment. Die Wetten stünden fast schon im Hintergrund. In früheren Zeiten habe er die Sendung durchaus geschätzt. Diese früheren Zeiten mochten die 1980er, möglicherweise auch noch die 1990´er – Jahre gewesen sein. Denn die schnell vorüber gezogenen Nullerjahre boten auch in punkto „Wetten…dass?“ weitgehend Magerkost.

 

Als Seher der ersten Stunde, der ich dieser Show allein schon aus „sentimentalen Gründen“ die Treue hielt, ergibt sich nunmehr die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Denn ein mäßiges Sendungskonzept UND ein mäßiger Moderator sind selbst für einen sentimentalen Menschen wie mich zuviel des Schlechten. Irgendwann ist der Ofen aus, und so folge ich also Roger Willemsen mit einigen Jahren Verspätung nach, was die Nichtbeachtung dieser einst großartigen Show betrifft. Schade, aber alles hat seine Zeit, und nach dem Abgang von Thomas Gottschalk ist diese Zeit offensichtlich abgelaufen. Denn ob Gottschalk es sich nochmals antut, und in ein, zwei Jahren wieder auf die große Bühne zurückkehrt, ist zu bezweifeln.

 

Roger Willemsen sehe ich immer wieder gerne. Der Dampfplauderer vermag es, mit ungewöhnlichen Perspektiven jedes ihm abgeverlangtes Interview zu veredeln. Einige Minuten Gespräch mit ihm haben mich davon überzeugt, dass der Eindruck, den er vermittelt, absolut stimmig ist. Er ist authentisch, äußerst empathisch und ein Autor, der immer etwas Neues zu erzählen hat. Drei Aspekte, die ihn sehr sympathisch machen.

 

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Mo

12

Mär

2012

Es war einmal ein Verlag

Mir sind bisher nur sehr wenige Verlage untergekommen, wo ich davon überzeugt war, dass die Verleger ihre Projekte mit Herzblut umgesetzt haben. Meistens geht es nur um Kommerz, darum Verkaufserfolge zu erzielen, immer öfter gilt es, mit Provokation zu punkten. Dabei gibt es so viele Autorinnen und Autoren, die tatsächlich etwas zu sagen haben und sich nicht in Elfen, Zauberer, Hexen, Vampire oder Schreihälse verwandeln wollen, weil es der Buchmarkt so „fordert“.

 

Glückliche Umstände haben es ermöglicht, dass ich in direktem Kontakt zu einer VERLEGERIN gekommen bin, welche mit mir in Zusammenhang zu meiner ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichte kooperiert hat. Michaela Stadelmann hat ihr Herzblut in die Projekte ihrs Verlages gesteckt. Der Wunderwaldverlag hat wunderbare Bücher herausgebracht, und die Serie Lit.Limbus ist in der deutschsprachigen Verlagslandschaft eine einzigartige Idee, die ausgezeichnet umgesetzt worden ist. Kurzum: Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich in zwei Anthologien des Verlags vertreten bin und zudem meine Weihnachtsgeschichte im Rahmen der Serie Lit.Limbus veröffentlicht wurde. Danke für die Zusammenarbeit, Frau Stadelmann!

 

Frau Stadelmann war buchstäblich alleinverantwortlich für ihren Verlag, und hat innerhalb kürzester Zeit Wunder bewirkt. Bücher, die durch ein ausgezeichnetes Lektorat gegangen sind, wie ich es vorher kaum für möglich gehalten hätte. Heftromane, deren literarische Qualitäten weitaus höher zu bewerten sind als viele sogenannte „Bestseller“, die durch extremes Marketing und/oder „bekannte“ Namen kommerziellen Erfolg erzielen. Zu diesen großartigen Ergebnissen kann ich Michaela Stadelmann nur aus vollem Herzen gratulieren.

 

Wie aber der Titel dieser Episode („Es war einmal ein Verlag“) schon nahelegt, hat sich Frau Stadelmann entschlossen, ihren Verlag zu schließen. Wieder einmal also muss ein Verlag die Pforten schließen, der für Furore hätte sorgen können! Oh nein, er hat ja für Furore gesorgt, doch wussten davon – leider – nur Insider. Der Wunderwaldverlag ist aber gar nicht gescheitert, er hat nur etwas zu transportieren versucht, was heutzutage fast schon verpönt ist: Nämlich Leser/innen literarische Texte nahezubringen, die nicht auf ein Zielpublikum hingeschrieben sind, sondern durch Originalität überzeugen.

 

Im Rahmen der Lagerräumung sind derzeit zahlreiche Werke zu günstigen Preisen zu haben. Wer also Interesse an ungewöhnlichen Büchern hat, der wird dort sicher fündig!

 

Bleibt mir nur noch, mich auf einige Bücher des (Ex)-Verlags zu freuen, die mir schöne Lesestunden bescheren werden.

 

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Di

28

Feb

2012

Bücher, Bücher, E-books...

Langsam wird auch der deutschsprachige Raum von einem Phänomen mehr als nur gestreift. Das sogenannte E-book ist ein typisches Erzeugnis des Zeitalters des weltweiten Netzes. Vor zwanzig Jahren hätte kein Hahn danach gekräht, was aber auch kein Wunder ist, denn das Internet war da noch in den Kinderschuhen. Das E-book hat den Vorteil, dass es der Leser problemlos in die Tasche stecken kann, nur eben nicht unbedingt nur ein einziges davon, sondern gern auch hundert oder tausend. So mancher Zeitgenosse in U-Bahn oder Straßenbahn nutzt die Möglichkeit, E-books auf irgendwelchen Readern zu lesen, ganz ungeniert.

 

Sind E-books der Weisheit letzter Schluss, läuten sie das Ende des klassischen Buches ein, oder ist überhaupt alles Humbug, weil eh bald die Welt untergeht? Nun ja, E-books sind eine gute Ergänzung zu den Büchern, wie wir sie seit Jahrhunderten kennen. Ich muss gestehen, nur marginal auf E-books zuzugreifen. Denn ich mag es, in Büchern zu blättern, manchmal nach Lust und Laune umzublättern, vorzugreifen oder innezuhalten. Meine kleine, feine Bibliothek wird von E-books nie übertroffen werden können. Und was in 100, 1000 oder 10.000 Jahren sein wird? Schau ma mal, ob da der Mensch überhaupt noch Lust oder zumindest Interesse verspürt, mittels welchen Mediums auch immer zu lesen. E-books sind der Anfang einer Revolution, die noch lange nicht ausgestanden ist. Die totale Technisierung der Welt schreitet voran, auch wenn der Großteil der Menschheit nichts davon hat und die Schöpfung ansonsten sowieso durch die Finger schaut. Ein E-book hat kein Alter, es kann auf und abgedreht werden, wenn dies der Leser will und die Verbindung nicht gestört ist. Ein Buch, also das Ding mit Deckeln und Blättern aus Papier dazwischen, hat ein Lebensalter, es wurde irgendwann gedruckt, und es ist spannend, in einem „alten“, sprich antiquarischen Buch zu schmökern.

 

Gibt es irgendetwas, das für das E-book spricht? Ja, natürlich, die Tatsache, dass es eine andere Form des Lesens ermöglicht, eine, die bei einem Umzug des Lesers in ein anderes Häuschen oder eine andere Wohnung nicht unzählige mit Büchern prall gefüllte Kartons in Bewegung bringt, und somit für viel Schweiß sorgt. Auch ich bin vom Virus des E-books infiziert, ich gebe es ja zu. Einige meiner Werke sind als E-book erhältlich, auch wenn sie noch nicht weggehen wie die warmen Semmeln. Sie sind Teil einer Bibliothek, die nur digital existiert. Angeblich oder vielleicht sind digitale Spuren nie auszulöschen, möglicherweise werden meine E-books also sogar länger leben als die viel älteren klassischen Bücher, die in allerlei Bibliotheken, auf allerlei Nachtkästchen und überhaupt an allen möglichen Plätzen anzutreffen sind.

 

Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch und davon ist nicht mal das E-book ausgenommen, auch wenn der Leser es nicht mit klassischen Eselsohren verunstalten kann. Ach ja, und E-book gefällt mir besser als „elektronisches Buch“, auch wenn ich ansonsten Verfechter deutschsprachiger Begriffe bin.

 

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Mo

13

Feb

2012

Arthur Schnitzler

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Mi

18

Jan

2012

Das Buch der Bücher

Es soll Menschen geben, welche die Bibel – und zwar das alte und das neue Testament – fortlaufend gelesen haben. Ein Unterfangen, das sehr viel Konzentration und Ausdauer voraussetzt. Ich habe mich bislang fast ausschließlich mit dem neuen Testament beschäftigt. Dies ist für sich betrachtet keine einfache Aufgabe. Die Konzentration auf einzelne Abschnitte konfrontieren jeden Leser mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Das neue Testament kann niemanden kalt lassen, der sich näher damit auseinandersetzt.  

Ich werde an dieser Stelle keine „Neuinterpretation“ der Bibel liefern. Es existiert soviel Sekundärliteratur über die Bibel, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, daraus einen gemeinsamen Nenner abzuleiten. Was mich seit einigen Jahren besonders interessiert ist die Kanonisierung, und somit auch die Frage, warum diese und jene Texte Einzug in die Bibel gefunden haben und andere nicht. Da die Evangelien das Herzstück des neuen Testaments sind, ist es äußerst spannend, die Hintergründe der Auswahl verstehen zu wollen. Es fand also eine Kanonisierung statt, und die bekannten vier Evangelien fanden Einzug in das neue Testament. Das am spätesten verfasste ist das Johannes-Evangelium. Darauf gründen sich viele Ansichten der christlichen Kirchen, insbesondere der katholischen. Ja, es scheint sogar so zu sein, dass dieses Evangelium so etwas wie der „Weisheit letzter Schluss“ ist. Kurios hierbei ist, dass das Johannes-Evangelium auf den anderen Evangelien beruht und also genau genommen eine Interpretation von Interpretationen ist. Ich kann diesem Evangelium nichts abgewinnen. Es gibt zahlreiche Bücher darüber, warum das Johannes-Evangelium anderen Evangelien vorgezogen worden ist. Wie wahrscheinlich nicht anders zu erwarten ging es um die Macht der Kirche. Die Gläubigen wurden damit an die Leine genommen und in eine bestimmte Richtung gezogen. Wie fatal es ist, eine bestimmte Richtung vorzugeben, beweist die weitgehend immer noch im Altertum steckende katholische Kirche. Gott sei Dank gibt es eine Reihe von Initiativen und Proponenten der Kirche, an denen die Gegenwart nicht spurlos vorübergeht. Das Festhalten an überalterten „Prinzipien“ stößt bei vielen Gläubigen auf Unverständnis. Das Johannes-Evangelium ist an der Misere nicht ganz unschuldig. Dieses „altertümliche Märchen“ sollte eigentlich keinen ernsthaft Gläubigen vom Ofen hervor locken. Unsinnigkeiten wie die „biologische Jungfräulichkeit“ von Maria wollen besonders hartgesottene Vertreter der Kirchen daraus herauslesen. Ja, es gibt ein paar nette Details, die das Johannes-Evangelium verschönern, um es mal so auszudrücken. Aber diese wenigen Details, auf die ich bewusst nicht eingehen will, ergeben noch keinen „Leitfaden“, an den sich der Gläubige orientieren kann.

Wer das Thomas-Evangelium kennt, der kennt somit den Unterschied zum Johannes-Evangelium. Insbesondere die Gegenüberstellung dieser beiden Evangelien hat mich in Beschlag genommen. Die Person Jesu nicht bloß „abheben“ zu lassen, sondern ihr jene Bodenhaftigkeit zu verleihen, durch die Jesus tatsächlich als Mitmensch erfahrbar wird, ist das große Verdienst des Thomas-Evangeliums. Die Beschränkung auf göttliche Aspekte, wobei hie und da die mitmenschliche Komponente gerade mal mitschwingt, ist das „Verdienst“ des Johannes-Evangeliums. Womit kann der Mensch mehr anfangen? Ich schreibe mal klipp und klar mit dem Thomas-Evangelium. Denn die Erkenntnis, Jesus eine göttliche Komponente zuzuordnen, ist undenkbar ohne das Verständnis für den „Menschensohn“, um es mal so auszudrücken. Leider hat sich das Johannes-Evangelium in das neue Testament hineingeschlichen, und spielt etwa an einigen katholischen Feiertagen eine „große Rolle“. Ja, dieser Johannes konnte womöglich gut schreiben, hatte sicher auch Ahnung von den anderen Evangelien. Aber das ändert nichts daran, dass er bloß interpretiert hat, und dies keineswegs so, dass gläubigen Menschen damit gedient ist.

Jeder Leser des alten oder neuen Testaments wird seine eigenen Erfahrungen mit den Texten machen und daraus für sein Leben etwas mitnehmen können. Es bedarf nicht unbedingt einer „Anleitung“, auf das die Texte auch verstanden oder „richtig“ interpretiert werden. Wer sein Herz öffnet, der wird ganz persönlich von einer Geschichte umschmeichelt, die faszinierend ist. Eine Geschichte einer Menschwerdung. Der Spruch: »Mach es wie Gott, werde Mensch!« wird immer wieder mal zitiert. Doch genau darum geht es: Ein Mensch zu werden, der seinen eigenen Weg geht und dabei auf Gott vertraut. Ein Bild von Gott kann sich kein Mensch ernsthaft machen, doch jeder Mensch kann versuchen, dem Ruf zu folgen, der aus seiner Seele strömt. Denn dort berührt Gott jeden Menschen ganz persönlich. Es geht darum, diese Berührung wahrzunehmen. Die Bibel erzählt Geschichten, die genau in diese Richtung gehen. Auch das Thomas-Evangelium. Die apokryphen Evangelien, insbesondere das Thomas-Evangelium, sind allemal als Lektüre zu empfehlen.

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Mi

04

Jan

2012

Es war einmal

Märchen waren für mich der erste Kontakt zur Literatur. Ich habe schon Märchen gekannt, ehe ich überhaupt schreiben oder lesen konnte. Märchen sind in allen Kulturkreisen bekannt. Verwunderlich nur, dass ich in all den Jahren als Autor erst ein einziges Märchen geschrieben habe, aber das kann sich noch ändern. Märchen üben einen Zauber aus, von dem ungebrochen viele Kinder verzückt sind. „Moderne“ Märchen sind gar nicht so einfach zu verfassen. Zumal es nicht nur einfach darum geht, Figuren zu erfinden und sie in eine komplexe, hintergründige Welt mit pädagogischem Einschlag zu integrieren. Die Zustände auf der uns bekannten Welt sind so unverständlich bis beängstigend, dass vielleicht nur das Märchen dazu in der Lage ist, eine beruhigende Wirkung auszuüben. Denn hinter all dem Wahnsinn gibt es eine andere Welt, eine Welt, in der nicht nur Geld regiert und Ungerechtigkeit ein Normalzustand ist.

 

Es war einmal, da hatten Märchen auch die Funktion, von einer Welt zu erzählen, die bis in die heutige Zeit hineinwirken kann. Märchen von heute müssen wohl die Funktion haben, weit in die Zukunft vorauszuschauen. Dystopien haben ihnen fast schon den Rang abgelaufen. Friede, Freude, Eierkuchen und alles wird gut, das klingt tatsächlich wie ein „Märchen“. An eine bessere Welt zu glauben darf keine Utopie sein. Märchen weisen über die kurze Zeitstrecke hinaus, die dem Menschen auf Erden gegeben ist. Er ist dazu in der Lage, zu träumen, zu hoffen, zu glauben, der Welt seinen Stempel aufzudrücken. Sich in einer Welt zurecht finden zu wollen, in der alles darauf hinaus läuft, dass die – ohnehin nie bewährten – Systeme in sich zusammen stürzen, ist für jeden Menschen eine große Aufgabe. Einfach immer nur Teil des „etablierten“ Systems zu sein und darin irgendeine Rolle zu spielen ist zu wenig. Was gibt es nur für schöne Märchen, in denen die ungewöhnlichsten Figuren auftreten: Das tapfere Schneiderlein, der kleine Muck, Zwerg Nase, Dornröschen, Schneewittchen, der tapfere Zinnsoldat, nur um einige in unseren Breitengraden bekannte Märchenfiguren zu nennen.

Ist das Leben nicht selbst ein Märchen, nur dass wir Menschen es nicht mehr richtig wahrnehmen? Wir könnten Helden unseres eigenen Lebens sein, und versuchen, das Bestmögliche zu bewirken, sodass es unseren Mitmenschen warm ums Herz wird oder sie nachzudenken beginnen. Jeder Mensch trägt die Möglichkeit in sich, ein Märchenheld zu sein. Märchen sind für Kinder so faszinierend, weil sie sich mit den positiven Figuren identifizieren. Als Erwachsene werden wir mit einer anderen Realität vertraut. Dort „siegen“ in den seltensten Fällen die Guten, „Gewinner“ sind meist jene, die so perfekt an das System angepasst sind, dass sie je nach Bedarf wie ein Chamäleon die Farbe wechseln können, um mit dem gerade angesagten „System“ zu verschmelzen. Bloß, dass sie das nicht tun, um sich vor etwaigen Feinden zu schützen, sondern um sich selbst in Szene zu setzen und bessere Chancen zu haben, in irgendeiner beruflichen „Karriere“ voran zu kommen, was oft bewirkt, dass sie andere Menschen psychisch und/oder physisch vernichten.

 

Märchen sind Illusion, aber das müssen sie nicht zwangsläufig sein. Der Traum von einer besseren Welt interessiert die Machthabenden und die Gewinner des Systems nicht. Aber wir, die wir an das Gute glauben, können der Welt unseren Stempel aufdrücken, indem wir dem System unsere Individualität entgegen setzen und zu Helden unseres eigenen Lebens werden.

Sicher nicht einfach, doch die Alternative ist die Systemgläubigkeit und also der Glaube an wirtschaftlichen, aber nicht menschlichen Fortschritt. So tauchen wir also ein in unser eigenes Märchen!

 

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Di

20

Dez

2011

Wandlungen

Geht es schon wieder um Kafka? Nun ja, irgendwie schon. Aber hauptsächlich darum, welche Verwandlungen das Leben eines Menschen radikal verändern können. Vom langweiligen Beamten zum Käfer aufgewertet zu werden ist eine Vorstellung, die nicht wirklich Glücksgefühle erzeugt. Der Mensch ist ständig versucht, sein Leben auf den Kopf zu stellen.

 

Kann es sein, dass ein Autor beschließt, kein Autor mehr sein zu wollen? Mehr noch, eine „Karriere“ anzustreben, zum was auch immer zu degenerieren, den Schritt rückwärts zu machen? Ja, ist es möglich, den Schreibkram hinter sich zu lassen und in irgendeinem „bürgerlichen Beruf“ aufzugehen? Kafka hat das nie geschafft, wollte er auch gar nicht. Er ging seiner Berufung als Autor nach, und verdiente sein Brot mit juristischen Spitzfindigkeiten. Javier Marias erzählt in einem seiner zahlreichen Romane von einem Autor, der nach zwei erfolgreich verlegten Büchern das Schreiben sein lässt. Hat das mit der Angst vor dem Ruhm zu tun oder damit, dass dieser Autor bereits die Spitze des Berges erklommen hat und mit dem nächsten Schritt in den Abgrund stürzen würde?

 

Nicht wenige Autoren werden vom eigenen Ruhm überrollt, und schaffen es nicht mehr, auf dem Boden zu bleiben. Andere verzichten darauf, diesen Ruhm überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, arbeiten weiter an der literarischen Entwicklung und ziehen letzte Konsequenzen, wenn sie an frühere Erfolge nicht mehr anknüpfen können. Wer hoch hinaus will, hat einen weiten Weg vor sich. Wer aber recht weit oben ist, schwebt immer in der Gefahr, abzustürzen. Vielleicht nur wenige Meter und mit den Folgen von Schürfwunden. Doch ebenso sind Prellungen, Brüche, schwere Verletzungen mit Todesfolge nicht auszuschließen. Wer sich vor Wandlungen total verschließt, und sich ausschließlich als Autor definiert, ist vor schweren Konsequenzen nicht gefeit. Der Autor ist nicht nur Autor, er ist in erster Linie Mensch. Dass ein Mensch im Beamtengewand zum Käfer degeneriert, und dies als Aufwertung verstanden werden kann, ist von tragikomischer Wucht. Doch ein Autor kann durchaus die Überlegung anstellen, nicht mehr „nur“ Autor sein zu wollen. Dann kann er mit Höhenflügen besser umgehen, und Abstürze besser verkraften. Er wird mit Schürfwunden davonkommen, sich aufrappeln und weitere literarische Projekte nicht ausschließen. Ein Autor sollte der Welt gegenüber offen sein, an sich als Mensch arbeiten, kurzum auch persönliche Verwandlungen zulassen, dann wird er nicht so leicht in Versuchung geraten, den Käfer in sich immer größer werden zu lassen, bis dieser die eigene Persönlichkeit verschluckt. Kafka war und blieb immer Mensch trotz aller Lebenskrisen und Lebensdramen. Sein Käfer stirbt, doch der Mensch erwacht zu neuem Leben.

 

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Do

08

Dez

2011

Feinheiten

Wann immer ich mich mit meinen eigenen literarischen Versuchungen beschäftige, entdecke ich Textpassagen, manchmal sogar ganze Absätze, die ich heute anders oder gar nicht schreiben würde. Aus den Texten geht meine Entwicklung als Autor hervor. Mit dem kritischen Auge des Lesers entdecke ich feinere und gröbere Schwächen, bin hin und weg, warum ich dieses oder jenes nicht in eine andere Form gebracht habe, wo es nunmehr teilweise bereits als Veröffentlichung vorliegt.

 

Wenn es nur um Nuancen ginge wäre die Sache halb so wild. Ich könnte mich zurücklehnen und mit mir selbst um des Kaisers Bart streiten. Doch allzu auffällige Einzelheiten bringen mich dazu, mit mir schwer ins Gericht zu gehen. Ja, es gibt keinen Text, den ich heute genauso schreiben würde wie anno dazumal. Irgendwie logisch, denn die Inspiration ist jeden Tag anders, und warum sollte es heute genau so laufen wie vor drei oder dreizehn Jahren?

Andererseits macht es Spaß, etwaige Unzulänglichkeiten aufzuspüren und daraus zu lernen. Jeder neue literarische Versuch ist die Chance, es besser zu machen.

 

Die beste Adaption eines literarischen Werkes von mir ist die Weihnachtsgeschichte. Vor vielen Jahren geschrieben und unter den schrecklichsten Voraussetzungen veröffentlicht ist sie nach all dem Fein- und Grobschliff nicht mehr wieder zu erkennen. Frau Stadelmann, meine Verlegerin der neuen Version, hat mit mir gemeinsam die Geschichte in eine bemerkenswerte Form gebracht, inklusive einem großen Koffer voll Überraschungselementen. Jeder Geschichte kann ein Zauber inne wohnen und dieser Zauber ist jetzt definitiv existent. Neue Versionen diverser literarischer Versuchungen können also ungeahnte Höhenflüge ermöglichen. Das ist keineswegs selbstverständlich.

 

Es gilt, mir auch als Autor treu zu bleiben, und zu meinen schwächeren literarischen Auswüchsen zu stehen. Der Traum, DAS Meisterwerk guthin zu verfassen, bleibt ohnehin bestehen. Davon bin ich wie nahezu 100 % aller Autoren um Lichtjahre entfernt. An Feinheiten zu arbeiten, gröbere Ecken und Kanten zu vermeiden und die persönliche Entwicklung als Autor und Kritiker eigener und fremder Texte voranzutreiben mag ein Weg sein, um irgendwann in der Zukunft ausrufen zu können: »Ich habe mein Bestes gegeben, und dieser Text hat jene Tiefe, die ich mir sogar selbst zuzugestehen vermag!«

 

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Fr

02

Dez

2011

John Grisham mal ganz anders

In der Vorweihnachtszeit begebe ich mich gerne auf die Suche nach Büchern, die mit Weihnachten zu tun haben. Es sollen keine dickbäuchigen Wälzer sein, welche Gefahr in sich bergen, bis Weihnachten überhaupt nicht fertig gelesen zu werden. Nein, einfach Bücher, deren Wert darin besteht, Weihnachten vielleicht etwas anders darzustellen. Seit Ende 2008 lese ich durch einen exzellenten Englisch-Trainer dazu motiviert relativ regelmäßig Bücher in englischer Originalfassung. Und was fand ich da in der Buchhandlung meiner Wahl? Es ist leicht zu erraten, wo John Grisham und das Cover des Buches Gegenstand dieses Eintrages sind: Skipping Christmas!

 

John Grisham ist für seine Thriller bekannt, die allesamt verfilmt wurden. Er vermag es meisterlich, Spannung aufzubauen. Doch Skipping Christmas ist eine ganz andere Geschichte. Es sprüht darin nur so von Tragikomik, einzigartigen Geschehnissen, aberwitzigen Charakteren. Der Thrillerautor mutiert zum Weihnachtsmann, weil in den Vereinigten Staaten bekanntlicherweise das Christkind zwar auch in der Krippe liegt, als Geschenkebringer jedoch Santa Claus den Vorzug geben muss. Das spielt aber in der Weihnachtsgeschichte von Grisham keine Rolle. Es geht um den Kaufrausch, um die kommerzielle Ausschlachtung des Weihnachtsfestes. Das Ehepaar Krank beschließt, der alljährlichen Weihnachtshektik zu entgehen, und stattdessen Urlaub in der Karibik zu machen. Das Töchterchen ist nicht im Lande, und warum sollte nicht mal anstatt hektischer Tage eine friedvolle Zeit in sonnigeren Gefilden die Weihnachtszeit versüßen?

 

Was Grisham inszeniert, ist der helle Wahnsinn. Denn die Kranks werden von den Nachbarn terrorisiert, weil sie sich dem ungeschriebenen Gesetz widersetzen. Sie geraten von einer unmöglichen Situation in die nächste, ihr Vorsatz, dem Weihnachtstrubel ein Schnippchen zu schlagen erzielt genau die gegenteilige Wirkung. So turbulent nämlich ging es wohl noch nie in der Vorweihnachtszeit für das Ehepaar zu. Und doch setzen sie sich durch und sind kurz davor, in die Karibik zu entfliehen, als sich dann doch das Töchterchen zum Weihnachtsfest ankündigt und auch noch den Freund mitbringen wird. Damit ist für weitere Turbulenzen gesorgt, denn die Kranks wollen innerhalb weniger Tage das nachholen, was sie in den Wochen davor aus persönlichem Entschluss heraus vermeiden wollten. Geschenke, ein Weihnachtsbaum, köstliche Speisen müssen besorgt werden. Nicht zu vergessen der Festschmuck! Kurzum werden die Kranks diese letzten Tage vor Weihnachten wohl nie vergessen und die Leser auch nicht, denn nie zuvor habe ich eine Weihnachtsgeschichte gelesen, die von Anfang bis Schluss von so feinem Humor und skurrilen Situationen durchsetzt war. Absolut empfehlenswert, und unbedingt die englische Originalfassung lesen, da ist für wunderbare Lesestunden gesorgt!

 

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Fr

25

Nov

2011

Otto von Habsburg

 

Der Tod von Otto von Habsburg brachte ein opulentes Begräbnis mit sich. Im Vorfeld mokierten sich manche vermeintliche Anhänger der Demokratie, dass dieses Begräbnis nur unnötig viel Geld koste und alte Zeiten aufkeimen lasse, die längst niemanden mehr interessieren. Tatsächlich habe ich auch in meinem Umfeld merkwürdige Sprüche gehört, welche in diese Richtung abzielten. Beide Argumente sind unsinnig. Das bisserl Geld ist nicht mal die Portokassa für überbezahlte Manager, und wer sagt, dass es schlecht sein muss, mit einer etwas länger zurückliegenden Vergangenheit für einen Moment in Berührung zu kommen?

 

Die Monarchie war nicht nur schlecht, so wie die Demokratie nicht nur gut ist. Das Kaiserreich zeichnete sich durch eine andere Denkungsart der Menschen aus, und die Strategie des Kaisers war durchschaubarer als jene der „führenden“ Politiker heutzutage in Österreich. Es war früher nicht alles besser, aber auf der anderen Seite ist heute auch nicht alles besser.

 

Im Grunde will ich aber auf etwas anderes hinaus. Georg Markus erzählte anlässlich des Todes von Otto von Habsburg eine Anekdote: Und zwar wurde einst Joseph Roth bei Otto von Habsburg vorstellig. Otto von Habsburg wusste, dass Roth dem Alkohol zugeneigt war, und riet dem genialen Autor, vom Alkohol abzulassen. Roth tat wie ihm geheißen, was aber seinen vorzeitigen Tod nur wenige Wochen später nicht verhindern konnte. Es gab also einen Bezug zwischen Otto von Habsburg und Joseph Roth! Ich wurde neugierig, hatte bis dahin überhaupt erst eine einzige Erzählung von Joseph Roth gelesen. Mit Inbrunst las ich in den folgenden Wochen den „Radetzkymarsch“ und die „Kapuzinergruft“. Was für eine Literatur! Von Anfang an wurde ich hineingezogen in die alten Zeiten inklusive des Abgesangs der Monarchie. Nicht nur die Thematik vermochte mich zu faszinieren, fast noch mehr berauschte mich die geschliffene Sprache von Roth. Jeder Satz steht wie ein Berg da, der erklommen werden muss. Es machte einfach Spaß, zwei Meisterwerke zu lesen, die einander wunderbar ergänzen. Die Monarchie nur schlecht zu reden ist ein Unding. Die Demokratie hat den Menschen in gewisser Hinsicht befreit, andererseits ist er in einer kapitalistischen Arbeitsgesellschaft gefangen, und wird zum Konsumenten erzogen. Ist eine Freiheit, die der Psyche nachgewiesenermaßen schadet, so großartig? War der einfache Bürger in Zeiten der Monarchie nur unfrei, und dazu verdammt, den aufgestellten Regeln zu folgen? Und wird nicht auch der heutige Mensch dazu verdammt, Spielregeln einzuhalten, die zumindest ebenso unsinnig sind wie anno dazumal, jedoch aufgrund der Technisierung und totalen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten weitaus katastrophalere Folgen nach sich ziehen?

 

Ich habe mir das Begräbnis von Otto von Habsburg teilweise angesehen, und hatte nie den Eindruck, dass hier auf Kosten des Steuerzahlers alte Zeiten künstlich aufgebauscht werden. Vielmehr wurde mir bewusst, was dem „modernen“ Menschen von heute am meisten fehlt: Gelassenheit und Interesse für die Geschichte Österreichs! Es ist nicht alles Gold, was glänzt, aber auch nicht alles verstaubt, worüber ein Mantel des Schweigens gelegt ist.

 

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Do

10

Nov

2011

Die schwierigste Lesung meines Lebens

Es kam schon mal vor, dass eine Lesung wegen nicht vorhandenem Publikum abgesagt wurde. Im Rahmen einer anderen Lesung verschwanden die Zuhörer nach und nach. Zwei Mal las ich einem grippalen Infekt zum Trotz. Und die zwei Lesungen im Wiener Kanal waren auch nicht ohne.

 

Aber all das ist nichts im Vergleich zu dem dramatischen Ereignis, das meiner Lesung in der wunderbaren Contramass-Galerie voranging. Ich wollte schon einige Minuten vor dem festgesetzten Beginn da sein, und bemerkte, dass die Straße, in der sich die Galerie befindet, vollkommen abgesperrt war. Ein Polizeiauto blockierte den Verkehr, Busse waren ohne Fahrgäste und Fahrer geparkt. Ich ging an der Galerie vorbei, weil in unmittelbarer Nähe Polizei und Feuerwehr postiert waren. Ein Feuerwehrmann war gerade dabei, ein Fahrrad aus einer misslichen Lage zu befreien. Mir war bewusst, dass da etwas Heftiges passiert sein musste. Ein Passant fragte mich, ob ich Bescheid wüsste, doch das musste ich verneinen. Dass ein Unfall stattgefunden hatte, war jedoch klar.

 

Einige Minuten später betrat ich die Galerie. Die Galerieleiterin begrüßte mich herzlich. Und in den nächsten Minuten musste ich mir eine schreckliche Schilderung anhören. Vor einer oder eineinhalb Stunden habe sie einen mächtigen Crash gehört, sei auf die Straße gelaufen, und habe dann eine Frau gesehen, die lebensgefährlich verletzt worden war. Ein Autofahrer hatte bei rot die Kreuzung überfahren, dann sei es zu einer Kollision mit einem bei grün in die Kreuzung von einer anderen Seite einfahrenden Auto gekommen. Dieses andere Fahrzeug sei so unglücklich touchiert worden, dass es gegen zwei Passanten geschleudert wurde. Eine Passantin sei von beiden in den Unfall verwickelten Fahrzeugen gerammt und eingeklemmt worden. Ein Passant sei frontal erwischt worden und buchstäblich durch die Luft gesegelt. Letzterer überlebte mit schweren Verletzungen. Die Passantin aber, eine gebürtige Inderin, erlag nur wenig später ihren schweren Verletzungen. Die Galerieleiterin hatte dieses grauenhafte Ereignis hautnah mitbekommen. Trotz dieser Umstände stand nie in Frage, dass meine Lesung stattfinden sollte.

 

Freilich war dieser schreckliche Unfall für längere Zeit erstes Gesprächsthema zwischen all den Gästen, die im Laufe der Zeit eintrudelten. Mit der Zeit gelang es, andere Themata anzusprechen, und mit einer Verspätung von einer Stunde startete ich dann meine Lesung. Der Zufall wollte es, dass in einigen meiner Texte der Tod eine wesentliche Rolle spielt. Der Tod, der hinter der nächsten Ecke lauern kann. Nur wenige Meter vom Lesungsort entfernt wollte eine Frau eine Kreuzung überqueren und war im nächsten Moment lebensgefährlich verletzt, und wenig später tot.

 

Nach der Lesung begab sich die Mehrzahl der Gäste, die Galerieleiterin und ich in ein nahegelegenes Cafe. Zu später Stunde betrat ein besonderer Gast das Cafe. Eine Frau, die den Unfall gesehen hatte und eine der ersten überhaupt am Unfallort war. Sie hatte die Frau versucht erstzuversorgen. Zufälligerweise waren auch medizinisch geschulte Menschen vor Ort. Doch trotz dieser Umstände war es nicht möglich, die Frau zu retten. Die Schilderungen der Zeugin waren so erschreckend, dass mir ganz anders wurde. Einige Wochen später kam ich wieder bei der Galerie vorbei und dort, wo der Unfall stattgefunden hatte, waren Kerzen aufgestellt. Ich hatte eine Lesung zu bestreiten gehabt, die von einem schrecklichen Unglück überschattet war. Die schwierigste Lesung meines Lebens beendete ich damit, auf die Vorkommnisse hinzuweisen, die ein Menschenleben gekostet hatten.

 

Ich glaube daran, dass die junge Frau nun in einer besseren Welt ist, wo es kein Leid mehr gibt.

 

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Sa

22

Okt

2011

1989

Es gibt Augenblicke, die das Leben eines Menschen verändern können, und mir ging es so, als im Herbst 1989 mein Deutsch-Lehrer das Klassenzimmer betrat. Er tippte mit seinem Finger an seine Stirn, und damit war eine Lektion zum Thema Kommunikation eingeleitet. Was folgte waren einige intensive Wochen, durch die ich das Schreiben neu entdeckte. Mein Lehrer, Herr Zsilla, hatte etwas in mir zum Klingeln gebracht, dessen Ausläufer bis heute weiter wirken. Er bestärkte mich darin, dem Schreiben meine Aufmerksamkeit zu widmen. Und er tat dies, ohne mich mit der Nase darauf zu stoßen. Ich schrieb viele Aufsätze, von denen mein Mentor leider nur die wenigsten korrigieren konnte. Denn bald schon erfuhr ich, dass er Leukämie hatte. Er starb nur wenige Monate später im 46. Lebensjahr, und damals vermochte ich gar nicht, seinen Tod mit aller Konsequenz zu realisieren. Was Herr Zsilla für mich getan hat lässt sich gar nicht in Worten ausdrücken. Aber eines steht fest: Ohne sein Einwirken wäre ich nicht der, der ich jetzt bin und dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Er hat mein Leben derart bereichert, dass ich auch an dieser Stelle nur schreiben kann: Lieben, lieben Dank, Herr Zsilla, für Ihr großes Engagement, Ihr großes Herz, Ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten! Sie haben etwas in mir gesehen, das ich selbst noch gar nicht kannte.

 

1989 war erstaunlicherweise auch das Jahr, in dem „Der Club der toten Dichter“ in die Kinos kam. Dieser Film gehört zu den von mir am häufigsten gesehenen, wenn er nicht überhaupt auf Platz eins dieser Rangliste hervorragt. Wenn ich diesen Film sehe, dann stelle ich jedes Mal fest, wie wichtig es ist, dass der Mensch Menschen braucht, die ihm Kraft geben, den eigenen Weg zu gehen. Freilich mag der Mensch auch aus sich selbst heraus Kräfte entwickeln, durch die er sein Leben zu meistern vermag, doch nur durch die innige Verbindung zu einem oder mehreren anderen Menschen kann daraus jene Stärke erwachsen, die Wunden heilen kann. „Der Club der toten Dichter“ wurde nicht unisono als großartiger Film beschrieben, merkwürdige Kritiken waren jedenfalls dabei. Ich will auf diese Absurditäten nicht eingehen, sondern die Besonderheit des Films hervorkehren: Ein Lehrer zeigt seinen Schülern die Welt der Literatur und betont zudem die Individualität, die in jedem Menschen angelegt ist. Den eigenen Weg zu gehen, sich nicht von wem auch immer verunsichern zu lassen, alles dafür zu geben, dass sich der Traum eines gelungenen Lebens erfüllt… Das hat nichts mit Beruf, mit Karriere, mit Geld, mit Erfolg zu tun, sondern nur mit einem: Mit der Erkenntnis, dem Weg des Herzens zu folgen. Was vielleicht ein wenig kitschig klingt, ist der Königsweg des Lebens: Jenen Schatz zu suchen, der im Herzen verborgen ist. Oh, es ist keineswegs offensichtlich, und die jungen Männer im Film sind erst dabei, am Schloss der Schatztruhe zu kratzen, doch irgendwann macht sich das Gefühl breit, den eigenen Weg gefunden zu haben. Wohin dieser Weg führt ist gar nicht mal so wichtig. Allein schon, dass dieser Weg gegangen wird, macht das Leben zu einem großen Abenteuer.

Für mich ist es das literarische Schreiben, das mich vorwärts treibt. Und überhaupt die Auseinandersetzung mit Kunst, der Wunsch, neue Projekte zu realisieren. Kein Weg ist schnurgerade, es gibt zahlreiche verschlungene Pfade und manchmal verirrt man sich irgendwo im tiefen Wald. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, sich einen Reim aufs Leben zu machen, doch ich bin bereit, dem Pfad weiter zu folgen. Auch ein Film kann zu Tränen rühren, und die letzte Szene von „Der Club der toten Dichter“ ist für mich eine der wunderbarsten der Filmgeschichte: Ein paar Jungen verlassen den Weg vorgegebener Regeln und erklären sich mit ihrem Lehrer solidarisch.

 

1989 hat mein Leben maßgeblich beeinflusst. Und dass dann auch noch die Mauer fiel, und wie ich dies in Zusammenhang zu meiner persönlichen Geschichte bringe, habe ich einst auf meiner alten Website beschrieben.

 

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Sa

08

Okt

2011

Ein Leben ohne Bücher

 

Bücher sind gefährlich, weil sie die intellektuelle Entwicklung des Lesers zu fördern vermögen. Der Mensch darf nicht in die individuelle Falle tappen, soll gefälligst der Gleichschaltung in einem perfekt kontrollierten Gesellschaftsgefüge nichts entgegen setzen. Was in „Fahrenheit 451“ verhandelt wird, ist nicht mehr und nicht weniger als die Frage danach, was den Menschen ausmacht. Ist der Mensch dazu verdammt, sich selbst nur als Schatten an der Wand zu begegnen? Ist Selbsterkenntnis überhaupt möglich? Kann der Mensch sich seine eigene Meinung über gesellschaftspolitische Fragen bilden, ohne von wem auch immer belehrt zu werden? Braucht der Mensch ein durchorganisiertes Gesellschaftssystem, um sein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen?

 

Der auf Funktionen reduzierte Mensch ist heutzutage sich selbst enthoben. Er macht oft nicht einmal den Versuch, die Hintergründigkeit seiner Existenz zu reflektieren. Vielmehr grundelt er dahin, dient einem System, das er nicht versteht, und ist ein perfekt gestylter Konsument.

Dieses Schreckensszenario trifft freilich nicht auf alle Menschen zu, aber doch auf sehr viele. Wer das System und seine eigene Rolle darin nicht in Frage stellt, wird schnell vom System überrollt und zu seiner eigenen Fußnote. „Fahrenheit 451“ stellt auf drastische Weise dar, wie ein System funktioniert, das Menschen Selbstreflexion und eine kritische Sicht auf die gesellschaftspolitische Struktur verbietet. Tja, die Gleichschaltung funktioniert nicht so, wie es sich die Zampanos, politischen Machtmenschen und multinational organisierten Unternehmer so gerne wünschen: Denn es mucken immer wieder Menschen auf, die den Verstand noch nicht verloren haben, und zu kämpfen bereit sind.

 

Ein Leben ohne Bücher wäre für mich nicht vorstellbar. Die Autorinnen und Autoren reden mit mir, stellen mir ihre Weltsicht dar, führen einen Dialog mit mir. Ich kann antworten, indem ich die Erkenntnisse, welche ich aus den Büchern gezogen habe, direkt in mein eigenes Leben integriere. Ein Buch bietet die Möglichkeit, die Welt aus einer völlig anderen Perspektive zu sehen. Wer liest, wird zum Teil einer Welt, an der er Gefallen finden kann oder auch nicht. Mit den Zuständen, wie sie in „Fahrenheit 451“ dargestellt werden, bin ich maßlos überfordert. Ich frage mich, ob ich tatsächlich in der Lage wäre, einen ganzen Roman von Dostojewski oder Kafka auswendig zu lernen. Aber vielleicht wäre ich zu dieser Großtat in der Lage, wenn es die einzige Chance ist, einen wunderbaren Roman für die Nachwelt zu bewahren. Ein Totalverbot von Büchern würde mich – und davon bin ich überzeugt – zu einem Rebellen machen. Denn ich würde alles dafür tun, um Büchern meine Ehre zu erweisen.

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“. Dieser Satz von Franz Kafka trifft den Nagel auf den Kopf. Bücher können den Weg zu uns selbst ebnen, damit wir nicht immer nur auf einen Fremden im Spiegel starren, wenn wir uns selbst zu begegnen glauben.

 

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Fr

23

Sep

2011

Kriminacht 2011

 

Es war eine besondere Freude für mich, zum insgesamt dritten Mal als Autor Teil der Kriminacht zu sein. Das Cafe Hegelhof war sehr gut besucht und die Zuhörerinnen und Zuhörer haben mir andächtig gelauscht. Aber das eigentliche Highlight erfolgte einige Minuten nach der Lesung in Form eines jungen Mannes im Alter von vielleicht 10 oder 11 Jahren. Er hat mich um ein Autogramm ersucht. Ich habe ihm sehr gerne seinen Wunsch erfüllt und ein paar Worte mit ihm gewechselt. Kein Autor kennt die Mehrzahl seiner Leser persönlich. Und vom Altersschnitt her kann ich mir überhaupt keine Vorstellung machen. Dieser junge Mann jedoch hat dem Abend die Krone aufgesetzt. Denn er belegt, dass es einen Lesernachwuchs gibt, der auch ungewöhnliche, ausgefallene Literatur liest. Es muss nicht immer irgendein Zauberlehrling sein. Möglicherweise kennt er diesen Kerl sogar, und ist ungeachtet dessen dazu bereit, die Grenzen einer Bestsellerliste zu überschreiten.

 

Falls du dies lesen solltest, lieber junger Leser, dann möchte ich dir ein Kompliment aussprechen: Du bist bereit, literarische Pfade zu betreten, die nur wenig beschritten werden. Damit erweckst du den Eindruck eines Menschen, der genau weiß, was er will – nämlich seinen eigenen Weg gehen, der viel mehr Abenteuer und daraus resultierende Entdeckungen und Erkenntnisse bereit stellen wird, als dies bei den meisten Menschen in unseren Breitengraden der Fall sein mag. Schon die Kinder folgen meist vorgegebenen Strukturen und Mustern, von denen selten abgewichen wird. Dabei ist doch gerade das Ausscheren von diesem Allerweltsweg das Spannende, nicht wahr?

Alles Gute auf deinem weiteren Lebensweg und lass dich nicht unterkriegen.

 

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So

11

Sep

2011

9/11

Ich springe nicht auf den Zug auf, und berichte davon, wie ich den 11.9.2001 erlebt bzw. wann und wie ich von den Terroranschlägen erfahren habe. Dieser Tag hat die Welt der Menschen nachträglich verändert. Nur wenig später wurde dem Terror der „Kampf“ angesagt und Kriege angezettelt, die wiederum nur zahlreiche unschuldige Opfer gefordert haben. Nach 9/11 hätte sich vieles anders entwickeln, aus dem Szenario hätte gelernt werden können. Doch stattdessen hat sich die Sachlage verschärft. Terroranschläge könnten mittlerweile fast überall passieren und wozu selbst einzelne Menschen fähig sind, hat Anders Breivik bewiesen. Entscheidend ist, dass jeder Terroranschlag von Menschen geplant und durchgeführt wird. Menschen, die aus welchem Grunde auch immer mit den Gegebenheiten auf dieser Welt nicht zufrieden sind. Das Raubtier Mensch hat einen Unfrieden geschaffen, der unmöglich zu tilgen ist. Die einzige Waffe gegen diesen Wahnsinn ist es, keine Waffen einzusetzen. Unzufriedenheit, Ungleichheit, religiöse Wahnvorstellungen ergeben zusammen genommen ein Pulverfass, das leicht explodieren kann.

 

Wir Menschen sollten endlich aufhören, uns als Herrscher auf diesem einzigartigen Planeten Erde aufzuführen und der Welt unseren Stempel aufzudrücken. Das hat zu zahlreichen Katastrophen geführt. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, die Natur wird nicht geachtet, sondern ausgebeutet. Alles und Jedes bekommt einen Geldwert zugeordnet. Der Planet Erde wird von gedrucktem Papier beherrscht und ausgeblutet. Manchmal passiert es aber auch, dass Menschen ihren Gedanken zum Wahnsinn Ausdruck verleihen. So geschehen mit der Anthologie „Gedanken im Sturm“, an der ich mich seinerzeit beteiligt habe. Eine Anthologie, die einen Kontrapunkt zu den üblichen Debatten gesetzt hat und noch immer setzt. Der Mensch ist nicht nur Raubtier, auch wenn er dies gerne in seiner Gier hervorkehrt. Der Mensch kann sich Gedanken machen, und diese Gedanken können Stürme auslösen, die andere Menschen zum Nachdenken bringen. Damit ist schon viel gewonnen. Katastrophen aller Art zu Medienereignissen zurechtgestutzt und Verschwörungstheorien demaskieren den Menschen zur Witzfigur, die dem Planeten Erde ernsthafte Probleme beschert. Dagegen gilt es Zeichen zu setzen. Denn der Mensch ist mehr als nur ein Raubtier, das seinen eigenen Vorteil sucht. Auch zehn Jahre nach 9/11 gilt es, die Hintergründe dieser Anschläge zu begreifen zu suchen, und nicht nur den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse weiter zu betreiben. Schwarz-Weiß-Malereien haben nie zu einer Lösung von irgendeinem Problem geführt, sondern jedes einzelne Problem nur verschärft.

 

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Sa

03

Sep

2011

Aus der schönen, neuen Arbeitswelt

Günter Wallraff hat sich dazu auserkoren gefühlt, wieder undercover Missstände aufzudecken. Was in der Vergangenheit schon traurig genug war, ist heutzutage manchmal unerträglich. Das künstlich aufgeblähte Wirtschaftswachstum fordert eine Unzahl von Opfern. Die wenigen Profiteure des Neoliberalismus maximieren ihren persönlichen Gewinn, während Abermillionen Arbeitnehmer unter oft erbärmlichen Arbeitsbedingungen inklusive Hungerlöhnen ihr Leben fristen.

 

Wenn Wallraff von der schönen, neuen Welt schreibt, meint er im Grunde die Arbeitswelt. Prekäre Jobs sind längst an der Tagesordnung, Menschen quälen sich in Jobs, für die sie teils überqualifiziert sind, andere stecken sich Gelder ein, die ihnen nicht zustehen. Das ist eine Realität, der scheinbar nichts entgegen gesetzt werden kann. Wallraff versucht aber das Unmögliche, und der eine oder andere Erfolg ist ihm im Kleinen immerhin gelungen.

 

An dieser Stelle muss nicht ein einzelnes Unternehmen genannt werden, das seine Mitarbeiter drangsaliert, ausbeutet und austauscht, wenn es „angebracht“ ist. Denn von „schwarzen Schafen“ zu sprechen wäre untertrieben. Die heutige Arbeitsgesellschaft ist weitgehend entmenschlicht, der Mensch wird zu Humankapital, einer Fußnote, einem Funktionsträger, einer austauschbaren „Maschine“ herabgestuft. Die Erfahrungen von Günter Wallraff bezeugen eindrucksvoll, wie es in der schönen, neuen (Arbeits)welt zugeht. Der Wunsch nach einem neuen System wird in vielen Ländern auf der Welt laut. Menschen protestieren, machen ihrem Unmut Luft. Die Ungleichheit nimmt täglich zu, doch das nehmen jene, die auf der Butterseite des Lebens gelandet sind, nicht zur Kenntnis. Eine bloße Systemregulierung, wie sie immer wieder „umgesetzt“ wird, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das System des Raubtierkapitalismus, die Macht des Finanzkapitals, müsste gestürzt werden, um eine neue Welt zu generieren, eine Welt, auf der Menschen vor Ausbeutung, Hunger und Tod aus Erschöpfung oder Verzweiflung bewahrt werden.

 

Günter Wallraff hat sich in die Niederungen der Arbeitswelten in der „modernen Gesellschaft“ begeben, und einen Bericht hinterlassen, der eine Menge Aufklärungsarbeit leistet. Jetzt müssten nur mal endlich die Entscheidungsträger aufwachen und aufhören, nur sich selbst in den Himmel zu loben und dabei auf den Nächsten zu vergessen, der irgendwo im Dreck liegt. Das wäre ein erster Schritt in Richtung einer tatsächlich schöneren Welt.

 

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Fr

19

Aug

2011

Der Mann im Salz

Der Besuch des Salzbergwerkes in Dürrnberg ist ein großes Erlebnis. Im Rahmen der Tour wurde auch auf den Zusammenhang zum „Mann im Salz“ hingewiesen. Während eines kleinen Spaziergangs in Dürrnberg bin ich dann bei einer Gedenktafel vorbeigekommen, wo auf die ehemalige Existenz des Freudenberg-Stollens hingewiesen wird. In diesem Stollen wurde der berühmte „Mann im Salz“ aufgefunden. Ein Mann, der über Jahrhunderte im Salz konserviert gewesen war, und dessen Auftauchen eine Sensation darstellte.

Dieses ungewöhnliche Ereignis wurde von Ludwig Ganghofer literarisch aufgearbeitet.

 

Wer diesen Roman liest könnte ein wenig enttäuscht sein. Es dauert nämlich ziemlich lange, bis der „Mann im Salz“ auftaucht. Großteils handelt es sich um eine Liebesgeschichte zwischen einem zunächst unfreiwilligen Bergmann und einer jungen Dame, die ihn insgeheim in diese Geschichte hineingezogen hat. Der „Mann im Salz“ wird von manchem Bürger als vom Teufel besessenes Unikum betrachtet, dem ein Exorzismus nicht schaden würde. Überhaupt gehen die Wogen hoch, wie es sein kann, dass ein Mensch so lange vom Salz konserviert sein kann. Das kann nicht mit rechten Dingen hergehen, oder? Und die Frage, welches Begräbnis diesem Mann zuteil werden soll, kann nur mit großem Brimborium beantwortet werden.

 

Kurzum hat Ganghofer ein kleines Märchen gestrickt, das von einer Liebesgeschichte umrahmt wird. Interessant hierbei ist vordergründig die Sprache, der sich Ganghofer bedient. Eine Sprache, die weit über den durchaus vorhandenen Kitschfaktor hinausgeht. Tatsächlich mag der Roman eine Mischung aus Kitsch- und Abenteuerroman sein. Im sehenswerten Keltenmuseum in Hallein ist einiges über den „Mann im Salz“ und über das gefährliche Leben der Knappen im Salzbergwerk zu erfahren. Die Lektüre ist allemal eine interessante Ergänzung zu den Besuchen von Salzbergwerk und Keltenmuseum.

 

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Sa

06

Aug

2011

Heftromane

Es gab mal eine Zeit, da habe ich mich mit Heftromanen intensiver auseinander gesetzt. In den meisten Fällen war das gar nicht mal so üble, jedoch einfach gestrickte Literatur. Dann sind viele, viele Jahre ins Land gezogen, bevor ich wieder zur Heftroman-Lektüre griff. Und es war ein Volltreffer! Denn die Heftromane aus dem Hause Wunderwaldverlag führen dem Leser vor Augen, dass ausgezeichnete Literatur und Heftromane einander nicht widersprechen müssen. Heftromane haben heutzutage den Status der Herz-Schmerz-Einerlei-Eindimensionalität. Aber es gibt ein Leben außerhalb unglücklicher Liebesgeschichten, die dann doch immer gut ausgehen und Fantasy spielt in manchen Serien ohnehin eine tragende Rolle.

 

Perry Rhodan ist sicher das beste Beispiel für eine gelungene Heftroman-Serie. Ich habe einige Perry-Rhodan-Romane gelesen und spreche der Serie einen gewissen literarischen Anspruch nicht ab, zumal etwa mit Andreas Eschbach, Titus Müller und Leo Lukas sehr gute Autoren Akzente setzen konnten. Die Frage ist nur, ob über das Perry Rhodan – Universum hinaus der Heftroman irgendwann wieder eine neue Blütezeit erleben könnte? Zweifellos ist dies wünschenswert, da so ein kleiner Heftroman durchaus eine geballte Ladung literarische Kraft entfalten kann.

 

In Zeiten des weltweiten Netzes gibt es Projekte, die den Heftroman als Online-Ausgabe gratis anbieten. Besonders hinweisen möchte ich diesbezüglich auf den Geisterspiegel.

Die Abqualifizierung des Heftromans als Trivialliteratur, ja sogar die Schmähung als Schundliteratur sollte nicht bis zum St. Nimmerleinstag Bestand haben. Der Wunderwaldverlag und auch der Geisterspiegel leisten punkto Aufwertung des Heftromans in literarisch anspruchsvolle Höhen Pionierarbeit.

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Do

21

Jul

2011

Urlaubslektüre

Ach, du meine Güte, was für ein Wort: Urlaubslektüre. Darunter wird üblicherweise leichte, gut verdauliche Literatur verstanden, die so nebenbei im Urlaub verschlungen werden kann. Aber muss es tatsächlich immer leichte Kost sein? Und ist es überhaupt so, dass mit dem Begriff Urlaubslektüre heutzutage automatisch noch leichte Verdaulichkeit assoziiert wird? Ich behaupte mal frech: NEIN! Urlaubslektüre ist Lektüre, die im Urlaub genossen wird. Hierbei spielt es keine Rolle, wie leicht oder schwer die Romane sein mögen, für die sich der Urlauber entscheidet. Es müssen nicht mal Romane, können ebenso Sachbücher über Fliegenfischen oder Reiseführer zum Mond sein. Ich fühle mich dazu berufen, den Begriff Urlaubslektüre aus der Schmuddelecke zu holen. Aus und vorbei mit eindimensionalen Vorstellungen! Oh, ich habe einst im Urlaub „Schuld und Sühne“ gelesen, sogar am Strand. Auch auf dem Weg zum Urlaubsort, also vorzugsweise im Zug, entziehe ich mich nicht der Literatur. Warum sollte ich schließlich bei Zugfahrten nur aus dem Fenster schauen? Also, Mankell lesen oder – wieder mal – Dostojeweski.

 

Jeder soll im Urlaub das lesen, was er lesen will. Wer in der Alltagsschleife gefangen der leichteren Kost zugänglich ist, wird dies kaum in Urlaubszeiten abändern. Eher ist es vorstellbar, dass Menschen mit hohen Ansprüchen im Urlaub ein wenig zurückstecken, und sich mit – sagen wir mal – Jack London begnügen. Nichts gegen Jack London, aber wer könnte behaupten, dass andererseits Hemingway unverständlich geschrieben hat… Wiederum andererseits: Ist Dostojewski unverständlich, und überhaupt: Soll es ein Zeichen von höherrangiger Literatur sein, wenn sie erst decodiert werden muss? Also, jeder Leser soll entscheiden, welcher Lektüre er sich in seinem Urlaub widmen will. In diesem Sinne: Der Urlaub kann beginnen, wann auch immer!

Wobei: Ist nicht das Lesen von welcher Literatur auch immer ohnehin immer Urlaub, und der Leser aufgrund dessen in einer privilegierten Situation? Darüber will ich jetzt nicht großartig nachdenken, denn der nächste Lesestoff und also Urlaubsstoff kommt bestimmt…

 

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Sa

02

Jul

2011

Frank Castorf und Dostojewski

Die Inszenierungen von Frank Castorf sind mittlerweile legendär. Seine Arbeiten sind immer einem Entwicklungsprozess unterworfen und keine Aufführung eines Stückes gleicht einer anderen. Abseits von Dostojewski habe ich keine so guten Erfahrungen mit Inszenierungen des Regisseurs gemacht. Doch Castorf ist buchstäblich auf Dostojewski programmiert. Ich hatte das Vergnügen, bislang vier diesbezügliche Regiearbeiten dieses ungewöhnlichen Regisseurs zu sehen. Herausragend hierbei „Schuld und Sühne“ mit einem genialen Martin Wuttke in der Hauptrolle des Raskolnikow. Eine Provokation sondergleichen, die jedoch mit der Vorlage durchaus in Verbindung zu bringen ist.

 

Ganz anders bei „Der Spieler“, welcher kürzlich bei den Wiener Festwochen lief. Fünf Stunden sind eindeutig zu viel für einen der kürzeren Romane aus der Feder von Dostojewski. Der gesamte erste Teil, der gut zwei Stunden dauerte, war nicht mehr und nicht weniger als eine Vorbereitung auf das, was im zweiten Teil folgte. Dostojewski selbst kam selten zu Wort. Berührend die Schlussszene vor der Pause, die Kathrin Angerer in den Blickpunkt setzte. Sie sprach einen Brief von Dostojewski mit so viel innerer Anteilnahme, dass ich mit einem guten Vorgefühl in die Pause ging. Leider passierte dann lange Zeit nichts Wesentliches. So sehr sich die ausgezeichneten Schauspieler auch ins Zeug legten, das änderte nichts daran, dass das Stück eine Enttäuschung darstellt. Zumindest für mich, der eine starke Verbindung zu den Romanen von Dostojewski hat. Die skurrile Erzählung „Das Krokodil“ in die Geschichte einzubinden brachte wenigstens ein wenig Erheiterung in die Zuschauerränge, die sich im Laufe des Theaterabends merklich lichteten.

 

Rückblickend stelle ich mir die Frage, ob Castorf sich mit dieser Inszenierung weitere Dostojewski-Adaptionen ersparen wollte. Es gibt so viele Querverweise zu anderen Werken von Dostojewski, dass der Eindruck entsteht, der Regisseur wolle so etwas wie eine „Zusammenfassung“ generieren und damit den „Akt Dostojewski“ schließen. Wir können also gespannt sein, ob Castorf doch noch einen drauf setzt und früher oder später eine weitere Dostojewski-Adaption inszeniert. Sehr gut eignen würden sich „Der Doppelgänger“ und „Aus einem Totenhause“. Zumindest zu diesen beiden Werken bemerkte ich keinen Querverweis und vielleicht wird es ja doch noch was. Der Countdown läuft.

 

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Fr

17

Jun

2011

Fußball und Literatur, Teil 4

Wo ist die Literatur nur hingelangt? Elitär benimmt sie sich allzu oft, sitzt bequem in der ersten Reihe fußfrei und verfolgt die um ihr Leben ringenden Autorinnen und Autoren. Knebelverträge werden die Welt nicht retten, doch Autorenseelen können sie in Flammen setzen. Die Luft in den höchsten Sphären der Literatur ist ganz schön dünn. Manch einer ist dort schon an Sauerstoffmangel krepiert. Die höchste Liga erfordert den höchsten Einsatz, außer Protektion schaufelt den Weg zum Bestseller-Autor frei. Wie anders ist es da nicht in den scheinbaren Niederungen der Regionalliga der Literatur! Dort wird gekämpft, gekratzt und gebissen. Jedes Wort wird auf die Waagschale gelegt und stundenlange Diskussionen sind nicht auszuschließen. Regionalliga-Autoren schließen die Türen zum Leser nicht ab. Sie wissen nur zu gut, dass es ein hartes Stück Arbeit ist, nicht abzusteigen. Wer irgendwann in der zweiten Liga parkt, kriegt immerhin keinen Sonnenbrand in der Wüste der Einsamkeit. Denn ganz oben, also wer will das schon?

 

In der Regionalliga fühle ich mich wohl. Nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch in der Literatur. Der Weg nach oben kann steinig sein, auch wenn ich im Fall des Falles nichts dagegen habe. Es gibt verdammt viele ausgezeichnete Autorinnen und Autoren, die in der Regionalliga spielen. Möglicherweise wollen die auch gar nicht aufsteigen, weil sie die Relegationsspiele gegen schwache Zweitligisten eh bewusst verlieren. Ich liebe die Regionalliga und bleibe am Ball. Und ich freue mich darüber, selbst Teil der literarischen Regionalliga zu sein.

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Mi

08

Jun

2011

Der Kanon und Kleist

Es gibt gar wunderliche Dinge. Und dazu gehört auch, dass ich mich erst dieses Jahr anlässlich des 200. Todestages von Heinrich von Kleist mit dessen Prosa beschäftigt habe. Wobei sich wiederum die Frage stellt: Welche Werke sind denn Pflichtlektüre für den ambitionierten Leser? Im Grunde lässt sich diese Frage nicht beantworten, da jeder Leser für sich entscheiden muss, mit welchen Büchern er sich einlassen will. Ei, es gibt freilich Literaturkritiker, die einen Kanon beschwören, der jene „Pflichtlektüre“ empfiehlt. Zu einer gewissen Berühmtheit ist der Kanon von Marcel Reich-Ranicki gelangt, der Kleist gleich mit drei bzw. vier Prosa-Werken (nebst Theaterstücken) anführt. Neben dem Michael Kohlhaas noch Die Marquise von O. und Prinz Friedrich von Homburg sowie „Erzählungen nach eigener Wahl“. Nun, die besondere Qualität der von Kleist geschaffenen Prosawerke besteht in der eigentümlichen, präzisen Sprache. Ein Sprachduktus, an den ich mich langsam zu gewöhnen versucht war. Kleist schuf Werke, die politisch Stellung nehmen, stellt gesellschaftskritische Fragen. Dennoch ist es die Sprache selbst, die mich an Kleist gebunden hat.

 

Nach der Lektüre einiger Prosawerke von Kleist ist mir der Autor schnell vertraut geworden. Die Eigentümlichkeit der Sprache, die sich manchmal buchstäblich verzettelt (Schachtelsätze!), erinnert mich sogar an frühere Werke von mir selbst. Wohlgemerkt ist es nicht möglich und wäre meinerseits ein Anzeichen von Selbstüberschätzung, die beiden Sprachstile zu vergleichen, und dann zu einem gerechten Urteil zu gelangen. Kleist und ich leb(t)en in völlig verschiedenen Zeitaltern. Aber diese Komplexität mancher Satzungetüme ist ein Element in der Prosa von Kleist, die nicht wegzudenken ist.

Und schließe ich mich dem Kanon von Reich-Ranicki an? Teilweise. Was Kleist betrifft jedoch durchaus. Er hat nicht wenige Tabus gebrochen, und damit neue Felder in der Literatur beackert. Und die im „gefeierten“ Todesjahr von Kleist oft gestellte Frage, ob dieser Autor denn vergessen worden wäre, hätte er nicht zunächst Henriette Vogel und dann sich selbst umgebracht, kann durchaus mit NEIN beantwortet werden. Kleist hat erstaunliche Werke von sprachlicher Präzision und Komplexität geschaffen, und gesellschaftspolitisch Stellung genommen. Hätte er länger gelebt, wären der Nachwelt noch weit mehr literarische Leckerbissen vermacht worden. Möglicherweise ist aber eben gerade dieser Gedanke verunmöglicht, weil der von Todessehnsucht angetriebene Kleist nie vorgehabt hat, ein würdiges Leben im hohen Alter zu führen. Er soll impulsiv, schnell verärgert und gleichzeitig voller Lebensenergie gewesen sein. Der Tod hat ihn nicht ereilt, sondern er hat ihn gesucht. Seine Werke tragen seine Unterschrift, und damit ist er so unverwechselbar wie nur wenige seiner Kolleg/innen mit literarischen Ambitionen. Die Prosawerke von Kleist mögen sich also durchaus zur „Pflichtlektüre“ ambitionierter Leser eignen.

 

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Di

24

Mai

2011

Post von Valerie Wilson

Nur ganz selten passiert es, dass ich mich nach der Lektüre eines Romans dazu veranlasst sehe, mich direkt an den Autor zu wenden. Genau genommen passiert das so gut wie nie. Aber wie bei allem im Leben gibt es Ausnahmen. Vor einigen Jahren habe ich mich an Valerie Wilson gewandt. Ich schickte ihr eine Mail und bedankte mich für schöne Lesestunden. Zu meiner positiven Überraschung beantwortete Valerie Wilson schon am nächsten Tag meine Mail, und brachte ihre Freude zum Ausdruck, dass ich sie als Autorin schätze.

 

Nun ja, ich habe mit einigen anderen Autor/innen auch schon korrespondiert, bspw. mit Andreas Eschbach, dem ich sogar schon mal persönlich bei einem Autoren-Seminar begegnet bin. Aber von Valerie Wilson - der Erfinderin von Tamara Hayle, der afroamerikanischen Privatdetektivin - die in die Welt ihrer Brüder und Schwestern eintaucht wie vielleicht keine andere Gegenwartsautorin, Post zu bekommen… Das war schon der Hammer!

 

Es ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit, eine noch so kurze Nachricht an eine/n Leser/in der eigenen Werke zu richten. Umso mehr schätze ich dies im Falle der wunderbaren Krimi-Autorin Valerie Wilson. Es sind gerade diese kleinen Aufmerksamkeiten, die das ohnehin ziemlich feste Band zu einem hochgeschätzten Autor um eine Nuance verstärken. Die Romane von Valerie Wilson sprechen für sich und ich beabsichtige gar nicht, darüber große Worte zu machen. Nur soviel: Wer in diese Welt eintaucht, die tatsächlich existiert (und das ist bei jedem Satz spürbar!), der wird mit Tamara Hayle eine Gefährtin haben, der er gespannt über die Schulter schaut. 

 

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So

01

Mai

2011

Zwei Jahre www.literaturexperte.com

Wie schnell nur die Zeit vergeht! Schon vor einem Jahr habe ich das geschrieben, und nunmehr also eine weitere Bestätigung dieser Tatsache. Meine Website feiert heute ihren zweiten Geburtstag, und in diesen zwei Jahren ist eine Menge passiert. Zwei Krimis, ein Erzählungsband, drei Hörbücher, eine neu adaptierte Weihnachtsgeschichte und eine englischsprachige Version meines Zentralfriedhofs-Führer wurden veröffentlicht. Zwei Mal war ich als Autor bei der Kriminacht, wobei die Lesungen im Kanal ein besonderes Highlight für mich waren.

 

Meine Entwicklung als Autor schreitet voran, auch wenn ich nicht schreibe. Ein Autor, der nicht schreibt: Ist das überhaupt ein Autor? Das wird jeder Autor individuell betrachten, doch ich bin davon überzeugt, dass ein Autor mehr ist als nur ein Schreiberling. Das Schreiben ist sozusagen die letzte Instanz. Das Reflektieren, der Versuch, die Dinge zu verstehen, welche die Welt erschüttern oder beglücken, ist die geistige Substanz, auf der das Leben eines Menschen basieren mag. Nicht nur des Autors, sondern jedes Menschen. Der Autor aber versucht diese Substanz ansatzweise zu beschreiben, so auch ich. Ob ich je der Welt meinen literarischen Stempel mit einem Meisterwerk aufdrücken werde, weiß ich nicht, und darauf müssen keine Wetten abgeschlossen werden. Ich bin von der Meisterschaft meiner literarischen Vorbilder noch Lichtjahre entfernt, was durchaus in Ordnung ist. Denn gibt es etwas Schöneres, als immer weiter zu werkeln, zu versuchen, das Unmögliche möglich zu machen?

 

Anlässlich des zweiten Geburtstags meiner Website gebe ich meinen Leser/innen einen genaueren Einblick in deren Entwicklung. Besonders auffällig ist, dass Daniel Glattauer und seine Helden Emmi Rothner und Leo Leike ein gewichtiges Wort haben. Tatsächlich handelt es sich um den mit Abstand am häufigsten angeklickten Artikel, der in meinem Blog aufgerufen werden kann. Wie überhaupt mein Notizblog die anderen Kategorien deutlich überflügelt. Meine Lesungen und Leseproben landen immerhin auf den Plätzen zwei und drei, und – was mich freilich freut – der Literaturexperte noch vor meinen Romanen auf Platz vier.

Insgesamt sind knapp 7.000 Leser/innen auf meine Website gestoßen. Das entspricht einem Schnitt von acht bis neun Leser/innen pro Tag. Klingt wenig, aber wer Nischenliteratur schreibt kann nicht davon ausgehen, dass er Tag für Tag tausende Leser/innen anzieht. Ihnen, meine lieben Leserinnen und Leser, danke ich herzlichst dafür, dass Sie meiner Website die Treue halten! Egal, ob Sie täglich, wöchentlich, monatlich oder nur einmal pro Jahr oder überhaupt nur ein einziges Mal vorbeischauen. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass ein Artikel, ein noch so kurzer Satz das Bewusstsein des Menschen erweitern kann. Geht mir ja bei manchen Artikeln oder einzelnen Sätzen, die ich lese, auch nicht anders. Emmi Rothner und Leo Leike werden wohl auch weiterhin eine ganz eigene Kategorie bekleiden, und damit habe ich irgendwie den Vogel abgeschossen. Der zweite Platz beim Daniel Glattauer – Schreibwettbewerb ist bislang Literaturwettbewerbe betreffend mein größter Erfolg, sodass mir dieses ungewöhnliche Liebespaar also doppelt Glück gebracht hat.

 

Auf in das dritte Jahr! Bleiben Sie mir auf der Spur, meine lieben Leserinnen und Leser!

 

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Di

19

Apr

2011

Bin ich empört?

Stephane Hessel hat im Alter von 93 Jahren einen Bestseller geschrieben. Dafür haben wenige Zeilen gereicht. Das Büchlein ist selbst bei langsamem Lesetempo in weniger als einer Stunde ausgelesen. Die Kosten für die Anschaffung halten sich in Grenzen, also habe ich es auch gewagt. Rezensionen über das Büchlein gibt es mittlerweile wohl einige tausend, wenn nicht hunderttausende. An dieser Stelle will ich diesbezüglich keinen Senf beisteuern. Der Kernpunkt, dem sich jeder Leser am Ende des Büchleins genähert haben sollte, ist die Frage der eigenen Empörung. Bin ich empört? Gibt es zumindest einen Grund, meiner Empörung Ausdruck zu verleihen, mich sofort einer Bürgerinitiative, einer NGO, einer wie auch immer gearteten Protestpartei (Hauptsache richtige Richtung) anzuschließen?

 

Das große Verdienst und wohl auch Vermächtnis von Stephane Hessel für die nachfolgenden Generationen ist es, der Empörung auf die Spur zu gehen. Im Grunde kann es gar nicht sein, dass ich, er, sie, du nicht – in welchem Zusammenhang immer – empört ist. Empörung ist die Projektion einer inneren Erkenntnis von Ungerechtigkeit nach außen. Gegen ein unmenschliches Fremdenrechtspaket, gegen Sozialdumping, gegen Ausbeutung, gegen… Empörung ist immer irgendwie eine Verneinung: Ich will das, das und das nicht! Empörung richtet sich gegen etwas. Wenn der Zustand in einer Gesellschaft erschreckend ist, kann nur dagegen angekämpft werden. Und die Empörung ist die Grundvoraussetzung, um bereit für den Kampf gegen Windmühlen zu sein.

 

Ist Empörung von so immenser Bedeutung, damit sich endlich mal etwas tut, ein bisschen Dampf in den dahin schleichenden Karren kommt? Stephane Hessel beschreibt seine Empörung und gibt damit jedem Leser leere Karten in die Hand, auf die er seine Empörung schreiben kann. Bin ich empört? Beispielsweise empört darüber, dass ein kleines Büchlein ohne literarischen Anspruch zum Bestseller wird, und gleichzeitig die wunderbarsten literarischen Werke von den Lektoren größerer Verlage nicht mal halbwegs angelesen werden, weil diese Werke bedauerlicherweise nicht den Geschmack zumindest einer größeren Zielgruppe treffen? Ist Empörung eine Charaktereigenschaft, die jeder Mensch in sich zur Blüte bringen kann, und darum – neben dem immensen Marketing – das Büchlein, um das es hier geht, so erfolgreich, was die Verkaufszahlen betrifft? Das Büchlein verdient sich viele Leser, keine Frage. Hauptsächlich deswegen, weil es genial ist, im Menschen die Frage aufzuwerfen, was er ablehnt, weil dies dazu führen kann, dass er sich fragt, wofür er eigentlich ist. Die Ablehnung ungerechter Strukturen, zerstörerischer Prozesse kann immer nur eine Seite der Medaille sein. Die andere Seite zeigt das WOFÜR! Aus dem empört euch kann ein engagiert euch werden, und dieses engagiert euch muss keineswegs gegen etwas gerichtet sein, sondern kann ebenso für eine gerechtere Gesellschaft eintreten, auch wenn es diese angeblich nur im Kino geben soll.

 

Bin ich empört? Ja, zweifellos. Jetzt geht es nur mehr darum, dass alle Menschen, die dieses Büchlein gelesen haben, einen Schritt in das WOFÜR setzen. Bekämpfen ist immer systemimmanent, die Umsetzung des WOFÜR aber kann einem neuen System den Weg bereiten. Und was wir Menschen tatsächlich brauchen ist ein Systemwechsel, oder sind Sie nicht über das derzeit existierende System empört?

 

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Mi

30

Mär

2011

Die Arbeitslosen von Marienthal

Dieses Werk hat mich von Anfang bis Ende in seinen Bann gezogen. Es ist kein Kriminalroman, keine Vampir-Story und auch kein Verschwörungsthriller. Was hier geschrieben steht, hat Hand und Fuß. Keine Beschönigungen, keine Ausreden. Wissenschaft eben und irgendwie viel mehr.

 

Eine soziologische Studie, die es buchstäblich zu Weltruhm gebracht hat. Der Großteil der Einwohner von Marienthal wird von heute auf morgen arbeitslos. Was passiert mit den davon betroffenen Menschen? Sollte es nicht ein „Vorteil“ sein, dass nahezu jeder ehemals Beschäftigte nunmehr von Arbeitslosigkeit betroffen ist? Es handelt sich um keine Abhandlung über Einzelschicksale, auch wenn es diese logischerweise gibt. Wenn ein ganzer Ort zur scheinbaren Untätigkeit verurteilt ist, bleibt kein Stein auf dem anderen.

 

Neben vielen anderen Aspekten ist jedoch einer von besonderer Bedeutung. Ein Kernpunkt der Studie der Sozialwissenschafter ist jener, die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen in ein Schema einzuordnen, dass deren Umgang mit der Situation darstellt. Wie gehen von Arbeitslosigkeit betroffene Menschen mit diesem Umstand um? Das letztlich gar nicht so überraschende Ergebnis in diesem Kontext: Die meisten Menschen sind resigniert (fast die Hälfte!), ein Viertel apathisch, 16 % ungebrochen und 11 % verzweifelt. Im Klartext heißt das, dass in etwa drei Viertel der Arbeitslosen von Marienthal ihr Schicksal „akzeptiert“ hat und nicht mehr viel vom Leben erwartet. Eher positiv zu sehen ist wohl, dass nur jeder neunte Betroffene tatsächlich verzweifelt ist. Und 16 % ungebrochene Menschen ist ein gar nicht so geringer Wert.

 

Nun, und was lässt sich aus diesem Ergebnis ableiten? Freilich, es war eine andere Zeit (20er Jahre des 20. Jahrhunderts), und es geht um Arbeitslosigkeit in epochalem Ausmaß. Dennoch bin ich der Auffassung, dass die Kategorisierung in diese vier Gruppen bis heute nichts an Bedeutung verloren hat. Wobei ich soweit gehe und behaupte, diese Kategorisierung lässt sich nicht allein an von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen festmachen. Ebenso sind die in Erwerbsarbeit stehenden Menschen einzuordnen. Zwar mag es eindimensional sein, Menschen in Grundhaltungen zu unterteilen, andererseits lassen sich von diesen Grundhaltungen ausgehend ja ganze Lebensläufe mit allerlei Verästelungen festmachen.

Angesichts einer Erwerbsarbeitswelt, die immer mehr Menschen zu Billiglöhnen verurteilt und nicht selten Menschenrechte verletzt, mag es gar nicht so von der Hand zu weisen sein, dass die meisten in Erwerbsarbeit stehenden eine resignierende Grundhaltung haben. Sie erwarten nicht mehr allzu viel vom „Erwerbsarbeitsleben“, wurschteln sich halt irgendwie weiter, ohne sich große Gedanken über die Sinnhaftigkeit dieses Unternehmens zu machen. Die Gruppe der apathischen Arbeiter und Angestellten, die sich ohne zu murren mit ihrem Schicksal abgefunden haben ist sicher auch nicht klein. Verzweifelte, die von Mobbing, totaler Über- oder Unterforderung betroffen sind, gibt es sicher nicht wenige. Und die Ungebrochenen, die danach streben, ihre Situation zu verbessern und das beste aus ihrem (Erwerbsarbeits)leben machen wollen sind so etwas wie das Salz in der Suppe einer die Erwerbsarbeit als Götzen verehrenden Gesellschaft.

 

Es verwunderte mich übrigens nicht, dass die meisten weiblichen Arbeitslosen von Marienthal mit der neuen Situation viel besser und konstruktiver umgehen konnten als die  Männer. Zum Einen, weil sie sich nicht ausschließlich mit der Erwerbsarbeit identifizieren, zum Anderen, weil sie mit Kindererziehung und Haushalt Aufgaben haben, die sie in Schwung halten.

 

Kurz und gut: Die Arbeitslosen von Marienthal sind deswegen so heutig, weil mittlerweile die Strukturen der Arbeitsgesellschaft derartig merkwürdige Ausmaße angenommen haben (Profitmaximierung der Unternehmen, „Humankapital“ als jenseitiger Begriff mit allen entsprechenden Folgen), dass keineswegs nur Erwerbsarbeitslosigkeit ein Grund für Resignation, Apathie und im schlimmsten Fall Verzweiflung sein muss. Die Erwerbstätigen sind davon genau so betroffen, allein schon wegen des Drucks, nicht bald selbst zum Heer der Erwerbsarbeitslosen gehören zu wollen.

 

Doch es gibt eine positive Botschaft, die aus der lesenswerten Studie der Arbeitslosen von Marienthal entnommen werden kann: Bleib dir selbst treu, vertraue deinen Fähigkeiten und Qualitäten. Lass dich nicht unterkriegen! Erwerbsarbeitslosigkeit kann eine Chance sein, dich neu zu orientieren.

 

Die Erwerbsarbeitswelt hat sich seit der Studie der Arbeitslosen von Marienthal radikal geändert. Aber wir später geborenen sollten uns diese Studie vor Augen führen, wenn wieder mal Arbeitslosenzahlen verniedlicht werden. Sehr viele Menschen in Österreich haben ein so niedriges Einkommen, dass sie davon kaum ihre Existenz zu bestreiten vermögen. Das sollte uns zu denken geben. Erwerbsarbeit ist nicht gleich Erwerbsarbeit. Erwerbsarbeit, die in die Armut oder darüber hinaus führt darf nicht sein. Ungebrochenheit ist die einzige Chance, dem Leben konstruktiv zu begegnen. Ganz egal, ob erwerbsarbeitslos oder erwerbstätig. Weil es unser Leben ist und das Leben nicht nur aus Erwerbsarbeit oder der Suche danach besteht.

 

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Di

15

Mär

2011

Bücher als Dutzendware

Die Zeiten meines Bücherverschlingens sind vorbei. Tägliche Fressattacken, die dazu führen, dass die Anzahl konsumierter Bücher im Jahresschnitt im dreistelligen Bereich liegen, gehören definitiv der Vergangenheit an. Doch nie bin ich der Versuchung erlegen, Bücher wie Konsumgüter zu behandeln und bei Sonderangeboten zuzugreifen, feilgebotene Bücher kiloweise nach Hause zu bringen. Allerdings weiß ich noch wie gestern, als ein Schulkollege und ich hochgeistige Literatur zu schnabulieren vorhatten und Buchhandlungen heimsuchten, auf dass der intellektuellen Begierde nachgegeben werden konnte.

 

Jahr für Jahr drängen zehntausende neue Bücher auf den Markt. Es ist eine unmögliche Kunst, bei diesem Angebot den Überblick zu behalten. Ich halte im Vergleich zu früher eher Bücherdiät und konzentriere mich auf wenige Autor/innen und Interessensgebiete. Natürlich lacht mich immer wieder mal ein Buch an, flüstert mir zu: „Nimm mich, denn vielleicht könnte ich dein Leben verändern!“ Die Botschaft vernehme ich wohl, doch nur in Ausnahmefällen gebe ich nach.

 

Der Besitz von Büchern als Statussymbol ist eine unmögliche Vorstellung. Ich verfüge auch über kein „Regal ungelesener Bücher“, angeblich ein gar nicht so seltenes Phänomen. Wenn ich mir ein Buch zulege, dann will ich es definitiv früher oder später lesen. Nicht immer fällt es leicht, dieses Vorhaben komplikationslos durchzuführen. Allerlei Faktoren können bedingen, dass der Lesefortschritt gefährdet ist. Doch am Ende ist es stets äußerst erfreulich, wenn ich das Unmögliche möglich gemacht und etwa den zweiten Teil der Kafka-Biographie von Reiner Stach bewältigt habe. Bücher der Unterhaltung wegen zu „konsumieren“ kommt für mich nicht in Frage. Ein Buch sehe ich nicht als Produkt, das benutzt wird, um danach in irgendeinem Regal oder sonst wo zu verstauben. Ich verbinde Erinnerungen, Gedanken, Emotionen, Ereignisse, Erfahrungen mit Büchern. Jedes Buch schmeckt anders, riecht anders, fühlt sich anders an. In wenigen Fällen war nach nur wenigen Seiten klar, dass ein Buch ungenießbar ist. Da musste ich leichten Herzens die Lektüre beenden. In anderen Fällen hat ein Buch einen derartigen Sog entwickelt, das ich es unbedingt nochmals lesen musste. Im Falle der „New York Trilogie“ von Paul Auster sogar zusätzlich im Original.

 

Bücher als Wirtschaftsfaktor, als Konsumgut zu sehen, kann für den Bücherliebhaber nur zweitrangig sein. Entscheidend ist der persönliche Bezug zum Roman, zum Sachbuch, zu den Erzählungen, zu den Essays, zu den komischen Geschichten. Nicht die Quantität ist entscheidend, sondern die Qualität der Bücher für einen selbst.

 

Ein Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

 

Wie wahr, wie wahr! Ein Buch kann soviel bewirken, im Leser auslösen, in manchen Fällen sogar heilen. Eine ganze Welt kann vor einem erstehen oder ins Wanken geraten. Die überdimensionalen Buchhandlungen verdecken diesen persönlichen, individuellen, besonderen Eindruck. Bücher springen einem buchstäblich entgegen, sind zur Ware in einem Supermarkt degradiert. Ein Buch darf nie zu einem Produkt verkommen, und wenn doch, dann sollte es wie eigentlich alle Konsumprodukte genauestens begutachtet werden, bevor es sich zur Verzehrung eignet. Dagegen haben sicher auch die Autorinnen und Autoren nichts.

 

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Fr

25

Feb

2011

Ein Leben in Briefen

Manchmal kann ein Buch tatsächlich die Axt für das gefrorene Meer in uns sein. Reiner Stach bringt uns mit dieser erstaunlichen Biographie der letzten Jahre von Franz Kafka ganz nahe an diesen außergewöhnlichen Menschen heran. Ja, ich schreibe Mensch, nicht nur Autor. Denn was nunmehr selbst mir als langjährigen Bewunderer des literarischen Universums von Kafka an Neuigkeiten vermittelt wurde, hat mir seitenweise buchstäblich die Sprache verschlagen.

 

Es gab Zeiten, wo sich Franz Kafka nicht als Autor fühlte. Er, der mit der Literatur verwachsen schien, hatte jahrelang nicht geschrieben, und war dann zur Erkenntnis gelangt, dass er vielleicht ein Schreiber, nicht jedoch ein Autor sei. Natürlich wusste er, dass auch ein nichtschreibender Autor immer noch ein Autor ist. Doch ein nichtschreibender Autor, der sich mit philosophischen Fragen beschäftigt, ist mutmaßlich nach außen hin nur ein Beamter. Franz Kafka hatte immer wieder Krisen zu überstehen. Er war existentiell bedroht in seinen letzten Jahren, physisch und psychisch. Und seine letzten Tage hat der Biograph Reiner Stach so einprägsam geschildert, dass ich mich im Sterbezimmer des Autors Franz Kafka wiederfand. So nahe ging mir wohl noch nie die Schilderung eines Lebens bis zur Vollendung hin.

 

Voraussetzung für die detailreiche biographische Umsetzung des Lebens von Franz Kafka  ist die unglaubliche Schreiblust des Autors aus Prag. Das literarische Werk mag nur aus drei „unvollendeten“ Romanen und zahlreichen Erzählungen und Prosastücken bestehen. Doch die Tagebücher und insbesondere die Briefe zeigen Franz Kafka derart konkret, dass daraus fast sein gesamtes Leben der letzten Jahre rekonstruiert werden kann. Zeitzeugenberichte schließen freilich hie und da kleine Lücken. Kafka hatte keinen PC zur Verfügung, Kafka verwendete nur selten eine Schreibmaschine. Kafka schrieb mit ungehemmter Inbrunst mit der Hand. Er teilte sich fast täglich seinen Mitmenschen, insbesondere seinen Freunden und Verlobten mit. Und für sich selbst versuchte er die interessantesten, wunderbarsten und schrecklichsten Momente aufzuschreiben.

 

Dieser innere Antrieb, tausende von Briefen zu schreiben, ist vielleicht einzigartig in der Literaturgeschichte. Es gab auch andere Autoren, die sehr viele Briefe geschrieben haben, doch höchstwahrscheinlich keinen, der sein Leben wie ein Mosaik vor sich sah, das nicht und nicht fertig gestellt werden konnte. Franz Kafka hat immer ein Steinchen gefehlt. Er hat sich nie mit dem zufrieden gegeben, was er vor sich gesehen hat. Und daraus hat er seine Kräfte gebündelt, nach dem Unmöglichen zu streben. Das Normalste war ihm unmöglich, weil er es gar nicht definieren konnte oder wollte. Einen Tag vor seinem Tod schrieb er noch einen Brief an die Eltern. Am 3. Juni 1924 starb Franz Kafka und ist seitdem ein Mysterium. Ein Leben in Briefen, ein Leben, das aus unzähligen schriftlichen Hinterlassenschaften besteht: Das war Franz Kafka. Sein Leben verlief im Schatten der Literatur. Aus seinen Briefen atmete sein Leben, das ihm die Literatur immer wieder zu einem Horrortrip machte.

 

Er glaubte, auf allen Linien versagt zu haben. Doch in Wirklichkeit ist ihm mehr gelungen, als er zu träumen gewagt hätte. Seine hohen Ansprüche an sich selbst haben ihn in die Knie gezwungen. Wer diese Biographie liest, wird Teil eines Lebensentwurfes, der ganz der Literatur gewidmet war. Und leider Gottes blieb es – weitgehend – ein Entwurf. Er hätte es nicht fast ausschließlich buchstäblich beschreiben sollen. In seinen letzten Monaten könnte es ihm gelungen sein. Seine letzte Liebe, Dora Diamant, hat in sein Herz gesehen, und das bestand nicht nur aus Buchstaben.

 

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Di

08

Feb

2011

Literarische Analysen

Eines der Prunkstücke der Jandl-Ausstellung in Wien ist ein Brief des Autors an ein 12-jähriges Mädchen. Das Mädchen verstand die Intention eines Gedichtes von Jandl nicht, und schrieb ihn im Namen ihrer ganzen Klasse an, dass er für Aufklärung sorgen möge. Es mag eine Überraschung für das Mädchen gewesen sein, dass es tatsächlich Antwort erhielt. Ernst Jandl erklärte ihm die Hintergründe des Gedichts, das die ganze Menschheitsgeschichte in sich zu vereinigen scheint. Ich will jetzt in keinster Weise auf dieses Gedicht eingehen, und eine literarische Analyse liegt mir fern. Interessant ist aber doch, dass Ernst Jandl einem kleinen Mädchen die „Wahrheit“ hinter dem Gedicht zu erklären bereit war.

 

Das eigene Schreiben, die eigene Literatur zu erklären oder gar zu analysieren ist ein Ding der Unmöglichkeit. Im schlechtesten Falle mag sie berechnend sein, im besten Falle voller Überraschungen. Ich finde es rührend, dass Ernst Jandl, der ja auch als Deutsch- und Englischlehrer fungierte, einem anfragenden Mädchen ein Gedicht zu interpretieren suchte. Vielleicht blieb das einmalig, vielleicht war es die Regel. Interessant wäre es zu wissen, ob Jandl das Gedicht objektiv erklärte oder aber schon während des Schreibens wusste, wohin denn die Reise gehen mochte. Wenn ich mich als „Literaturexperte“ bezeichne, so hat das nichts damit zu tun, dass ich glaube, Literatur analysieren zu können. Ich kann schlechte von guten Texten unterscheiden, doch das ist es auch schon. Der „Literaturexperte“ bezieht sich vielmehr auf meine spezifische Beziehung zu literarischen Texten. Lesen ist für mich so selbstverständlich wie Atmen. That´s it!

 

Vor einigen Jahren habe ich den Versuch gewagt, eigene Texte zu analysieren. Ich versuchte allen Ernstes, die Tragik, das Weltbild, die inneren Erkenntnisse herauszudestillieren. Literatur als Fingerzeig auf die Charakteristik des Autors. Natürlich musste ich damit scheitern. Diese Mischung aus Werkanalyse und direktem Bezug auf mich ist ein Kuriosum. Tatsächliche Erklärungen der Hintergründigkeiten können Autoren zwar großartig nach außen projizieren, sind jedoch in ihrer Selbsterklärung halbwissenschaftlicher Unfug. Das Thema ist manchmal hervorstechend, oft sind autobiographische Elemente eindeutig, aber sonst?

Ernst Jandl hat sich nicht in den Spiegel gesehen und dann seine Interpretation dem Mädchen in Briefform zugeschickt. Er hat dem Kind die Metaphern erklärt und daraus eine eigene Geschichte konzipiert, die fast spannender ist als das Gedicht selbst. Eine ungewöhnliche Angelegenheit, die mich daran erinnert hat, dass ich seinerzeit mit einer persönlichen literarischen Analyse scheitern musste. Mich freut es immer ganz besonders, wenn Leser/innen meine Texte interpretieren, ihre Meinungen bekanntgeben. Egal ob positiv oder negativ. Denn meine Texte sind, kaum veröffentlicht, Allgemeingut. Jede/r Leser/in kann damit umgehen, wie er/sie mag. Und dann kann ich es mir sogar erlauben, selbst den einen oder anderen Text von mir als nicht gelungen zu bezeichnen. Der Abstand ermöglicht mir eine literarische Analyse abseits von der Einschränkung persönlicher Eingenommenheit.

Kann gut sein, dass es bei Jandl so gewesen ist.

 

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Mi

19

Jan

2011

Alt und jung

Haben Autoren irgendwann ihren Horizont überschritten? Dostojewski schrieb Die Brüder Karamasoff  im Alter von 60 Jahren. Sein Alterswerk? Er hatte noch viel vor. Wollte einen zweiten Teil der Brüder Karamasoff schreiben. Doch dazu kam es nicht, weil er gestorben ist. Und wie war das bei Kafka? Er las noch an seinem Todestag eine Geschichte, um sie zu korrigieren. Wie viel muss er noch vorgehabt haben…

 

Wann könnte ein Autor seinen Horizont überschreiten, mit sich selbst zufrieden sein? Ich schreibe, also bin ich. Aber wie lange geht das gut, sich selbst zu schreiben? Bleibt der Autor nicht irgendwann sich selbst überlassen und kann nicht mehr weiter? Hat er nicht irgendwann genug? In seiner Jugend mag er mit viel Elan schreiben, und glaubt womöglich, die Welt aus den Angeln zu heben. Doch alles hat Grenzen, auch das Schreiben.

 

Ordne ich mich selbst als Autor ein, dann sehe ich mich als Minimalisten. Ich habe nicht vor, DEN großen Roman zu schreiben. Nicht, weil ich es mir nicht zutraue, sondern weil ich dafür noch nicht bereit bin. Ein großer Roman lässt sich zudem nicht einfach so schreiben. Von berühmten Autoren bleiben meist nur ein oder zwei Werke in Erinnerung. Ich denke an Handke und Wunschloses Unglück. Das war Handkes Erstlingswerk. Es sagt mir mehr zu als alle Romane, die er später geschrieben hat. Jugend schützt vor Meisterwerken nicht. Vielleicht habe ich auch ein solches verfasst und weiß es nur selbst nicht. Überhaupt ist es nicht Aufgabe des Autors, sich selbst zu beurteilen. Er kann daran nur scheitern. Aber er kann sein Schreiben einschätzen, dazu sollte er schon in der Lage sein. Und darum schreibe ich so leichthin, dass ich mich als Minimalisten sehe. Lyrik, Kurzprosa, Erzählungen, Theaterstücke, Essays. Einige Romane habe ich bislang geschrieben, natürlich. Als Kurzromane würde ich sie bezeichnen. Längere Geschichten, die durchaus etwas zu sagen haben.

 

Zwanzig Jahre literarisches Schreiben gehen an keinem Autor spurlos vorbei. Das Blättern in alten Manuskripten kann da schon spannend sein. Damals war ich blutjung, jetzt bin ich älter und irgendwann werde ich, wenn es mir bestimmt ist, alt sein. Dann möchte ich auf mein Schreiben mit Freude zurückblicken. Ich werde mir in den Spiegel schauen können und jenen Menschen sehen, der ich mal war. Alt und jung werden einander treffen. Das wird mir gut tun, egal was auch immer ich als Autor erreicht oder nicht erreicht haben werde.

 

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Mi

29

Dez

2010

Monk

Die letzte Episode der Serie „Monk“ hat mir nicht wirklich behagt. Acht Saisonen lang habe ich mich mit dieser Serie auseinander gesetzt, die neben „Six feet under“ zu den besten amerikanischen Serien der Nuller-Jahre zählen mag. Und dann diese letzte Episode, die „Monk“ endlich Klarheit über den Tod seiner Frau Trudy gibt. Einen gemeinen Giftanschlag hat er auch überlebt und neben einer kurzen Zusammenfassung seines Lebens abseits von einem geregelten Polizei-Alltag bietet die letzte Folge als „krönenden“ Abschluss die offensichtliche Rückkehr als vollwertiger Polizist in seine Dienststelle. Sind die Zwangsneurosen bald wie weggewischt? Wird er nie wieder Probleme mit seinen Phobien haben? Ist er durch die Aufklärung seines wichtigsten Falles in der Position, sein Leben von vorne beginnen zu können?

 

Drehbücher sind immer so eine Sache. Im Falle der Serie „Monk“ bieten die diversen DVD-Boxen ein wenig Einblick in die Arbeit der Drehbuchautoren. Tatsächlich haben mehrere Drehbuchautoren an der Serie gearbeitet. Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Einzelne Autoren hätten möglicherweise  nicht den dauerhaften Erfolg der Serie garantiert. Die Qualität insbesondere der ersten vier Staffeln kann nur als fantastisch bezeichnet werden. Doch die letzte Staffel hat zu sehr darauf Augenmerk genommen, Adrian Monk als Menschen zu zeigen, der mit seinen „Geistern der Vergangenheit“ konfrontiert wird,  und schließlich sozusagen den Kampf gewinnt. Freilich ist es legitim, eine dermaßen erfolgreiche Serie in aller Ruhe ausklingen zu lassen, keine Sensationen einzubauen. Adrian Monk ist also wieder der „normale“ Kriminalist und wird als Teil eines Teams arbeiten.

 

Nicht, dass ich dieses Ende anders hätte schreiben wollen oder können. Aber „Monk“ wurde jahrelang von mehreren Autoren geschrieben, die dann auch über den Verlauf der Serie abgestimmt haben. Konnte wirklich keine bessere Alternative gefunden werden als dieses buchstäbliche – oh ja – kitschige Ende? Die vorletzte Episode hat mich begeistert, mir sehr viel Spannung für das große Finale versprochen. Doch dann spinnen sich die Fäden irgendwie zusammen, alles wird klar, und „Monk“ ist also Geschichte.

 

Vielleicht wäre es besser gewesen, die Serie – wie etwa auch „Six feet under“ – nach fünf Staffeln zu beenden. Möglicherweise konnten sich die Drehbuchautoren zu sehr zurücklehnen und auf den Lorbeeren ausruhen, die sie in den ersten vier Staffeln geerntet hatten. Mir wird „Monk“ fehlen, ich werde mir gerne immer wieder mal meine Lieblingsfolgen anschauen. Dennoch bleibt ein bitterer Nachgeschmack zurück. Die Figur „Monk“ wurde zu eindeutig, zu selbstverständlich wieder in den Polizeialltag integriert. Das ist nicht nur wenig glaubwürdig, sondern schlicht zu glatt.

 

Und dass die Drehbuchautoren viel drauf haben lässt sich vergleichend auch daraus ersehen, wenn ein einzelner Autor sich an die Figur „Monk“ heranwagt. Die „Monk“-Romane reichen nicht an die Serie heran. Wobei sich dieser qualitative Abstand in Zusammenhang zur letzten Staffel deutlich verringert hat.

 

 

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Fr

10

Dez

2010

Was wir hätten sein können

Roger Willemsen hat mich schon einige Male zum Nachdenken gebracht. Er stellt sich gerne sogar im Rahmen von Interviews die selbstreflexive Frage: Was hätte ich sein können? Das lässt sich natürlich weiter denken, über alle Grenzen hinausgehend. Roger Willemsen wurde bei seinen zahlreichen Reisen immer wieder auf sich selbst zurück geworfen, stellte sich in Frage. Warum nicht dort bleiben, auf diesem Stein sitzend beispielsweise? Zwei Stunden, drei Stunden, für immer? Was könnte passieren, wenn ich mich ganz anders definiere? An einem anderen Ort, in einer anderen Umgebung, in einer anderen Gesellschaft, kurzum unter völlig anderen Vorzeichen als gewohnt?

 

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt, seinen eigenen Gedanken, seinen eigenen Vorstellungen. Wenn er diese eigene Welt in Frage stellt, einfach andere Bedingungen schafft, ist er dann ein anderer?

Wie wir hätten sein können, was wir sein wollen. Und wenn wir aber sind, wonach wir gestrebt haben, sind wir nicht mehr jene, die den Ausgangspunkt dieses Strebens setzten und somit wieder nicht, was so erstrebenswert war. Das formulierte sinngemäß Kierkegaard. Wir werden Andere, ändern uns, und bleiben doch im besten Fall uns selbst treu. Entwicklung ist Veränderung, sodass die selbstreflexive Frage nicht unsere Wunschvorstellungen vorweg nimmt. Vielmehr geht es um innere Einkehr, Ausschalten der Eindimensionalität. Leben ist mehr als bloß Streben nach was auch immer. Leben ist der Wunsch nach Sein, nach Gegenwart, nach Einheit, nach innerer Balance, nach Verbundenheit.

 

Unter völlig anderen Bedingungen irgendwo anders auf der Welt hätten wir uns den Wunsch nach Sein, nach Gegenwart, nach Einheit, nach innerer Balance, nach Verbundenheit vielleicht eher erfüllen können. Doch darum geht es Willemsen wahrscheinlich nicht. Aber er bringt mich immer wieder zum Nachdenken, wenn er sich selbstreflexiv in Frage stellt. 

 

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Di

30

Nov

2010

Tagebücher

Franz Kafka habe ich durch seine Tagebücher erst so richtig kennen gelernt. Stellt sich natürlich die Frage, ob er damit einverstanden wäre, dass seine Tagebücher veröffentlicht wurden? Von Max Frisch ist bekannt, dass er seine Tagebücher sogar in Hinblick auf mögliche Veröffentlichungen geschrieben hat. Dadurch ergeben sich gar keine so großen Unterschiede zwischen seinen Werken und seinen Tagebuchaufzeichnungen. Bei Franz Kafka ist es anders: Seine Werke sind nur ein kleiner Ausschnitt seiner „inneren Wahrheiten“. Er war leidenschaftlicher Tagebuchschreiber, beobachtete seine Umwelt ganz genau, schrieb scheinbare Kleinigkeiten auf, die ihm das Leben erträglicher machen mochten. Franz Kafka war nicht der weltabgewandte, vergeistigte, auf das Schreiben reduzierte seltsame Mann mit unheimlichen Eigenschaften, als der er gerne von wem auch immer hingestellt wird. Er war humorvoll, empathisch, ein sehr guter Zuhörer, Vegetarier, kein Bewegungsmuffel, reiselustig, bescheiden. Das mögen nur Charakterzüge sein, doch damit will ich der Einseitigkeit Einhalt gebieten, die ihn auf den einsamen Asketen reduzieren. Wer Biographien, Briefe und Zeitzeugenberichte kennt, weiß ohnehin Bescheid.

 

Überhaupt bin ich der Auffassung, dass Tagebücher den Kern eines Menschen am ehesten offen legen. Außer der Tagebuchschreiber hat gar nicht die Absicht, das eigene Leben zu reflektieren. Vor einigen Jahren habe ich mich entschieden, ein sogenanntes „Webtagebuch“ anzulegen und es regelmäßig mit Beiträgen aufzufüllen. Fünf Jahre lang setzte ich Erfahrungen, Erkenntnisse, Vorstellungen und Reflexionen in den Fokus, die nicht nur mein Leben, sondern überhaupt die ganze Welt einbezogen. Davon habe ich mich verabschiedet, als ich meinen Autorenauftritt im weltweiten Netz generierte. Mein Notizblog soll dazu dienen, mich als Autor, Leser und Literaturexperten kennen zu lernen. Das allein ist ja schon ein weites Feld. Grenzen gibt es keine. Zudem habe ich die Kommentarfunktion ausgeschaltet, weil ich der Ansicht bin, dass ein „literarisches Tagebuch“ für sich selbst spricht. Wer bereit ist, sich mit dem Autor einzulassen, kann sich ja an ihn wenden. Der im weltweiten Netz verbreitete Unfug, auf alles und jedes noch so winzige Artikelchen seinen Senf dazu geben zu können, wird also von mir hintan gehalten. Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn Leserinnen und Leser auf die Tagebucheinträge von Franz Kafka anno dazumal mit Kommentaren hätten reagieren können. Er wäre vielleicht von einer Lawine unzähliger gut oder schlecht gemeinter Reaktionen überschüttet worden, und ich befürchte, dass er sich dann noch mehr zurückgezogen hätte. So sehr ich soziale Netzwerke (nicht alle, aber einige) schätze, so sehr ist jeder Netzwerker dazu aufgerufen, persönliche Grenzen zu setzen. Das Hinausschreien jedes Lebensdetails enträtselt die eigene Existenz bis zur totalen Entblößung. Und das kann ja wohl nicht das Ziel eines Tagebuchs, eines „Gesichtsbuches“ sein?

 

Somit kann mein Webtagebuch durchaus als „klassische Version“ eines Tagebuches verstanden werden. Und davon werde ich auch nicht abgehen. Inklusive von Brüchen, Bruchstellen, Eigenarten, Hemmschwellen. Es muss nicht jeder Tag in seine Bestandteile zerlegt werden. Es reicht schon, auf die Besonderheiten des Lebens zu reagieren, die literarische Welt in Augenschein zu nehmen. Wenn das jeden Tag stattfindet, ergibt sich eine Alltäglichkeit, die irgendwann zwangsläufig Langeweile seitens der Leserschaft hervorrufen muss. Alle paar Wochen ein Eintrag, in besonderen Fällen mit kürzeren Intervallen, in anderen Fällen mit deutlich längeren Intervallen. Das ist Leben in Wellenbewegungen und nachvollziehbar. Franz Kafka ließ manchmal Monate vergehen, bis er wieder einen Eintrag in sein Tagebuch gemacht hat. Das könnte mir auch passieren, doch keine Sorge, liebe Leserin, lieber Leser, ich versuche selbst das extremste Wellental durch Schreiben von Tagebucheinträgen zu beruhigen.

 

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Mo

15

Nov

2010

Du Künstler!

In letzter Zeit hatte ich zwei Erlebnisse, die mir – wieder mal – verdeutlicht haben, wie möglicherweise von vielen Menschen Kunst bewertet wird.

 

Auf der Kärntner Straße gab es eine Theaterperformance. Eine Eigenheit der Schauspieler war das „Festfrieren“ von Bewegungen, also künstlerischer Stillstand. Dies nahm ein älterer Augenzeuge zum Anlass, Schimpfkanonaden loszulassen und als letzte Steigerung Du Künstler! zu schreien. Die Begriffe Idiot, Trottel, was auch immer, erfahren mit der Bezeichnung Künstler einen herablassenden Endpunkt. Das erinnerte mich auch an eine alte Frau, die seinerzeit Christoph Schlingensief als Künstler zu diffamieren glaubte.

 

Ich wartete ein Sachbuch lesend auf die Straßenbahn beim Schottentor. Da kam ein Mann mittleren Alters auf mich zu und sprach mich mit den Worten an: „Du bist jo total deppert, liest a Buach! Des gibt’s jo ned!“ Er verfolgte mich noch ein Weilchen nicht nur mit Worten, sondern schweren Fußes, bis sein Auftritt endlich Geschichte war. Bücher werden von sehr vielen Menschen nie gelesen, ja nicht einmal wahrgenommen. Wer also ein Buch liest, gilt schon als „verdächtige Person“. Verrückt? Oder nicht doch ein Zeichen der Zeit, wo es nur mehr darum geht, dass die Menschen der Leistungsgesellschaft funktionieren?

 

Diese beiden Erfahrungen waren für mich keine Überraschungen. Es war der Zusammenprall von Kunst mit Nicht-Publikum. Kunst wird gern unter den Teppich gekehrt, nur der Staatskünstler oder Megaerfolgreiche wird von der Politik wahrgenommen. Künstler werden mehrheitlich gemacht, für irgendwelche Zwecke instrumentalisiert, in Fällen von Erfolg oft zum Abziehbild ihrer selbst. Doch die Menschen da draußen nehmen ihre Umwelt – oder konstruktivistisch geschrieben ihre Welt – nur marginal wahr. Da gibt es keine Nuancen, Feinabstimmungen, Details, Besonderheiten. Nicht, dass ich die Wohlstandsbürger allesamt in die berühmte Schublade stecken will, doch es ist nicht übertrieben, von einer Mehrheit oder zumindest keiner Minderheit zu sprechen, die sich in einer Welt einsperrt, wo es nur klare Abgrenzungen zu geben hat. Menschen werden schnell in spezifische Klassen unterteilt, und es gibt in diesem einfachen Raster nicht mal Ausnahmen von der Regel. Also, Künstler sind allgemein fragwürdige Existenzen und das Lesen von Büchern ist allgemein ein sinnloses Vergeuden von Zeit.

 

Das Einschwören auf einfache Rezepte wird dem Leben jedes einzelnen Menschen nicht gerecht. Wie langweilig wäre es, wenn es die Vielfalt nicht gäbe! Vielfalt der Kulturen, künstlerischer Ausdrucksformen, Identitäten, Charakterprofile. Jeder Mensch ist eine Welt für sich und all jene, die Künstler diffamieren und/oder vor Büchern Abstand nehmen, als wären es giftige Pilze,  haben noch nicht die Erkenntnis gewonnen, welchen Stellenwert sie selbst auf dieser Welt haben (könnten). Einfache Parolen nachzuplappern (außer es handelt sich um eine künstlerische Performance) ist der beste Weg, die eigene Identität in fremde Hände zu geben und mögliche Selbstreflexion mit innerer Isolation zu tauschen.

 

Künstlerische Betätigungen können den Menschen Spiegel vorhalten. Und jene Zeitgenossen, die nicht gerne in Spiegel sehen, beschimpfen und erniedrigen sich im Endeffekt nur selbst.

 

 

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Sa

23

Okt

2010

Klaus Wagenbach

Klaus Wagenbach taucht nicht ohne Grund mehrmals in meinem Notizblog auf. Er hat eine wunderbare Jugendbiographie über Franz Kafka geschrieben, ich war Zeuge einer unvergesslichen Veranstaltung, zu der er eingeladen wurde. Also, ich bin offenbar hingerissen, kann das sein? Oh ja, es kann. Verleger wie Klaus Wagenbach sind selten geworden. Politisch Stellung zu beziehen, in gesellschaftskritischen Dingen Tacheles zu reden, seinen Autorinnen und Autoren auch innerlich verbunden zu sein, das können wohl die wenigsten VerlegerInnen auf ihre Fahnen heften. Seine zahlreichen Wortmeldungen, die im Laufe von Jahrzehnten entstanden sind, würden wahrscheinlich mehrere dickbäuchige Bücher ergeben. Dagegen mögen sich die nunmehr veröffentlichten Erinnerungsbilder in Grenzen halten, doch gerade das ist die Meisterschaft des geschriebenen Wortes. Nicht irgendein kaum tragfähiges Konvolut auf den Markt zu schmeißen, das unverständlicherweise hohe Verkaufszahlen erzielt, sondern kürzere und längere Essays, die zusammengenommen ein ganzes Leben erzählen.

 

Zugegebenermaßen kann ich die politischen Hintergründigkeiten nicht immer nachvollziehen. Aber für mich besonders interessant sind die Kapitel, wo es um Franz Kafka und um das Verlagswesen an sich geht. Entgegen meiner sonstigen Vorliebe will ich diesmal Franz Kafka außen vor lassen und mich auf das Verlagswesen fokussieren. Denn was Klaus Wagenbach darüber zu erzählen hat, lässt der Leserin und dem Leser möglicherweise den Atem stocken. Das Risiko, mit einem Verlag eine Bruchlandung hinzulegen, ist so groß wie in kaum einer anderen Branche. Jetzt sowieso, wo viele Verlage entweder von Verlagskonzernen aufgekauft werden oder früher oder später in der Versenkung verschwinden. Mit Büchern lassen sich keine Riesengewinne erzielen, außer es geht um sehr hohe Auflagen. Das Medium Buch ist eine Ware, nicht mehr. Klaus Wagenbuch ist sich dessen bewusst, dass das Cover extrem wichtig für die Ware Buch ist, auch wenn er diesem Warencharakter nicht viel abgewinnen kann. Ihm wurde von mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen abgeraten, einen Verlag aufzubauen. Die Ratschläge waren gut gemeint, brachten ihn aber nicht davon ab, gegen Windmühlen zu kämpfen.

 

Klaus Wagenbach macht gegen die Verlagskonzerne mobil, ohne großartig Namen zu nennen. Er erzählt von „Verlegern“, die von irgendeinem Konzernchef angestellt sind, und jederzeit bei Misserfolg (Verkaufszahlen!) ausgetauscht werden können. Verlagskonzerne haben klare Hierarchien und jeder Verlag in diesem aufgeblasenen Apparat beschäftigt irgendeinen Verleger. Risiko für diese „Verleger“ besteht keines. Falls die Konzernpuzzleteile nicht auf der Erfolgswelle schwimmen, werden sie ausgetauscht, das ist alles. Genau so sehen auch die Bücher aus, die weitgehend vertrieben werden. Nichtssagend, austauschbar, langweilig. Gekauft werden sie, weil enorme Summen in das Marketing gesteckt werden. Sind das überhaupt Autoren und Autorinnen, die diese Bücher geschrieben haben? Ja, das sind sie, aber wer weiß schon, wie tiefgehend die Lektorinnen und Lektoren in die Texte eingegriffen haben? Abgesehen von der Grundidee bleibt da möglicherweise nicht viel Individuelles übrig.

 

Wer als Verlag auf Qualität setzt hat es schwer. Die meisten Menschen wollen unterhalten werden, haben keine Lust darauf, mit Problemen konfrontiert zu sein, die sie in Buchform bedrängen. Schrott wird in Massen gedruckt. Ein 300.000 Mal verkaufter Roman ist kein Qualitätsmerkmal. Es ist eher ein Wunder, sollte ein derartig „gern“ erworbenes Buch auch noch gut sein. Ja, das passiert manchmal, aber die Ausnahme bestätigt die Regel.

Klaus Wagenbach hat viel als Verleger erlebt. Soviel, dass er aus seinen Erinnerungen dickbäuchige, qualitativ hochwertige Bücher machen könnte. Aber das Dickbäuchige (Autobiographische!) folgt vielleicht noch. Zunächst einmal tut es gut, mit seiner Freiheit konfrontiert zu werden.

 

 

 

 

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Mi

06

Okt

2010

Jeder kann Autor sein

Jahr für Jahr überschwemmen hunderttausende neue Bücher den Markt. Bei diesen Massen drängt sich der Verdacht auf, dass jeder Autor sein kann, der es darauf anlegt. Hat das seine Berechtigung? Und warum gibt es nicht hunderttausende neue Filme, Aquarelle, Skulpturen und sonstige künstlerische Erzeugnisse? Nun ja, youtube bietet jedem User die Möglichkeit, noch so bekloppte Videos einem Publikum anzubieten. Umso bekloppter, umso größer die Chance, dass diese Videos auch tatsächlich aufgefunden werden. Wäre es anlässlich der Bücherschwemme nicht eine gute Idee, ein ähnliches Portal für Texte anzubieten? Sie werden es nicht glauben, aber so ein Portal gibt es und es nennt sich weltweites Netz, neudeutsch oder what ever Internet. Das weltweite Netz stellt wahrscheinlich Milliarden von Texten bereit, die miteinander in irgendeiner Form in Verbindung stehen. Videos in welcher Qualität auch immer gibt es mit Sicherheit weniger, nur nehmen sie halt unheimlich viel Speicherplatz weg.

 

Diese große Internet-Maschine wird täglich unheimlicher. Doch trotz dieser scheinbar massentauglichen Texte sind gedruckte Bücher nicht totzukriegen, mehr noch überschwemmen sie Jahr für Jahr den Markt. Und das finde ich gut, oh ja! Jeder kann Autor sein, jeder kann sich einbringen, auf welche Weise auch immer. Die Qualität der Texte und deren Verkäuflichkeit bestimmen ohnehin andere, da kann der einzelne Autor nur wenig dazu tun. Wer das Geld hat, schafft an und damit basta. Ohne großartiges Marketing kein kommerzieller Erfolg. Aber das ändert nichts daran, dass jeder Autor sein kann.

 

Verlagskonzerne hin, Buch als Ware her, entscheidend ist, dass es Menschen gibt, die dem Leben mittels Schreiben begegnen wollen und etwas zu sagen haben. Die Kostbarkeiten mögen oft zwischen viel Dreck stecken, aber nachstochern kann sich lohnen. Und selbst im weltweiten Netz sind ausgezeichnete Texte versteckt.

 

Jeder kann Autor sein, insbesondere im Internet. Fehlt nur noch der weltweite Zugang.

 

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Mi

29

Sep

2010

Vor der Kriminacht ist nach der Kriminacht

Die Kriminacht hat alle Stückeln gespielt. Gleich nach der am helllichten Mittag erfolgten Eröffnung ist mir auf dem Graben ein Protagonist begegnet, der als personifizierter Tod die Menschen mehr belustigte als schreckte. Und auf dem Weg zu den Niederungen der Stadt, also der Kanalisation, pfiff sich ein barfüßiger Mann mit Vollbart eins in der berühmtesten Straßenbahnlinie Wiens – eh klar – dem 71er. Die anderen Fahrgäste konfrontierte er nur wenige Sekunden mit seiner Kunst, mich aber, der ich mich innerlich auf meine beiden Lesungen vorzubereiten versuchte, nahm er mindestens zehn Minuten in Beschlag.

 

Es war nicht sein Begehr, mir mit seiner Pfeiferei Geld zu entlocken. Vielmehr wollte er mir offenbar irgendeine Botschaft übermitteln, die ich jedoch nicht decodieren konnte. Einmal deutete er auf seiner Stirn einen Vogel an, wobei ich freilich nicht weiß, ob er damit zum Ausdruck brachte, dass er sich selbst als Vogel fühlte oder aber mir die Gunst zugestand, ein armer Irrer zu sein.

 

Doch es blieb nicht bei der Kunstpfeiferei. Unvermittelt stellte er mir in Reimform Fragen, die ich nicht verstand. Er hantelte sich wie ein Dichter Worte aus der Luft holend vorwärts, erzählte mir von Gebäuden, an denen wir vorbeifuhren, erwähnte, wenn ich mich nicht verhört habe, sogar den Friedhof. Gerne hätte ich einen Zusammenhang gefunden, aber Orientierungsplan gab mir der Mann keinen in die Hand. Jedoch klopfte er mir kurz auf die Hand, ließ seinen Finger über einem Foto kreisen, das in meiner Zeitung nicht zum Leben erwachte.

 

Ein Mann, ein Wort! Er pfiff vor dem Aussteigen weiter sein Liedchen vor sich hin, und vielleicht ist er ja ein neuer Stammgast der Linie 71, den ich kennen lernte. Ich musste mich sammeln, neue Energien schöpfen. Schließlich standen mir zwei Lesungen bevor.

 

Die Kanalisation hat mich dann schnell in den Bann gezogen, und den Zuhörerinnen und Zuhörern kann es nicht anders ergangen sein. Unheimlich, das Ganze, und es verstand sich von selbst, dass ich den „dritten Mann“ hochleben ließ. Lesungen unter diesen Bedingungen erfordern ein wenig Überwindung, doch ich bezwang meinen Schatten, der sich zumindest während der zweiten Lesung unter mir ausgebreitet haben musste. Das Publikum zollte mir Applaus und die Befragung einiger Zuhörerinnen und Zuhörer ergab, dass ich trotz des unaufhörlich plätschernden Wien-Flusses verständlich vernommen werden konnte.

 

Zwei nette junge Damen folgten meiner Einladung, nach meinen Büchern zu fragen, und was gibt es Schöneres, als Anklang zu finden? Der barfüßige Mann fand mit mir einen – wenn auch etwas überforderten – Zuhörer, und ich habe zwei netten jungen Damen ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk beschert. Das Publikum lebe überhaupt hoch, auch jene Menschen, die schon vor dem Ende der Lesungen das Weite suchten, weil sie möglicherweise enttäuscht waren, dass ich nicht von toten Ratten im Wien-Fluss, sondern nur von einem Werwolf im Schafspelz, einem ehemaligen Fleischhauer mit Eierlikör-Affinität und einem sich selbst übertölpelnden Mörder erzählte.

 

Die Kriminacht verklang dann in einem verrauchten Ambiente, das ich als passionierter Nichtraucher nicht allzu lange genießen konnte. Ich war Teil einer illustren Gesellschaft, glücklicherweise haben die Seitenblicke nicht vorbeigeschaut. Ein Tag und eine Nacht, die mir viel zu denken geben und einigen Krimi-Stoff liefern könnten, wenn ich ihn denn verarbeiten wollte.

 

 

 

 

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So

12

Sep

2010

Meine größte Angst

Mein Gedichtband enthält unter anderem einen Text mit dem Titel „Meine größte Angst“. Es geht hierbei darum, dass es eine Horrorvorstellung ist, die Sprache zu verlieren. Mittlerweile sind diese Gedichte Schnee von gestern, zu viel Zeit ist seit der Entstehung verstrichen. Doch die Frage bleibt und ich stelle sie mir in etwas modifizierter Form immer wieder mal: Werde ich einst dem Schreiben zu Lebzeiten entgangen sein?

 

Aus heutiger Sicht ist es unvorstellbar, in noch so ferner Zukunft das Schreiben weitgehend abzustellen. Zu wichtig ist es mir, mich mit Hilfe der Sprache auszudrücken, eine Weiterentwicklung meines literarischen Schreibens anzustreben. Was vor über 20 Jahren begann, lässt sich nicht so einfach in die Garage stellen. Schreiben ist nicht nur literarische Betätigung oder das Verfassen von Blog-Beiträgen. Ich bin in Foren aktiv, produziere fast täglich Mails in alle möglichen Richtungen, und dann gibt es auch noch die sozialen Netzwerke. Das literarische Schreiben lässt sich freilich am allerwenigsten wegdenken.

 

Beim Prager Autorenfestival 2008 hat der Autor Günter Kunert aus seinem Buch „Der alte Mann spricht mit seiner Seele“ zur herrlichen Unterhaltung des versammelten Publikums vorgetragen. Ein Buch mit kurzen, prägnanten Texten. Die Eigenheiten, Gebrechlichkeiten, Wunderlichkeiten des Alters werden auf die Schippe genommen. Der Hang zur Selbstironie macht dieses Buch zu einer kleinen Kostbarkeit. Günter Kunert hat kürzlich seinen 81. Geburtstag gefeiert und ist nach wie vor literarisch aktiv. Bei literarischer Aktivität geht es nur bedingt darum, irgendeinen finanziellen „Erfolg“ einzuheimsen. Nur die wenigsten Autorinnen und Autoren können von ihrem Schaffen leben, das ist weithin bekannt. Aber die meisten Autorinnen und Autoren können nicht anders. Sie müssen schreiben, fühlen sich dem Schreiben verpflichtet.

 

Der Mensch ändert sich unmerklich, der Autor wohl ebenso, schließlich gehört er der menschlichen Spezies an. Was sich also in Zukunft ändern wird, sind die Projekte, die literarischen Formen, die Eigentümlichkeiten. Wenn ich einen Text lese, den ich vor über 20 Jahren verfasst habe, lese ich den Text eines mir heute fast fremden Autors. In 20 Jahren werde ich das wahrscheinlich über jene Texte meinen, die in letzter Zeit oder gerade gestern entstanden sind.

Das Schreiben ist – auch – ein sich selber entdecken und neu entdecken. Ich weiß nicht, was in 20 Jahren sein wird, das Leben wird sicher Überraschungen für mich bereit halten. Doch die Horrorvorstellung, je meine Sprache zu verlieren, habe ich nicht mehr. Sollte es doch passieren, weil es das Schicksal so will, dann werde ich mir selbst entledigt sein.

 

Ich schreibe, also bin ich. Das ist mein Leben, meine Form mich mitzuteilen. Sollte ich das schöne Alter von 80 Jahren erreichen wie Günter Kunert, dann wird sich mein Schreiben in eine ganz neue Richtung entwickelt haben. Ich glaube nicht, dass ich je dem Schreiben zu Lebzeiten entgangen sein werde. Doch es gibt nichts, das es nicht gibt. Eines meiner wichtigsten Lebensziele ist es, mir immer treu zu bleiben. Das Schreiben ausschalten wird nicht gehen. Ich bin darauf gespannt, wohin mich mein literarischer Lebensweg noch führen mag… 

 

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Sa

04

Sep

2010

Zum 40. Todestag von Jochen Rindt

Eines der ersten Bücher, die ich als Kind in meinem Elternhaus entdeckt habe, war jenes mittlerweile legendäre über Jochen Rindt. Ich habe darin wahrscheinlich sogar schon geblättert, ehe ich lesen konnte. Eine Unmenge von Fotos konnte ich staunend betrachten. Später habe ich mich dann genauer mit dem Buch auseinander gesetzt, immer wieder Passagen gelesen, Fotos angeschaut. Ich „kannte“ Jochen Rindt, obzwar ich einige Monate nach seinem Tod geboren worden bin. Der Mythos blieb mir nicht verborgen, und wenn ich die besten Formel 1 – Fahrer der Geschichte benennen soll, schreibe ich mit Fug und Recht:

Ayrton Senna, Fangio, Alain Prost, Niki Lauda und Jochen Rindt.

 

Jochen Rindt gewann gerade mal sechs Rennen in der Formel 1, immerhin 29 in der Formel 2. Die Bezeichnung „James Dean der Formel 1“ hat schon auch was für sich. Immer wieder wurde und wird davon erzählt, dass er wegen seiner Angst vor einem Feuerunfall nie vorschriftsmäßig angeschnallt war, weil er glaubte, im Fall des Falles dadurch schneller aus dem brennenden Wagen entkommen zu können. Genau das war eine Voraussetzung für seinen tödlichen Unfall. Ich habe mich mit keinem anderen Formel 1 Fahrer intensiver auseinander gesetzt. Und da spielt das Buch zweifellos eine entscheidende Rolle. Ich war fasziniert von einem Menschen, der posthum Weltmeister wurde. Jochen mit Lorbeerkranz ist ein Foto, das mich oft beschäftigt hat. Er hat die Lorbeeren geerntet und die Nachwelt hat einen Mythos um ihn gebaut. Was wäre, wenn er nicht so früh gestorben wäre?

 

Vor 40 Jahren verunglückte Jochen Rindt mit seinem Lotus im Training des Großen Preises von Italien in Monza tödlich. Er wollte maximal bis zum Alter von 30 Jahren Rennen fahren, hätte also nach seinem Weltmeistertitel vielleicht noch eine Saison angehängt.

Jochen Rindt als Doppelweltmeister und späterer Unternehmer, langjähriger Co-Kommentator von Heinz Prüller, Veranstalter von spektakulären Events, Autobiographieschreiber, Rennstallbesitzer, Konkurrent von Red Bull, Förderer österreichischer Rennfahrer-Talente, Filmschauspieler, erfolgreich mit eigenen Stunt-Shows, Sponsor, Verweigerer von Schickimicki, Individualist, einer, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt.

 

Es gehört in das Reich der Spekulation, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn sich kein Mythos bilden hätte können. Er hätte seinen Weg gemacht, was auch immer dieser Weg mit sich gebracht hätte. Das Buch über ihn ist mir weitaus stärker in Erinnerung als irgendwelche Weltmeistertitel eines anderen „echten Deutschen“. Ich sollte es mal wieder zur Hand nehmen, darin blättern, Passagen lesen, staunen.

 

 

 

 

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Di

24

Aug

2010

Der Knacks in der Gegenwart

Eines Abends hatte ich eine Begegnung mit Roger Willemsen. Er sprach mit mir nur wenige Minuten, doch ich fühlte mich durchschaut. Einige Jahre später beschäftigte ich mich mit einem ungewöhnlichen Essay, der einst ein Bestseller war. „Der Knacks“ setzt sich mit jenen Momenten im Leben auseinander, durch die unabänderlich etwas verloren geht. Das Leben ist nun mal ein Experiment, das sich nicht wiederholen lässt. Der Knacks verläuft durch alle Lebensläufe der Menschen, prägt sie, verändert sie, markiert sie. Die ersten und die letzten Kapitel sind großartig. Es geht buchstäblich um Leben und Tod, um das Altern, um Krankheiten, um den Selbstmord. Der Mittelteil hat mich weniger vom Hocker gerissen. Da wird unheimlich viel sublimiert. Die Analyse von menschlichen Regungen, Worthülsen und Emotionen können den Leser leicht verwirren. Schaut Roger Willemsen mitten in die Menschen hinein, öffnet er deren Herzen, Seelen und Körper? Findet er dann alles, was er sucht?

 

Vielleicht gefällt sich Roger Willemsen darin, möglichst schwer verständliche Sätze zu generieren. Leider gelingt es ihm dadurch, Unbehagen auszulösen. Ich habe lange gebraucht, um den Essay fertig zu lesen. Alle paar Seiten fragte ich mich, ob dieser oder jener Dialog tatsächlich stattgefunden haben könnte oder ob der Autor nur illustrieren will, was den „Knacks“ sichtbar macht? Metakommunikation, das Schwafeln über sinnloses Zeug und richtiggehende Wortkalauer wechseln sich ab. Fein, dass es die wunderbaren Kapitel gibt. Wenn Willemsen auf sich selbst bespiegelnde Satzmonstren verzichtet, wird einem vielleicht sogar bewusst, wie wichtig dieser Essay ist. Wichtig im Sinne der Weitläufigkeit, Weisheit, Erkenntnismöglichkeit. Im Alter verläuft der Knacks anders. Die Vergangenheit nimmt plötzlich überhand, die Zukunft weist auf den Tod. Doch muss es so sein? Ohne eine Wertung abzuliefern scheint mir, als wolle Willemsen eine Gegenrichtung andeuten. Der Knacks, die unsichtbaren Linien zahlreicher Verluste brauchen sich nicht über das Leben des Menschen zu legen, als gäbe es keine Gegenwart. Das Leben hat keine Zukunft und keine Vergangenheit, es ist immer Gegenwart. Auch der Knacks wird in der Gegenwart sichtbar, breitet sich dann aber natürlich in die Zukunft aus und wird zu seiner eigenen Vergangenheit.

 

Es gibt keine kontinuierliche Lebenslinie, sondern das ewige Um und Auf des Scheiterns und der unwiederbringlich verlorenen Augenblicke. Ist das schlecht, wenn der Knacks regiert? Oder ist es nicht doch eine für das Leben notwendige Komponente, ohne die pure Langeweile regieren würde?

 

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Di

10

Aug

2010

Selbstkritik

 

Im Laufe dieses Jahres habe ich an mehreren größeren literarischen Projekten gearbeitet. Drei wurden abgebrochen bzw. nicht finalisiert. Immerhin zwei Projekte sind über die Ziellinie gelaufen. Vielleicht ein guter Schnitt, vielleicht auch nicht. Max Frisch soll das Manuskript des „Stiller“ in den Mistkübel geschmissen haben, weil er damit äußerst unzufrieden war. Seine damalige Lebensgefährtin hat das Manuskript „gerettet“. Nun gut, hätte er es in tausende Stücke zerrissen oder verbrannt wäre es definitiv verloren gewesen. Ein kleiner Hoffnungsstrahl, dass der Roman doch nicht so mies ist, war also mit Sicherheit im Bewusstsein des Autors aus der Schweiz.

 

Jeder Autor mag sich die Frage stellen, welche Qualität seine Texte haben. Die Gründe, warum ich Projekte abbreche, haben nicht immer mit Qualitätskriterien zu tun. Natürlich geht es letzten Endes aber um die Qualität. Denn wenn ein Projekt zu Ende gebracht wurde, setzt die Selbstkritik verschärft ein: Erfüllt dieser Text die großartigen Erwartungen, die ich in ihn gesetzt habe? Jeder Text – selbst wenn er objektiv betrachtet außerordentlich gut ist – könnte noch besser sein. Nach oben hin gibt es keine Grenzen. Somit habe ich mir angewöhnt, meine Texte selbst zu bewerten. Ich versuche, meinen Texten gegenüber nicht noch kritischer zu sein als Texten fremder AutorInnen gegenüber, was mir nicht immer gelingt. Im Mistkübel ist bislang noch kein Text gelandet. Nicht, weil kein Text so großartig schlecht wäre, sondern weil ich den Überblick behalten will. Das grandiose Scheitern, hanebüchene Kapitel eines Romans, eindimensionale Satzungetüme, lieblose Gedichte, alles schon passiert und halb so schlimm.

 

AutorInnen sind nach außen hin als Menschen sichtbar, die Literatur schaffen. Manche Texte erblicken das Licht der Öffentlichkeit und die AutorInnen werden an diesen gemessen. Vielleicht sind es aber gerade die aus Sicht der AutorInnen gescheiterten, hanebüchenen, eindimensionalen, lieblos dahingekritzelten Texte, die das Zeug zu höheren literarischen Weihen hätten? Andererseits ist die Qualität veröffentlichter Texte oft so bescheiden, dass ich an der kritischen Haltung der Verlagsverantwortlichen zweifle. Bereits weithin bekannte und „erfolgreiche“ AutorInnen sind dazu auserkoren, sich selbst an der Hand zu nehmen und nicht aus der Sicherheit heraus, dass ihre Texte ohnehin zu für sie guten finanziellen Konditionen veröffentlicht werden, die Selbstkritik völlig außen vor zu lassen. Die kritische Einstellung den eigenen Texten gegenüber darf nie verloren gehen. Selbstverliebte Intellektuelle erzählen gerne davon, wie intellektuell sie wären, und selbstverliebte AutorInnen interpretieren die Großartigkeit ihrer Romane in großem Stil. Gegen Selbstverliebtheit ist ja nichts einzuwenden. Wenn diese allerdings dazu führt, dass das eigene Leben und Schaffen als das non plus ultra angesehen wird, nun ja…

 

Zurück zum Start. Ich schätze mal, dass vielleicht 20 % der Texte, die ich im Laufe meines Autorenlebens geschrieben habe, gewisse Qualitätskriterien erfüllen. Und zwar von jenen, die fertig geschrieben wurden. Wenn ich die unzähligen Sätze, die während einer literarischen Schaffensphase niedergeschrieben und gestrichen werden, abziehe, kann von 20 % freilich nicht mehr die Rede sein. Am Ende geht es aber darum, sich selbst in den Spiegel schauen zu können. Und ich freue mich über jeden von mir geschriebenen Text, den ich als halbwegs gelungen einstufe. Ob dies wirklich zutrifft, mögen meine LeserInnen beurteilen, insofern diese Texte veröffentlicht wurden.

 

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Mi

28

Jul

2010

Überschneidungen

Die Lieblingsautoren von Paul Auster sind Kafka und Dostojewski. Meine Lieblingsautoren sind Kafka, Dostojewski und Paul Auster. Das schreibe ich nicht einfach so dahin, sondern ist eine erstaunliche Tatsache, an die ich jedes Mal erinnert werde, wenn ein neuer Roman von Paul Auster den Buchmarkt erobert.

 

Für mich ist Paul Auster so etwas wie ein „Bruder im Geiste“. Ich lese die ersten Seiten eines von ihm geschriebenen Romans und schon habe ich das Gefühl, dass ich mit den Worten persönlich angesprochen bin. Es ist wie eine Rückkehr in ein wohlbekanntes Gebiet. Ich genieße es, die Romane zu verschlingen und mir Gedanken darüber zu machen. Im Juni 2008 hatte ich die Gelegenheit, Paul Auster persönlich kennen zu lernen. Ich hätte ihn anlässlich des Prager Autorenfestivals ansprechen und also ein paar Worte mit ihm wechseln können. Aber nein, ich wollte nicht bzw. konnte nicht. Irrsinn, Kuriosum, ein Blackout? Vielleicht wäre der Turm Paul Auster umgefallen, wenn er belanglose Worte mit mir gewechselt hätte. Small talk zwischen Paul Auster und mir, irgendwie eine Denkunmöglichkeit. Der Autor so grandioser Werke wie New York Trilogie, Timbuktu, Leviathan und Mister Vertigo als netter Small talker? Vielleicht wäre es so gewesen, vielleicht auch nicht. Ich wollte mir meine Vorstellungen von Paul Auster bewahren und ein persönliches Gespräch hätte diese Vorstellungen unter Umständen ins Wanken gebracht. Die unumgänglichen Interpretationen der Worte eines Gesprächspartners hätten mich womöglich hinters Licht geführt. Ich bin davon überzeugt, dass meine Entscheidung die Richtige war.

 

Warum ich das oben geschriebene erwähne? Weil Paul Auster mich mit seinem neuen Roman wiederum in den Bann gezogen hat. Von der ersten Seite an bin ich Teil des Geschehens. Schade nur, dass das vierte und letzte Kapitel mir ein wenig langweilig vorkommt. Doch seinem Lieblingsautor verzeiht man alles, selbst die schlechtesten Bücher, zu denen Unsichtbar aber keineswegs gehört. Ein junger Mann steht im Mittelpunkt, der von einem Dasein als Autor träumt. Ein etwas älterer Mann gibt vor, ihn zu fördern, bei der Gründung einer Literaturzeitschrift zu unterstützen. Und plötzlich gerät alles aus den Fugen. Der junge Mann wird Zeuge eines abscheulichen Verbrechens, das der etwas ältere Mann verübt. Die Konsequenzen für Mister Walker, dem jüngeren Mann, sind eklatant. Sein Leben verläuft in ungeahnten Bahnen.

 

Der Kunstgriff von Paul Auster besteht darin, den Roman einerseits aus mehreren Perspektiven zu erzählen und andererseits mehrere Dimensionen und Erzählebenen ineinander zu verschachteln. Daraus ergibt sich ein Mosaik, das nicht bis zum letzten Stein ausgelegt werden kann. Es bleiben Fragwürdigkeiten zurück. Worüber ich am Ende besonders erstaunt war und bin ist eine weitere Eigenheit, die Paul Auster (wieder mal) mit mir verbindet. In Unsichtbar geht es um Aufzeichnungen, welche – scheinbar – nicht immer der Wahrheit entsprechen bzw. erstunken und erlogen sind. Die Verschränkung von Tagebuchaufzeichnungen sowie literarischer Texte mit den eigentlichen Erzählebenen habe ich in einem meiner Romane auch versucht. Inwiefern können wir LeserInnen tatsächlich nichtfiktiven Texten Glauben schenken? Menschen tendieren in ihrer Lebensauffassung dazu, Erfahrungen und Erkenntnisse abzuwerten, zu sublimieren, zu erfinden und zu bestreiten. Wie glaubwürdig sind denn die Menschen überhaupt? Ist ihnen zu trauen? Haben sie das Zeug, alles in ein anderes Licht zu rücken? Mister Born, der etwas ältere (doch immer noch junge Mann zu Beginn des Romans) Mann behauptet mit dem Brustton der Überzeugung, einen Menschen nicht ermordet zu haben. Mister Walker ist vom Gegenteil überzeugt, und daraus ergibt sich das angedeutete Desaster.

 

Paul Auster hat mich trotz des mäßigen letzten Kapitels ein weiteres Mal überzeugt. Ich mag seine Romane sehr und so sei mir eine möglicherweise überzogene Kritik erlaubt. Dass es sogar Überschneidungen zwischen ihm und mir bei den Intentionen des Schreibens geben könnte ist wahrscheinlich nachvollziehbar. Ich kenne die Werke von Paul Auster zur Gänze, habe sie in mich eingesogen. Seine Kunstgriffe sind mir wohlbekannt und dass ich dann auf eine Idee komme, die ebenso von ihm zu irgendeinem anderen Zeitpunkt kreiert wurde oder kreiert werden könnte, keineswegs überraschend. Vielleicht wird es mir in Zukunft auch einmal gelingen, meine Vorstellungen ähnlich meisterhaft umzusetzen wie dies Paul Auster mit den meisten seiner veröffentlichten Romane gelungen ist. Wie dies Paul Auster selbst sieht, habe ich ihn nicht fragen wollen. Wahrscheinlich ist er von seinen eigenen Werken gar nicht mal so überzeugt. Wer Kafka und Dostojewski als Lieblingsautoren und Vorbilder hat, ist eher davor gefeit, das eigene Schreiben zu überhöhen oder auch nur gerecht zu bewerten.

 

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Mi

21

Jul

2010

Fußball und Literatur, Teil 3

Ich werde keine Nachbetrachtung der Fußballweltmeisterschaft 2010 betreiben. Es war eine sehr gut organisierte, aber von der Qualität der Spiele her gesehen eher enttäuschende Veranstaltung. Mehr ist dazu fast nicht zu sagen. Es ist nur zu hoffen, dass die großen Stadien sinnvoll genutzt werden können, und wenigstens ein kleiner positiver Effekt auf die arme Bevölkerungsschicht sichtbar geworden ist, was wohl jedoch fast ausgeschlossen werden kann. Verdient an der ganzen Sache hat wieder mal nur die FIFA. Einige honorige Herren haben über Gebühr abgecasht, doch das ist eine Geschichte, die in Abgründe führt, von denen hier nicht die Rede sein soll. Ich will mich der Literatur widmen.

 

Und zwar der Literatur und dem Fußball. Ich weiß nicht, ob ich die Chance bekommen werde, mich in einem Testspiel für die Literatennationalmannschaft zu bewähren. Doch mein nächster gewagter Schritt geht in Richtung Augustin Cup, wo ich das Team der Friedhofstribüne unterstützen möchte. Meine gut 20-jährige Kickabstinenz tut der guten Sache keinen Abbruch. Irgendwie verspüre ich schon länger den Antrieb, ein bisserl zu kicken. Verausgaben möchte ich mich dabei keineswegs, aber die Reaktivierung ballesterischer Ansätze lässt mich in Erinnerungen tauchen.

 

An einigen Ereignissen aus frühester Jugend führt kein Weg vorbei, die sind in meinem Gedächtnis felsenfest gespeichert. Ich erzielte das vielleicht schnellste Tor in der Geschichte meiner damaligen Schule, als ich bei einem Hallenfußballturnier nach geschätzten drei Sekunden den Ball im gegnerischen Goal oben links versenkte. Grenzenloser Jubel der Mannschaftskollegen, eh klar. Und niemand verstand, warum ich dann in der zweiten Halbzeit nicht zum Einsatz kam. Das war wohl die „Idee“ des Kapitäns, der mir später oder früher (das weiß ich nicht mehr genau) einen Einsatz in einem Finale versagte, weil ich im Halbfinale beim Stand von 8:2 für die unsrigen nicht mehr den nötigen Kampfgeist aufbrachte. Nun ja, demütigen wollte ich den Gegner nicht. Dafür kam es im Finale zu einer Demütigung der unsrigen, woran ich unbeteiligt war. Das Team kam 0:9 unter die Räder, und ich war Zaungast. Irgendwie gönnte ich dem Gegner den Kantersieg.

 

Mein schönstes Tor erzielte ich bei einem klasseninternen Spielchen auf einem gar nicht so schlecht gepflegten Fußballplätzchen. Ich überspielte mindestens drei Gegenspieler und überhob dann den Goalie nahezu perfekt. Einige Zeit später kam es zum ersten und einzigen Mal dazu, dass ich ungewollt für die „Auslage“ spielte. Ich legte zwei Tore mustergültig auf, war maßgeblich an einem 5:4 Überraschungssieg beteiligt. Das Angebot eines Fußballvereins, mich in deren Reihen aufzunehmen, lehnte ich jedoch ab. Schon damals war ich eher ein Einzelkämpfer. Doch langsam, wie mein plötzliches Engagement für ballesterische Einsätze zeigen mag, erwacht der Teamgeist in mir. Damit wird Literatur und Fußball zumindest kurzfristig zu einer Einheit. Und das taugt mir schon.

 

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So

11

Jul

2010

80. Geburtstag von Klaus Wagenbach

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Do

01

Jul

2010

Fußball und Literatur, Teil 2

 

Ich habe mich in die Höhle des Löwen gewagt und mich mit der Literaturnationalmannschaft in Verbindung gesetzt. Und nun habe ich eventuell eine Option, zumindest für ein Testspiel in Frage zu kommen. Der Kader ist reichlich besetzt, sodass kein konkreter Bedarf an neuen Spielern besteht. Vielleicht wird ja doch mal ein B-Team gegründet, und dann bin ich vorne mit dabei. Jedenfalls freut es mich, dass die kleine Chance besteht, mich ballesterisch zu  bewähren. Literatur und Fußball sind keine Gegensätze und waren es auch nie. Ich werde also am Ball bleiben und sehen, wie sich die Dinge entwickeln.

 

Angesichts einer an Dramatik kaum zu überbietenden Fußballweltmeisterschaft will ich mich in diesem Kontext zu Wort melden. Die Monopolstellung der FIFA führt dazu, dass ein weltweit Wellen schlagendes Sportereignis diskreditiert wird. Die FIFA kassiert jede Menge Geld, die FIFA bestimmt die Regeln. Somit haben es die Nationalmannschaften von England und Mexiko der FIFA zu verdanken, dass sie eklatant benachteiligt wurden. Hier wäre ein Umdenken unabänderlich. Und zwar nicht im Sinne der Einführung von Videobeweisen oder Torraumkameras, sondern zuallererst die FIFA nicht als Monopolisten schalten und walten zu lassen, wie es den hohen Funktionären beliebt. Das veraltete Regelwerk gehört entstaubt, wogegen sich – warum auch immer – die FIFA-Funktionäre wehren. Die Monopolstellung der FIFA ist definitiv in Frage zu stellen.

 

Fußball wurde nicht von der FIFA erfunden, auch wenn das manche glauben mögen. Fußball ist ein Mannschaftssport mit gewissen Regeln, an die sich die Mitwirkenden zu halten haben. Fußball bietet Menschen Chancen, sich beruflich zu verwirklichen. Und Fußball kann sogar aus der Armut mitten in grenzenlosen Reichtum führen. In erster Linie geht es aber darum, Fußballer nicht als Ware zu betrachten und bei schwächerer Performance einfach dorthin zurück zu schicken, wo sie herkommen. Das passiert mit jeder Menge Fußballern vom afrikanischen Kontinent. Leider geht es auch der FIFA nur um Geld, Geld, Geld und Macht. Das sollten wir alle bedenken, die wir die Fußballweltmeisterschaft mit Spannung verfolgen.

 

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Do

10

Jun

2010

Fußball und Literatur

 

Manche Autoren behaupten, sie verstünden sehr viel von Fußball. Einigen nehme ich das sogar ab. Allen voran Javier Marias. Er schrieb ausgezeichnete Fußballstücke unter dem geheimnisvollen Titel „Alle unsere frühen Schlachten“. Er ist seit seiner Kindheit mit Real Madrid verbunden. Den Fußball-Roman guthin hat Nick Hornby verfasst. „Fever pitch“ ist so etwas wie eine Autobiographie des vollblütigen Arsenal-Fans, der auch gerne zu Auswärtsspielen reist.  

 

Wer Fußball nur von der Ferne betrachtet oder meinetwegen im TV und dann glaubt, er habe von Fußball Ahnung, liegt vollkommen falsch. Ohne das regelmäßige Eintauchen in die Atmosphäre eines Fußballplatzes oder Stadions bleibt es bei der anfangs beschriebenen Behauptung. Die Erinnerung an miterlebte großartige Spiele bleibt bis zum Lebensende oder möglicherweise darüber hinaus bewahrt.

 

Das Interesse an Fußball oder das Dasein als Fan ist das Eine, das aktive Spielen das Andere. Vor zwei Jahren wurde in Wien auf dem Sportclubplatz die Literaten-Europameisterschaft ausgetragen. Hierbei holte sich Ungarn verdientermaßen den Titel.

 

2010 und also erst kürzlich holte sich – wie nicht anders zu erwarten – Deutschland im Elfmeterschießen den Titel vor der Türkei. Schon in der Vorgruppe waren Italien und Ungarn nur am Torverhältnis an der deutschen Mannschaft gescheitert und konnten sich demgemäß nicht für das Finale qualifizieren. Die Literaten-Europameisterschaften zeigen eindrucksvoll, dass auch Autoren das Fußballspiel im Blut haben. Den österreichischen Autoren fehlt es ein wenig an Selbstvertrauen, das haben sie mit den Fußballprofis, die für Österreich auflaufen, gemeinsam.

 

Ich habe mir hie und da Gedanken gemacht, zumindest wegen einer möglichen Einberufung in den Kader der Literatennationalmannschaft Österreichs nachzufragen. Grundsätzlich bin ich sicher (trotz fehlendem Training) nicht schlechter als einige im Kader befindliche Spieler, die eher einen Stehkick praktizieren. Mit den besseren Spielern kann ich aber definitiv nicht mithalten. Sollte es jemals ein B-Team geben, wäre ich sofort einsatzbereit.

 

Zudem bin ich absolut dafür, dass auch Autorinnen Nationalteams bilden und größere Meisterschaften austragen.

 

Angesichts der Fußballweltmeisterschaft gebe ich einen gewagten Tipp ab, der mich zumindest als Fußballkenner qualifizieren mag: Auch ich gebe Spanien die besten Chancen. Das Team ist derzeit definitiv besser aufgestellt als Brasilien. Wünschen würde ich mir, dass ein afrikanisches Team sehr weit kommt.

 

Ich bin übrigens auch schon seit meiner Kindheit eng mit dem Fußball verbunden. Buch habe ich noch keines über diesen Themenkomplex geschrieben, aber das kommt sicher noch. Mein Verein ist der Wiener Sportc(k)lub.

 

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Mi

02

Jun

2010

Schrott

 

Nicht selten werden Bücher, die von Großverlagen oder Verlagskonzernen vermarktet werden als Schrott bezeichnet. In Autorenkreisen gehen manchmal die Wogen hoch, indem der Mainstream direkt oder indirekt die Bezeichnung Groschenromanniveau attestiert bekommt. Es gibt sicher nicht wenige nahezu unbekannte Autoren, welche sich benachteiligt fühlen, und der Ansicht sind, literarisch weit mehr zu leisten als der Großteil ökonomisch erfolgreicher Autoren. Das mag in einigen Fällen stimmen. Tatsache ist jedoch, dass ein Verlag in erster Linie ein Unternehmen ist. Bücher sind die Vertriebsware und mit den Autoren soll Geld verdient werden. Ohne die sogenannten „Starautoren“ könnte jeder große Verlag zusperren. Sie sind es, die den Verlag möglicherweise in die Gewinnzone hieven. Selbst ein großer Verlag lebt vorwiegend von seinen wenigen Autoren, die allseits bekannt und beliebt sind. Ein Vertrag mit einem großen Verlag garantiert keinem noch relativ unbekannten Autor einen rasant wachsenden Bekanntheitsgrad inklusive Aufstieg in die Profiklasse. Die Manuskripte nicht so bekannter Autoren können deswegen verlegt werden, weil sie durch die Einkünfte der Verlagslieblinge finanziert werden. Der angebliche „Schrott“ sorgt dafür, dass ein Großverlag überhaupt existieren und weniger bekannten Autoren Chancen eröffnen kann.

 

Ich will kein Hohelied auf die großen Verlage anstimmen. Aber die Sache mit dem angeblichen Schrott musste ich loswerden. Soll es denn eine Verschrottungsprämie für überschätzte Romane geben? Nein, nein, auf dem Büchermarkt geht es genau so zu wie in vielen anderen Branchen auch, wo Handel betrieben wird. Kleinere Verlage haben oft wunderbare Schätze im Sortiment, nach denen gar nicht mal wie nach der Nadel im Heuhaufen gesucht werden muss. Die Qualität der literarischen Erzeugnisse ist im Querschnitt aber wohl auch nicht höher einzuschätzen als jene bei Großverlagen. Und es besteht die Sehnsucht danach, selbst einen großen Namen an Land zu ziehen oder aber einen großen Namen „zu machen“.

 

Grottenschlechte Romane gibt es jede Menge. Nicht wenige davon erzielen erstaunliche Verkaufszahlen. Dennoch ist die Sache mit dem Schrott stark überzogen. Mancher Leser fühlt sich sicher auch persönlich angegriffen, wenn eines seiner Lieblingsbücher als Schrott bezeichnet wird. Also, gemach, gemach. Literatur ist ein großes Spielfeld, und bietet jede Menge Platz. Auch für Autoren, die vom Mainstream Lichtjahre entfernt sind. Nicht alles ist Gold, was glänzt, und einige wunderschöne Blumen blühen in einer Nische oder im Verborgenen.

 

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Di

18

Mai

2010

Fragebogen Marcel Proust, Antworten des Literaturexperten

Was ist für Sie das grösste Unglück ?

Soziale Ausgrenzung und Armut

 

Wo möchten Sie leben ?

In einer friedvollen Welt, wo kein Mensch verhungern muss, und alle

Menschen Zugang zu trinkbarem Wasser haben

 

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück ?

Liebe

 

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten ?

Fehleinschätzungen

 

Ihre liebsten Romanhelden ?

Atreju, Nick und Stiller

 

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte ? Jesus von Nazareth

 

Ihre Lieblingshelden in der Wirklichkeit ?

Kämpferinnen und Kämpfer gegen Windmühlen

 

Ihre Lieblingshelden in der Dichtung ?

Pinocchio und Garp

 

Ihre Lieblingsmaler ? Egon Schiele und Alfred Kubin

 

Ihr Lieblingskomponist ? Philip Glass

 

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Intellekt und Kreativität

 

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Einfühlungsvermögen und innere Schönheit

 

Ihre Lieblingstugend ? Vergebung

 

Ihre Lieblingsbeschäftigung ? kreativ sein

 

Wer oder was hätten Sie sein mögen ? Ein Zeitzeuge von Jesus

 

Ihr Hauptcharakterzug ? Nachdenklichkeit

 

Was schätzen Sie bei ihren Freunden am meisten ? Authentizität

 

Ihr größter Fehler ? Misstrauen

 

Ihr Traum vom Glück ? Ein Dasein als Schriftsteller ohne Geldsorgen

 

Was wäre für Sie das größte Unglück?

Ein Pflegefall zu sein

 

Was möchten Sie sein ?

Immer ein Suchender

 

Ihre Lieblingsfarbe ? grün

 

Ihre Lieblingsblume ? Sonnenblume

 

Ihr Lieblingsvogel ? Kauz

 

Ihr Lieblingsschriftsteller ? Paul Auster

 

Ihr Lieblingslyriker ? Ernst Jandl

 

Ihre Helden in der Wirklichkeit ? Menschen mit Rückgrat

 

Ihre Heldinnen in der Geschichte ? Sophie Scholl und

Maria Magdalena

 

Ihre Helden in der Geschichte?

Mahatma Gandhi und Jesus von Nazareth

 

Ihre Lieblingsnamen ? Sebastian und Jessica

 

Was verabscheuen Sie am meisten ? Falschheit, Gier und

Streben nach Macht

 

Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten ?

Hitler, Stalin und George W. Bush junior

 

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten ?

Jeglichen Widerstand gegen scheinbar übermächtige Aggressoren

 

Welche Reform bewundern Sie am meisten?

Egal, wo es geschieht: Abschaffung der Todesstrafe

 

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen ?

Zeichnerisches Talent

 

Wie möchten Sie sterben ?

Schmerzfrei und bewusst

 

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung ?

Nachdenklich

 

Ihr Motto ? Carpe diem

 

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Sa

01

Mai

2010

Ein Jahr http://www.literaturexperte.com/

 

Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht! Vor einem Jahr ging meine Website mit literarischem Schwerpunkt an den Start. Hintergrund dafür war die Veröffentlichung meines ersten Krimis Die schüchterne Zeugin“ im renommierten Arovell-Verlag. Das musste irgendwie gefeiert werden, und ich hatte schon längere Zeit überlegt, eine Webpräsenz zu etablieren, wo es ausschließlich um mein Dasein als Autor und Literaturexperte geht.

 

Der „Literaturexperte“ ist freilich mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Es ehrt mich, wenn ich angeschrieben werde, weil die Vermutung besteht, dass ich Literaturwissenschafter sein mag. Aber nein, das bin ich nicht, wenngleich es zweifellos keine unpassenden Federn für mich wären. Ich lebe Literatur. Klingt nicht ganz so dramatisch wie bei Kafka („Ich bin Literatur“), ist aber durchaus eine gute Beschreibung meines Bezugs zur literarischen Welt. Zwar habe ich freilich einen rationalen Zugang zu literarischen Werken. Ansonsten wäre es wohl nicht einmal möglich, auch nur eine halbwegs passable Rezension zu verfassen. Andererseits habe ich einen starken inneren, emotionalen Zugang zu Literatur. Ich lebe mit den Figuren, versetze mich in die Lebensgrundlagen der Figuren hinein. Mein „Expertentum“ ist also eine Mischung aus der Fähigkeit, rational an literarische Werke heranzugehen, und emotional mit den Figuren und deren Weltbildern verwachsen zu sein.

 

Die statistischen Daten des ersten Jahres, welche aus meiner Webpräsenz hervorgehen, belegen durchaus das Interesse der Besucher am „Literaturexperten“. Die Themata „Literaturexperte“ und „Literatur-Expertisen“ sind in der Liste der Klicks hauchdünn auf Platz eins. Dicht gefolgt vom „Notizblog“, dem Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, nunmehr die Ehre erweisen.

Auf Platz drei folgen die Termine von „Lesungen“.

 

Insgesamt bin ich mit der Entwicklung meiner literarischen Webpräsenz im Laufe des ersten Jahres zufrieden. Ich durfte mich auf über 3.000 Besucher freuen. Im Schnitt sieben bis neun pro Tag. Das mag auf den ersten Blick nach wenig klingen. Allerdings bin ich kein „Starautor“ oder selbsternannter „Literaturexperte“, sondern ein Autor, der sich spezifischen, zweifellos ungewöhnlichen Themen zuwendet, und vom Mainstream Lichtjahre entfernt ist. Ich habe also nicht den Anspruch, Millionen Klicks zu generieren.

 

Was ich jedoch durchaus möchte, ist eine Weiterentwicklung der Website, woraus dann auch mehr Besucher hervorgehen könnten. Diesbezüglich habe ich noch einiges vor. Ich bin schon gespannt, wie das Abenteuer weitergeht. Danke für Ihre Aufmerksamkeit, meine lieben Leserinnen und Leser, und bleiben Sie mir weiterhin gewogen!

 

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Mi

28

Apr

2010

Heldensterben

 

Es ist, wie sich selbst lesen. So erging es mir bei der Lektüre dieses Buches. Habe ich in dieser Form zuvor noch nie erlebt. Christine Grän widmet sich jenen Themen, denen ich schon seit Jahren zugewandt bin. Zentralfriedhof, Tod und diverse Ausformungen von Liebe und Fehleinschätzungen. Das ist aber noch nicht alles. Auch vom Stil  her fühle ich mich an mein Schreiben erinnert. Vielleicht ist alles noch eine Spur makabrer, zugespitzter.

 

Wie ist es, einer Art „Spiegelbild“ zu begegnen? Merkwürdig irgendwie. Denn bei jedem Satz dachte ich mir: Das könnte von mir sein. Inklusive einer Grabrednerin, die ehemals in der Porno-Branche agierte. Auch der einzige Schwachpunkt des Romans macht ein Manko aus, dem ich gerne erliege. Der Schluss kommt zu schnell, ohne Vorwarnung daher. Ich hätte gerne mehr gelesen, doch die Helden und Heldinnen sind nun außerhalb der Buchrücken tätig.

 

Eine kuriose Erfahrung, mit dem eigenen Schreiben konfrontiert zu werden. Denn da gibt es keine neuen Welten, in die ich eintauchen muss. Alles ist wohlbekannt, vertraut. Ich fühlte mich wohl und gleichzeitig unwohl. Wohl, weil ich Spuren nachging, die ich wie meine Westentasche kenne. Unwohl, weil ich mit mir selbst ringen musste. Mein Wunschziel als Leser von Romanen ist es, neues Terrain zu betreten. Nun gut, ich wusste freilich vorab, dass ich dieses Terrain schon kenne, und habe mir die Lektüre sozusagen ausgewählt. Dennoch habe ich mir die eine oder andere Überraschung erwartet. Doch daraus wurde nichts.

 

Die kleinen Querschüsse gegen die politischen Verhältnisse in Österreich hätte ich mir erspart. Der Einzug der Politik bringt eine Realität in die Geschichte, von der ich gerne verschont worden wäre. Die Zeitungen sind voll von absurden Geschichten. Der ewige Tanz um den Postenschacher, die lächerlichen Figuren, die Abziehbilder, das Abfeiern längst verlorener Ideale sind nur in Verbindung zu den Protagonisten interessant. Aber meinem eigenen Schreiben gegenüber bin ich ja noch kritischer.

 

Ich habe die Lektüre genossen, bin aber gleichzeitig froh darüber, dass ich wieder bei mir selbst angelangt bin. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben ist nie einfach. Und wenn dann eine Autorin eine ähnliche Zuwendung zu abgründigen Themen vollzieht wie ich entsteht eine eigene Dramatik, der ich nun wieder entzogen bin.

 

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Mo

12

Apr

2010

Mainstream

 

Denglisch ist längst eine „besonders beliebte“ Sprache. Und zwar nicht nur in „Managerkreisen“. Da lassen sich viele Witze darüber erzählen, was ich aber nicht vorhabe. Stattdessen geht es mir um ein einziges Wort, das in Mode gekommen ist, und nicht zuletzt in der Literatur Bedeutung erlangt hat. Es handelt sich um den sogenannten Mainstream. Damit ist allgemein der kulturelle Geschmack einer großen Mehrheit gemeint. In der Pop-Kultur gilt Mainstream als Abgrenzung zum Independent, wobei wir bei einem weiteren englischen Begriff wären. Nun ja, und die Chance auf literarischen Erfolg erhöht sich eklatant, insofern damit der Mainstream getroffen wird.

 

Ich beschäftige mich schon länger mit dem Phänomen Mainstream. In Hinblick auf literarische Werke geht es darum, ein möglichst großes Publikum mit unterhaltsamen und nicht zu anspruchsvollen Texten zu beglücken. Selbstreflexion, Nadelstiche in die dunklen Seiten der Menschen und der Gesellschaft sind nur mehrheitsfähig, wenn entweder sensationelle Dinge beschrieben oder mit Versatzstücken aus Fantasy, Historie und Horror gespielt wird. Das muss freilich noch nicht heißen, dass eine gute Umsetzung eines an den Mainstream angepassten literarischen Werkes augenblicklich zu Ruhm und Ehre des Autors gereicht und sich die Verlage um das Manuskript balgen. Aber die Chancen sind allemal relativ gut.

 

Der Mainstream bildet immer auch die Befindlichkeit einer Gesellschaft ab. Nicht zum ersten Mal kommt mir da in den Sinn, dass Kafka, Dostojewski oder Hesse heutzutage als Literaten abgemeldet wären. Innere Zerrissenheiten eines Helden müssen – wenn schon geschildert – Aspekte hervorbringen, die über ein persönliches Unglück hinausgehen. Die Darstellung der gesellschaftlichen Realität gewinnt durch Überzeichnung, Satire, Tabubruch. Es mag eine gute Methode geben, als Autor Erfolg „anzuziehen“. Nämlich immer wieder zu studieren, welche Methoden jene Autorinnen und Autoren anwenden, die schon Erfolg hatten oder gerade haben. Und hierbei ergibt sich wieder: Jene, die den Mainstream bedienen. Wobei der Mainstream freilich sehr schnell in eine andere Richtung ausscheren kann. Es gilt also, die richtigen Parameter zur richtigen Zeit umzusetzen. Ich habe den lauten Verdacht, dass das nicht wenige – insbesondere „erfolgreiche“ – Autorinnen und Autoren tun.

 

Irgendwann habe ich irgendwo gelesen, dass ein literarisches Meisterwerk gar nicht übergangen werden kann. Früher oder später wird sich der Autor über den verdienten Erfolg freuen. Aber ist das wirklich so? Thomas Bernhard schrieb einmal von unzähligen Genies, die in Wien zugrunde gehen. Es mag zutreffen, dass es in Wien ungewöhnlich viele Genies sind, aber es lässt sich sicher ohne weiters auf die gesamte literarische Welt übertragen. Eine enorme Anzahl großartiger Werke wird millionenfach von Verlagen abgelehnt, und mit dem Hinweis, dass sich das Manuskript „ökonomisch nicht verwerten ließe“, an die Autorinnen und Autoren zurück geschickt. Klar, der Mainstream muss bedient werden, alles klar?

 

Auf der anderen Seite gibt es den Begriff Independent, der nicht ganz so bekannt ist wie der – eh schon wissen. Wiederum ein englisches Wort für die Tatsache, dass es nicht darum geht, den kulturellen Geschmack einer großen Mehrheit zu bedienen, sondern Menschen anzusprechen, die aus einem Roman, einer Geschichte, einem Krimi mehr herauslesen wollen als geistig leicht verdauliches. Auf Filme übertragen handelt es sich um jene Geschichten, die stets nach Mitternacht ausgestrahlt werden. Ausnahmen sind freilich die Kultursender ARTE und 3SAT. Wer will schon Bücher lesen, die eine intellektuelle Herausforderung darstellen? Nun ja, Menschen, die kein Interesse daran haben, immer nur mit den Wölfen zu heulen, wenn es gilt, ein Schaf einzukreisen.

 

Mein eigenes Schreiben richtet sich an Leserinnen und Leser, die nicht darauf aus sind, mit dem ewig Gleichen abgespeist zu werden. Somit war es durchaus eine gute Idee, mein allererstes Werk (lyrische Prosa) „Die Ewiggleichen“ zu nennen. Warum immer nur Magerkost, wenn das Leben zwischen Buchdeckeln viel mehr abbilden kann? Ich bin bemüht, mein Schreiben dahingehend zu entwickeln, dass dieses Leben immer lebendiger und spannender wird. Und zwar nicht, um den Mainstream zu erreichen, sondern immer zutreffender ein Teil jener Kultur zu sein, die zum Mainstream werden könnte, wenn die Menschen bereit wären, sich für sie zu öffnen. Dafür lasse ich mich gerne auf das Abenteuer Schreiben ein.

 

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Sa

27

Mär

2010

Der gläserne Dichter

 

Jedes Jahr werden unzählige neue Bücher auf den Markt geworfen. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daraus jene wenigen Kostbarkeiten zu fischen, die gut in das eigene Bücherregal passen. Große Verlage und Verlagskonzerne haben die Mittel, viel Geld in Werbung und Marketing zu stecken, sodass Bestseller konstruiert werden, die ähnlichen Erfolg haben wie die berühmten warmen Semmeln. Ein Bestseller lässt nicht auf die Qualität der Geschichte schließen, sondern auf eine Strategie des Verlages, die – warum auch immer – funktioniert hat.

 

Kein Autor ist davor gefeit, Vergleiche mit Kollegen anzustellen, und doch ist es Unsinn. „Der gläserne Dichter“ etwa fühlt sich einerseits erhaben über die erfolgreichen Autoren, andererseits ärgert er sich über deren unverdiente Erfolge. Das Marktschreierische ist ihm zuwider. Manuskripte Jahr für Jahr dem Hausverleger in den Rachen zu schmeißen ist ihm ein Frevel. Die Maxime eines Autors ist es, an den Aufgaben zu wachsen, die er sich selbst gestellt hat. Seinen Stand auf dem Marktplatz zu finden höchstens ein Nebeneffekt. Die erfolgreichen Autoren kümmern sich nach Ansicht des „gläsernen Dichters“ nicht um qualitative Höchstleistungen. Es geht einzig und allein darum, ein Publikum anzusprechen, das bereit ist, die Ware zu kaufen. Berieselt wollen die Leser werden, eingelullt von Erzählungen, die am besten keinen Schnittpunkt mit den Schwierigkeiten des Lebens haben mögen. Manche Autoren haben eine Nase für die Hauptströmungen. Sie wittern den Braten und schreiben dann drauf los.

 

„Der gläserne Dichter“ glaubt, noch lange nicht am Ende seiner Schaffenskraft angelangt zu sein. Er wird von seiner Frau Olga ökonomisch unterstützt, ist ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert. Tantiemen bekommt er noch in Mark bezahlt. Er ist ein Kavalier der alten Schule. Der Computer hat seinen Siegeszug erst bedingt angetreten, von Mobiltelefonen ist keine Rede. Somit kann die Geschichte des Autors als Erinnerung an eine Zeit gelesen werden, die heutzutage überschlagen wird. Er macht sich Gedanken über Werbung, die seinen Briefkasten quält. Keine Rede von Datenmüll.

 

„Der gläserne Dichter“ hat möglicherweise den Anschluss an die Gegenwart verpasst, tümpelt in der Vergangenheit herum, welche er nicht einmal bewältigt hat. Zu Psychotherapien nämlich konnte er sich nie aufraffen. Die Eigenart des Autors wird durch Psychotherapien zertrümmert. Zumindest denkt er sich das. Er liest Rezensionen über Bücher von  Autorenkollegen, und fragt sich, warum dieses „Honig um das Maul schmieren“ der Endzweck einer literarischen Betrachtung sein kann. Selbstkritik ist von überragender Bedeutung. Er ist sich dessen bewusst, ein verkanntes Genie zu sein. Gleichzeitig weiß er, dass er noch weit von jener dichterischen Größe entfernt ist, die ihn unsterblich machen mag. Das epochale Werk fehlt noch, er schreibt daran. Ein Drama soll es sein, das die Menschen zu Jubelstürmen veranlasst. Noch aber fehlt es am Feinschliff. Er hat mehr zu bieten als viele erfolgreichere Autorenkollegen. Es geziemt sich, das Schreiben nicht als Leistung zu sehen. Zehn Manuskripte in zehn Jahren zu schreiben ist leicht, wenn die Forderung an die literarische Qualität gering ist. Seine dichterischen Ergüsse werden seltener an das Licht der Öffentlichkeit gespült. Es handelt sich um Kleinode, in jahrelanger Arbeit entstandene Lichtungen, die durchaus als Meisterwerke bezeichnet werden können. Freilich in aller Bescheidenheit formuliert.

 

Dennoch fragt sich „der gläserne Dichter“, ob es zielführend ist, alles dem Schreiben unterzuordnen. Er macht gerne Urlaub in den Bergen, erfreut sich an Blümchen, hört den Vögelchen beim Zwitschern zu. Immer aber ist er Dichter, in jeder Situation. Er beobachtet haarscharf, kein Detail bleibt ihm verborgen. Ist er seine eigene Figur? Zählt er selbst nicht, bis er sich zwischen Buchdeckel drängt?

 

Die Analyse von Erasmus Schöfer zeigt den nicht erfolgsverwöhnten Autor in aller Deutlichkeit. Das Buch ist allen Autoren und Nicht-Autoren zu empfehlen. Den Autoren, weil sie sich zumindest in einzelnen Abschnitten selbst erkennen werden. Wo sie sich nicht erkennen, können sie darüber nachdenken, warum es nicht der Fall ist und daraus Rückschlüsse ziehen. Den Nicht-Autoren, weil sie über die Innenwelt eines Autors die Innenwelt aller vorstellbaren Autoren kennen lernen könnten. Ob Ähnlichkeiten zu bekannten oder weniger bekannten Autoren zufällig sind oder erwünscht mag jeder Leser für sich selbst beurteilen.

 

Und ob auch weibliche Autoren und weibliche Nicht-Autoren den Sprung ins kalte Wasser der dichterischen Freiheiten machen können? Natürlich, ohne Zweifel. „Der gläserne Dichter“ kann auch als „gläserne Dichterin“ gelesen werden. Aus Olga wird Holger, und damit hat es sich. Machen Sie die Probe aufs Exempel.

 

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Mi

17

Mär

2010

Lektor und Autor

Auf Ö1 gab es eine wunderbare Sendung zu hören, die Lektoren und Autoren zusammen führte. In Kapitel unterteilt entstand ein Sammelsurium an ungewöhnlichen und spannenden Erfahrungsberichten. Es sei Manfred Prem für den Hinweis auf die Sendung gedankt.

 

Zunächst einmal ist das Verhältnis zwischen Autor und Lektor nicht mehr das, was es einmal war. In den 1950´er Jahren sollen noch – mehr oder weniger – die Fetzen geflogen sein. Und es bestand ein oft konstruktives Verhältnis zwischen den beiden Berufsgruppen. Heutzutage gibt es entweder ein schlampiges Lektorat oder der Lektor schreibt den eigentlichen Roman. So ließen sich einige Kapitel zusammenfassen. Tatsächlich gibt es einige Hintergrundberichte zu Romanen, die Rückschlüsse darauf zulassen, wie intensiv die Lektoren eingegriffen haben. So ist es nicht selten nur die Idee, die fasziniert. Die Geschichte wird dann so vehement umgeschrieben, dass die Umsetzung der Idee als halbwegs gelungen angesehen werden kann.

 

Viele Lektoren sind überfordert. Sie bekommen hunderte Manuskripte auf den Tisch geknallt, und mehr als ein bisschen quer lesen ist nicht möglich. Günstige Studienabgänger sind in der Mehrzahl, Lektoren mit Erfahrung nur in jenen Verlagen präsent, die sich ausgezeichnete Lektoren auch leisten können. Und dann gibt es sogar „Freizeitlektoren“, deren Aufgabe es ist, so nebenbei den einen oder anderen Autor zu lektorieren. Es ist durchaus ein Glücksspiel, auf einen guten Lektor zu treffen. Ich hatte dieses Glück – und dies freut mich sehr – schon mehrmals.

 

Ich will keine Namen von Lektoren und Autoren nennen. Eine Ausnahme muss jedoch gestattet sein, weil es am Ende das amüsanteste Kapitel der Sendung war. Der Autor Werner Kofler hat nämlich gesagt, dass er keinen Lektor braucht. Seine Werke sind von vornherein fehlerfrei, da brauche keiner reinpfuschen. Er hat auch schon die Zusammenarbeit mit einem Verlag abgelehnt, wenn der Lektor meinte, die eine oder andere Zeile anders formulieren zu müssen. Diesbezüglich ist der Autor konsequent.

 

Also, ich bin froh, dass es Lektoren gibt. Auf der anderen Seite habe ich mehrere meiner Manuskripte sozusagen selbst „lektoriert“. Hierbei sind mir sehr viele Fehler aufgefallen. Ob ich es je so hinkriegen kann wie Werner Kofler steht in den Sternen.

 

Jetzt ist es doch noch notwendig, einen zweiten Autor zu nennen, weil es nicht nur zum Thema passt, sondern die Fertigkeit von Franz Schuh ähnlich erstaunlich ist wie jene von Werner Kofler. Franz Schuh war ein Weilchen Lektor, insbesondere von Sachbüchern. Und er erzählte, dass er fehlerhafte Texte automatisch richtig liest. Er „überliest“ also sozusagen die Fehler, und da müssen ihm wohl einige Fehler entgangen sein. Vielleicht geht es Werner Kofler beim Lesen seiner Texte ganz ähnlich, und er glaubt nur, fehlerfreie Manuskripte abzuliefern. Man kann ja nie wissen.

 

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Fr

05

Mär

2010

(K)ein Buch in der Hand

Männer tragen gerne Aktenkoffer, Aktentaschen, Herrentäschchen. Frauen freilich gerne Handtaschen und Handtäschchen. Sowohl Frauen als auch Männer sind gerne mit allerlei sonstigen Taschen und Täschchen unterwegs. Oder aber sie tragen gar nichts, das kommt ebenso vor. Das hat natürlich nichts mit Freikörperkultur zu tun.

 

Die Finger der Menschen, die ich beobachte, umschließen nur selten ein Buch. Nun ja, es kommt immer wieder mal vor, dass die Ausnahme die Regel bestätigt. Wenn ich jedoch eine prozentuelle Schätzung abgeben müsste, so behaupte ich, dass weniger als ein Prozent der Menschen ein Buch auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, und selbst in Parkanlagen spazieren tragen. Bücher werden durchaus gelesen. Freilich viel mehr von Frauen als von Männern. Doch im Dschungel der Großstadt (wenn ich mal Wien diese „Ehre“ angedeihen lasse) sind Bücher nur dann sichtbar in Beschlag genommen, wenn in ihnen geschmökert wird.

 

Ist es en vogue, kein Buch in der Hand zu tragen? Da gibt es dieses großartige Bookcrossing, dem ich mich bislang wunderbar entzogen habe, und auf der anderen Seite werden Bücher nur sehr selten in aller Öffentlichkeit als treuer Begleiter präsentiert?

 

Ich gehe gerne mit Büchern spazieren, wenn es sich ergibt. Nicht, dass ich das ständig und überall tun würde. Also, wundern Sie sich nicht, falls Sie mal auf mich treffen, und die Finger meiner linken Hand kein Buch umschließen! Dafür kann es geschehen, dass ich mit einer Zeitung für Leser promeniere. Bücher sind meine Freunde, und somit lasse ich mich gerne mit ihnen sehen. Menschen, die nur wenig bis nichts lesen, haben etwas versäumt. Nicht nur, weil sie die vielen Welten nicht kennen, die in jedem Buch, das mehr als bloß Buchstaben enthält, stecken. Nein, sie kennen auch nicht das Gefühl, mit einem Buch auf Du und Du zu sein, und es mit Freude nach außen zu präsentieren. Auf ein Buch angesprochen wurde ich höchstens zwölf Mal, möglicherweise sogar seltener. Es wäre natürlich schön, über ein Buch ins Gespräch zu kommen, doch damit muss eine Hemmschwelle überwunden werden. Ich selbst habe es möglicherweise erst ein oder zwei Mal gewagt, einen Menschen auf ein Buch anzusprechen.

 

In einem der Werke von Paul Auster gibt es meiner Erinnerung nach eine Szene, wo ein Autor seinen Roman in den Händen einer jungen Frau entdeckt, und sie anspricht. Irgendwie erinnere ich mich auch dunkel daran, mal einen Film gesehen zu haben, wo eine solche Szene inszeniert ist. Das ist mir bislang noch nie passiert, dass ein Mensch – egal ob Frau oder Mann – eines meiner Werke öffentlich gelesen hat. Andererseits wäre das ein sehr glücklicher Zufall. Schließlich habe ich nur sehr, sehr selten Menschen Bücher lesen sehen, die zu meinen persönlichen Lieblingsbüchern zählen. Die Chance, einen Menschen zu treffen, der ausgerechnet – sagen wir mal – meinen „Zentralfriedhofs-Führer“ liest, ist also gering. Selbst auf dem Zentralfriedhof ist mir das noch nicht passiert. Wird es irgendwann einmal so weit sein? Keine Ahnung. Und werden irgendwann mehr Menschen mit den Büchern flanieren, die sie gerade lesen? Ebenso keine Ahnung. Es freut mich jedenfalls, fast ein Leben lang den Aktenkoffer mit einem Buch getauscht zu haben. Wobei heutzutage eher Aktenmäppchen und Herrentäschchen en vogue sein mögen. Ehrlich gesagt weiß ich da nicht so genau Bescheid. Schließlich brauche ich mir darüber keinen Kopf zu machen, da ich gerne Bücher und auch Qualitätszeitungen mit den Fingern meiner linken Hand umschließe, wenn ich meiner Wege gehe.  

 

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Do

11

Feb

2010

Plagiate

 

Immer schon hat es Plagiate gegeben. Ich will auch gar nicht mal auf ein bestimmtes eingehen, das wäre zu langweilig. Interessant ist nur, dass viele Menschen, die Plagiate fabrizieren, dies als selbstverständlich ansehen. Es handelt sich sozusagen um eine Art „Kavaliersdelikt“. Sich bei anderen Autoren, Musikern, Komponisten zu bedienen ist eine Form der Auseinandersetzung. Das Eigene geht in das Fremde über und umgekehrt. Schließlich ist jeder Künstler von anderen Künstlern beeinflusst. Wenn dann ganze Passagen in den eigenen Text einfließen, und ein Verlag nicht erkennt, dass es sich um ein Plagiat handelt, ist die perfekte Hühnersuppe verpackt. Überall in den Supermärkten wird diese Hühnersuppe angeboten. Noch weiß niemand, dass es sich nur um eine Packerlsuppe handelt, die mit zahlreichen Geschmacksverstärkern ausgestattet ist. Ohne diese Geschmacksverstärker wäre die Hühnersuppe überhaupt nicht essbar. Wenn dann das Plagiat erkannt wird, wäre es doch nur logisch, dass die falsche Hühnersuppe aus den Regalen verschwindet, oder?

 

Aber wie oft passiert das? Wie oft wird den Konsumenten eine Fälschung angeboten?

Schon Kierkegaard schrieb über die Tatsache, dass unzählige Plagiate im Umlauf sind. Nicht selten ist es ein Ding der Unmöglichkeit, diesen Fälschungen auf die Schliche zu kommen. Aber wäre es nicht Sache des Plagiators, jene Geschmacksverstärker anzugeben, die er genüsslich seinem Süppchen beimengt? Zwischen einer Inspiration und dem (fast) wortwörtlichen Abschreiben von ganzen Textpassagen ist ein enormer Unterschied. Nun gut, es gibt falsche Markenhosen, falschen Kaviar, warum nicht auch falsche Bücher? Das Problem ist nur, wenn die Plagiatoren mit ihrem dreisten Vorgehen viel Geld machen. Insbesondere ist das gegenüber den Bestohlenen eine Gemeinheit. Ich bin davon überzeugt, dass Plagiate heute überall auf der Welt Absatz finden. Das weltweite Netz stellt für viele Plagiatoren mit Sicherheit einen Selbstbedienungsladen dar. Warum nicht hier und dort grasen, und das Wiedergekäute in „neuem“ Zusammenhang wo auch immer veröffentlichen?

 

Ich finde es wunderbar, von anderen Autorinnen und Autoren inspiriert zu werden. Diese Autorinnen und Autoren ohne Nachfrage zu bestehlen, und deren Texte bzw. Textpassagen für meine auszugeben fiele mir aber nie in hunderttausend Jahren ein. Wenn ich schon der Auffassung wäre, dass das eine oder andere Zitat eines anderen Autors gut in mein eigenes Werk platziert werden könnte, dann wäre es für mich eine Verpflichtung, diesen Autor zu fragen, ob er diese Platzierung erlaubt. Insofern ich aber mehrere Seiten in „mein“ Werk implizieren wollte, so müsste ich diesen Autor als – mindestens – Co-Autor ansehen, und ihn finanziell beteiligen, sollte ich einen Verlag finden, der das Werk veröffentlicht. Schließlich sind Texte anderer Autorinnen und Autoren kein Selbstbedienungsladen, auch wenn sie öffentlich aufliegen.

 

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Mo

25

Jan

2010

Kafka heute

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Fr

01

Jan

2009

Abgesang auf die Nuller-Jahre

 

In den letzten Wochen des Jahres 2009 war plötzlich in allen möglichen Medien von den zu Ende gehenden Nuller-Jahren die Rede. Fast ein ganzes Jahrzehnt lang hatte es überhaupt keinen Begriff für diese Zeitspanne gegeben, und dann überschlugen sich die Berichte. Das geht sogar so weit, dass schon jetzt Bücher über dieses Jahrzehnt veröffentlicht sind.

 

Mein persönliches Resümee der Nuller-Jahre fällt durchaus positiv aus. Ich habe mir den Status des Literaturexperten jedenfalls in diesem gerade zu Ende gegangenen Jahrzehnt erarbeitet.  Gut 200 Rezensionen habe ich geschrieben, zwei davon wurden als Link-Empfehlungen der freien Universität Berlin auf deren HP gesetzt. In Zusammenhang zu einer Rezension eines Buches von Franzobel gab es eine lustige Kommentar-Kette im Online-Standard, in der ich als „Prof.“ bezeichnet worden bin. Vielleicht erlange ich ja irgendwann einmal einen Ehrentitel, doch noch bin ich zu jung hierfür. Meine Rezensionen finden guten Widerhall, was mich schon ein wenig stolz macht.

 

Ebenfalls in die Nuller-Jahre hinein fällt meine verstärkte literarische Tätigkeit. Es entstanden in dieser Zeitspanne drei Romane, ein Sachbuch, ein Kinderbuch, und Erzählungen. In den ersten beiden Jahren der Nuller-Jahre nahm ich an zwei Autoren-Workshops in Berlin teil, und lernte hierbei u.a. Titus Müller, Sandra Uschtrin, -ky und Andreas Eschbach kennen. 2004 bis 2005 wurde mein Schreiben durch ein Schreibforum neu motiviert, das mittlerweile seine Pforten wieder geschlossen hat. Das letzte Jahr der Nuller-Jahre schließlich bescherte mir meine erste Krimi-Veröffentlichung, was mich besonders gefreut hat. Insbesondere auch, weil der Krimi vom renommierten Arovell-Verlag veröffentlicht wurde. Die Teilnahme an der Krimi-Nacht 2009 war ein weiteres Highlight in diesem Kontext.

 

Die nun begonnenen Zehner-Jahre werden mit Sicherheit viel Neues mit sich bringen. Ich bin schon sehr gespannt auf dieses neue Jahrzehnt, das ich mit einem persönlichen Paukenschlag begrüße.

 

Es ist zu hoffen, dass die Krisen, die am Ende der Nuller-Jahre verstärkt ersichtlich wurden, dazu führen werden, die Geschicke der Menschheit in eine Richtung zu lenken, welche sich an Solidarität, Gerechtigkeit, und einem Wirtschaftssystem mit freundlichem Antlitz orientieren. Eines haben die Nuller-Jahre nämlich bewiesen: So wie sich die Weltlage entwickelt hat, kann und darf es nicht weitergehen. Kapitalismus und Neoliberalismus können nicht die einzigen Faktoren sein, denen (multinationale) Unternehmen und Politiker „Wert“ beimessen, worunter Milliarden von Menschen in Form von Ausbeutung, Versklavung, Missbrauch, Armut und Geringschätzung zu leiden haben. Möge es in einem konstruktiven Sinne für die Menschheit und alle sonstigen Bewohner dieses Planeten Erde in den vor uns liegenden Zehner-Jahren aufwärts gehen, und positive Zeichen gesetzt werden, die dem Planeten, auf dem wir leben, alle Ehre erweisen!

 

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Di

08

Dez

2009

Weihnachtsgeschichte

 

Ich weiß, dass es nicht einfach ist, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben, die den Leser berührt und unterhaltsam ist. Vor vielen Jahren habe ich mich an einer solchen Geschichte versucht, und im besten Fall wird früher oder später eine Adaption erfolgen, die eine Neuveröffentlichung möglich macht.

 

Meine Lieblingsweihnachtsgeschichte stammt von Paul Auster. Die Geschichte wird auch im Film „Smoke“ (ganz am Schluss) erzählt. Ein junger Mann stiehlt ein paar Magazine im Tabakladen von Auggie, der den Dieb verfolgt, und nicht zu fassen bekommt. Der junge Mann verliert aber seine Geldbörse. Auggie verzichtet darauf, die Polizei zu verständigen. Einige Zeit später fällt ihm dieses Erlebnis ein, und er beschließt, zu jener Adresse zu gehen, wo sich seinerzeit der junge Mann aufgehalten haben sollte. Es ist Weihnachten, als er an die Tür klopft, und ihm eine alte Frau die Tür öffnet. Sie ist blind, und begrüßt ihn herzlich. Sie sagt ihm, dass sie sich über seinen Besuch freut, und spricht ihn als ihren Enkel an. Auggie weiß, dass sie nicht verrückt ist, sondern gerne ihren Enkel an ihrer Seite hätte. Und so spielt er das Spiel als Enkel mit, und verbringt Weihnachten zusammen mit der Frau.

 

Sie essen gemeinsam, sie reden viel, es ist eine wunderbare gemeinsame Zeit. Auggie muss kurz austreten, und bemerkt einen Stapel von Kameras. Er nimmt eine der Kameras und steckt sie ein. Dies ist der Beginn einer Leidenschaft, die essenziell für den ganzen Film ist. Als er zurück zu der alten Dame kommt, schläft sie. Ein Jahr später erinnert er sich an dieses herrliche Weihnachten und möchte die Frau besuchen. Aber an der Adresse wohnt wer anderer, und er hört, dass die Frau kürzlich verstorben ist. Er weiß, dass er mit ihr das letzte Weihnachtsfest ihres Lebens gefeiert hat.

 

Wundersame Begegnungen kann es bei jedem Weihnachtsfest geben. Es gilt, wachsam zu sein, und vielleicht ist dann Weihnachten ein Fest der Erneuerung so wie für Auggie. Das wäre uns allen zu wünschen.

 

Ich wünsche all meinen Leserinnen und Lesern noch eine schöne Adventzeit und ein wunderbares Weihnachten.

 

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Mi

25

Nov

2009

Jean Ziegler

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Do

19

Nov

2009

Eine kafkaeske Lesung

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Mo

09

Nov

2009

Meine persönliche Wende

 

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie viele Jahre es her ist, dass ich den Text geschrieben habe, der einen Zusammenhang zwischen meiner „persönlichen Wende“ und dem Mauerfall erkennen lässt.

 

Tatsächlich kann ich im Jubiläumsjahr des Mauerfalls auf 20 Jahre Schreiben zurückblicken. Bei dem nachfolgenden Text handelt es sich wohl um einen der persönlichsten, der im Rahmen meines Autoren-Lebens entstand, und der Teil meiner alten Website ist.

 

1989

 

Es ist, als wäre es gestern gewesen, und doch ist es schon lange her. Der Fall der Mauer fiel zusammen mit dem Beginn meines neues Lebens und das kam so:

In jenem denkwürdigen Jahr, wo der Fall der Mauer den Umbruch Osteuropas einleitete, begegnete mir ein Mensch, dessen Einmaligkeit und Liebe ein Wanken meiner Prinzipien verursachte. Er war Deutschlehrer von unglaublicher Vitalität, und vermochte es, mir in der Trostlosigkeit des Schulalltags eine Kerze anzuzünden, die bis heute nicht erloschen ist. Mit viel Herzenswärme überzeugte er mich davon, dass ich großes Schreibtalent besäße. Er ließ die ganze Schulklasse an meinen Gedankenausflügen teilhaben, indem er mich ersuchte, vor den SchülerInnen einen Aufsatz vorzutragen. Es wurde mir schlussendlich sogar applaudiert. Die einzige Schularbeit, die er mir je korrigierte, beurteilte er dermaßen positiv, dass ich vor Freude hätte fliegen können. Einer meiner Mitschüler ahnte genau zu jenem Zeitpunkt, wo mir Flügel angewachsen waren, dass die Mauer schon bald fallen würde, da es für ihn keinen Zweifel gab. Der Fall der Mauer wurde für mich zum Symbol für ein neues Leben, das haargenau in jene Zeit hineinfiel, wo alles sich von einem Tag zum anderen veränderte. Es verwundert nicht, dass im Herbst des Jahres 1989 der erwachte junge Dichter sich im Kino den Film „Club der toten Dichter“ ansah; einen Film, der von einem Englisch-Lehrer handelte, welcher absolut unkonventionelle Unterrichtsmethoden verfolgte, um seinen Zöglingen Literatur nahezubringen. Robin Williams, der den Lehrer ausgezeichnet verkörpert, ähnelt in vielerlei Hinsicht meinem großartigen Entdecker der Fähigkeiten, die in mir schlummerten. Plötzlich las ich sehr viele Bücher von Autoren, die ich zuvor nie hätte lesen mögen. Eine Aufbruchstimmung brachte eine Mauer in mir zum Umstürzen, die mich bis zu jenem magischen Moment, als der Käpt´n, wie ich ihn nennen will, zum ersten Male die Klasse betrat, indem er die verwunderten SchülerInnen mit einem Klopfen seines Zeigefingers auf die Stirn begrüßte, daran gehindert hatte, innerlich ein Gefühl von Freiheit zu verspüren. Stets hatte ich mich eingeengt gefühlt von Ängsten und unüberwindbaren Komplexen; aber plötzlich war der Zugang zu meinem Inneren freigelegt, und ich folgte dem Weg, der mich dorthin geführt hat, wo ich jetzt angelangt bin. Als die Mauer fiel, fiel auch langsam die Mauer in mir. Ein Mauersturz eröffnet immer die Möglichkeit, Freiheit zu erlangen. Die Berliner Mauer war das Symbol für die bewusste Abriegelung bestimmter Menschen voneinander; sie war somit mehr als bloßes politisches Machtinstrument oder brutale Trennungslinie eines zuvor geeinten Deutschland. Für mich als damals jungen Burschen von knapp neunzehn Lenzen, der ich in Wien aufwuchs (und dort nach wie vor mein Leben gestalte), war der Mauerfall immerhin die eindrucksvolle Bestätigung, daß manchmal Wunder geschehen; auch wenn es mir egal hätte sein können.

 

1989 war das Jahr, wo ich von einem Lehrer inspiriert zu schreiben begann, wo ich mit Büchern Freundschaften schloss, die ich zuvor ignoriert hatte, wo mein Leben einen Schub bekam, dessen Wirkung ich noch heute spüren kann.

Die Geschichte, für die ich so dankbar bin, dass ich sie mit Freude niederschrieb, hat ein schreckliches Ende: Mein Lehrer konnte sich nicht lange um mich kümmern; bald schon musste er ins Spital, und ich erfuhr, dass er schon längere Zeit an unheilbarer Leukämie gelitten hatte. Er starb bald darauf, und mir ist bewusst, dass ich wahrscheinlich der letzte junge Mensch gewesen sein muss, den er durch seine Berufung zum Lehrer ermutigen konnte, sein Talent zu erkennen, zu entwickeln und das Schreiben als wichtigen Teil des Lebens zu sehen. Ohne ihn wäre ich nie zu dem geworden, der ich jetzt bin. Und dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

 

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Do

29

Okt

2009

Buchstabensuppe 2009

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Mo

19

Okt

2009

Herzens-Projekt

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Do

08

Okt

2009

Literatur und Politik

 

Ich bin ein Kandidat für die Grünen  zur Vorwahl anlässlich der Gemeinderatswahlen 2010 in Wien. Verträgt sich das mit meiner Berufung zum Autor? Literatur und Politik, besteht da irgendeine Verbindung?

 

Vaclav Havel ist das vielleicht bekannteste Beispiel für einen Autor, der es sogar in höchste Gefilde eines politischen Amtes gebracht hat. Seine Leistungen als Politiker können mit jenen als Autor nicht verglichen werden. Sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge haben andere Konsequenzen.

 

Nun gut, ich bin ein bisschen abgeschweift. Aus vielen meiner Texte gehen auch politische Ansichten hervor. Wer Gesellschaftskritik übt, wird meist mit den politischen Strukturen nicht zufrieden sein. Freilich ist es heutzutage die Wirtschaft, welche die Politik fest in der Hand hat. Wirtschaft ist zu einem Schlagwort geworden, das das Szenario nicht nur in Österreich beherrscht. Wirtschaft heißt in erster Linie über Menschen bestimmen. Die Wirtschaft lenkt eine Gesellschaft in welche Richtung auch immer. Ist die Wirtschaftslage in Schieflage wie heutzutage, sind die Menschen allerorts davon betroffen. Die meisten negativ und ein paar im Elfenbeinturm positiv.

 

Ich kandidiere nicht, weil die Wirtschaft im Argen liegt, denn die müsste gar nicht im Argen liegen. Ich kandidiere, weil ich das System, das viele Menschen – auch in Österreich – in Armut und Verzweiflung treibt, nicht akzeptieren kann. Das ist automatisch auch eine politische Stellungnahme, ob ich will oder nicht.

 

Ein Buch kann die Welt nicht verändern, aber es kann den Menschen neue Perspektiven anbieten, die es lesen. Eine Aussage eines Politikers kann die Welt nicht verändern, aber sie kann den Menschen neue Perspektiven anbieten, die sie vernehmen. Freilich kann mit Büchern und politischen Aussagen auch manipuliert werden. Dies passiert täglich. Ein Autor kann versuchen, den Mainstream zu bedienen, um sich damit einen vermeintlichen Namen zu machen. Auf einen Politiker kann selbiges zutreffen. Menschen zu erzählen, was sie gerne hören wollen, obwohl sie selbst sich nie getrauen würden, es zu formulieren… Ist das Politik? Ja, das ist Politik. Und es kann auch Literatur sein.

 

Ich kandidiere, weil ich an die andere Seite der Politik ebenso wie an die andere Seite der Literatur glaube. Nämlich an die Seite der Medaille, welche sich der Menschen annimmt, ohne emotional manipulieren zu wollen. Menschen sollen Freude am Leben haben, und echte Freiheit ist keine Freiheit von, sondern eine Freiheit für etwas. Ich nehme mir die Freiheit, für die Grünen zu kandidieren. Und ich bin schon gespannt auf die 63. Landesversammlung der Grünen, wo sich entscheiden wird, ob ich mit meinen Ideen die Vorwählerschaft überzeugen kann.

 

 

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Mi

30

Sep

2009

Dorothee Sölle

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So

13

Sep

2009

20 Jahre Autor

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Do

27

Aug

2009

Kritik

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Di

18

Aug

2009

Perry Rhodan

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So

09

Aug

2009

Der arme Poet

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Mo

27

Jul

2009

Da machen die Ohren Augen!

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So

12

Jul

2009

Emotionsdesign

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Mo

29

Jun

2009

Mein erstes Kinderbuch ist da!

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So

28

Jun

2009

Licht und Schatten

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Mi

10

Jun

2009

Prager Autorenfestival 2008

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Di

02

Jun

2009

Zum 85. Todestag von Franz Kafka

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Fr

29

Mai

2009

Emmi Rothner und Leo Leike

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Sa

23

Mai

2009

Lesung inklusive Zecke

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Mo

18

Mai

2009

Urheberrecht und Google

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Do

07

Mai

2009

Glattauer-Schreibwettbewerb

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Mi

06

Mai

2009

Mitch Albom: Dienstags bei Morrie

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Mo

04

Mai

2009

Klaus Wagenbach: "Kafka"

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Sa

02

Mai

2009

Sylvia Plath

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Fr

01

Mai

2009

Die schüchterne Zeugin

 

Jetzt ist es soweit. Heute wird mein erster Krimi veröffentlicht, und ich bin freilich enthusiastisch gestimmt. Alles begann mit einem Zettel, auf dem ich einige Eckdaten notiert habe, und mit der Zeit entfaltete sich aus dem nur wenige Worte umfassenden Fundament eine verrückte Welt, die von schrulligen Käuzen und wundersamen Frauen besiedelt war und ist. Dass es sich hierbei nur um eine Perspektive von Wien handeln kann, versteht sich von selbst.

 

Mein Werk ist nun also auch ein Bestandteil des enormen Krimi-Universums auf diesem Planeten Erde. Ich bin schon sehr gespannt auf die Resonanz seitens der Leserschaft, und freue mich auf alles, was im Zusammenhang zu dieser ersten Krimi-Veröffentlichung auf mich zukommen mag…

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Voll in die Fresse

2112

Mein Lieblingsbuch

Gedanken im Sturm

Buchstabensuppe 2009

Anthology der Gier 

Mit Wort und Paukenschlag

Die Welt im Wasserglas

Anschlag 

Mystische Helden

Literatour de France 2003

Mitschreiben

Maskenball

Maskenball 41

 

Spiegel der Seele

 

Im Jahr des Saturn

Wieder schlägt man ins Kreuz die Haken

10 Jahre Mauerfall

Jahrbuch Lyrik 2000

Kamingeflüster

Etcetera Tabu

Zenit: Erinnerungen

Leserpreis 1992:

Dokumentation

Leserpreis 1991:

Der Spiegel

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