Di

19

Apr

2011

Bin ich empört?

Stephane Hessel hat im Alter von 93 Jahren einen Bestseller geschrieben. Dafür haben wenige Zeilen gereicht. Das Büchlein ist selbst bei langsamem Lesetempo in weniger als einer Stunde ausgelesen. Die Kosten für die Anschaffung halten sich in Grenzen, also habe ich es auch gewagt. Rezensionen über das Büchlein gibt es mittlerweile wohl einige tausend, wenn nicht hunderttausende. An dieser Stelle will ich diesbezüglich keinen Senf beisteuern. Der Kernpunkt, dem sich jeder Leser am Ende des Büchleins genähert haben sollte, ist die Frage der eigenen Empörung. Bin ich empört? Gibt es zumindest einen Grund, meiner Empörung Ausdruck zu verleihen, mich sofort einer Bürgerinitiative, einer NGO, einer wie auch immer gearteten Protestpartei (Hauptsache richtige Richtung) anzuschließen?

 

Das große Verdienst und wohl auch Vermächtnis von Stephane Hessel für die nachfolgenden Generationen ist es, der Empörung auf die Spur zu gehen. Im Grunde kann es gar nicht sein, dass ich, er, sie, du nicht – in welchem Zusammenhang immer – empört ist. Empörung ist die Projektion einer inneren Erkenntnis von Ungerechtigkeit nach außen. Gegen ein unmenschliches Fremdenrechtspaket, gegen Sozialdumping, gegen Ausbeutung, gegen… Empörung ist immer irgendwie eine Verneinung: Ich will das, das und das nicht! Empörung richtet sich gegen etwas. Wenn der Zustand in einer Gesellschaft erschreckend ist, kann nur dagegen angekämpft werden. Und die Empörung ist die Grundvoraussetzung, um bereit für den Kampf gegen Windmühlen zu sein.

 

Ist Empörung von so immenser Bedeutung, damit sich endlich mal etwas tut, ein bisschen Dampf in den dahin schleichenden Karren kommt? Stephane Hessel beschreibt seine Empörung und gibt damit jedem Leser leere Karten in die Hand, auf die er seine Empörung schreiben kann. Bin ich empört? Beispielsweise empört darüber, dass ein kleines Büchlein ohne literarischen Anspruch zum Bestseller wird, und gleichzeitig die wunderbarsten literarischen Werke von den Lektoren größerer Verlage nicht mal halbwegs angelesen werden, weil diese Werke bedauerlicherweise nicht den Geschmack zumindest einer größeren Zielgruppe treffen? Ist Empörung eine Charaktereigenschaft, die jeder Mensch in sich zur Blüte bringen kann, und darum – neben dem immensen Marketing – das Büchlein, um das es hier geht, so erfolgreich, was die Verkaufszahlen betrifft? Das Büchlein verdient sich viele Leser, keine Frage. Hauptsächlich deswegen, weil es genial ist, im Menschen die Frage aufzuwerfen, was er ablehnt, weil dies dazu führen kann, dass er sich fragt, wofür er eigentlich ist. Die Ablehnung ungerechter Strukturen, zerstörerischer Prozesse kann immer nur eine Seite der Medaille sein. Die andere Seite zeigt das WOFÜR! Aus dem empört euch kann ein engagiert euch werden, und dieses engagiert euch muss keineswegs gegen etwas gerichtet sein, sondern kann ebenso für eine gerechtere Gesellschaft eintreten, auch wenn es diese angeblich nur im Kino geben soll.

 

Bin ich empört? Ja, zweifellos. Jetzt geht es nur mehr darum, dass alle Menschen, die dieses Büchlein gelesen haben, einen Schritt in das WOFÜR setzen. Bekämpfen ist immer systemimmanent, die Umsetzung des WOFÜR aber kann einem neuen System den Weg bereiten. Und was wir Menschen tatsächlich brauchen ist ein Systemwechsel, oder sind Sie nicht über das derzeit existierende System empört?

 

2112

12 mal anders

Die Welt im Wasserglas

Voll in die Fresse

Mein Lieblingsbuch

Gedanken im Sturm

Buchstabensuppe 2009

Anthology der Gier 

Mit Wort und Paukenschlag

Anschlag 

Mystische Helden

Literatour de France 2003

Mitschreiben

Maskenball

Maskenball 41

 

Spiegel der Seele

 

Im Jahr des Saturn

Wieder schlägt man ins Kreuz die Haken

10 Jahre Mauerfall

Jahrbuch Lyrik 2000

Kamingeflüster

Etcetera Tabu

Zenit: Erinnerungen

Leserpreis 1992:

Dokumentation

Leserpreis 1991:

Der Spiegel