Der Autor Jürgen Heimlich – und wie er die Welt sieht

Sa

04

Sep

2010

Zum 40. Todestag von Jochen Rindt

Eines der ersten Bücher, die ich als Kind in meinem Elternhaus entdeckt habe, war jenes mittlerweile legendäre über Jochen Rindt. Ich habe darin wahrscheinlich sogar schon geblättert, ehe ich lesen konnte. Eine Unmenge von Fotos konnte ich staunend betrachten. Später habe ich mich dann genauer mit dem Buch auseinander gesetzt, immer wieder Passagen gelesen, Fotos angeschaut. Ich „kannte“ Jochen Rindt, obzwar ich einige Monate nach seinem Tod geboren worden bin. Der Mythos blieb mir nicht verborgen, und wenn ich die besten Formel 1 – Fahrer der Geschichte benennen soll, schreibe ich mit Fug und Recht:

Ayrton Senna, Fangio, Alain Prost, Niki Lauda und Jochen Rindt.

 

Jochen Rindt gewann gerade mal sechs Rennen in der Formel 1, immerhin 29 in der Formel 2. Die Bezeichnung „James Dean der Formel 1“ hat schon auch was für sich. Immer wieder wurde und wird davon erzählt, dass er wegen seiner Angst vor einem Feuerunfall nie vorschriftsmäßig angeschnallt war, weil er glaubte, im Fall des Falles dadurch schneller aus dem brennenden Wagen entkommen zu können. Genau das war eine Voraussetzung für seinen tödlichen Unfall. Ich habe mich mit keinem anderen Formel 1 Fahrer intensiver auseinander gesetzt. Und da spielt das Buch zweifellos eine entscheidende Rolle. Ich war fasziniert von einem Menschen, der posthum Weltmeister wurde. Jochen mit Lorbeerkranz ist ein Foto, das mich oft beschäftigt hat. Er hat die Lorbeeren geerntet und die Nachwelt hat einen Mythos um ihn gebaut. Was wäre, wenn er nicht so früh gestorben wäre?

 

Vor 40 Jahren verunglückte Jochen Rindt mit seinem Lotus im Training des Großen Preises von Italien in Monza tödlich. Er wollte maximal bis zum Alter von 30 Jahren Rennen fahren, hätte also nach seinem Weltmeistertitel vielleicht noch eine Saison angehängt.

Jochen Rindt als Doppelweltmeister und späterer Unternehmer, langjähriger Co-Kommentator von Heinz Prüller, Veranstalter von spektakulären Events, Autobiographieschreiber, Rennstallbesitzer, Konkurrent von Red Bull, Förderer österreichischer Rennfahrer-Talente, Filmschauspieler, erfolgreich mit eigenen Stunt-Shows, Sponsor, Verweigerer von Schickimicki, Individualist, einer, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt.

 

Es gehört in das Reich der Spekulation, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn sich kein Mythos bilden hätte können. Er hätte seinen Weg gemacht, was auch immer dieser Weg mit sich gebracht hätte. Das Buch über ihn ist mir weitaus stärker in Erinnerung als irgendwelche Weltmeistertitel eines anderen „echten Deutschen“. Ich sollte es mal wieder zur Hand nehmen, darin blättern, Passagen lesen, staunen.

 

 

 

 

Di

24

Aug

2010

Der Knacks in der Gegenwart

Eines Abends hatte ich eine Begegnung mit Roger Willemsen. Er sprach mit mir nur wenige Minuten, doch ich fühlte mich durchschaut. Einige Jahre später beschäftigte ich mich mit einem ungewöhnlichen Essay, der einst ein Bestseller war. „Der Knacks“ setzt sich mit jenen Momenten im Leben auseinander, durch die unabänderlich etwas verloren geht. Das Leben ist nun mal ein Experiment, das sich nicht wiederholen lässt. Der Knacks verläuft durch alle Lebensläufe der Menschen, prägt sie, verändert sie, markiert sie. Die ersten und die letzten Kapitel sind großartig. Es geht buchstäblich um Leben und Tod, um das Altern, um Krankheiten, um den Selbstmord. Der Mittelteil hat mich weniger vom Hocker gerissen. Da wird unheimlich viel sublimiert. Die Analyse von menschlichen Regungen, Worthülsen und Emotionen können den Leser leicht verwirren. Schaut Roger Willemsen mitten in die Menschen hinein, öffnet er deren Herzen, Seelen und Körper? Findet er dann alles, was er sucht?

 

Vielleicht gefällt sich Roger Willemsen darin, möglichst schwer verständliche Sätze zu generieren. Leider gelingt es ihm dadurch, Unbehagen auszulösen. Ich habe lange gebraucht, um den Essay fertig zu lesen. Alle paar Seiten fragte ich mich, ob dieser oder jener Dialog tatsächlich stattgefunden haben könnte oder ob der Autor nur illustrieren will, was den „Knacks“ sichtbar macht? Metakommunikation, das Schwafeln über sinnloses Zeug und richtiggehende Wortkalauer wechseln sich ab. Fein, dass es die wunderbaren Kapitel gibt. Wenn Willemsen auf sich selbst bespiegelnde Satzmonstren verzichtet, wird einem vielleicht sogar bewusst, wie wichtig dieser Essay ist. Wichtig im Sinne der Weitläufigkeit, Weisheit, Erkenntnismöglichkeit. Im Alter verläuft der Knacks anders. Die Vergangenheit nimmt plötzlich überhand, die Zukunft weist auf den Tod. Doch muss es so sein? Ohne eine Wertung abzuliefern scheint mir, als wolle Willemsen eine Gegenrichtung andeuten. Der Knacks, die unsichtbaren Linien zahlreicher Verluste brauchen sich nicht über das Leben des Menschen zu legen, als gäbe es keine Gegenwart. Das Leben hat keine Zukunft und keine Vergangenheit, es ist immer Gegenwart. Auch der Knacks wird in der Gegenwart sichtbar, breitet sich dann aber natürlich in die Zukunft aus und wird zu seiner eigenen Vergangenheit.

 

Es gibt keine kontinuierliche Lebenslinie, sondern das ewige Um und Auf des Scheiterns und der unwiederbringlich verlorenen Augenblicke. Ist das schlecht, wenn der Knacks regiert? Oder ist es nicht doch eine für das Leben notwendige Komponente, ohne die pure Langeweile regieren würde?

 

Di

10

Aug

2010

Selbstkritik

 

Im Laufe dieses Jahres habe ich an mehreren größeren literarischen Projekten gearbeitet. Drei wurden abgebrochen bzw. nicht finalisiert. Immerhin zwei Projekte sind über die Ziellinie gelaufen. Vielleicht ein guter Schnitt, vielleicht auch nicht. Max Frisch soll das Manuskript des „Stiller“ in den Mistkübel geschmissen haben, weil er damit äußerst unzufrieden war. Seine damalige Lebensgefährtin hat das Manuskript „gerettet“. Nun gut, hätte er es in tausende Stücke zerrissen oder verbrannt wäre es definitiv verloren gewesen. Ein kleiner Hoffnungsstrahl, dass der Roman doch nicht so mies ist, war also mit Sicherheit im Bewusstsein des Autors aus der Schweiz.

 

Jeder Autor mag sich die Frage stellen, welche Qualität seine Texte haben. Die Gründe, warum ich Projekte abbreche, haben nicht immer mit Qualitätskriterien zu tun. Natürlich geht es letzten Endes aber um die Qualität. Denn wenn ein Projekt zu Ende gebracht wurde, setzt die Selbstkritik verschärft ein: Erfüllt dieser Text die großartigen Erwartungen, die ich in ihn gesetzt habe? Jeder Text – selbst wenn er objektiv betrachtet außerordentlich gut ist – könnte noch besser sein. Nach oben hin gibt es keine Grenzen. Somit habe ich mir angewöhnt, meine Texte selbst zu bewerten. Ich versuche, meinen Texten gegenüber nicht noch kritischer zu sein als Texten fremder AutorInnen gegenüber, was mir nicht immer gelingt. Im Mistkübel ist bislang noch kein Text gelandet. Nicht, weil kein Text so großartig schlecht wäre, sondern weil ich den Überblick behalten will. Das grandiose Scheitern, hanebüchene Kapitel eines Romans, eindimensionale Satzungetüme, lieblose Gedichte, alles schon passiert und halb so schlimm.

 

AutorInnen sind nach außen hin als Menschen sichtbar, die Literatur schaffen. Manche Texte erblicken das Licht der Öffentlichkeit und die AutorInnen werden an diesen gemessen. Vielleicht sind es aber gerade die aus Sicht der AutorInnen gescheiterten, hanebüchenen, eindimensionalen, lieblos dahingekritzelten Texte, die das Zeug zu höheren literarischen Weihen hätten? Andererseits ist die Qualität veröffentlichter Texte oft so bescheiden, dass ich an der kritischen Haltung der Verlagsverantwortlichen zweifle. Bereits weithin bekannte und „erfolgreiche“ AutorInnen sind dazu auserkoren, sich selbst an der Hand zu nehmen und nicht aus der Sicherheit heraus, dass ihre Texte ohnehin zu für sie guten finanziellen Konditionen veröffentlicht werden, die Selbstkritik völlig außen vor zu lassen. Die kritische Einstellung den eigenen Texten gegenüber darf nie verloren gehen. Selbstverliebte Intellektuelle erzählen gerne davon, wie intellektuell sie wären, und selbstverliebte AutorInnen interpretieren die Großartigkeit ihrer Romane in großem Stil. Gegen Selbstverliebtheit ist ja nichts einzuwenden. Wenn diese allerdings dazu führt, dass das eigene Leben und Schaffen als das non plus ultra angesehen wird, nun ja…

 

Zurück zum Start. Ich schätze mal, dass vielleicht 20 % der Texte, die ich im Laufe meines Autorenlebens geschrieben habe, gewisse Qualitätskriterien erfüllen. Und zwar von jenen, die fertig geschrieben wurden. Wenn ich die unzähligen Sätze, die während einer literarischen Schaffensphase niedergeschrieben und gestrichen werden, abziehe, kann von 20 % freilich nicht mehr die Rede sein. Am Ende geht es aber darum, sich selbst in den Spiegel schauen zu können. Und ich freue mich über jeden von mir geschriebenen Text, den ich als halbwegs gelungen einstufe. Ob dies wirklich zutrifft, mögen meine LeserInnen beurteilen, insofern diese Texte veröffentlicht wurden.

 

Mi

28

Jul

2010

Überschneidungen

Die Lieblingsautoren von Paul Auster sind Kafka und Dostojewski. Meine Lieblingsautoren sind Kafka, Dostojewski und Paul Auster. Das schreibe ich nicht einfach so dahin, sondern ist eine erstaunliche Tatsache, an die ich jedes Mal erinnert werde, wenn ein neuer Roman von Paul Auster den Buchmarkt erobert.

 

Für mich ist Paul Auster so etwas wie ein „Bruder im Geiste“. Ich lese die ersten Seiten eines von ihm geschriebenen Romans und schon habe ich das Gefühl, dass ich mit den Worten persönlich angesprochen bin. Es ist wie eine Rückkehr in ein wohlbekanntes Gebiet. Ich genieße es, die Romane zu verschlingen und mir Gedanken darüber zu machen. Im Juni 2008 hatte ich die Gelegenheit, Paul Auster persönlich kennen zu lernen. Ich hätte ihn anlässlich des Prager Autorenfestivals ansprechen und also ein paar Worte mit ihm wechseln können. Aber nein, ich wollte nicht bzw. konnte nicht. Irrsinn, Kuriosum, ein Blackout? Vielleicht wäre der Turm Paul Auster umgefallen, wenn er belanglose Worte mit mir gewechselt hätte. Small talk zwischen Paul Auster und mir, irgendwie eine Denkunmöglichkeit. Der Autor so grandioser Werke wie New York Trilogie, Timbuktu, Leviathan und Mister Vertigo als netter Small talker? Vielleicht wäre es so gewesen, vielleicht auch nicht. Ich wollte mir meine Vorstellungen von Paul Auster bewahren und ein persönliches Gespräch hätte diese Vorstellungen unter Umständen ins Wanken gebracht. Die unumgänglichen Interpretationen der Worte eines Gesprächspartners hätten mich womöglich hinters Licht geführt. Ich bin davon überzeugt, dass meine Entscheidung die Richtige war.

 

Warum ich das oben geschriebene erwähne? Weil Paul Auster mich mit seinem neuen Roman wiederum in den Bann gezogen hat. Von der ersten Seite an bin ich Teil des Geschehens. Schade nur, dass das vierte und letzte Kapitel mir ein wenig langweilig vorkommt. Doch seinem Lieblingsautor verzeiht man alles, selbst die schlechtesten Bücher, zu denen Unsichtbar aber keineswegs gehört. Ein junger Mann steht im Mittelpunkt, der von einem Dasein als Autor träumt. Ein etwas älterer Mann gibt vor, ihn zu fördern, bei der Gründung einer Literaturzeitschrift zu unterstützen. Und plötzlich gerät alles aus den Fugen. Der junge Mann wird Zeuge eines abscheulichen Verbrechens, das der etwas ältere Mann verübt. Die Konsequenzen für Mister Walker, dem jüngeren Mann, sind eklatant. Sein Leben verläuft in ungeahnten Bahnen.

 

Der Kunstgriff von Paul Auster besteht darin, den Roman einerseits aus mehreren Perspektiven zu erzählen und andererseits mehrere Dimensionen und Erzählebenen ineinander zu verschachteln. Daraus ergibt sich ein Mosaik, das nicht bis zum letzten Stein ausgelegt werden kann. Es bleiben Fragwürdigkeiten zurück. Worüber ich am Ende besonders erstaunt war und bin ist eine weitere Eigenheit, die Paul Auster (wieder mal) mit mir verbindet. In Unsichtbar geht es um Aufzeichnungen, welche – scheinbar – nicht immer der Wahrheit entsprechen bzw. erstunken und erlogen sind. Die Verschränkung von Tagebuchaufzeichnungen sowie literarischer Texte mit den eigentlichen Erzählebenen habe ich in einem meiner Romane auch versucht. Inwiefern können wir LeserInnen tatsächlich nichtfiktiven Texten Glauben schenken? Menschen tendieren in ihrer Lebensauffassung dazu, Erfahrungen und Erkenntnisse abzuwerten, zu sublimieren, zu erfinden und zu bestreiten. Wie glaubwürdig sind denn die Menschen überhaupt? Ist ihnen zu trauen? Haben sie das Zeug, alles in ein anderes Licht zu rücken? Mister Born, der etwas ältere (doch immer noch junge Mann zu Beginn des Romans) Mann behauptet mit dem Brustton der Überzeugung, einen Menschen nicht ermordet zu haben. Mister Walker ist vom Gegenteil überzeugt, und daraus ergibt sich das angedeutete Desaster.

 

Paul Auster hat mich trotz des mäßigen letzten Kapitels ein weiteres Mal überzeugt. Ich mag seine Romane sehr und so sei mir eine möglicherweise überzogene Kritik erlaubt. Dass es sogar Überschneidungen zwischen ihm und mir bei den Intentionen des Schreibens geben könnte ist wahrscheinlich nachvollziehbar. Ich kenne die Werke von Paul Auster zur Gänze, habe sie in mich eingesogen. Seine Kunstgriffe sind mir wohlbekannt und dass ich dann auf eine Idee komme, die ebenso von ihm zu irgendeinem anderen Zeitpunkt kreiert wurde oder kreiert werden könnte, keineswegs überraschend. Vielleicht wird es mir in Zukunft auch einmal gelingen, meine Vorstellungen ähnlich meisterhaft umzusetzen wie dies Paul Auster mit den meisten seiner veröffentlichten Romane gelungen ist. Wie dies Paul Auster selbst sieht, habe ich ihn nicht fragen wollen. Wahrscheinlich ist er von seinen eigenen Werken gar nicht mal so überzeugt. Wer Kafka und Dostojewski als Lieblingsautoren und Vorbilder hat, ist eher davor gefeit, das eigene Schreiben zu überhöhen oder auch nur gerecht zu bewerten.

 

Mi

21

Jul

2010

Fußball und Literatur, Teil 3

Ich werde keine Nachbetrachtung der Fußballweltmeisterschaft 2010 betreiben. Es war eine sehr gut organisierte, aber von der Qualität der Spiele her gesehen eher enttäuschende Veranstaltung. Mehr ist dazu fast nicht zu sagen. Es ist nur zu hoffen, dass die großen Stadien sinnvoll genutzt werden können, und wenigstens ein kleiner positiver Effekt auf die arme Bevölkerungsschicht sichtbar geworden ist, was wohl jedoch fast ausgeschlossen werden kann. Verdient an der ganzen Sache hat wieder mal nur die FIFA. Einige honorige Herren haben über Gebühr abgecasht, doch das ist eine Geschichte, die in Abgründe führt, von denen hier nicht die Rede sein soll. Ich will mich der Literatur widmen.

 

Und zwar der Literatur und dem Fußball. Ich weiß nicht, ob ich die Chance bekommen werde, mich in einem Testspiel für die Literatennationalmannschaft zu bewähren. Doch mein nächster gewagter Schritt geht in Richtung Augustin Cup, wo ich das Team der Friedhofstribüne unterstützen möchte. Meine gut 20-jährige Kickabstinenz tut der guten Sache keinen Abbruch. Irgendwie verspüre ich schon länger den Antrieb, ein bisserl zu kicken. Verausgaben möchte ich mich dabei keineswegs, aber die Reaktivierung ballesterischer Ansätze lässt mich in Erinnerungen tauchen.

 

An einigen Ereignissen aus frühester Jugend führt kein Weg vorbei, die sind in meinem Gedächtnis felsenfest gespeichert. Ich erzielte das vielleicht schnellste Tor in der Geschichte meiner damaligen Schule, als ich bei einem Hallenfußballturnier nach geschätzten drei Sekunden den Ball im gegnerischen Goal oben links versenkte. Grenzenloser Jubel der Mannschaftskollegen, eh klar. Und niemand verstand, warum ich dann in der zweiten Halbzeit nicht zum Einsatz kam. Das war wohl die „Idee“ des Kapitäns, der mir später oder früher (das weiß ich nicht mehr genau) einen Einsatz in einem Finale versagte, weil ich im Halbfinale beim Stand von 8:2 für die unsrigen nicht mehr den nötigen Kampfgeist aufbrachte. Nun ja, demütigen wollte ich den Gegner nicht. Dafür kam es im Finale zu einer Demütigung der unsrigen, woran ich unbeteiligt war. Das Team kam 0:9 unter die Räder, und ich war Zaungast. Irgendwie gönnte ich dem Gegner den Kantersieg.

 

Mein schönstes Tor erzielte ich bei einem klasseninternen Spielchen auf einem gar nicht so schlecht gepflegten Fußballplätzchen. Ich überspielte mindestens drei Gegenspieler und überhob dann den Goalie nahezu perfekt. Einige Zeit später kam es zum ersten und einzigen Mal dazu, dass ich ungewollt für die „Auslage“ spielte. Ich legte zwei Tore mustergültig auf, war maßgeblich an einem 5:4 Überraschungssieg beteiligt. Das Angebot eines Fußballvereins, mich in deren Reihen aufzunehmen, lehnte ich jedoch ab. Schon damals war ich eher ein Einzelkämpfer. Doch langsam, wie mein plötzliches Engagement für ballesterische Einsätze zeigen mag, erwacht der Teamgeist in mir. Damit wird Literatur und Fußball zumindest kurzfristig zu einer Einheit. Und das taugt mir schon.

 

So

11

Jul

2010

80. Geburtstag von Klaus Wagenbach

Heute feiert Klaus Wagenbach, der berühmte und wunderbare Kafka-Biograph und Verleger seinen 80. Geburtstag, wozu ihm herzlich gratuliert sei! Anlässlich dessen weise ich zum Einen auf die unvergessliche Lesung von Klaus Wagenbach in intimer Atmosphäre hin, der ich beiwohnen konnte. Hierbei hat sich Klaus Wagenbach als großartiger Erzähler und nimmermüder Liebhaber von Kafkas Werken erwiesen. Zum Anderen erinnere ich an den "Brief an den Vater", der in Buchform vom Wagenbach-Verlag neu präsentiert wurde und die Erinnerungen eines jungen Mannes namens Frantisek Basik beinhaltet. 

 

Für mich war, ist und bleibt Klaus Wagenbach der erstaunlichste Verleger im deutschsprachigen Raum. Als bekennender Linker hat er sich nie ein Blatt vor den Mund genommen und Farbe bekannt. Seine Kafka-Biographie bleibt die wichtigste Basis für einen Zugang zum Genie Franz Kafka.

 

Do

01

Jul

2010

Fußball und Literatur, Teil 2

 

Ich habe mich in die Höhle des Löwen gewagt und mich mit der Literaturnationalmannschaft in Verbindung gesetzt. Und nun habe ich eventuell eine Option, zumindest für ein Testspiel in Frage zu kommen. Der Kader ist reichlich besetzt, sodass kein konkreter Bedarf an neuen Spielern besteht. Vielleicht wird ja doch mal ein B-Team gegründet, und dann bin ich vorne mit dabei. Jedenfalls freut es mich, dass die kleine Chance besteht, mich ballesterisch zu  bewähren. Literatur und Fußball sind keine Gegensätze und waren es auch nie. Ich werde also am Ball bleiben und sehen, wie sich die Dinge entwickeln.

 

Angesichts einer an Dramatik kaum zu überbietenden Fußballweltmeisterschaft will ich mich in diesem Kontext zu Wort melden. Die Monopolstellung der FIFA führt dazu, dass ein weltweit Wellen schlagendes Sportereignis diskreditiert wird. Die FIFA kassiert jede Menge Geld, die FIFA bestimmt die Regeln. Somit haben es die Nationalmannschaften von England und Mexiko der FIFA zu verdanken, dass sie eklatant benachteiligt wurden. Hier wäre ein Umdenken unabänderlich. Und zwar nicht im Sinne der Einführung von Videobeweisen oder Torraumkameras, sondern zuallererst die FIFA nicht als Monopolisten schalten und walten zu lassen, wie es den hohen Funktionären beliebt. Das veraltete Regelwerk gehört entstaubt, wogegen sich – warum auch immer – die FIFA-Funktionäre wehren. Die Monopolstellung der FIFA ist definitiv in Frage zu stellen.

 

Fußball wurde nicht von der FIFA erfunden, auch wenn das manche glauben mögen. Fußball ist ein Mannschaftssport mit gewissen Regeln, an die sich die Mitwirkenden zu halten haben. Fußball bietet Menschen Chancen, sich beruflich zu verwirklichen. Und Fußball kann sogar aus der Armut mitten in grenzenlosen Reichtum führen. In erster Linie geht es aber darum, Fußballer nicht als Ware zu betrachten und bei schwächerer Performance einfach dorthin zurück zu schicken, wo sie herkommen. Das passiert mit jeder Menge Fußballern vom afrikanischen Kontinent. Leider geht es auch der FIFA nur um Geld, Geld, Geld und Macht. Das sollten wir alle bedenken, die wir die Fußballweltmeisterschaft mit Spannung verfolgen.

 

Do

10

Jun

2010

Fußball und Literatur

 

Manche Autoren behaupten, sie verstünden sehr viel von Fußball. Einigen nehme ich das sogar ab. Allen voran Javier Marias. Er schrieb ausgezeichnete Fußballstücke unter dem geheimnisvollen Titel „Alle unsere frühen Schlachten“. Er ist seit seiner Kindheit mit Real Madrid verbunden. Den Fußball-Roman guthin hat Nick Hornby verfasst. „Fever pitch“ ist so etwas wie eine Autobiographie des vollblütigen Arsenal-Fans, der auch gerne zu Auswärtsspielen reist.  

 

Wer Fußball nur von der Ferne betrachtet oder meinetwegen im TV und dann glaubt, er habe von Fußball Ahnung, liegt vollkommen falsch. Ohne das regelmäßige Eintauchen in die Atmosphäre eines Fußballplatzes oder Stadions bleibt es bei der anfangs beschriebenen Behauptung. Die Erinnerung an miterlebte großartige Spiele bleibt bis zum Lebensende oder möglicherweise darüber hinaus bewahrt.

 

Das Interesse an Fußball oder das Dasein als Fan ist das Eine, das aktive Spielen das Andere. Vor zwei Jahren wurde in Wien auf dem Sportclubplatz die Literaten-Europameisterschaft ausgetragen. Hierbei holte sich Ungarn verdientermaßen den Titel.

 

2010 und also erst kürzlich holte sich – wie nicht anders zu erwarten – Deutschland im Elfmeterschießen den Titel vor der Türkei. Schon in der Vorgruppe waren Italien und Ungarn nur am Torverhältnis an der deutschen Mannschaft gescheitert und konnten sich demgemäß nicht für das Finale qualifizieren. Die Literaten-Europameisterschaften zeigen eindrucksvoll, dass auch Autoren das Fußballspiel im Blut haben. Den österreichischen Autoren fehlt es ein wenig an Selbstvertrauen, das haben sie mit den Fußballprofis, die für Österreich auflaufen, gemeinsam.

 

Ich habe mir hie und da Gedanken gemacht, zumindest wegen einer möglichen Einberufung in den Kader der Literatennationalmannschaft Österreichs nachzufragen. Grundsätzlich bin ich sicher (trotz fehlendem Training) nicht schlechter als einige im Kader befindliche Spieler, die eher einen Stehkick praktizieren. Mit den besseren Spielern kann ich aber definitiv nicht mithalten. Sollte es jemals ein B-Team geben, wäre ich sofort einsatzbereit.

 

Zudem bin ich absolut dafür, dass auch Autorinnen Nationalteams bilden und größere Meisterschaften austragen.

 

Angesichts der Fußballweltmeisterschaft gebe ich einen gewagten Tipp ab, der mich zumindest als Fußballkenner qualifizieren mag: Auch ich gebe Spanien die besten Chancen. Das Team ist derzeit definitiv besser aufgestellt als Brasilien. Wünschen würde ich mir, dass ein afrikanisches Team sehr weit kommt.

 

Ich bin übrigens auch schon seit meiner Kindheit eng mit dem Fußball verbunden. Buch habe ich noch keines über diesen Themenkomplex geschrieben, aber das kommt sicher noch. Mein Verein ist der Wiener Sportc(k)lub.

 

Mi

02

Jun

2010

Schrott

 

Nicht selten werden Bücher, die von Großverlagen oder Verlagskonzernen vermarktet werden als Schrott bezeichnet. In Autorenkreisen gehen manchmal die Wogen hoch, indem der Mainstream direkt oder indirekt die Bezeichnung Groschenromanniveau attestiert bekommt. Es gibt sicher nicht wenige nahezu unbekannte Autoren, welche sich benachteiligt fühlen, und der Ansicht sind, literarisch weit mehr zu leisten als der Großteil ökonomisch erfolgreicher Autoren. Das mag in einigen Fällen stimmen. Tatsache ist jedoch, dass ein Verlag in erster Linie ein Unternehmen ist. Bücher sind die Vertriebsware und mit den Autoren soll Geld verdient werden. Ohne die sogenannten „Starautoren“ könnte jeder große Verlag zusperren. Sie sind es, die den Verlag möglicherweise in die Gewinnzone hieven. Selbst ein großer Verlag lebt vorwiegend von seinen wenigen Autoren, die allseits bekannt und beliebt sind. Ein Vertrag mit einem großen Verlag garantiert keinem noch relativ unbekannten Autor einen rasant wachsenden Bekanntheitsgrad inklusive Aufstieg in die Profiklasse. Die Manuskripte nicht so bekannter Autoren können deswegen verlegt werden, weil sie durch die Einkünfte der Verlagslieblinge finanziert werden. Der angebliche „Schrott“ sorgt dafür, dass ein Großverlag überhaupt existieren und weniger bekannten Autoren Chancen eröffnen kann.

 

Ich will kein Hohelied auf die großen Verlage anstimmen. Aber die Sache mit dem angeblichen Schrott musste ich loswerden. Soll es denn eine Verschrottungsprämie für überschätzte Romane geben? Nein, nein, auf dem Büchermarkt geht es genau so zu wie in vielen anderen Branchen auch, wo Handel betrieben wird. Kleinere Verlage haben oft wunderbare Schätze im Sortiment, nach denen gar nicht mal wie nach der Nadel im Heuhaufen gesucht werden muss. Die Qualität der literarischen Erzeugnisse ist im Querschnitt aber wohl auch nicht höher einzuschätzen als jene bei Großverlagen. Und es besteht die Sehnsucht danach, selbst einen großen Namen an Land zu ziehen oder aber einen großen Namen „zu machen“.

 

Grottenschlechte Romane gibt es jede Menge. Nicht wenige davon erzielen erstaunliche Verkaufszahlen. Dennoch ist die Sache mit dem Schrott stark überzogen. Mancher Leser fühlt sich sicher auch persönlich angegriffen, wenn eines seiner Lieblingsbücher als Schrott bezeichnet wird. Also, gemach, gemach. Literatur ist ein großes Spielfeld, und bietet jede Menge Platz. Auch für Autoren, die vom Mainstream Lichtjahre entfernt sind. Nicht alles ist Gold, was glänzt, und einige wunderschöne Blumen blühen in einer Nische oder im Verborgenen.

 

Di

18

Mai

2010

Fragebogen Marcel Proust, Antworten des Literaturexperten

Was ist für Sie das grösste Unglück ?

Soziale Ausgrenzung und Armut

 

Wo möchten Sie leben ?

In einer friedvollen Welt, wo kein Mensch verhungern muss, und alle

Menschen Zugang zu trinkbarem Wasser haben

 

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück ?

Liebe

 

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten ?

Fehleinschätzungen

 

Ihre liebsten Romanhelden ?

Atreju, Nick und Stiller

 

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte ? Jesus von Nazareth

 

Ihre Lieblingshelden in der Wirklichkeit ?

Kämpferinnen und Kämpfer gegen Windmühlen

 

Ihre Lieblingshelden in der Dichtung ?

Pinocchio und Garp

 

Ihre Lieblingsmaler ? Egon Schiele und Alfred Kubin

 

Ihr Lieblingskomponist ? Philip Glass

 

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Intellekt und Kreativität

 

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Einfühlungsvermögen und innere Schönheit

 

Ihre Lieblingstugend ? Vergebung

 

Ihre Lieblingsbeschäftigung ? kreativ sein

 

Wer oder was hätten Sie sein mögen ? Ein Zeitzeuge von Jesus

 

Ihr Hauptcharakterzug ? Nachdenklichkeit

 

Was schätzen Sie bei ihren Freunden am meisten ? Authentizität

 

Ihr größter Fehler ? Misstrauen

 

Ihr Traum vom Glück ? Ein Dasein als Schriftsteller ohne Geldsorgen

 

Was wäre für Sie das größte Unglück?

Ein Pflegefall zu sein

 

Was möchten Sie sein ?

Immer ein Suchender

 

Ihre Lieblingsfarbe ? grün

 

Ihre Lieblingsblume ? Sonnenblume

 

Ihr Lieblingsvogel ? Kauz

 

Ihr Lieblingsschriftsteller ? Paul Auster

 

Ihr Lieblingslyriker ? Ernst Jandl

 

Ihre Helden in der Wirklichkeit ? Menschen mit Rückgrat

 

Ihre Heldinnen in der Geschichte ? Sophie Scholl und

Maria Magdalena

 

Ihre Helden in der Geschichte?

Mahatma Gandhi und Jesus von Nazareth

 

Ihre Lieblingsnamen ? Sebastian und Jessica

 

Was verabscheuen Sie am meisten ? Falschheit, Gier und

Streben nach Macht

 

Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten ?

Hitler, Stalin und George W. Bush junior

 

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten ?

Jeglichen Widerstand gegen scheinbar übermächtige Aggressoren

 

Welche Reform bewundern Sie am meisten?

Egal, wo es geschieht: Abschaffung der Todesstrafe

 

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen ?

Zeichnerisches Talent

 

Wie möchten Sie sterben ?

Schmerzfrei und bewusst

 

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung ?

Nachdenklich

 

Ihr Motto ? Carpe diem

 

Sa

01

Mai

2010

Ein Jahr http://www.literaturexperte.com/

 

Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht! Vor einem Jahr ging meine Website mit literarischem Schwerpunkt an den Start. Hintergrund dafür war die Veröffentlichung meines ersten Krimis Die schüchterne Zeugin“ im renommierten Arovell-Verlag. Das musste irgendwie gefeiert werden, und ich hatte schon längere Zeit überlegt, eine Webpräsenz zu etablieren, wo es ausschließlich um mein Dasein als Autor und Literaturexperte geht.

 

Der „Literaturexperte“ ist freilich mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Es ehrt mich, wenn ich angeschrieben werde, weil die Vermutung besteht, dass ich Literaturwissenschafter sein mag. Aber nein, das bin ich nicht, wenngleich es zweifellos keine unpassenden Federn für mich wären. Ich lebe Literatur. Klingt nicht ganz so dramatisch wie bei Kafka („Ich bin Literatur“), ist aber durchaus eine gute Beschreibung meines Bezugs zur literarischen Welt. Zwar habe ich freilich einen rationalen Zugang zu literarischen Werken. Ansonsten wäre es wohl nicht einmal möglich, auch nur eine halbwegs passable Rezension zu verfassen. Andererseits habe ich einen starken inneren, emotionalen Zugang zu Literatur. Ich lebe mit den Figuren, versetze mich in die Lebensgrundlagen der Figuren hinein. Mein „Expertentum“ ist also eine Mischung aus der Fähigkeit, rational an literarische Werke heranzugehen, und emotional mit den Figuren und deren Weltbildern verwachsen zu sein.

 

Die statistischen Daten des ersten Jahres, welche aus meiner Webpräsenz hervorgehen, belegen durchaus das Interesse der Besucher am „Literaturexperten“. Die Themata „Literaturexperte“ und „Literatur-Expertisen“ sind in der Liste der Klicks hauchdünn auf Platz eins. Dicht gefolgt vom „Notizblog“, dem Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, nunmehr die Ehre erweisen.

Auf Platz drei folgen die Termine von „Lesungen“.

 

Insgesamt bin ich mit der Entwicklung meiner literarischen Webpräsenz im Laufe des ersten Jahres zufrieden. Ich durfte mich auf über 3.000 Besucher freuen. Im Schnitt sieben bis neun pro Tag. Das mag auf den ersten Blick nach wenig klingen. Allerdings bin ich kein „Starautor“ oder selbsternannter „Literaturexperte“, sondern ein Autor, der sich spezifischen, zweifellos ungewöhnlichen Themen zuwendet, und vom Mainstream Lichtjahre entfernt ist. Ich habe also nicht den Anspruch, Millionen Klicks zu generieren.

 

Was ich jedoch durchaus möchte, ist eine Weiterentwicklung der Website, woraus dann auch mehr Besucher hervorgehen könnten. Diesbezüglich habe ich noch einiges vor. Ich bin schon gespannt, wie das Abenteuer weitergeht. Danke für Ihre Aufmerksamkeit, meine lieben Leserinnen und Leser, und bleiben Sie mir weiterhin gewogen!

 

Mi

28

Apr

2010

Heldensterben

 

Es ist, wie sich selbst lesen. So erging es mir bei der Lektüre dieses Buches. Habe ich in dieser Form zuvor noch nie erlebt. Christine Grän widmet sich jenen Themen, denen ich schon seit Jahren zugewandt bin. Zentralfriedhof, Tod und diverse Ausformungen von Liebe und Fehleinschätzungen. Das ist aber noch nicht alles. Auch vom Stil  her fühle ich mich an mein Schreiben erinnert. Vielleicht ist alles noch eine Spur makabrer, zugespitzter.

 

Wie ist es, einer Art „Spiegelbild“ zu begegnen? Merkwürdig irgendwie. Denn bei jedem Satz dachte ich mir: Das könnte von mir sein. Inklusive einer Grabrednerin, die ehemals in der Porno-Branche agierte. Auch der einzige Schwachpunkt des Romans macht ein Manko aus, dem ich gerne erliege. Der Schluss kommt zu schnell, ohne Vorwarnung daher. Ich hätte gerne mehr gelesen, doch die Helden und Heldinnen sind nun außerhalb der Buchrücken tätig.

 

Eine kuriose Erfahrung, mit dem eigenen Schreiben konfrontiert zu werden. Denn da gibt es keine neuen Welten, in die ich eintauchen muss. Alles ist wohlbekannt, vertraut. Ich fühlte mich wohl und gleichzeitig unwohl. Wohl, weil ich Spuren nachging, die ich wie meine Westentasche kenne. Unwohl, weil ich mit mir selbst ringen musste. Mein Wunschziel als Leser von Romanen ist es, neues Terrain zu betreten. Nun gut, ich wusste freilich vorab, dass ich dieses Terrain schon kenne, und habe mir die Lektüre sozusagen ausgewählt. Dennoch habe ich mir die eine oder andere Überraschung erwartet. Doch daraus wurde nichts.

 

Die kleinen Querschüsse gegen die politischen Verhältnisse in Österreich hätte ich mir erspart. Der Einzug der Politik bringt eine Realität in die Geschichte, von der ich gerne verschont worden wäre. Die Zeitungen sind voll von absurden Geschichten. Der ewige Tanz um den Postenschacher, die lächerlichen Figuren, die Abziehbilder, das Abfeiern längst verlorener Ideale sind nur in Verbindung zu den Protagonisten interessant. Aber meinem eigenen Schreiben gegenüber bin ich ja noch kritischer.

 

Ich habe die Lektüre genossen, bin aber gleichzeitig froh darüber, dass ich wieder bei mir selbst angelangt bin. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben ist nie einfach. Und wenn dann eine Autorin eine ähnliche Zuwendung zu abgründigen Themen vollzieht wie ich entsteht eine eigene Dramatik, der ich nun wieder entzogen bin.

 

Mo

12

Apr

2010

Mainstream

 

Denglisch ist längst eine „besonders beliebte“ Sprache. Und zwar nicht nur in „Managerkreisen“. Da lassen sich viele Witze darüber erzählen, was ich aber nicht vorhabe. Stattdessen geht es mir um ein einziges Wort, das in Mode gekommen ist, und nicht zuletzt in der Literatur Bedeutung erlangt hat. Es handelt sich um den sogenannten Mainstream. Damit ist allgemein der kulturelle Geschmack einer großen Mehrheit gemeint. In der Pop-Kultur gilt Mainstream als Abgrenzung zum Independent, wobei wir bei einem weiteren englischen Begriff wären. Nun ja, und die Chance auf literarischen Erfolg erhöht sich eklatant, insofern damit der Mainstream getroffen wird.

 

Ich beschäftige mich schon länger mit dem Phänomen Mainstream. In Hinblick auf literarische Werke geht es darum, ein möglichst großes Publikum mit unterhaltsamen und nicht zu anspruchsvollen Texten zu beglücken. Selbstreflexion, Nadelstiche in die dunklen Seiten der Menschen und der Gesellschaft sind nur mehrheitsfähig, wenn entweder sensationelle Dinge beschrieben oder mit Versatzstücken aus Fantasy, Historie und Horror gespielt wird. Das muss freilich noch nicht heißen, dass eine gute Umsetzung eines an den Mainstream angepassten literarischen Werkes augenblicklich zu Ruhm und Ehre des Autors gereicht und sich die Verlage um das Manuskript balgen. Aber die Chancen sind allemal relativ gut.

 

Der Mainstream bildet immer auch die Befindlichkeit einer Gesellschaft ab. Nicht zum ersten Mal kommt mir da in den Sinn, dass Kafka, Dostojewski oder Hesse heutzutage als Literaten abgemeldet wären. Innere Zerrissenheiten eines Helden müssen – wenn schon geschildert – Aspekte hervorbringen, die über ein persönliches Unglück hinausgehen. Die Darstellung der gesellschaftlichen Realität gewinnt durch Überzeichnung, Satire, Tabubruch. Es mag eine gute Methode geben, als Autor Erfolg „anzuziehen“. Nämlich immer wieder zu studieren, welche Methoden jene Autorinnen und Autoren anwenden, die schon Erfolg hatten oder gerade haben. Und hierbei ergibt sich wieder: Jene, die den Mainstream bedienen. Wobei der Mainstream freilich sehr schnell in eine andere Richtung ausscheren kann. Es gilt also, die richtigen Parameter zur richtigen Zeit umzusetzen. Ich habe den lauten Verdacht, dass das nicht wenige – insbesondere „erfolgreiche“ – Autorinnen und Autoren tun.

 

Irgendwann habe ich irgendwo gelesen, dass ein literarisches Meisterwerk gar nicht übergangen werden kann. Früher oder später wird sich der Autor über den verdienten Erfolg freuen. Aber ist das wirklich so? Thomas Bernhard schrieb einmal von unzähligen Genies, die in Wien zugrunde gehen. Es mag zutreffen, dass es in Wien ungewöhnlich viele Genies sind, aber es lässt sich sicher ohne weiters auf die gesamte literarische Welt übertragen. Eine enorme Anzahl großartiger Werke wird millionenfach von Verlagen abgelehnt, und mit dem Hinweis, dass sich das Manuskript „ökonomisch nicht verwerten ließe“, an die Autorinnen und Autoren zurück geschickt. Klar, der Mainstream muss bedient werden, alles klar?

 

Auf der anderen Seite gibt es den Begriff Independent, der nicht ganz so bekannt ist wie der – eh schon wissen. Wiederum ein englisches Wort für die Tatsache, dass es nicht darum geht, den kulturellen Geschmack einer großen Mehrheit zu bedienen, sondern Menschen anzusprechen, die aus einem Roman, einer Geschichte, einem Krimi mehr herauslesen wollen als geistig leicht verdauliches. Auf Filme übertragen handelt es sich um jene Geschichten, die stets nach Mitternacht ausgestrahlt werden. Ausnahmen sind freilich die Kultursender ARTE und 3SAT. Wer will schon Bücher lesen, die eine intellektuelle Herausforderung darstellen? Nun ja, Menschen, die kein Interesse daran haben, immer nur mit den Wölfen zu heulen, wenn es gilt, ein Schaf einzukreisen.

 

Mein eigenes Schreiben richtet sich an Leserinnen und Leser, die nicht darauf aus sind, mit dem ewig Gleichen abgespeist zu werden. Somit war es durchaus eine gute Idee, mein allererstes Werk (lyrische Prosa) „Die Ewiggleichen“ zu nennen. Warum immer nur Magerkost, wenn das Leben zwischen Buchdeckeln viel mehr abbilden kann? Ich bin bemüht, mein Schreiben dahingehend zu entwickeln, dass dieses Leben immer lebendiger und spannender wird. Und zwar nicht, um den Mainstream zu erreichen, sondern immer zutreffender ein Teil jener Kultur zu sein, die zum Mainstream werden könnte, wenn die Menschen bereit wären, sich für sie zu öffnen. Dafür lasse ich mich gerne auf das Abenteuer Schreiben ein.

 

Sa

27

Mär

2010

Der gläserne Dichter

 

Jedes Jahr werden unzählige neue Bücher auf den Markt geworfen. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daraus jene wenigen Kostbarkeiten zu fischen, die gut in das eigene Bücherregal passen. Große Verlage und Verlagskonzerne haben die Mittel, viel Geld in Werbung und Marketing zu stecken, sodass Bestseller konstruiert werden, die ähnlichen Erfolg haben wie die berühmten warmen Semmeln. Ein Bestseller lässt nicht auf die Qualität der Geschichte schließen, sondern auf eine Strategie des Verlages, die – warum auch immer – funktioniert hat.

 

Kein Autor ist davor gefeit, Vergleiche mit Kollegen anzustellen, und doch ist es Unsinn. „Der gläserne Dichter“ etwa fühlt sich einerseits erhaben über die erfolgreichen Autoren, andererseits ärgert er sich über deren unverdiente Erfolge. Das Marktschreierische ist ihm zuwider. Manuskripte Jahr für Jahr dem Hausverleger in den Rachen zu schmeißen ist ihm ein Frevel. Die Maxime eines Autors ist es, an den Aufgaben zu wachsen, die er sich selbst gestellt hat. Seinen Stand auf dem Marktplatz zu finden höchstens ein Nebeneffekt. Die erfolgreichen Autoren kümmern sich nach Ansicht des „gläsernen Dichters“ nicht um qualitative Höchstleistungen. Es geht einzig und allein darum, ein Publikum anzusprechen, das bereit ist, die Ware zu kaufen. Berieselt wollen die Leser werden, eingelullt von Erzählungen, die am besten keinen Schnittpunkt mit den Schwierigkeiten des Lebens haben mögen. Manche Autoren haben eine Nase für die Hauptströmungen. Sie wittern den Braten und schreiben dann drauf los.

 

„Der gläserne Dichter“ glaubt, noch lange nicht am Ende seiner Schaffenskraft angelangt zu sein. Er wird von seiner Frau Olga ökonomisch unterstützt, ist ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert. Tantiemen bekommt er noch in Mark bezahlt. Er ist ein Kavalier der alten Schule. Der Computer hat seinen Siegeszug erst bedingt angetreten, von Mobiltelefonen ist keine Rede. Somit kann die Geschichte des Autors als Erinnerung an eine Zeit gelesen werden, die heutzutage überschlagen wird. Er macht sich Gedanken über Werbung, die seinen Briefkasten quält. Keine Rede von Datenmüll.

 

„Der gläserne Dichter“ hat möglicherweise den Anschluss an die Gegenwart verpasst, tümpelt in der Vergangenheit herum, welche er nicht einmal bewältigt hat. Zu Psychotherapien nämlich konnte er sich nie aufraffen. Die Eigenart des Autors wird durch Psychotherapien zertrümmert. Zumindest denkt er sich das. Er liest Rezensionen über Bücher von  Autorenkollegen, und fragt sich, warum dieses „Honig um das Maul schmieren“ der Endzweck einer literarischen Betrachtung sein kann. Selbstkritik ist von überragender Bedeutung. Er ist sich dessen bewusst, ein verkanntes Genie zu sein. Gleichzeitig weiß er, dass er noch weit von jener dichterischen Größe entfernt ist, die ihn unsterblich machen mag. Das epochale Werk fehlt noch, er schreibt daran. Ein Drama soll es sein, das die Menschen zu Jubelstürmen veranlasst. Noch aber fehlt es am Feinschliff. Er hat mehr zu bieten als viele erfolgreichere Autorenkollegen. Es geziemt sich, das Schreiben nicht als Leistung zu sehen. Zehn Manuskripte in zehn Jahren zu schreiben ist leicht, wenn die Forderung an die literarische Qualität gering ist. Seine dichterischen Ergüsse werden seltener an das Licht der Öffentlichkeit gespült. Es handelt sich um Kleinode, in jahrelanger Arbeit entstandene Lichtungen, die durchaus als Meisterwerke bezeichnet werden können. Freilich in aller Bescheidenheit formuliert.

 

Dennoch fragt sich „der gläserne Dichter“, ob es zielführend ist, alles dem Schreiben unterzuordnen. Er macht gerne Urlaub in den Bergen, erfreut sich an Blümchen, hört den Vögelchen beim Zwitschern zu. Immer aber ist er Dichter, in jeder Situation. Er beobachtet haarscharf, kein Detail bleibt ihm verborgen. Ist er seine eigene Figur? Zählt er selbst nicht, bis er sich zwischen Buchdeckel drängt?

 

Die Analyse von Erasmus Schöfer zeigt den nicht erfolgsverwöhnten Autor in aller Deutlichkeit. Das Buch ist allen Autoren und Nicht-Autoren zu empfehlen. Den Autoren, weil sie sich zumindest in einzelnen Abschnitten selbst erkennen werden. Wo sie sich nicht erkennen, können sie darüber nachdenken, warum es nicht der Fall ist und daraus Rückschlüsse ziehen. Den Nicht-Autoren, weil sie über die Innenwelt eines Autors die Innenwelt aller vorstellbaren Autoren kennen lernen könnten. Ob Ähnlichkeiten zu bekannten oder weniger bekannten Autoren zufällig sind oder erwünscht mag jeder Leser für sich selbst beurteilen.

 

Und ob auch weibliche Autoren und weibliche Nicht-Autoren den Sprung ins kalte Wasser der dichterischen Freiheiten machen können? Natürlich, ohne Zweifel. „Der gläserne Dichter“ kann auch als „gläserne Dichterin“ gelesen werden. Aus Olga wird Holger, und damit hat es sich. Machen Sie die Probe aufs Exempel.

 

Mi

17

Mär

2010

Lektor und Autor

Auf Ö1 gab es eine wunderbare Sendung zu hören, die Lektoren und Autoren zusammen führte. In Kapitel unterteilt entstand ein Sammelsurium an ungewöhnlichen und spannenden Erfahrungsberichten. Es sei Manfred Prem für den Hinweis auf die Sendung gedankt.

 

Zunächst einmal ist das Verhältnis zwischen Autor und Lektor nicht mehr das, was es einmal war. In den 1950´er Jahren sollen noch – mehr oder weniger – die Fetzen geflogen sein. Und es bestand ein oft konstruktives Verhältnis zwischen den beiden Berufsgruppen. Heutzutage gibt es entweder ein schlampiges Lektorat oder der Lektor schreibt den eigentlichen Roman. So ließen sich einige Kapitel zusammenfassen. Tatsächlich gibt es einige Hintergrundberichte zu Romanen, die Rückschlüsse darauf zulassen, wie intensiv die Lektoren eingegriffen haben. So ist es nicht selten nur die Idee, die fasziniert. Die Geschichte wird dann so vehement umgeschrieben, dass die Umsetzung der Idee als halbwegs gelungen angesehen werden kann.

 

Viele Lektoren sind überfordert. Sie bekommen hunderte Manuskripte auf den Tisch geknallt, und mehr als ein bisschen quer lesen ist nicht möglich. Günstige Studienabgänger sind in der Mehrzahl, Lektoren mit Erfahrung nur in jenen Verlagen präsent, die sich ausgezeichnete Lektoren auch leisten können. Und dann gibt es sogar „Freizeitlektoren“, deren Aufgabe es ist, so nebenbei den einen oder anderen Autor zu lektorieren. Es ist durchaus ein Glücksspiel, auf einen guten Lektor zu treffen. Ich hatte dieses Glück – und dies freut mich sehr – schon mehrmals.

 

Ich will keine Namen von Lektoren und Autoren nennen. Eine Ausnahme muss jedoch gestattet sein, weil es am Ende das amüsanteste Kapitel der Sendung war. Der Autor Werner Kofler hat nämlich gesagt, dass er keinen Lektor braucht. Seine Werke sind von vornherein fehlerfrei, da brauche keiner reinpfuschen. Er hat auch schon die Zusammenarbeit mit einem Verlag abgelehnt, wenn der Lektor meinte, die eine oder andere Zeile anders formulieren zu müssen. Diesbezüglich ist der Autor konsequent.

 

Also, ich bin froh, dass es Lektoren gibt. Auf der anderen Seite habe ich mehrere meiner Manuskripte sozusagen selbst „lektoriert“. Hierbei sind mir sehr viele Fehler aufgefallen. Ob ich es je so hinkriegen kann wie Werner Kofler steht in den Sternen.

 

Jetzt ist es doch noch notwendig, einen zweiten Autor zu nennen, weil es nicht nur zum Thema passt, sondern die Fertigkeit von Franz Schuh ähnlich erstaunlich ist wie jene von Werner Kofler. Franz Schuh war ein Weilchen Lektor, insbesondere von Sachbüchern. Und er erzählte, dass er fehlerhafte Texte automatisch richtig liest. Er „überliest“ also sozusagen die Fehler, und da müssen ihm wohl einige Fehler entgangen sein. Vielleicht geht es Werner Kofler beim Lesen seiner Texte ganz ähnlich, und er glaubt nur, fehlerfreie Manuskripte abzuliefern. Man kann ja nie wissen.

 

Fr

05

Mär

2010

(K)ein Buch in der Hand

Männer tragen gerne Aktenkoffer, Aktentaschen, Herrentäschchen. Frauen freilich gerne Handtaschen und Handtäschchen. Sowohl Frauen als auch Männer sind gerne mit allerlei sonstigen Taschen und Täschchen unterwegs. Oder aber sie tragen gar nichts, das kommt ebenso vor. Das hat natürlich nichts mit Freikörperkultur zu tun.

 

Die Finger der Menschen, die ich beobachte, umschließen nur selten ein Buch. Nun ja, es kommt immer wieder mal vor, dass die Ausnahme die Regel bestätigt. Wenn ich jedoch eine prozentuelle Schätzung abgeben müsste, so behaupte ich, dass weniger als ein Prozent der Menschen ein Buch auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, und selbst in Parkanlagen spazieren tragen. Bücher werden durchaus gelesen. Freilich viel mehr von Frauen als von Männern. Doch im Dschungel der Großstadt (wenn ich mal Wien diese „Ehre“ angedeihen lasse) sind Bücher nur dann sichtbar in Beschlag genommen, wenn in ihnen geschmökert wird.

 

Ist es en vogue, kein Buch in der Hand zu tragen? Da gibt es dieses großartige Bookcrossing, dem ich mich bislang wunderbar entzogen habe, und auf der anderen Seite werden Bücher nur sehr selten in aller Öffentlichkeit als treuer Begleiter präsentiert?

 

Ich gehe gerne mit Büchern spazieren, wenn es sich ergibt. Nicht, dass ich das ständig und überall tun würde. Also, wundern Sie sich nicht, falls Sie mal auf mich treffen, und die Finger meiner linken Hand kein Buch umschließen! Dafür kann es geschehen, dass ich mit einer Zeitung für Leser promeniere. Bücher sind meine Freunde, und somit lasse ich mich gerne mit ihnen sehen. Menschen, die nur wenig bis nichts lesen, haben etwas versäumt. Nicht nur, weil sie die vielen Welten nicht kennen, die in jedem Buch, das mehr als bloß Buchstaben enthält, stecken. Nein, sie kennen auch nicht das Gefühl, mit einem Buch auf Du und Du zu sein, und es mit Freude nach außen zu präsentieren. Auf ein Buch angesprochen wurde ich höchstens zwölf Mal, möglicherweise sogar seltener. Es wäre natürlich schön, über ein Buch ins Gespräch zu kommen, doch damit muss eine Hemmschwelle überwunden werden. Ich selbst habe es möglicherweise erst ein oder zwei Mal gewagt, einen Menschen auf ein Buch anzusprechen.

 

In einem der Werke von Paul Auster gibt es meiner Erinnerung nach eine Szene, wo ein Autor seinen Roman in den Händen einer jungen Frau entdeckt, und sie anspricht. Irgendwie erinnere ich mich auch dunkel daran, mal einen Film gesehen zu haben, wo eine solche Szene inszeniert ist. Das ist mir bislang noch nie passiert, dass ein Mensch – egal ob Frau oder Mann – eines meiner Werke öffentlich gelesen hat. Andererseits wäre das ein sehr glücklicher Zufall. Schließlich habe ich nur sehr, sehr selten Menschen Bücher lesen sehen, die zu meinen persönlichen Lieblingsbüchern zählen. Die Chance, einen Menschen zu treffen, der ausgerechnet – sagen wir mal – meinen „Zentralfriedhofs-Führer“ liest, ist also gering. Selbst auf dem Zentralfriedhof ist mir das noch nicht passiert. Wird es irgendwann einmal so weit sein? Keine Ahnung. Und werden irgendwann mehr Menschen mit den Büchern flanieren, die sie gerade lesen? Ebenso keine Ahnung. Es freut mich jedenfalls, fast ein Leben lang den Aktenkoffer mit einem Buch getauscht zu haben. Wobei heutzutage eher Aktenmäppchen und Herrentäschchen en vogue sein mögen. Ehrlich gesagt weiß ich da nicht so genau Bescheid. Schließlich brauche ich mir darüber keinen Kopf zu machen, da ich gerne Bücher und auch Qualitätszeitungen mit den Fingern meiner linken Hand umschließe, wenn ich meiner Wege gehe.  

 

Do

11

Feb

2010

Plagiate

 

Immer schon hat es Plagiate gegeben. Ich will auch gar nicht mal auf ein bestimmtes eingehen, das wäre zu langweilig. Interessant ist nur, dass viele Menschen, die Plagiate fabrizieren, dies als selbstverständlich ansehen. Es handelt sich sozusagen um eine Art „Kavaliersdelikt“. Sich bei anderen Autoren, Musikern, Komponisten zu bedienen ist eine Form der Auseinandersetzung. Das Eigene geht in das Fremde über und umgekehrt. Schließlich ist jeder Künstler von anderen Künstlern beeinflusst. Wenn dann ganze Passagen in den eigenen Text einfließen, und ein Verlag nicht erkennt, dass es sich um ein Plagiat handelt, ist die perfekte Hühnersuppe verpackt. Überall in den Supermärkten wird diese Hühnersuppe angeboten. Noch weiß niemand, dass es sich nur um eine Packerlsuppe handelt, die mit zahlreichen Geschmacksverstärkern ausgestattet ist. Ohne diese Geschmacksverstärker wäre die Hühnersuppe überhaupt nicht essbar. Wenn dann das Plagiat erkannt wird, wäre es doch nur logisch, dass die falsche Hühnersuppe aus den Regalen verschwindet, oder?

 

Aber wie oft passiert das? Wie oft wird den Konsumenten eine Fälschung angeboten?

Schon Kierkegaard schrieb über die Tatsache, dass unzählige Plagiate im Umlauf sind. Nicht selten ist es ein Ding der Unmöglichkeit, diesen Fälschungen auf die Schliche zu kommen. Aber wäre es nicht Sache des Plagiators, jene Geschmacksverstärker anzugeben, die er genüsslich seinem Süppchen beimengt? Zwischen einer Inspiration und dem (fast) wortwörtlichen Abschreiben von ganzen Textpassagen ist ein enormer Unterschied. Nun gut, es gibt falsche Markenhosen, falschen Kaviar, warum nicht auch falsche Bücher? Das Problem ist nur, wenn die Plagiatoren mit ihrem dreisten Vorgehen viel Geld machen. Insbesondere ist das gegenüber den Bestohlenen eine Gemeinheit. Ich bin davon überzeugt, dass Plagiate heute überall auf der Welt Absatz finden. Das weltweite Netz stellt für viele Plagiatoren mit Sicherheit einen Selbstbedienungsladen dar. Warum nicht hier und dort grasen, und das Wiedergekäute in „neuem“ Zusammenhang wo auch immer veröffentlichen?

 

Ich finde es wunderbar, von anderen Autorinnen und Autoren inspiriert zu werden. Diese Autorinnen und Autoren ohne Nachfrage zu bestehlen, und deren Texte bzw. Textpassagen für meine auszugeben fiele mir aber nie in hunderttausend Jahren ein. Wenn ich schon der Auffassung wäre, dass das eine oder andere Zitat eines anderen Autors gut in mein eigenes Werk platziert werden könnte, dann wäre es für mich eine Verpflichtung, diesen Autor zu fragen, ob er diese Platzierung erlaubt. Insofern ich aber mehrere Seiten in „mein“ Werk implizieren wollte, so müsste ich diesen Autor als – mindestens – Co-Autor ansehen, und ihn finanziell beteiligen, sollte ich einen Verlag finden, der das Werk veröffentlicht. Schließlich sind Texte anderer Autorinnen und Autoren kein Selbstbedienungsladen, auch wenn sie öffentlich aufliegen.

 

Mo

25

Jan

2010

Kafka heute

 

Darüber nachgedacht habe ich schon oft, aber erst kürzlich wurde ich wieder daran erinnert: „Kafka würde heute nicht veröffentlicht werden.“ Ein Satz, den der Erfolgsregisseur Dieter Wedel anlässlich einer Diskussion aussprach. Diesem Satz ging ein kleines Gespräch über die Quote voraus.

 

Was aber hat die Einschaltquote mit Kafka zu tun? Das lässt sich gar nicht so schwer herleiten. Eine hohe Quote erzielt nur „massentaugliches“, und „massentauglich“ waren die Romane und Erzählungen von Franz Kafka nie, wollten es auch nie sein. Kafka wollte schreiben. Er war ein Getriebener, ein lebendiges Buch. Er hat es nie darauf angelegt, veröffentlicht zu werden. Sein Freund Max Brod hat ihn mit Verlegern in Kontakt gebracht, und Kafka erlebte einige Veröffentlichungen. Es geht nicht allein darum, dass Franz Kafka einfach nur schreiben wollte, und mit dem Geschaffenen oft schwer ins Gericht ging. Kafka wäre heutzutage auf dem Literaturmarkt ein „Nischenprodukt“.

 

Nicht selten bekam ich von Verlagen zu hören, dass sich ein Buch auch verkaufen muss. Und dazu muss es mehr oder weniger dem „Mainstream“ dienen. Jedes Jahr wird der Markt mit unzähligen neuen Büchern überschwemmt, doch nur die wenigsten davon haben das Zeug, hohe Verkaufszahlen zu erzielen. Das hängt zum Einen vom Marketing ab, zum Anderen von Mundpropaganda. Vom Autor hängt es nicht ab. Denn der Autor wird gemacht.

 

Franz Kafka wäre heutzutage nicht zum Autor gemacht worden. Er hätte sich nicht von irgendwelchen Verlagen über den Tisch ziehen oder mit Knebelverträgen binden lassen. Nie und nimmer wäre er bereit gewesen, monatelange Lesereisen auf sich zu nehmen. Ganz zu schweigen davon, dass ihm Talkshows ein Gräuel wären, und er nicht mal in „Treffpunkt Kultur“ fünf Minuten lang harmlose Fragen hätte beantworten wollen.

 

Wenn Dieter Wedel sagt, dass Franz Kafka heute nicht veröffentlicht werden würde, dann meint er damit die großen Verlagshäuser, also jene, die – im übertragenen Sinne – hohe „Quoten“ erzielen. Kleine, aber feine Verlage wären mit Sicherheit an seinen Werken interessiert. Ein Autor seines Ranges würde auch heute nicht unbemerkt bleiben. Traurig ist jedoch, dass tatsächlich ganz andere Autoren die großen Erfolge abstauben. Klar, es gibt auch Thomas Pynchon und Patrick Süskind, die einige Anknüpfungspunkte mit Kafka haben. Aber hätte es Kafka heutzutage so weit bringen können? Hätte er ein Drehbuch geschrieben? Wäre er bereit, als ewiger „Geheimfavorit“ auf den Literaturnobelpreis zu gelten?

 

Franz Kafka würde auch heute veröffentlicht werden, wenn er einen Freund hätte, der ihn unterstützt. Ohne Protektion ist es nicht vorstellbar, dass dieser wunderbare Autor von seinem Schreiben leben könnte. Wahrscheinlich würde er das auch gar nicht wollen…

 

Würde, könnte, hätte, wäre… Zeichen von Spekulation. Was ich damit jedoch zum Ausdruck bringen will: Autoren, die nicht bereit sind, den „Mainstream“ zu bedienen, haben es auch heute schwer. Ob sie es wollen oder nicht. Kafka wäre es wohl einerlei… Er wollte auch heute nur schreiben, und hinausschreien: „Ich bin Literatur!“

  

Fr

01

Jan

2009

Abgesang auf die Nuller-Jahre

 

In den letzten Wochen des Jahres 2009 war plötzlich in allen möglichen Medien von den zu Ende gehenden Nuller-Jahren die Rede. Fast ein ganzes Jahrzehnt lang hatte es überhaupt keinen Begriff für diese Zeitspanne gegeben, und dann überschlugen sich die Berichte. Das geht sogar so weit, dass schon jetzt Bücher über dieses Jahrzehnt veröffentlicht sind.

 

Mein persönliches Resümee der Nuller-Jahre fällt durchaus positiv aus. Ich habe mir den Status des Literaturexperten jedenfalls in diesem gerade zu Ende gegangenen Jahrzehnt erarbeitet.  Gut 200 Rezensionen habe ich geschrieben, zwei davon wurden als Link-Empfehlungen der freien Universität Berlin auf deren HP gesetzt. In Zusammenhang zu einer Rezension eines Buches von Franzobel gab es eine lustige Kommentar-Kette im Online-Standard, in der ich als „Prof.“ bezeichnet worden bin. Vielleicht erlange ich ja irgendwann einmal einen Ehrentitel, doch noch bin ich zu jung hierfür. Meine Rezensionen finden guten Widerhall, was mich schon ein wenig stolz macht.

 

Ebenfalls in die Nuller-Jahre hinein fällt meine verstärkte literarische Tätigkeit. Es entstanden in dieser Zeitspanne drei Romane, ein Sachbuch, ein Kinderbuch, und Erzählungen. In den ersten beiden Jahren der Nuller-Jahre nahm ich an zwei Autoren-Workshops in Berlin teil, und lernte hierbei u.a. Titus Müller, Sandra Uschtrin, -ky und Andreas Eschbach kennen. 2004 bis 2005 wurde mein Schreiben durch ein Schreibforum neu motiviert, das mittlerweile seine Pforten wieder geschlossen hat. Das letzte Jahr der Nuller-Jahre schließlich bescherte mir meine erste Krimi-Veröffentlichung, was mich besonders gefreut hat. Insbesondere auch, weil der Krimi vom renommierten Arovell-Verlag veröffentlicht wurde. Die Teilnahme an der Krimi-Nacht 2009 war ein weiteres Highlight in diesem Kontext.

 

Die nun begonnenen Zehner-Jahre werden mit Sicherheit viel Neues mit sich bringen. Ich bin schon sehr gespannt auf dieses neue Jahrzehnt, das ich mit einem persönlichen Paukenschlag begrüße.

 

Es ist zu hoffen, dass die Krisen, die am Ende der Nuller-Jahre verstärkt ersichtlich wurden, dazu führen werden, die Geschicke der Menschheit in eine Richtung zu lenken, welche sich an Solidarität, Gerechtigkeit, und einem Wirtschaftssystem mit freundlichem Antlitz orientieren. Eines haben die Nuller-Jahre nämlich bewiesen: So wie sich die Weltlage entwickelt hat, kann und darf es nicht weitergehen. Kapitalismus und Neoliberalismus können nicht die einzigen Faktoren sein, denen (multinationale) Unternehmen und Politiker „Wert“ beimessen, worunter Milliarden von Menschen in Form von Ausbeutung, Versklavung, Missbrauch, Armut und Geringschätzung zu leiden haben. Möge es in einem konstruktiven Sinne für die Menschheit und alle sonstigen Bewohner dieses Planeten Erde in den vor uns liegenden Zehner-Jahren aufwärts gehen, und positive Zeichen gesetzt werden, die dem Planeten, auf dem wir leben, alle Ehre erweisen!

 

Di

08

Dez

2009

Weihnachtsgeschichte

 

Ich weiß, dass es nicht einfach ist, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben, die den Leser berührt und unterhaltsam ist. Vor vielen Jahren habe ich mich an einer solchen Geschichte versucht, und im besten Fall wird früher oder später eine Adaption erfolgen, die eine Neuveröffentlichung möglich macht.

 

Meine Lieblingsweihnachtsgeschichte stammt von Paul Auster. Die Geschichte wird auch im Film „Smoke“ (ganz am Schluss) erzählt. Ein junger Mann stiehlt ein paar Magazine im Tabakladen von Auggie, der den Dieb verfolgt, und nicht zu fassen bekommt. Der junge Mann verliert aber seine Geldbörse. Auggie verzichtet darauf, die Polizei zu verständigen. Einige Zeit später fällt ihm dieses Erlebnis ein, und er beschließt, zu jener Adresse zu gehen, wo sich seinerzeit der junge Mann aufgehalten haben sollte. Es ist Weihnachten, als er an die Tür klopft, und ihm eine alte Frau die Tür öffnet. Sie ist blind, und begrüßt ihn herzlich. Sie sagt ihm, dass sie sich über seinen Besuch freut, und spricht ihn als ihren Enkel an. Auggie weiß, dass sie nicht verrückt ist, sondern gerne ihren Enkel an ihrer Seite hätte. Und so spielt er das Spiel als Enkel mit, und verbringt Weihnachten zusammen mit der Frau.

 

Sie essen gemeinsam, sie reden viel, es ist eine wunderbare gemeinsame Zeit. Auggie muss kurz austreten, und bemerkt einen Stapel von Kameras. Er nimmt eine der Kameras und steckt sie ein. Dies ist der Beginn einer Leidenschaft, die essenziell für den ganzen Film ist. Als er zurück zu der alten Dame kommt, schläft sie. Ein Jahr später erinnert er sich an dieses herrliche Weihnachten und möchte die Frau besuchen. Aber an der Adresse wohnt wer anderer, und er hört, dass die Frau kürzlich verstorben ist. Er weiß, dass er mit ihr das letzte Weihnachtsfest ihres Lebens gefeiert hat.

 

Wundersame Begegnungen kann es bei jedem Weihnachtsfest geben. Es gilt, wachsam zu sein, und vielleicht ist dann Weihnachten ein Fest der Erneuerung so wie für Auggie. Das wäre uns allen zu wünschen.

 

Ich wünsche all meinen Leserinnen und Lesern noch eine schöne Adventzeit und ein wunderbares Weihnachten.

 

YouTube-Video

Mi

25

Nov

2009

Jean Ziegler

 

Ein Autor, der Farbe bekennt. Ein Autor, der mehr ist als „nur“ Autor. Ein Autor, der bereit ist, in Dialog mit den Mächtigsten der Welt zu treten, und von seiner Meinung nicht abzurücken. Das ist Jean Ziegler. Erstmals wurde ich auf ihn aufmerksam, als er in „We feed the world“, einem ausgezeichneten Film über die ökonomischen Verkettungen von globalen Dimensionen, auftritt. Er erzählt insbesondere von den fragwürdigen Methoden von Nestle, einem Konzern, der zu einem der gefräßigsten Multis der Welt gehört, und offenbar gerne die Nummer eins sein möchte. Nestle beutet bewusst Menschen aus und scheut auch vor Kindersklaverei nicht zurück.

 

In seinem Vortrag im Audimax prangerte Jean Ziegler an, dass etwa 500 Großkonzerne 52 % des Weltbruttosozialprodukts kontrollieren. Das ist nur einer von zahlreichen Aspekten, die jedem Menschen, der sich etwas näher damit beschäftigt, dazu bringen müsste, mindestens einen persönlichen Boykott diverser Multis zu initiieren. Auf der einen Seite sind die wenigen Gewinner des Neoliberalismus, auf der anderen Seite die vielen Verlierer. Der Neoliberalismus erzeugt Tag für Tag eine Unzahl neuer Opfer, und ein Ende ist nicht abzusehen.

 

Was das Publikum im Audimax zum (positiven) Toben brachte: Jeder Universitätsprofessor müsste sich über nicht angepasste Studenten freuen. Und mehr noch: Das bestehende System des Westens, das gefräßig und für die nächsten Generationen auf aller Welt unverantwortlich ist, kann nur zum Umsturz gebracht werden, wenn endlich zahlreiche Menschen die Anpassung nicht mehr hinnehmen und rebellieren. Das System wird von den Angepassten unterstützt und am Leben erhalten. Jean Ziegler meinte in diesem Zusammenhang auch, dass es die vielleicht wichtigste Aufgabe der Intellektuellen sei, diesbezüglich voranzuschreiten und Aufklärungsarbeit zu betreiben. Er tut dies jedenfalls mit Bravour, wofür ihm nur ein ganz großes Kompliment gemacht werden kann. Die (westliche) Welt braucht viele Menschen wie ihn. Und es ist zu hoffen, dass durch viele Anstöße irgendwann die Mehrheit der Menschen der westlichen Hemisphäre bereit ist, auf die Barrikaden zu gehen, und damit die Regierungen zum Umdenken zu bewegen. Noch ist es nicht zu spät dafür, und selbst die scheinbare Utopie der Ausmerzung des Hungers auf dieser Welt kann durch eine Revolution im Sinne von Jean Ziegler in Erfüllung gehen.

 

Jean Ziegler ist ein Autor, der bereit ist, gegen Windmühlen zu kämpfen, und damit einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Autor der Jetzt-Zeit. 

 

 

Do

19

Nov

2009

Eine kafkaeske Lesung

 

 

Es ist bekannt, dass Franz Kafka in seinem ganzen Leben nur wenige Lesungen bestritten hat. Das hing hauptsächlich damit zusammen, weil er gar nicht im Rampenlicht stehen wollte. Er war zudem von seinen eigenen Texten nur bedingt überzeugt, bezeichnete sie zum Teil als wertlos.

 

Eine glückliche Fügung des Schicksals wollte es, dass meine Verlegerin, Frau Reuter, eine Lesung im Café Kafka arrangieren konnte. Der Erzählungs-Band, welcher vorzustellen sein sollte, ist „Blumfeld, ein älterer Arbeitsloser“, der ausschließlich Texte mit Kafka-Bezug enthält. Im Café Kafka angelangt war ich erstaunt darüber, dass mit Ausnahme des Plakates an der Eingangstür kein Indiz auf eine baldige Lesung hindeutete. Plötzlich stand mir ein Bekannter gegenüber, den ich schon seit über einem Jahr nicht gesehen hatte. Er machte mich darauf aufmerksam, dass er von der Veranstaltung im „Falter“ erfahren habe. Großartig, dachte ich mir. Leider vertrug der Bekannte die Rauchentwicklung im Café nicht, und suchte den Weg ins Freie.

 

Um 19.30 Uhr sollte die Lesung beginnen, und da keiner der anwesenden Gäste Anstalten machte, sich auf eine Lesung einzustellen, musste ich meine Stimme erheben, und darauf aufmerksam machen, dass ich eine Lesung zu bestreiten gedenke. Freilich machte ich auf den Kafka-Bezug und weitere Hintergründe des Erzählungs-Bandes aufmerksam. In unmittelbarer Nähe von mir saß ein junger Mann, der meiner Einladung zur Lesung nachgekommen war, und mit besonderer Aufmerksamkeit meinen Worten lauschte.

 

Den ersten Ausschnitt bekamen noch nahezu alle Gäste zu Gehör, auch wenn sie zum Teil selbst in einem Buch lasen (geht das überhaupt: eine Lesung hören und gleichzeitig ein völlig anderes Buch lesen? Nein, das geht nicht!) oder mit einem Laptop beschäftigt waren. Nach einer guten Viertelstunde begab es sich aber, dass ein Gast nach dem anderen das Café verließ. Einige Gäste gingen nach draußen, um dann wieder zu kommen, sich jedoch vom unmittelbaren Geschehen der Lesung zu entfernen. Eine Frau brachte Utensilien in das Café, die für die nachfolgende Live-Musik benötigt wurden. Drei jüngere Männer (wahrscheinlich Studenten) bezahlten, lachten ein wenig, und traten dann in die dunkle Nacht hinaus. Und so weiter und so weiter. Kurzum: Hatten anfangs noch gut 15 Menschen meiner Lesung mehr oder weniger Gehör geschenkt, verblieben am Ende nur mehr eine Hand voll Personen, die möglicherweise aus freien Stücken die Lesung miterleben hatten wollen. Dieses kafkaeske Szenario unterstrich ich durch Live-Kommentare. Oh nein, ich werde diese Veranstaltung so schnell nicht vergessen, vielleicht wird sie unvergesslich bleiben…

 

Das Verrückte daran: Ich las einen Text vor, wo ich von einer Lesung von K. berichte, in dessen Verlauf sich immer MEHR Menschen im Saal einfinden. Im Falle meiner eigenen Lesung verhielt es sich genau umgekehrt. Ich fühlte mich jedoch nicht im falschen Film. Schließlich lassen sich solche Ereignisse treffend literarisch verwerten. Immer noch besser als gar keine Zuhörer.

 

Schließlich plauderte ich mit dem jüngeren Mann über kafkaeske Hintergründe, Theater, Film, Stimmtechniken, Außenwirkung eigener Texte und vieles mehr. Danke an dieser Stelle an Jorghi für Dein Kommen!

 

Als ich zahlen wollte, wurde mir dies verwehrt. Ich konnte mich also als eingeladen betrachten. Zudem kam dann doch noch etwas Aufklärung, was die kafkaesken Ereignisse des Abends betraf. Es käme öfters vor, dass während einer Lesung das Publikum das Café Kafka verließe. Und es wäre schon vorgekommen, dass am Ende überhaupt nur noch der Autor an seinem Tisch gesessen habe. Nun gut, dann habe ich ja noch Glück gehabt. Wie auch immer: Einen solch kafkaesken Abend werde ich so schnell nicht wieder erleben, außer ich entschließe mich, bald als Gast einer literarischen Veranstaltung im Café Kafka beizuwohnen.

 

 

Mo

09

Nov

2009

Meine persönliche Wende

 

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie viele Jahre es her ist, dass ich den Text geschrieben habe, der einen Zusammenhang zwischen meiner „persönlichen Wende“ und dem Mauerfall erkennen lässt.

 

Tatsächlich kann ich im Jubiläumsjahr des Mauerfalls auf 20 Jahre Schreiben zurückblicken. Bei dem nachfolgenden Text handelt es sich wohl um einen der persönlichsten, der im Rahmen meines Autoren-Lebens entstand, und der Teil meiner alten Website ist.

 

1989

 

Es ist, als wäre es gestern gewesen, und doch ist es schon lange her. Der Fall der Mauer fiel zusammen mit dem Beginn meines neues Lebens und das kam so:

In jenem denkwürdigen Jahr, wo der Fall der Mauer den Umbruch Osteuropas einleitete, begegnete mir ein Mensch, dessen Einmaligkeit und Liebe ein Wanken meiner Prinzipien verursachte. Er war Deutschlehrer von unglaublicher Vitalität, und vermochte es, mir in der Trostlosigkeit des Schulalltags eine Kerze anzuzünden, die bis heute nicht erloschen ist. Mit viel Herzenswärme überzeugte er mich davon, dass ich großes Schreibtalent besäße. Er ließ die ganze Schulklasse an meinen Gedankenausflügen teilhaben, indem er mich ersuchte, vor den SchülerInnen einen Aufsatz vorzutragen. Es wurde mir schlussendlich sogar applaudiert. Die einzige Schularbeit, die er mir je korrigierte, beurteilte er dermaßen positiv, dass ich vor Freude hätte fliegen können. Einer meiner Mitschüler ahnte genau zu jenem Zeitpunkt, wo mir Flügel angewachsen waren, dass die Mauer schon bald fallen würde, da es für ihn keinen Zweifel gab. Der Fall der Mauer wurde für mich zum Symbol für ein neues Leben, das haargenau in jene Zeit hineinfiel, wo alles sich von einem Tag zum anderen veränderte. Es verwundert nicht, dass im Herbst des Jahres 1989 der erwachte junge Dichter sich im Kino den Film „Club der toten Dichter“ ansah; einen Film, der von einem Englisch-Lehrer handelte, welcher absolut unkonventionelle Unterrichtsmethoden verfolgte, um seinen Zöglingen Literatur nahezubringen. Robin Williams, der den Lehrer ausgezeichnet verkörpert, ähnelt in vielerlei Hinsicht meinem großartigen Entdecker der Fähigkeiten, die in mir schlummerten. Plötzlich las ich sehr viele Bücher von Autoren, die ich zuvor nie hätte lesen mögen. Eine Aufbruchstimmung brachte eine Mauer in mir zum Umstürzen, die mich bis zu jenem magischen Moment, als der Käpt´n, wie ich ihn nennen will, zum ersten Male die Klasse betrat, indem er die verwunderten SchülerInnen mit einem Klopfen seines Zeigefingers auf die Stirn begrüßte, daran gehindert hatte, innerlich ein Gefühl von Freiheit zu verspüren. Stets hatte ich mich eingeengt gefühlt von Ängsten und unüberwindbaren Komplexen; aber plötzlich war der Zugang zu meinem Inneren freigelegt, und ich folgte dem Weg, der mich dorthin geführt hat, wo ich jetzt angelangt bin. Als die Mauer fiel, fiel auch langsam die Mauer in mir. Ein Mauersturz eröffnet immer die Möglichkeit, Freiheit zu erlangen. Die Berliner Mauer war das Symbol für die bewusste Abriegelung bestimmter Menschen voneinander; sie war somit mehr als bloßes politisches Machtinstrument oder brutale Trennungslinie eines zuvor geeinten Deutschland. Für mich als damals jungen Burschen von knapp neunzehn Lenzen, der ich in Wien aufwuchs (und dort nach wie vor mein Leben gestalte), war der Mauerfall immerhin die eindrucksvolle Bestätigung, daß manchmal Wunder geschehen; auch wenn es mir egal hätte sein können.

 

1989 war das Jahr, wo ich von einem Lehrer inspiriert zu schreiben begann, wo ich mit Büchern Freundschaften schloss, die ich zuvor ignoriert hatte, wo mein Leben einen Schub bekam, dessen Wirkung ich noch heute spüren kann.

Die Geschichte, für die ich so dankbar bin, dass ich sie mit Freude niederschrieb, hat ein schreckliches Ende: Mein Lehrer konnte sich nicht lange um mich kümmern; bald schon musste er ins Spital, und ich erfuhr, dass er schon längere Zeit an unheilbarer Leukämie gelitten hatte. Er starb bald darauf, und mir ist bewusst, dass ich wahrscheinlich der letzte junge Mensch gewesen sein muss, den er durch seine Berufung zum Lehrer ermutigen konnte, sein Talent zu erkennen, zu entwickeln und das Schreiben als wichtigen Teil des Lebens zu sehen. Ohne ihn wäre ich nie zu dem geworden, der ich jetzt bin. Und dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

 

Do

29

Okt

2009

Buchstabensuppe 2009

 

Gestern fand das große Finale der „Buchstabensuppe 2009“ statt. Es handelt sich um einen öffentlichen kulinarisch-literarischen Wettbewerb, an dem AutorInnen „nur“ einmal teilnehmen können. Ich hatte mich vorab schon sehr gefreut, als Autor dabei zu sein. An die Chance eines Gewinns des Bewerbes hatte ich keine Sekunde gedacht, sodass ich von meinem Abschneiden als einem von insgesamt neun Nicht-Finalisten in keinster Weise enttäuscht war und bin.

 

Der Wettbewerb wurde an insgesamt vier Abenden abgehalten. Das bedeutete, vier Mal mit viergängigen Menüs vom Restaurant des Hotels Wimberger verwöhnt zu werden. In den drei Vorrunden lasen jeweils vier AutorInnen Texte vor, welche die Speisen in den Mittelpunkt rückten, für deren literarische Umsetzung sie Pate standen. Nur sieben Tage Zeit blieben den AutorInnen, um dieses Vorhaben umzusetzen. Gleichermaßen wurden die Speisen (ab dem zweiten Gang) bewertet. Die jeweiligen Siegerinnen der drei Vorrunden gelangten dann also in das große Finale, um sich ein weiteres Mal der hochkarätigen Jury zu stellen.

 

Schon der erste Abend überzeugte mich von diesem ungewöhnlichen Wettbewerb. Ich kam mit Autoren in Kontakt, genoss das tolle Essen, und drei der vier AutorInnen hatten Texte mitgebracht, die mir sehr behagten. Die Wettbewerbsstatuten bringen es mit sich, dass nur einer dieser Autoren die nächste Runde, und also das Finale erreichen konnte. Es ergab sich, dass – erstmalig – ausschließlich Frauen in das Finale einzogen. So zog auch ich gegen eine Frau den Kürzeren, die einen aus meiner Sicht absolut verdienten Teil-Sieg errang, und sich letztlich die „bronzene Buchstabenkugel“, also den dritten Platz sicherte.

 

Ich hatte mich entschieden, einen Kurzkrimi zu schreiben, und vorzutragen. Am Abend meines Auftritts waren die Kritiken der Jury so kunstvoll wie – subjektiv betrachtet – an keinem anderen Abend des Wettbewerbs. Insbesondere die Kritiken von Herrn Herz-Kestranek am Text einer Kollegin und meinem eigenen Text sorgten für viel Beifall des Publikums. Krimi ist ein eigenes Genre, mit dem nicht alle Juroren etwas anfangen konnten. Ich war mir auch bewusst, dass es ein „Risiko“ war, damit vor Jury und Publikum zu treten. Aber was soll´s! In der Runde zuvor waren zwei exzellente Texte nicht zum Sieger gekürt worden, und so wollte ich auf alle Fälle mit einem Genre antreten, das mir liegt. Krimis können spannend, tragisch, lustig, unterhaltsam, schräg sein. Hochliteratur sind sie meiner Meinung nach nie.

 

Gewonnen hat am Ende eine Autorin, die mit besonders viel Inbrunst ihre Texte geschrieben hat. Ich hatte das Vergnügen, an gleich zwei Abenden mit Gabriele Petricek am gleichen Tisch zu sitzen, und wir haben uns sehr gut unterhalten und verstanden. Ihre Vorträge waren Performances, und unterschieden sich – mit einer Ausnahme - dahingehend von sämtlichen anderen Beiträgen des Wettbewerbs. Sie geht sehr gekonnt mit Sprache um. Hatte mich der erste Text noch stark an Franzobel erinnert, gelang ihr mit dem Sieger-Text eine eindeutige Steigerung, und der Gewinn des Wettbewerbs ist ihr herzlich zu gönnen.

 

Rückblickend gab es viele wunderbare Erlebnisse anlässlich dieses Wettbewerbs. Mein eigenes Gericht – Schokoauflauf mit Eierlikör-Creme – hatte ich von der Konsistenz her völlig anders eingeschätzt (ich dachte nicht, dass es sich um einen Kuchen handelt!), was für die Jury aber keine Bedeutung hatte. Ein Autor sorgte mit einem Text, der bei einem Poetry slam Gewinnchancen hätte, für besondere Heiterkeit bei den Anwesenden. Er hatte gleich 123 Suppenkreationen in seinen Text einbezogen. Herz-Kestranek befand einen Text dahingehend, dass er so etwas (unliterarisches) nie zuvor in einem Literaturwettbewerb zu Gehör bekommen hätte. Und ich hatte mit einem schlecht eingestellten Mikrofon zu kämpfen, was mich dazu veranlasste, meine Sprechprobe mindestens drei Mal jeweils mit dem Wort „Mord“ zu beginnen, womit mir immerhin die Gunst des Auditoriums sicher war.

 

Es war für mich einfach wunderbar, Teil dieses ganz besonderen kulinarisch-literarischen Wettbewerbs zu sein, bei dem auch die Jungköche mit zum Großteil ausgezeichneten Gerichten auftrumpften. Der Sieger, ein junger Mann, der sich mit einer Maishendlbrust durchgesetzt hatte, durfte sich über ein 32 Mal gefaltetes japanisches Messer freuen.

Zu danken ist der wunderbaren Moderatorin (und Erfinderin!) des Wettbewerbs, Frau Harriet, die sehr charmant und mit großer Anteilnahme für die teilnehmenden AutorInnen die „Buchstabensuppe 2009“ zu einem großen Fest machte. Die Jury war mit Miguel Herz-Kestranek (Schauspieler), Norbert Mayer (Feuilleton-Chef der „Presse“), Susanne Freund (Drehbuchautorin und Regisseuse), und der Vorsitzenden, Eva Feitzinger (u.a. Literaturagentin und Leiterin des Sessler-Verlags) ausgezeichnet besetzt.

 

Ich bin ein wenig traurig darüber, dass dieses große „Buchstabenfest“ nunmehr zu Ende ist. Doch ich werde es immer in äußerst positiver Erinnerung behalten, und vielleicht auch mal nur als Gast verfolgen. Immerhin könnte es die „Buchstabensuppe“, so ist zu hoffen, im Jahre 2010 wieder geben.

 

Mo

19

Okt

2009

Herzens-Projekt

  

Im Sommer des Jahres 2006 reifte in meinem Kopf die Idee, Erzählungen zu schreiben, welche Figuren aus dem großen Kafka-Universum in den Blickpunkt stellen. Als langjähriger Freund und Bewunderer der Romane und Erzählungen von Franz Kafka wollte ich einerseits Kafka selbst, andererseits seinen Figuren die Referenz erweisen. Mir war von Anfang an bewusst, dass ich weder den Schreibstil von Franz Kafka zu kopieren versuchen (das geht ohnehin nicht) noch die Figuren in ganz ähnlichem Kontext wie in der Vorlage schildern würde.

Das Ziel bestand darin, den Lebenslinien dieser Figuren neue Komponente zuzuordnen, welche in der Jetzt-Zeit von Bedeutung sein könnten.

 

Ich las viele Erzählungen von Franz Kafka nochmals, und nach einigem Überlegen entschied ich, an welchen Figuren ich mich erproben wollte. Die wichtigste Figur ist zweifellos Blumfeld. Bei Kafka ist er irgendein Büroleiter, der von zwei hüpfenden Bällen um den Verstand gebracht wird. Heutzutage wäre es leicht möglich, dass eine Figur wie Blumfeld wegrationalisiert wird, und also – bildlich gesprochen – auf der Straße landet. Der ehemals langjährige mittlere Angestellte Blumfeld kommt mit Fortdauer seiner Erwerbsarbeitslosigkeit mit seinem Leben immer weniger klar. Von Tag zu Tag wird sein Leben hoffnungsloser, und er ist es selbst, der sich immer mehr in den Wahnsinn hinein katapultiert.

 

Bei all der Melancholie, Lieblosigkeit der Umwelt, und einer erbarmungslosen Arbeitswelt keimt doch ein Stückchen Tendenz zu innerer Befreiung bei einigen Figuren auf. Auch Blumfeld hat zwischendurch schöne Momente, wo er schon fast daran glaubt, dass er sein Leben wieder in eine andere Richtung führen kann. Wer immer nur die äußeren Umstände, die Lebenssituation reflektiert, und die eigenen Wünsche, Ideen, inneren Erfahrungen ignoriert, der kann letztlich nur scheitern. Das Scheitern ist also vorprogrammiert.

 

Kurze Sequenzen lasse ich durchaus als komische Elemente durchgehen. Auch Kafka hat gerne gelacht und geblödelt. Insgesamt sind meine Erzählungen jedoch Darstellungen der Realität von Menschen, die gesellschaftlich betrachtet als Verlierer zählen. Viele Romane und Filme handeln von solchen Verlieren, die aber irgendwann irgendwie doch zu „Siegern“ werden. Das kann bei Kafka und auch bei mir nicht der Fall sein. Es gibt Menschen, die nie aus ihrem Käfig ausbrechen können, und an den eigenen Umständen, welche sie sich machen, zerschellen. Einigen dieser vom Schicksal gebeutelten Menschen habe ich mich mit meinen Erzählungen angenommen.

 

Es gibt keinerlei Berührungspunkt zur Literatur Kafkas, was aber nichts daran ändert, dass seine Figuren im Blickpunkt stehen. Ich habe mir damit ein Herzens-Projekt erfüllt, weil mir Kafka als Autor vielleicht näher steht als alle anderen Autoren, deren Werk ich näher kennen gelernt habe. Nie würde ich mich mit seinem Genie messen, das wäre mehr als überzogen. Doch ich war bereit, mich auf seine Figuren einzulassen, und vielleicht ist mir dies ja recht gut gelungen. Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist „Der Kaltsteher“, die auf der Erzählung „Der Kübelreiter“ basiert. Hier gibt es sicherlich die größten Parallelen, was die Thematik und die Ausführung der Geschichten betrifft. Ein Mensch leidet an der Kälte des Winters, und möchte sich Heizmaterial besorgen…

 

Das Buch wurde von der Verlegerin Ruth Reuter liebevoll gestaltet, und zeigt als Cover einen Ausschnitt aus dem Wiener Prater, einem meiner persönlichen Lieblingsplätze, wo natürlich die Eine oder die Andere Figur ebenso gerne unterwegs ist. Ich freue mich sehr über diese Veröffentlichung.

 

 

Do

08

Okt

2009

Literatur und Politik

 

Ich bin ein Kandidat für die Grünen  zur Vorwahl anlässlich der Gemeinderatswahlen 2010 in Wien. Verträgt sich das mit meiner Berufung zum Autor? Literatur und Politik, besteht da irgendeine Verbindung?

 

Vaclav Havel ist das vielleicht bekannteste Beispiel für einen Autor, der es sogar in höchste Gefilde eines politischen Amtes gebracht hat. Seine Leistungen als Politiker können mit jenen als Autor nicht verglichen werden. Sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge haben andere Konsequenzen.

 

Nun gut, ich bin ein bisschen abgeschweift. Aus vielen meiner Texte gehen auch politische Ansichten hervor. Wer Gesellschaftskritik übt, wird meist mit den politischen Strukturen nicht zufrieden sein. Freilich ist es heutzutage die Wirtschaft, welche die Politik fest in der Hand hat. Wirtschaft ist zu einem Schlagwort geworden, das das Szenario nicht nur in Österreich beherrscht. Wirtschaft heißt in erster Linie über Menschen bestimmen. Die Wirtschaft lenkt eine Gesellschaft in welche Richtung auch immer. Ist die Wirtschaftslage in Schieflage wie heutzutage, sind die Menschen allerorts davon betroffen. Die meisten negativ und ein paar im Elfenbeinturm positiv.

 

Ich kandidiere nicht, weil die Wirtschaft im Argen liegt, denn die müsste gar nicht im Argen liegen. Ich kandidiere, weil ich das System, das viele Menschen – auch in Österreich – in Armut und Verzweiflung treibt, nicht akzeptieren kann. Das ist automatisch auch eine politische Stellungnahme, ob ich will oder nicht.

 

Ein Buch kann die Welt nicht verändern, aber es kann den Menschen neue Perspektiven anbieten, die es lesen. Eine Aussage eines Politikers kann die Welt nicht verändern, aber sie kann den Menschen neue Perspektiven anbieten, die sie vernehmen. Freilich kann mit Büchern und politischen Aussagen auch manipuliert werden. Dies passiert täglich. Ein Autor kann versuchen, den Mainstream zu bedienen, um sich damit einen vermeintlichen Namen zu machen. Auf einen Politiker kann selbiges zutreffen. Menschen zu erzählen, was sie gerne hören wollen, obwohl sie selbst sich nie getrauen würden, es zu formulieren… Ist das Politik? Ja, das ist Politik. Und es kann auch Literatur sein.

 

Ich kandidiere, weil ich an die andere Seite der Politik ebenso wie an die andere Seite der Literatur glaube. Nämlich an die Seite der Medaille, welche sich der Menschen annimmt, ohne emotional manipulieren zu wollen. Menschen sollen Freude am Leben haben, und echte Freiheit ist keine Freiheit von, sondern eine Freiheit für etwas. Ich nehme mir die Freiheit, für die Grünen zu kandidieren. Und ich bin schon gespannt auf die 63. Landesversammlung der Grünen, wo sich entscheiden wird, ob ich mit meinen Ideen die Vorwählerschaft überzeugen kann.

 

 

Mi

30

Sep

2009

Dorothee Sölle

 

Ich hatte die Freude, im Jahre 2000 einen Vortrag von Frau Sölle das Thema „Mystik und Widerstand“ betreffend mitzuerleben. Die Theologin und Literaturwissenschafterin war voller Elan, und ihr Eintreten für die Friedensbewegung und zahlreiche ökumenische Organisationen immer beispielhaft. Sie war eine Frau, die Disputationen liebte, und die Bibel entmythologisieren wollte.

 

Die Entwicklung des Feminismus war ihr ein großes Anliegen. Ebenso eine politische Theologie. Aus ihrer Sicht stand Gottes Wirken in der Welt in Abhängigkeit zu den Handlungen der Menschen. Es verhielt sich damals so, dass ich nicht mit allen Punkten einverstanden war, die Dorothee Sölle zum Vortrag brachte. Dennoch war ich weitgehend fasziniert von ihren Ideen und ihrer spirituellen Energie.

 

Nach dem Vortrag habe ich einige Worte mit ihr wechseln dürfen. Ich sprach sie unter anderem auf Eugen Drewermann an, da ich Ähnlichkeiten zwischen ihren und seinen Anschauungen zu erkennen glaubte. Sie war aber eher zurückhaltend, und ich konnte aus ihrer Reaktion entnehmen, dass sie Drewermann nicht als Theologen ansah, mit dessen Wirken und wissenschaftlicher Arbeit sie sich voll und ganz identifizieren mochte. Einige Jahre später hat Drewermann nicht mehr jene Bedeutung, die er einst für mich hatte. Sein plötzlicher „Glaube“ an die Sterblichkeit der Seele ist diametral zu seinen einstigen Büchern zu sehen, wo er sich auch mit der Unsterblichkeit der Seelen von Tieren auseinander setzte.

 

Frau Sölle blieb ein Leben lang ihren Grundprinzipien treu, was nicht heißt, dass es schlecht wäre, wenn dies ein Mensch nicht tut. Es kommt nur darauf an, welche Prinzipien er für sein Leben aufgestellt hat. Dorothee Sölle hat zahlreiche hochinteressante Bücher geschrieben. Jene über Jesus von Nazareth sowie Mystik und Widerstand gehören zu ihren bedeutendsten.

Sie verstarb am 27. April 2003 und wäre heute 80 Jahre alt geworden.

 

So

13

Sep

2009

20 Jahre Autor

 

Der September 1989 ist als Beginn meines literarischen Schreibens anzusehen. Nicht, dass ich damals das Gefühl gehabt hätte, mich hätte die Muse geküsst, und mir wäre ein Schleier von den Augen gefallen, sodass ich in meine Zukunft und mein Leben als Autor gesehen hätte.

 

Es begann nämlich ganz harmlos mit dem Versuch, einen Roman zu schreiben. Einige Monate habe ich mich daran versucht, über Gott und die Welt und insbesondere mich selbst zu schreiben. Der Versuch misslang gründlich. Ich schrieb seinerzeit noch alles mit der linken Hand und machte mir einige Zeit später die Mühe, den Roman auf einer mechanischen Schreibmaschine abzutippen, was viel Zeit kostete. Und dann schickte ich das Konvolut an einen ziemlich großen Verlag in Deutschland und erwartete mir tatsächlich, dass ich zumindest eine Antwort bekäme. Mit meinem damals besten Freund diskutierte ich über die Geschichte. Er hatte sie als einzige Person gänzlich gelesen, und nicht unbedingt hymnisch gelobt. Immerhin gefiel ihm eine Textpassage sehr gut.

 

Keine Ahnung, wie viele Monate es dann dauerte, bis ich vom Verlag eine Antwort (ich denke, inklusive Manuskript) bekam, die selbstverständlich negativ ausfiel. Das tat meiner neu entwickelten Schreibenergie keinen Abbruch. Ich war weiter bemüht, mit Inbrunst an neuen Projekten zu arbeiten. Einige Erzählungen entstanden, von denen ein oder zwei durchaus eine gewisse Qualität aufwiesen. Mindestens drei Mal schrieb ich die Anfänge von Geschichten, aus denen „Romane“ werden sollten, doch ich kam nie weiter als bis zu dem Punkt, von dem aus ich kein Ende des Tunnels sah.

 

Meine plötzliche Begeisterung für das Schreiben hatte mein wunderbarer Deutsch-Lehrer in mir entfacht. Er hat mich gefördert, inspiriert und in nur wenigen Wochen vermocht, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Ohne ihn wäre ich nie zu dem geworden, der ich jetzt bin. Er verstarb leider viel zu jung nur ein knappes Jahr nach unserer ersten Begegnung an Leukämie.

Meinem Mentor werde ich immer grenzenlos dankbar sein.

 

Ich denke sehr gerne an die Zeit meiner Anfänge als Autor zurück. Viele handgeschriebene Manuskripte, welche ich freilich aufbewahrt habe, sind Zeugen dieser ersten Schritte. Es sollte knapp acht Jahre dauern, bis ich wieder in der Lage war, einen Roman fertig zu stellen, den ich ebenso wenig wie den ersten als gelungen einstufen kann. Doch in den Jahren danach habe ich dann vier Romane verfasst, denen ich genug Qualität zugestehe, sodass sie eine Veröffentlichung rechtfertigen. Nächstes Jahr ist die Veröffentlichung meines dritten Romans geplant, der vierte könnte eventuell 2011 folgen.

 

Das Schreiben war, ist und bleibt die Berufung meines Lebens. Selbst, wenn ich nicht schreibe bzw. an keinem neuen Projekt arbeite, bin ich innerlich in Schreib-Sphären. Nicht nur in Gedanken, weil ich ja nicht ausschließlich mein Verstand bin, sondern ebenso von meiner Gefühlslage her. Und das ist gut so.  

 

Do

27

Aug

2009

Kritik

 

 

Kürzlich erschien auf Amazon eine „Rezension“ meines „Zentralfriedhofs-Führer“, deren Inhalt die Verärgerung des Lesers zum Ausdruck bringt. In gezählten 44 Wörtern kommt es zum Rundumschlag gegen das Buch. Hauptvorwürfe sind „philosophische Betrachtungen“, und „Wiederholungen“. Es geht mir jetzt nicht darum, diese „Vorwürfe“ zu entkräften, sondern grundsätzlich auf meinen Umgang mit Kritik einzugehen.

 

Konstruktive Kritik liegt mir sehr am Herzen. Manche Kritik hat mich auf Einzelheiten aufmerksam gemacht, für die ich als Autor wohl „betriebsblind“ bin. Erst kürzlich wies mich eine Autorin anlässlich einer literarischen Veranstaltung auf ein derartiges Detail hin, worüber ich mich gefreut habe. Gar nicht vertragen kann ich aber Kritik, die Allgemeinplätze bedient, und keinerlei Ziel verfolgt. Der „Zentralfriedhofs-Führer“ ist mir besonders wichtig, weil mir der Zentralfriedhof besonders wichtig ist. Auf meine persönlichen Bezüge zum Wiener Zentralfriedhof gehe ich im Laufe des Buches mehrfach ein, und eines meiner Hauptziele besteht darin, interessierte Menschen zu animieren, diesen zweitgrößten Friedhof Europas ganz individuell zu entdecken. Da ich einige hochinteressante Plätze und insgesamt fünf Routen beschreibe, die sich mit diesen Plätzen freilich auch verschränken, ergibt sich logischerweise die Notwendigkeit einer Wiederholung dahingehend, dass ich auf die genauen Beschreibungen der Plätze verweise.

 

Ein Friedhofsgänger schrieb mir einst eine E-Mail, wo er – diametral entgegen gesetzt zur absurden Kritik, die Gegenstand und „Ursache“ dieses Tagebuch-Eintrages ist – sich dafür bedankt, dass er mit Hilfe meines Buches einige für ihn zuvor unbekannte Stellen des Wiener Zentralfriedhofes entdeckt hat. Er weist in seiner Rezension auf den fehlenden Übersichtsplan hin, wobei er nicht vergisst hinzuzufügen, dass dieser ja beim Pförtner schnell zu haben sei. Hier kommt also konstruktive Kritik zum Tragen. Der fehlende Plan wird keineswegs als Ärgernis bezeichnet, sondern als ein Faktor, der eingebunden hätte sein können.

 

Insgesamt konnte ich aus den Rückkoppelungen zu meinem „Zentralfriedhofs-Führer“ viel positive Resonanz entnehmen. Konstruktive Kritik ist sehr wertvoll für jeden Autor, und Kritiken, die am Gegenstand der Kritik vorbei argumentieren können nicht ernst genommen werden.

 

Di

18

Aug

2009

Perry Rhodan

 

 

Nicht, dass ich ein großer Perry Rhodan Fan wäre. Es soll sie ja geben, die Männer und Frauen, welche sämtliche Hefte, Sonderbände, Editionen, Comics und was weiß ich noch gelesen haben. Die Vielzahl der Autoren ist ja fast schon unheimlich.

 

Ich lese nur in seltenen Ausnahmen mal ein Heft. Und diesmal den dritten Gastroman von Andreas Eschbach, weil er einer meiner Lieblingsautoren ist. Schon sehr stark, was er für Eigentümlichkeiten und Überraschungen in eine klassische Schlacht einbindet. Sehr berührend ist die Liebesgeschichte, die erst ganz am Ende aufgeklärt ist. Da ich ja nur einen Bruchteil der Heftromane kenne, weiß ich nicht, wie oft derartige Geschichten erzählt werden mögen, aber ich denke mal, dass das nicht oft vorkommen wird. Eine Liebesgeschichte, die alle Grenzen sprengt und über den Tod hinaus existiert…

 

Heftromane werden oft unterschätzt, doch sie sind als literarisches Genre anzusehen. Es gibt so viele schlechte Bücher, die gedruckt werden, und da regt sich auch nicht jeder darüber auf. Also feiern wir mal die Heftromane und insbesondere die Serie um und mit Perry Rhodan, welche inzwischen als umfangreichste und am längsten laufende Fortsetzungsgeschichte der Welt gilt!

 

So

09

Aug

2009

Der arme Poet

 

 

Es ist mir nicht daran gelegen, das Bild von Carl Spitzweg zu interpretieren oder auf bestimmte Eigenheiten hinzuweisen. Vielmehr ist es der grundsätzliche Gedanke, der dahintersteckt, welcher mich schon längere Zeit beschäftigt. Die Vorstellung, ein Schriftsteller könne alles Weltliche beiseite schieben, um seine Kunst voll und ganz entfalten zu können, vermochte nicht einmal Franz Kafka umzusetzen. Kafka fühlte sich von der Arbeitswelt bedroht, sah im fast täglichen Dasein im Büro einen schweren Einschnitt in sein Leben. Er stellte sich vor, ganz allein in irgendeinem Gewölbe an seinen literarischen Werken zu arbeiten, und nur zu bestimmten Zeiten mit Essen und Trinken versorgt zu sein. Doch wäre er in der Lage gewesen, dies auch umzusetzen, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte?

 

Das literarische Schreiben kann nicht das Leben bestimmen, sondern das Leben kann den Menschen zum literarischen Schreiben inspirieren. Wer die Schriftstellerei als Berufung erkannt hat, und diese fördern will, kann aber nicht umhin, diesen Schritt vor sich selbst bewusst zu machen. In anderem Zusammenhang habe ich schon oft die Aussage gehört: „Ich kann nicht anders!“ Also, es lässt sich schlicht und einfach nicht ändern, dass dieses und jenes so und nicht anders gemacht sein will.

 

Die wenigsten Autorinnen und Autoren können von ihrer literarischen Tätigkeit gut leben oder ihre Existenzgrundlage bestreiten. Die meisten Autorinnen und Autoren sind darauf angewiesen, irgendetwas zu finden, mit dem sie jene finanzielle Grundlage bestreiten, auf der ein Leben ohne große Not ausgestaltet sein mag. Da das Schreiben bei den Berufenen immer eine Rolle spielt, gilt es, diese andere Tätigkeit so zu wählen, dass sie dem Schreiben kein Ende setze. Ausnahme mag sein, insofern diese andere Tätigkeit eine besondere Herausforderung darstellt, durch die inneres Wachstum möglich und also eine Weiterentwicklung möglich ist.

Das literarische Schreiben ist einem Prozess unterworfen, der zum Stillstand gerät, wenn die vorgeschobene Tätigkeit des Broterwerbs das Szenario bestimmt, und dem Leben eine spezifische Richtung gibt. Also, lieber armer Poet sein als erfolgreich in einem Job, der keine Arbeit an sich (siehe Reinhard P. Gruber, „Nie wieder Arbeit“) bedeutet?

 

In Zeiten wachsender Erwerbsarbeitslosigkeit, die sich immer weiter verstärken wird, wenn nicht das System der Arbeitsgesellschaft radikal umorganisiert wird, gilt es, die inneren Kräfte zu bündeln und die eigenen Talente zu forcieren. „Der arme Poet“ (jetzt kommt doch noch eine Interpretation, obzwar ich dies vermeiden wollte) kann  den Glauben an innere Stärke oder die Erkenntnis, dem „Spiel der Kräfte“ nicht gewachsen zu sein, symbolisieren. Vielleicht sogar beides. Tatsache ist, dass ich einer von vielen Autorinnen und Autoren bin, die nicht anders können, und also an der Weiterentwicklung ihres literarischen Schreibens arbeiten. Diese innere Freiheit ist das Wesentliche.

 

Mo

27

Jul

2009

Da machen die Ohren Augen!

 

 

Dieses Jahr steht bislang im Zeichen von drei Premieren.

Anfang Mai wurde mein erster Krimi veröffentlicht, Ende Juni mein erstes Kinderbuch, und nun ist seit kurzem mein erstes Hörbuch über

 

Netzwerkverlag Tredition

 

downloadbar.

 

Der „Zentralfriedhofs-Führer“ als Hörbuch ist wunderbar geworden. Verantwortlich dafür ist die wunderbare Umsetzung durch die Sprecherin Juliane Ahlemeier, der ich auch auf diesem Wege nur zu dieser erstaunlichen Leistung gratulieren kann. Ein Hörbuch lebt von den SprecherInnen, diese sind das Um und Auf. Hinzu kommt die sparsam eingesetzte Musik, wobei ich mich für „Schwebende Klänge, Vol. 2“ von Arnd Stein entschieden habe.

 

Mein erstes Hörbuch ist eine professionelle Produktion höchster Qualität. Ein absolutes Highlight, und ich bin bemüht, diesbezüglich möglichst viele HörerInnen an dieser Produktion Anteil nehmen zu lassen.

 

So

12

Jul

2009

Emotionsdesign

 

Ich habe „Strom und Wasser“ bzw. Heinz Ratz über die Liederbestenliste kennen gelernt. Der Titel „Das Lied von der schlafenden Armut“ hat mich so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich mich stärker mit der Musik dieses ungewöhnlichen Musikers auseinander gesetzt habe. Nunmehr habe ich die neueste CD „Emotionsdesign“ bei einem Gewinnspiel der Liederbestenliste gewonnen, und mittlerweile schon einige Male gehört. Und ich bin begeistert!

 

Die Kombination Musik und Text ist absolut kongenial. Und die gesellschaftskritische Komponente ist überhaupt genial. Besonders angetan hat es mir das Titellied, „Das Raubtier von heute“ und „Der Fresser“, das vielleicht einzige deutschsprachige Lied, das aus der Sicht eines multinationalen Konzerns die ganze Gier und grauenhafte Zerstörungswut dieser „Unternehmen“ schildert.

 

Heinz Ratz zeigt soziales Engagement, wie auch aus seiner Myspace-Webpräsenz hervorgeht.  Er gehört nach recht kurzer Zeit zu meinen absoluten Lieblings-Musikern.

Es ist nur schade, dass kein Konzert in Österreich bzw. Wien geplant ist…

 

Da können die Ohren Augen machen und umgekehrt:

 

 

Emotionsdesign

Mo

29

Jun

2009

Mein erstes Kinderbuch ist da!

 

Nunmehr ist mein erstes Kinderbuch veröffentlicht, und ich bin mächtig stolz darauf. Geschichten für Kinder sind immer etwas ganz Besonderes. Ich kann mich noch gut erinnern, als mir als Kind von meiner Großmutter und meiner Mutter Märchen und „Der Räuber Hotzenplotz“ vorgelesen wurden.

 

„Bumba, der Zirkuslöwe“ eignet sich auch gut zum Vorlesen. Es handelt sich um die Geschichte von Martin, einem Kind, das dem Löwen Bumba im Zoo begegnet, und ihn sogleich ins Herz schließt. Martin beschließt, eine Geschichte zu schreiben, welche er sich als die Vorgeschichte des Löwen vorstellt, ehe er im Zoo landete. Es wird also das berühmte Kaninchen aus dem Hut gezaubert, weil sich in der Geschichte noch eine weitere Geschichte befindet.

 

An allen möglichen Ecken und Enden auf dieser Welt gibt es – immer noch – Zirkuslöwen. Zwar ist es weitgehend gesetzlich verboten, Löwen als Gaudium des Publikums im Zirkus Kunststückchen vorführen zu lassen, doch ist es leider nicht aus der Welt zu schaffen.

Mein Büchlein ist also gleichsam ein Plädoyer gegen die grausame Methode, Löwen als Zirkustiere zu missbrauchen.

 

Ansonsten mag die Geschichte für sich selbst sprechen.

 

Ich kann an dieser Stelle der Illustratorin Janine Höcker nur einen riesengroßen Dank dafür aussprechen, dass sie durch ihre herrlichen Bilder das Buch auf wunderbarste Weise zu einem Blickfang gemacht hat. Schon das Cover zeigt auf eindrucksvolle Weise, welche magischen Elemente in der Geschichte wirken mögen.

 

Es war immer schon mein großer Wunsch, dass ein Kinderbuch von mir das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Jetzt, wo es soweit ist, bin ich dem inneren Kind in mir selbst wieder viel näher gekommen. Und hoffe, dass es neben vielen Kindern auch Erwachsene geben wird, die das innere Kind in sich mit der Lektüre dieses Buches erwecken können.

 

So

28

Jun

2009

Licht und Schatten

 

Ich glaube, dass ich nie so viele Lesungen des Bachmann-Wettbewerbs (die neue Bezeichnung lasse ich mal außen vor) eines Jahrganges gehört habe wie in den letzten Tagen.

Zudem war ich sehr von Christiane Neudecker angetan, deren Geschichte davon handelt, dass sich ein Mann in seinen eigenen Schatten verwandelt. Diese meisterhafte Komposition, welche als tiefgründig und unterhaltsam beschrieben werden kann, schaffte es zwar in die „Short list“, wurde jedoch mit keinem Preis bedacht.

 

Gedanken sind frei, und so gibt es – neben der Qualität des Textes – einen weiteren Aspekt, der mich erstaunt hat. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich die Idee zu einem Jugendbuch hatte, welches eine ähnliche Thematik ausgestalten sollte. Die ersten zwei oder drei Kapitel waren bereits geschrieben, als mir eine andere Idee ein Schnippchen schlug, und hernach die Geschichte vom Schatten irgendwo in einem Ordner abgelegt ist, und vielleicht bis zum St. Nimmerleins-Tag auf eine Fortsetzung hofft.

 

Am dritten Lesetag folgte dann noch der Auftritt einer jungen Religionslehrerin aus Wien namens Caterina Satanik. Ihr Text versprüht Wiener Charme, dem einige der Juroren nicht widerstehen konnten. Das austriakische an dieser Geschichte kann nur als ungewöhnlich bezeichnet werden. Ausdrücke wie Leiberl oder Häferl sind in Deutschland oder der Schweiz wohl nicht so geläufig. Eine Jurorin sprach sogar von einem „Haferl“. Jetzt konnte ich eruieren, dass Frau Satanik durchaus die Gunst des Publikums hatte, und bei der diesbezüglichen Abstimmung den zweiten Platz belegte, besiegt nur von einem Herrn, der in einem Outfit auftrat, das dazu angetan war, ihm zuzurufen, dass er es gegen ein Fetzenleiberl und kurze Hosen tauschen solle! Aber hätte Herr Krampitz diesen Hinweis umsetzen wollen?

 

Über den Sieger des Bachmann-Preises und die weiteren Preisträger will ich gar nicht mehr groß schreiben. Irgendwie setzten sich letztlich die „Favoriten“ durch, sprich jene Autoren, deren Prosa gut in die Bachmann-Wettbewerb-Historie hineinpasst. Qualitativ fand ich die Texte der beiden Damen besser, aber sie werden sicher auch ihren Weg machen.

 

Bleibt nur noch darauf hinzuweisen, dass ich nächstes Jahr endlich bemüht sein sollte, selbst eine Geschichte zu verfassen, die gut in das Konzept des Wettbewerbs passt, was noch gar nichts heißt. Denn auf einen Wettbewerb hinzuschreiben bringt nichts. Ich werde versuchen, ein Sujet zu finden, das einen Farbkleckser in die Literatur-Landschaft in Klagenfurt setzt, und sicher – sollte ich eingeladen werden - keine einzige Seite eines Textes verspeisen, den ich selbst verfasst habe.

 

Mi

10

Jun

2009

Prager Autorenfestival 2008

 

Unglaublich, dass es schon wieder ein Jahr her ist, als ich meinem Lieblingsautor Paul Auster beim Autorenfestival in Prag begegnete. Er stellte seinen Film „The inner life of Martin Frost“ vor, beteiligte sich an einer Diskussion mit dem Schwerpunkt 1968 und hielt eine Lesung aus seinem Roman „Man in the Dark“.

 

An meinem vorletzten Tag in Prag hatte ich das Glück, in unmittelbarer Nähe von Paul Auster und seiner Frau Siri zu sitzen. Und ich konnte Paul dabei beobachten, wie er ein rotes Notizbuch nahm, und sich etwas notierte.

 

Ich bin damals noch nicht auf die Idee gekommen, mal ein Werk von ihm im Original zu lesen. Doch das Schicksal meinte es gut mit mir und wenige Monate nach dem Festival führte ein Englisch-Kurs, der von einem ausgezeichneten Trainer gehalten wurde, dazu, dass ich das Wagnis auf mich nahm, „The new york Trilogy“ im Original zu lesen. Ich hatte schon ein wenig Vorerfahrung, weil ich „The old man and the sea“ und „Benjamin Button“ im Original gelesen hatte. Nun also dieses fantastische Werk von Paul Auster.

 

Durch die verstärkte Konzentration las ich die drei Erzählungen im Original viel langsamer und mit mehr Aufmerksamkeit als ein in die deutsche Sprache übersetztes Buch. Somit sog ich die Wörter buchstäblich in mich ein, und es dauerte mehrere Wochen, um die drei Geschichten zu bewältigen. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, alles verstanden zu haben. Doch es ist nicht übertrieben, von einem Verständnis zu schreiben, das bei etwa 70 % liegt. Die anderen 30 % habe ich mir irgendwie zusammengereimt bzw. davon profitiert, dass ich die Erzählungen schon mehrmals auf Deutsch gelesen hatte.

 

Als ich an das Ende der „New York Trilogy“ im Original gelangt war, fühlte ich so etwas wie Stolz. Nicht nur darauf, dass es mir gelungen war, dieses Buch fertig zu lesen. Mehr noch, weil ich eines meiner absoluten Lieblingsbücher im Original gelesen hatte, und die Begeisterung keine Grenzen kannte. Die Qualität der Sprache von Paul Auster können freilich die englische Sprache beherrschende Literaturkenner weit besser beurteilen als ich. Dennoch habe ich mehr als nur eine Ahnung dieser Qualität gefühlt.

 

Die Begegnung mit Paul Auster wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es hatte etwas von Magie an sich, insbesondere auch, weil ich mich spontan entschied, Paul nicht anzusprechen, obzwar ich durchaus mit ihm in Kontakt hätte treten können. Diesen Mann zu beobachten, zu sehen, wie er sich darstellt oder eben nicht darstellt, weil er einen sehr zurückhaltenden, bescheidenen Eindruck vermittelte, war für mich mehr als genug. Ein sehr bedeutungsvoller Wunsch war in Erfüllung gegangen, und wer weiß, ob es je zu einer zweiten Begegnung kommen wird…

 

© Milena Findeis

 

 

 

 

 

 

Di

02

Jun

2009

Zum 85. Todestag von Franz Kafka

 

 

Ich kannte ihn – vor dem Kriege – als einen langen, magern, braunen Menschen, dunkel, sehr schweigsam, sehr schüchtern und zurückhaltend.

Im Gegensatz zu Brod, der mir nicht recht gefiel und mir in Prag und Berlin eine große Enttäuschung war, liebte ich Kafka – ohne eine Zeile von ihm zu kennen.

Er wollte nie etwas veröffentlichen – Brod musste ihm alles einzeln aus der Schublade ziehen.

                                                                      

                                                                                 

(Kurt Tucholsky, 20. Juni 1924)

 

Was Hartmut Binder im Laufe einer langjährigen – ja jahrzehntelangen – akribischen Auseinandersetzung mit Franz Kafka zusammentrug kann und soll zu Recht als Monumentalwerk bezeichnet werden. Es ist weit mehr als eine bloße biographische Datensammlung über den Autor, die mit Bildmaterial angereichert ist. Tatsächlich existieren mehrere Bildbände, durch die das Leben von Franz Kafka halbwegs verdeutlicht werden mag.

Jedoch ist es das einmalige Verdienst von Hartmut Binder, direkte Verbindungen von Fotos zu Texten geknüpft zu haben, durch die das Leben von Franz Kafka wie durch eine Lupe vergrößert gesehen werden kann. Der Prager Autor definierte sich selbst vorwiegend über seine zahlreichen Texte, welche im Laufe seines relativ kurzen Lebens entstanden sind. Hierbei fällt auf, dass er weit mehr Briefe geschrieben hat als eigentliche literarische Werke. Hinzu kommen noch seine Tagebücher, die der Nachwelt glücklicherweise überliefert werden konnten.

 

Die Frage ist aber, wie es grundsätzlich möglich ist, hunderte von Fotos spezifischen Textstellen aus dem Fundus von Franz Kafka zuordnen zu können? Der Rezensent glaubt, dass es kaum einen anderen Autor gab, gibt und geben wird, der dermaßen genau seine Lebenswelt beschrieb, und jedes noch so unscheinbare Detail in Betracht zog. Kafka ging nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt, betrachtete nicht die Pflastersteine der Prager Altstadt, sondern zog oft stundenlang die Gassen entlang, und erkundete die Gebäude, Läden, Menschen, Skulpturen, Sehenswürdigkeiten, Kirchen, Synagogen. Sein wachsamer Blick blieb auf Gemälden hängen, und wenn es sein musste, auch stundenlang. Damit bildet Kafka einen erstaunlichen Kontrapunkt zu Dostojewski, der einer seiner vier Lieblingsautoren war, und dessen Die Brüder Karamasoff  ihm seine Geliebte Felice eines Tage zu feierlichem Anlass schenkte. Dostojewskis literarischer Nachlass besticht durch die Darstellung von fein ausgearbeiteter Innenwelt. Wahrscheinlich vermochte es kein anderer Autor, die psychischen Zustände der Menschen so kompakt und tiefgründig zu beschreiben. Kafka hatte eine reichhaltige Innenwelt, wovon seine außerordentlichen literarischen Arbeiten zeugen. Seine drei Romane, und die Erzählungen verzichten jedoch darauf, psychische Zustände darzustellen. Vielmehr sind es die genauen Lebensabläufe, die äußerlichen Ereignisse, die genauen Beobachtungen der Szenarien und Menschen, welche sein Werk prägen. Nur in seinen Tagebüchern, und auch in vielen Briefen werden die Abgründe deutlich, in denen sich Kafka aufhielt. Möglicherweise war es gerade dieser Kontrapunkt zu Dostojewski – fein beschriebene Innenwelten im Vergleich zu detailverliebten Außenwelten -, der ihn zu Dostojewskis Schaffen hinzog.

 

Es wäre falsch, die vorliegende Lebenschronik in Bildern als „Sekundärliteratur“ zu bezeichnen. Mir ist nichts Lebendigeres, Kraftvolleres bekannt, das sich auf Franz Kafka beziehen lässt. Der Autor spricht den Betrachter und Leser mit seinen Schilderungen und Erkenntnissen an, und die dazugehörigen Fotos vermögen die Lebenswelt von Franz Kafka dermaßen zu verdeutlichen, dass es eine Freude für Auge und Herz ist. Die Tiefgründigkeit und imposante Weitschichtigkeit des Autors ist stets präsent, und ständig kann es dem Leser passieren, dass er neue Erkenntnisse erlangt, die ihm bis dato unbekannt waren.

 

Angesichts eines solcherart pompösen Werkes mag es unmöglich sein, die richtigen Worte für eine Besprechung zu finden, welche dem Buch auch nur halbwegs gerecht wird. Jedoch möchte ich die Leserschaft auf zwei Aspekte hinweisen, die allein schon diese erstaunliche Lebenschronik zu einem außerordentlichen Gewinn machen. Es sind einerseits die ursächlich mit den Entstehungsprozessen der einzelnen Romane und Erzählungen zusammenhängenden Einzelheiten, und andererseits die Familienverhältnisse der Kafkas, die in einem zuvor vielleicht nie so konkret beschienenen Licht reflektieren.

 

Vergessen Sie Nabokov und seine absurde „Interpretation“ der Verwandlung. Hartmut Binder weist nach, dass Kafka in der Verwandlung die räumlichen Verhältnisse in einer Wohnung der Familie Kafka (Haus zum Schiff) haargenau wiedergab. Keinerlei Spekulation trübt hier den Blick, sondern eine Skizze spricht für sich!

 

Und wussten Sie, dass die drei Schwestern von Kafka in der Schule sehr schlechte Leistungen erbrachten, und Lichtjahre entfernt von den Qualifikationen ihres Bruders waren? Franz Kafka hatte nie daran geglaubt, je die höhere Schule oder das Studium zu überstehen. Es ging sich für ihn – insbesondere im Studium – gerade so aus, dem verhassten Lernen einen Erfolg abzutrotzen. Seine Zeugnisse fielen nie außerordentlich positiv auf. Dennoch bestand ein eklatanter Unterschied, was die schulischen Leistungen von Kafka gegenüber seinen Schwestern betraf. Franz besuchte von vornherein Schulen mit höheren Anforderungen, während seine Schwestern kaum gefordert wurden, und dessen ungeachtet das Lernziel manchmal nicht erreichten.

 

Ich möchte zum Schluss kurz auf das Zitat zu schreiben kommen, das dieser versuchten Besprechung eines Monumentalwerkes vorangestellt ist. Kurt Tucholsky sah Kafka vielleicht nur einmal in seinem Leben, und der schweigsame Autor vermittelte ihm einen unvergesslichen Eindruck. Es gibt Menschen, die unmöglich vergessen werden können; egal wie viel Zeit seit der Begegnung vergangen sein mag. Franz Kafka war nicht nur ein großartiger Autor und fleißiger Tagebuch- und Briefschreiber; er war gleichermaßen ein bescheidener, empathischer Mensch, der sein Schreiben in keinster Weise als besonders gut definierte, und der nur wenigen Erzählungen zugestand, einer Öffentlichkeit zugemutet werden zu können. Die Lebenschronik in Bildern ist somit nicht „nur“ die Darstellung des Lebens eines Autors, sondern zudem eine Zurechtrückung eines Menschen, dessen Persönlichkeit noch lange nicht ausreichend beleuchtet worden ist. Hartmut Binder gelingt es, mit diesem Werk Kafka ein gehöriges Stückchen näher zu kommen, und dafür gebührt ihm höchstes Lob. Ob es überhaupt möglich ist, noch weitgehender das allzu Menschliche von Franz Kafka zu belegen und in einen Kontext zu seinem reichhaltigen Leben zu setzen, kann nur die Zukunft weisen…

 

Fr

29

Mai

2009

Emmi Rothner und Leo Leike

 

Jetzt, wo ich diesen fantastischen E-Mail-Roman fertig gelesen habe, freue ich mich umso mehr, dass Daniel Glattauer mein Text unter dem Motto „E-Mail-Flirt“ (freilich mit den Protagonisten Emmi Rothner und Leo Leike!) so sehr zugesagt hat, und er mir einen Preis zuerkannte!

 

Tatsächlich ist „Alle sieben Wellen“ eine wunderbare Fortsetzung von „Gut gegen Nordwind“. Das wohl einzige (und winzige) Manko mag sein, dass der Autor den Weg zum Ende hin mehr und mehr beschleunigte, und der Leser schließlich ein wenig verwundert ausrufen mag: War es das schon, oder kommt da noch was, oder wird doch noch ein dritter Roman folgen? ( könnte O-Ton Emmi Rothner sein) – oder aber Habe ich das jetzt richtig verstanden? Ist das Ende so vorgesehen? Und brennt jetzt auf Top 15 oder anderswo weniger Licht, weil Strom gespart wird? (könnte O-Ton Leo Leike sein).

 

Nun ja, eine zweite Fortsetzung hätte durchaus Reiz. Und es muss ja nicht immer die E-Mail-Form sein (möglicherweise aber doch).

 

Ich glaube, diese beiden fiktiven Figuren, die sich ausschließlich per E-Mail in Szene setzen bzw. ein Bild im Anderen ergeben, sind im Laufe der Zeit zu meinen Freunden geworden. Zwei völlig verschiedene Menschen, deren Eigenarten so herrlich schrullig sind, dass ich buchstäblich hingerissen sein muss…

 

Das Eigenartige an E-Mails ist ja, dass die Sender (zumindest sehr viele davon) meinen mögen, aufgrund der Möglichkeit, eine Nachricht an einen Empfänger ohne Zeitverzögerung übersenden zu können, müsse die Antwort sehr schnell ausfallen. Selbstverständlich ist das ein Trugschluss. Kein Empfänger ist dazu gezwungen, innerhalb von zwei oder vier Minuten eine an ihn gerichtete E-Mail zu beantworten, außer es besteht eine besondere Beziehung, wie sie zwischen Emmi und Leo gegeben ist. Da ist es ganz sicher so, dass die neuen Mails des Mail-Partners mit Herzklopfen und Bangen erwartet werden. Daniel Glattauer hat eine Geschichte geschrieben, die Menschen überall auf dem Planeten in ähnlicher Form erleben können. Worte sind nicht immer nur Schall und Rauch, Worte können sehr viel bewegen, und Menschen sogar dazu veranlassen, ihr Leben zu überdenken und in letzter Konsequenz eine radikale Änderung der Lebensgewohnheiten anzustreben.

 

Ich werde „Alle sieben Wellen“ an einen besonderen Platz in meinem Bücherregal stellen. Nicht nur, dass der Roman zu meinen Lieblingsbüchern zählt, ist er gleichzeitig eine wertvolle Erinnerung daran, wie angetan der Autor höchstselbst von dem Text war, den ich in Anlehnung an die E-Mail-Korrespondenz von Emmi und Leo verfasst habe.

 

Sa

23

Mai

2009

Lesung inklusive Zecke

 

 

Ich habe bis vorgestern gedacht, nie im Leben von einer Zecke überfallen zu werden, die sich irgendwo an meinem Körper festbeißt. Doch plötzlich war es soweit. Nach einer Lesung von mir mit anschließendem Konzert eines tollen Musikers landete ich zu früher oder später Stunde daheim, und bemerkte auf meinem rechten Oberschenkel eine Stelle, die ich möglicherweise als von einer Zecke besiedelt einstufte. Am nächsten Tag dann bestätigte meine Freundin, dass es sich um eine Zecke handle, und ich geriet ein wenig in Panik. Aber nur wenige Minuten später war ich den bluttrunkenen kurzzeitigen Bewohner meines Körpers los, und spülte ihn in eine Serviette eingewickelt am Klo in die ewigen Jagdgründe hinunter.

 

Die Zecke muss ich mir auf dem Gelände des Sportclub-Platzes eingefangen haben. Meine Lesung fand auf der Friedhofstribüne statt, und wurde von etwa einem Dutzend Menschen verfolgt. Der Grund, warum ich eine Lesung aus meinem ersten Krimi „Die schüchterne Zeugin“ unbedingt am Sportclub-Platz bewerkstelligen wollte, liegt darin, dass eine Szene auf diesem Areal beheimatet ist. Als langjähriger Fan des WSC und nunmehriger Sympathisant des WSK war es mir ein Anliegen, in diesem Kontext die Geschichte vorzustellen. Die intimere Atmosphäre ermöglichte es mir schließlich, mit nahezu jedem Zuhörer persönlich sprechen, und Gedanken zum Schreiben und zu Literatur austauschen zu können.

 

Der Abend ging schließlich langsam zu Ende und wie beschrieben spitzte sich kurz vor dem Schlafengehen das Drama mit der Zecke zu. Alles in allem ein einmaliges Szenario, wie es sich für einen blutrünstigen Krimi gebührt.

 

 

 

© Agnieszka Sularz

 

Mo

18

Mai

2009

Urheberrecht und Google

 

 

Wer meine Webpräsenz genau durchstöbert, wird auf eine Leseprobe stoßen, die zu einer Vorschau meines „Zentralfriedhof-Führer“ verweist, welche auf

 

http://books.google.com/books?id=ZWnl6_wLW0cC&pg=PP1&dq=J%C3%BCrgen+Heimlich&lr=&ei=GCMRSoO5IobEzQTKupG8DQ&hl=de

 

situiert ist. In Bezug auf die Büchersuche von Google ist freilich darauf hinzuweisen, dass die mit Abstand erfolgreichste Suchmaschine weltweit bislang ca. 7,5 Millionen Bücher eingescannt hat und es in den nächsten Jahren auf insgesamt 15 Millionen Bücher bringen will. Hierbei wurde das Urheberrecht umgangen, da offensichtlich bei keinem oder nur wenigen Autorinnen und Autoren nachgefragt wurde, ob es gestattet sei, zumindest Auszüge aus den Büchern der Öffentlichkeit über http://books.google.com zugänglich machen zu dürfen. Dies hat nunmehr zur Folge, dass Rechtsstreitigkeiten bestehen, und jeder Autor finanziell für die Verletzung seines Urheberrechts und gleichzeitige Rechteeinräumung für google entschädigt werden soll.

 

Die Situation ist sehr kompliziert, und es ist der Autorensolidarität, welche von den IG Autorinnen Autoren herausgegeben wird, zu danken, dass diesbezüglich viel Informationsarbeit geleistet wurde. Somit habe ich auch nicht auf eigene Faust meine Rechte bei google eingeklagt. Dies wäre höchstwahrscheinlich auch kontraproduktiv gewesen.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Sachlage weiter entwickelt. Ich habe bewusst den Link zu meinem „Zentralfriedhofs-Führer“ als Leseprobe gesetzt, da es für mich um den Inhalt geht. Die Vorschau zeigt Ausschnitte meines Buches, wobei besonders penible Menschen durch häufiges Anklicken des Links – und jeweils anderen Vorausschauen – den „Zentralfriedhofs-Führer“ – soweit ich das überblicken kann – „zusammenstückeln“ können. Aber auch in diesem Zusammenhang ist die Sache kontraproduktiv zu nennen. Zum Einen besteht zwischen einer zusammengestückelten Vorschau und einem gedruckten Buch immer noch ein eklatanter Unterschied, zum Anderen mag es günstiger sein, das Buch zu kaufen und damit den Wiener Zentralfriedhof zu besuchen, als viel Zeit in die Zusammenstückelung eines Textes zu investieren, der dann ohnehin nur mit viel Feinarbeit als Broschüre gedruckt werden kann.

 

Ich kann also mit dieser Vorschau durchaus leben, wenngleich die Umgehung des Urheberrechts seitens Google natürlich einer rechtlichen Justierung bedarf. Auf jeder Seite der Vorschau ist übrigens – rechts unten - der Passus „urheberrechtlich geschütztes Material“ auffindbar. Das ändert nichts daran, dass die Vorgangsweise der Verantwortlichen von google als fragwürdig zu bezeichnen ist.

 

Hinzufügen möchte ich nur noch, dass allerorts im weltweiten Web Raubkopien von ganzen Büchern auffindbar sind, und google also nicht allein da steht. Leider lässt sich dieser Raubkopie-Systematik kaum beikommen, und das kann insbesondere für Künstler tragische Folgen zeitigen. Es wäre auch ratsam, das Brechen des Urheberrechts im Internet – insbesondere bei schweren Verstößen –  nicht zu milde zu handhaben.

 

 

 

 

 

 

Do

07

Mai

2009

Glattauer-Schreibwettbewerb

 

 

Gestern war ich bei der Lesung von Daniel Glattauer, der auf ungewöhnliche Weise aus  „Alle sieben Wellen“ vortrug. Den Systemmanager und die männliche Rolle – also Leo Leike – sprach er selbst, die Stimme von Emmi übertrug er jedoch per I-Pod. Es war ungewöhnlich, einem Autor beim Bedienen eines I-Pod zuzusehen, und damit alternierend seinem Lesen von E-Mail-Korrespondenz zu lauschen. Ungewöhnlich und gleichermaßen erquicklich.

 

Die Lesung hatte geschätzte 150 Frauen und 10 Männer auf den Plan gerufen. Rund um mich herum saßen, standen und lungerten Frauen jeden Alters und ein Mann mit Hinterhauptglatze ergänzte mein Sichtfeld. Die Zeit verging wie im Flug, und als kleinen Bonus bekannte sich Daniel Glattauer dazu, eine Vorliebe für seine Kolumnen zu haben, und dies brachte den Saal für geschätzte 17 Minuten zum Kochen.

 

Er beantwortete die Fragen der Interviewerin mit Bravour, und erzählte auch ein wenig von seinem Dasein als Autor, und was es überhaupt bedeute, Autor zu sein. Kein Mensch könne von sich einfach sagen: „So, und jetzt bin ich Autor!“ Vom Dasein als Autor mögen nur die wenigsten ihren Lebensunterhalt bestreiten. Also sei der Autor gezwungen, auch etwas Anderes zu machen. In seinem Fall sei erst der Journalismus und dann das Autorenhandwerk gewesen. Und nunmehr habe er dank des überraschenden Erfolges von „Gut gegen Nordwind“ die Möglichkeit, ein Autoren-Dasein auszuprobieren. Eine Rückkehr in den Journalismus ist natürlich nie ausgeschlossen…

 

Der Grund, warum ich überhaupt auf diese Lesung aufmerksam wurde, ist die Zuerkennung des zweiten Preises des Glattauer-Schreibwettbewerbes an mich. Gestern wurde ich per

E-Mail davon verständigt, dass ich den zweiten Preis gewonnen habe. Und als ich dann die Webseite des Autors Daniel Glattauer besuchte, wurde ich darauf aufmerksam, dass er zufälligerweise am selben Tag eine Lesung in Wien hatte, an dem ich eben über den zweiten Preis des Glattauer-Wettbewerbes informiert worden war.

 

Das Besondere an diesem Wettbewerb war, dass Daniel Glattauer die eingelangten Texte selbst gelesen hat. Die Aufgabe bestand darin, einen kleinen E-Mail-Dialog zwischen Leo Leike und Emmi in Hinblick auf die E-Mail-Flirt-Dynamik zu verfassen. Und nun also hatte Herr Glattauer offenbar Gefallen an meinem Dialog gefunden, und ich darf mich darauf freuen, bald den Preis in Empfang nehmen zu können. Der erste Preis wäre übrigens eine Reise nach Wien inklusive Besuch einer Lesung des Autors Daniel Glattauer gewesen. Ich gab schon vorab bekannt, auf diesen ersten Preis – im Fall des Falles – verzichten zu wollen.

Somit könnte es sogar sein, dass meine Geschichte durchaus auch Potenzial für einen ersten Preis gehabt hätte, doch insgeheim habe ich in diesen ersten Preis gestern anlässlich der Lesung hineingeschnuppert. Und wie oft kommt es schließlich vor, dass ein Autor gleich zwei Preise eines Schreibwettbewerbs abstauben mag?

 

Es wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben, ob ich für den ersten Preis vorgesehen hätte sein können. Vielleicht habe ich ja einer Nicht-Wienerin oder einem Nicht-Wiener zu einer netten Reise in meine Heimatstadt verholfen. Dann kämen zu meinen „zwei“ Preisen noch ein weiterer hinzu, den ich indirekt „gespendet“ habe. Ich philosophiere nur mal so vor mich hin wie Leo Leike und Emmi. Die beiden haben mir herrliche Lesestunden beschert, und ich freue mich schon auf die Fortsetzung, die ich nicht nur lesen, sondern auch hören werde. Natürlich sind es nicht die beiden, sondern ihr Schöpfer, Herr Glattauer. Und wie sagte er so schön: Er habe es genossen, Emmi zu schreiben, und sei erst mit einem Glas Rotwein für Leo Leike warm geworden, oder so ähnlich.

 

Es ist schon etwas Besonderes, wenn ein Autor von einem anderen Autor prämiert wird. Diesen zweiten Preis werde ich so schnell nicht vergessen, wenn überhaupt.

 

Mi

06

Mai

2009

Mitch Albom: Dienstags bei Morrie

 

 

Manchmal trifft einen ein Buch wie ein Hammer, ganz selten aber passiert es, dass ein Buch unheimlich tief in das Innere des Lesers eindringt. Ich hatte über einen Buchkatalog von „Dienstags bei Morrie“ erfahren, und mir das Werk zugelegt.

 

Die Geschichte eines Mannes, dessen Lehrer ihn auf eine Weise positiv beeinflusst hat, die fantastischer gar nicht sein könnte, rührte mich zu Tränen. Das hängt auch damit zusammen, dass ich in meiner Schulzeit einen Lehrer hatte, der mein Leben auf den Kopf stellte. Und wie „Dienstags bei Morrie“ beweist kann dieses Wunder sehr weite Kreise ziehen.

 

Mitch Albom besuchte seinen Lehrer, als er längst schon kein „offizieller“ Schüler mehr war, und Morrie erzählte von seinem Leben, seinen Erfahrungen, seinen Erkenntnissen. Ich war hingerissen und bestürzt zugleich. Ein Mensch kann eine magische Ausstrahlung haben, die über seinen Tod hinaus wirkt. So mag es mit Morrie und so mag es auch mit meinem Lehrer sein, der schon vor so vielen Jahren in die andere Welt eingetreten ist.

 

Es fällt oft schwer, die Erschwernisse des Alltags zu ertragen. Jedem Menschen widerfahren Dinge, an denen er zerbrechen kann. Morrie weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat, als Mitch Albom ihn besucht. Aber er hat soviel zu erzählen, was aus ihm heraus möchte. Und sein Schüler hat die Lektionen von Morrie aufgeschrieben, und damit vielen anderen Menschen zugänglich gemacht.

 

Ein guter „Nebeneffekt“ für Mitch Albom war freilich, dass „Dienstags bei Morrie“ ein Bestseller wurde. Damit hatte er seinen Beginn als Autor gemacht und es folgten weitere Bücher. Diese anderen Romane haben durchaus ihren Reiz, doch „Dienstags bei Morrie“ bleibt unerreicht, was Mitch Albom sicher weiß…

 

 

Mo

04

Mai

2009

Klaus Wagenbach: "Kafka"

 

 

Es hatte in Strömen geregnet, und ich habe mich dessen ungeachtet dazu entschieden, eine Lesung von Klaus Wagenbach zu besuchen, zu der ich mich per Mail angemeldet hatte. Vor dem Eingang einer der größten Buchhandlungen Wiens war ein Mann postiert, und fand bald meinen Namen auf einer Liste, welches mich in einen Saal geleiten sollte, der nahezu völlig leer war. Auf der Liste waren gut 150 Namen gestanden, die an der Lesung Interesse vorgegaukelt hatten. Letztlich ließen sich aber mindestens 135!!! dieser Personen von ein bisschen Regen abhalten, dem großartigen Kafka-Biographen Klaus Wagenbach fast eineinhalb Stunden lauschen zu dürfen.

 

Mir war es sogar recht, dass gut 90 Prozent der angeblichen Literaturinteressenten irgendwo anders postiert waren, da auf diese Art und Weise eine sehr intime Atmosphäre herrschte, von der insbesondere die wenigen Zuhörer profitieren mochten. Klaus Wagenbuch ließ sich angesichts des nahezu leeren Saales nicht davon abhalten, auf professionelle Art und Weise über seine Bezüge zu Kafka zu sprechen. Mehr noch: Er war voll und ganz in seinem Element, und verriet dem Publikum Einzelheiten, die in keinem Buch beschrieben sind. Er bestand darauf, dass er dies „freiwillig“ geschildert habe; Herr Wagenbach erwies sich so und so als kleiner Schelm und gleichzeitig liebenswürdige, schrullige Persönlichkeit.

 

Besonders bemerkenswert war seine Antwort auf die Frage des (nur wenig störenden) Buchhändlers, wie denn Kafka auf seine Berufswahl gekommen sei. Klaus Wagenbach lachte auf seine typische Art und Weise und erzählte davon, dass Franz Kafka schon mit 15 oder 16 Jahren gewusst habe, dass er Schriftsteller sei, und dies also sein Beruf ist. Nie stellte er dies in Frage, und aus den Tagebüchern, und zahlreichen Briefen ist ersichtlich, dass dies nur so sein konnte. Denn für Kafka war sein Beruf jenes, mit dem er sich am meisten identifizieren konnte, und das war auf überwältigende Art und Weise das Schreiben! Was nun genau hinter diesem Begriff „Beruf“ steht muss an dieser Stelle nicht versuchsweise aufgelöst werden (ist wahrscheinlich auch gar nicht möglich). Doch für Kafka waren die Begriffe Beruf und Berufung einander wohl sehr nahestehend, und wer heutzutage Kafka NICHT als Schriftsteller bezeichnet, sondern (primär) als Angestellten einer Arbeiter-Versicherungs-Anstalt oder gar Juristen, hat von Kafkas Werk und dessen Leben keinerlei Ahnung.

Klaus Wagenbach wies darauf hin, dass es Kafka nur darum gehen konnte, eine dem Schreiben nicht allzu sehr im Wege stehende „Tätigkeit“ zu suchen. Das war seinerzeit im Prag des beginnenden 20. Jahrhunderts nahezu unmöglich. Seinen ersten Job war Kafka glücklicherweise bald los; zehn und mehr Arbeitsstunden pro Tag waren dauerhaft einfach zuviel. In der Arbeiter-Versicherungs-Anstalt arbeitete er immer noch zumindest sechs Stunden pro Tag (auch samstags), und zweimal pro Monat auch sonntags, sodaß er im Endeffekt auf gut und gern 45 Arbeitsstunden pro Woche kam. Für einen Schriftsteller eigentlich eine Unmöglichkeit; doch Kafka arrangierte sich mit der Zeit mit dieser Unbill und fand abends und nachts Zeit, seinem eigentlichen Beruf nachzugehen.

 

Gerade in der heutigen Zeit ist die Frage des „Berufs“ in unseren Breitengraden von erstaunlicher Bedeutung. Es gibt zwar immer mehr Berufsbezeichnungen, aber immer weniger Menschen, die einem „Beruf“ nachgehen können. Somit wäre es im Sinne von Kafka auch richtig, von TÄTIGKEITEN zu sprechen, und irgendwelche Manager-Typen nicht fälschlicherweise in Berufsschemata einzusetzen. Mit einer Erwerbstätigkeit muß man sich nicht identifizieren, mit einem Beruf sehr wohl. Dies hat Herr Wagenbach mit dem Beispiel Franz Kafka auf eindrucksvolle Weise demonstriert. Es wäre wünschenswert, dass es mehr Menschen gibt, die ihr auf Tätigkeiten beschränktes Dasein kritisch reflektieren, und damit beginnen, sich ihrer eigentlichen Fähigkeiten zu besinnen. Klaus Wagenbach ist das seltene Beispiel eines Menschen, der als Verleger jene Tätigkeit ausübte (nunmehr ist er „bloß“ noch Lektor des Verlags, was die wenigsten Menschen wissen), die für ihn ein Beruf war. Franz Kafka hatte dieses Glück nicht, und wollte es vielleicht auch gar nicht haben, da es ihm sogar widerstand, eine TÄTIGKEIT auszuüben, die auf sekundäre Art und Weise mit Literatur zusammenhing.

 

Die Lesung von Klaus Wagenbach wird mir als Literatursternstunde in Erinnerung bleiben.

 

Sa

02

Mai

2009

Sylvia Plath

 

Eine Lehrerin machte eines Tages auf die Lyrikerin Sylvia Plath aufmerksam, was mich dazu veranlasste, mir den Gedichtband „Ariel“ zuzulegen. Mein Exemplar tauschte ich mit einem  damaligen Schulfreund gegen „Friedhof der bitteren Orangen“ von Josef Winkler ein. Unsere gemeinsame Zeit war kurz darauf beendet, und ein Rücktausch fand somit nicht mehr statt.

 

Sylvia Plath hat einige Erzählungen, viele Gedichte und ihr Hauptwerk „Die Glasglocke“ verfasst. Nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung dieses Romans beging die Autorin Suizid, indem sie Schlafmittel schluckte, die Küche mit Handtüchern abdichtete, den Gashahn des Herdes aufdrehte und ihren Kopf in den Backofen legte. Ein Suizid, wie er schrecklicher wohl kaum vorstellbar ist. Sie hatte schon einige Male Selbstmordversuche begangen, und diese als Hilferufe verstanden.

„Die Glasglocke“ ist einer der traurigsten Romane der Weltliteratur, was auch damit zusammenhängt, dass die Geschichte sehr starke autobiographische Züge aufweist. Sylvia Plath beschreibt, zumindest kann das stark angenommen werden, ihr Innenleben, und es gibt kaum Momente, wo im Leser das Gefühl aufkommt, die Autorin habe ihr Leben genossen. Der Titel „Die Glasglocke“ weist freilich darauf hin, wie sich Sylvia Plath Zeit ihres Lebens gefühlt haben mag. Sie war eine Autorin, die mit unglaublicher Disziplin und Inbrunst an ihrem Werk arbeitete, und es ist unfassbar, dass sie in einer Zeit, wo ihr höchste Anerkennung in ihrem Metier zuteil wurde, den Schritt in den Tod wählte.

 

Ich weiß nicht, ob ich mich je dazu überwinden werde können, „Die Glasglocke“ noch einmal zu lesen. Der Roman ist wunderbar ins Deutsche übersetzt, und die Sprache zeugt von einer tiefen Einsicht in die Besonderheiten des Lebens. Sylvia Plath muss schrecklich gelitten haben, und es wurde und wird wohl weiter darüber spekuliert, wer sie in ihrem Innersten gewesen ist, und warum konkret sie diesen schrecklichen Suizid beging. Sie war mehrfach (mindestens drei Mal) in psychiatrischer Behandlung, wobei Depressionen und eine bipolare Störung diagnostiziert wurden. Dies als Ausgangspunkt für ihre Selbstmordversuche und ihren Suizid zu sehen ist vielleicht zu eindimensional gedacht.

 

Sylvia Plath wurde sozusagen zum „Mythos“, doch es ist und bleibt entscheidend, welch bedeutendes literarisches Werk sie hinterlassen hat. Für mich ist „Die Glasglocke“ so schrecklich und tief berührend zugleich, dass ich – wie geschrieben – eine weitere Lektüre kaum bewältigen werde wollen. Ihre Erzählungen und Gedichte sind weitere Zeugnisse einer Autorin, die am Leben scheiterte, und all ihre Emotionen und Reflexionen in ihr Werk gelegt haben mochte.

 

Sylvia Plath wurde nur 30 Jahre alt, und hinterließ zwei kleine Kinder.

 

 

 

Fr

01

Mai

2009

Die schüchterne Zeugin

 

Jetzt ist es soweit. Heute wird mein erster Krimi veröffentlicht, und ich bin freilich enthusiastisch gestimmt. Alles begann mit einem Zettel, auf dem ich einige Eckdaten notiert habe, und mit der Zeit entfaltete sich aus dem nur wenige Worte umfassenden Fundament eine verrückte Welt, die von schrulligen Käuzen und wundersamen Frauen besiedelt war und ist. Dass es sich hierbei nur um eine Perspektive von Wien handeln kann, versteht sich von selbst.

 

Mein Werk ist nun also auch ein Bestandteil des enormen Krimi-Universums auf diesem Planeten Erde. Ich bin schon sehr gespannt auf die Resonanz seitens der Leserschaft, und freue mich auf alles, was im Zusammenhang zu dieser ersten Krimi-Veröffentlichung auf mich zukommen mag…

Friedhofsidylle (E-book)



Im Laufe von 20 Jahren kommen viele Texte zusammen. Damit bildet sich vor dem Autor seine eigene Welt ab, die er geschaffen hat. Diese Welt bleibt nie gleich, verändert sich ständig. Der Schaffensprozess ist das Eine, das Weltbild das Andere. Hunderte Texte ergeben ein Konglomerat, das nur schwer durchschaut werden kann. Die Verdichtung auf wenige Texte lässt tiefer blicken. Ausgehend von 12 Geschichten werden Spuren von Figuren sichtbar, die von der Leichtigkeit des Seins weit entfernt sind.

 

 

Blumfeld, ein älterer

Arbeitsloser

Jürgen Heimlichs Figuren zeigen uns eine kafkaeske Welt voller unerfüllter Liebe und Sehnsüchte. Seine Charaktere gehen bis zum Äußersten und zerbrechen dabei an Lieblosigkeit, Unglaube, Herzlosigkeit – und an der Gesellschaft.

 

© Ruth Reuter

 

 

Die schüchterne Zeugin

 

Nie war es so ruhig in den Büros der Inspektoren gewesen. Belinda Winter versuchte, ihren unmittelbaren Vorgesetzten zu trösten, doch der winkte ab. Chefinspektor Kneiffer hätte am liebsten den Schreibtisch in Brand gesetzt, um danach für immer diesen schrecklichen Ort zu verlassen.

 

 

 

Zentralfriedhofs-Führer

 

Der Wiener Zentralfriedhof eignet sich hervorragend zum Flanieren, zum Innehalten vom Trubel des Alltags und Berufslebens. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen zweitgrößten Friedhof Europas zu entdecken. Die meisten Touristen und Friedhofsgänger beschränken sich auf die Ehrengräber, als hätte der Zentralfriedhof sonst nichts zu bieten. Aber so ist es nicht und kann es freilich nicht sein! Jeder Friedhofsbesucher kann den Zentralfriedhof auf individuelle Weise entdecken, und ich möchte mit diesem Friedhofsführer Anregungen zu individuellen Entdeckungsreisen geben.

Das diabolische Experiment

 

Nach dem selbigen Strickmuster (nonkonformistisches Weltverhältnis, erotische Genialität, typisierte Weiblichkeit) konstruierte ja übrigens Hesse seine Sozialmilieus und Handlungsträger, u.a. Goldmund und Siddharta, welche bis zuletzt in einem gewissen Sinne gesellschaftliche Außenseiter bleiben, jedenfalls hierbei typologische Übermenschen sind, was sie vom normierten Menschen trennt, hingegen sie gegenüber dem Dasein (in seiner rein ontologischen Manifestation) schlussendlich oder eigentlich immer schon versöhnlich gestimmt sind.

(© Harald Schulz)

 

Die zwei Leben des Sebastian

 

Sebastian, immer auf der Suche nach sich selbst, fühlt sich von seiner Umwelt unverstanden, verkriecht sich in die Welt seiner Bücher, die er in großer Anzahl nicht nur zu lesen scheint, sondern sie nahezu "frisst". Er lebt in der Welt dieser Geschichten, die zudem seine Fantasie ins Unermessliche beflügeln und ihn veranlassen, selbst zu schreiben. In dieser Welt ist er lange "gefangen", es fällt ihm schwer der täglichen Realität ins Auge zu schauen. Er fühlt sich in seiner Fähigkeit zum Schreiben erst durch seinen Lehrer Specht bestätigt, der viel zu früh an Leukämie stirbt und Sebastian wieder zurück in sein Maulwurf-Dasein wirft.

(© Astrid Karger)

 

Die Ewiggleichen

 

Bei „Die Ewiggleichen“ handelt es sich um keinen klassischen Gedichtband. Genau genommen ist überhaupt nur der Text auf dem Rückcover als Gedicht erkennbar. Ansonsten enthält das Bändchen lyrische Prosa, wobei sich der Autor weit aus dem Fenster lehnt, und behauptet, dieser Stil sei an Lord Byron angelehnt, obzwar dieser ein britischer Dichter war.