Fr

25

Feb

2011

Ein Leben in Briefen

Manchmal kann ein Buch tatsächlich die Axt für das gefrorene Meer in uns sein. Reiner Stach bringt uns mit dieser erstaunlichen Biographie der letzten Jahre von Franz Kafka ganz nahe an diesen außergewöhnlichen Menschen heran. Ja, ich schreibe Mensch, nicht nur Autor. Denn was nunmehr selbst mir als langjährigen Bewunderer des literarischen Universums von Kafka an Neuigkeiten vermittelt wurde, hat mir seitenweise buchstäblich die Sprache verschlagen.

 

Es gab Zeiten, wo sich Franz Kafka nicht als Autor fühlte. Er, der mit der Literatur verwachsen schien, hatte jahrelang nicht geschrieben, und war dann zur Erkenntnis gelangt, dass er vielleicht ein Schreiber, nicht jedoch ein Autor sei. Natürlich wusste er, dass auch ein nichtschreibender Autor immer noch ein Autor ist. Doch ein nichtschreibender Autor, der sich mit philosophischen Fragen beschäftigt, ist mutmaßlich nach außen hin nur ein Beamter. Franz Kafka hatte immer wieder Krisen zu überstehen. Er war existentiell bedroht in seinen letzten Jahren, physisch und psychisch. Und seine letzten Tage hat der Biograph Reiner Stach so einprägsam geschildert, dass ich mich im Sterbezimmer des Autors Franz Kafka wiederfand. So nahe ging mir wohl noch nie die Schilderung eines Lebens bis zur Vollendung hin.

 

Voraussetzung für die detailreiche biographische Umsetzung des Lebens von Franz Kafka  ist die unglaubliche Schreiblust des Autors aus Prag. Das literarische Werk mag nur aus drei „unvollendeten“ Romanen und zahlreichen Erzählungen und Prosastücken bestehen. Doch die Tagebücher und insbesondere die Briefe zeigen Franz Kafka derart konkret, dass daraus fast sein gesamtes Leben der letzten Jahre rekonstruiert werden kann. Zeitzeugenberichte schließen freilich hie und da kleine Lücken. Kafka hatte keinen PC zur Verfügung, Kafka verwendete nur selten eine Schreibmaschine. Kafka schrieb mit ungehemmter Inbrunst mit der Hand. Er teilte sich fast täglich seinen Mitmenschen, insbesondere seinen Freunden und Verlobten mit. Und für sich selbst versuchte er die interessantesten, wunderbarsten und schrecklichsten Momente aufzuschreiben.

 

Dieser innere Antrieb, tausende von Briefen zu schreiben, ist vielleicht einzigartig in der Literaturgeschichte. Es gab auch andere Autoren, die sehr viele Briefe geschrieben haben, doch höchstwahrscheinlich keinen, der sein Leben wie ein Mosaik vor sich sah, das nicht und nicht fertig gestellt werden konnte. Franz Kafka hat immer ein Steinchen gefehlt. Er hat sich nie mit dem zufrieden gegeben, was er vor sich gesehen hat. Und daraus hat er seine Kräfte gebündelt, nach dem Unmöglichen zu streben. Das Normalste war ihm unmöglich, weil er es gar nicht definieren konnte oder wollte. Einen Tag vor seinem Tod schrieb er noch einen Brief an die Eltern. Am 3. Juni 1924 starb Franz Kafka und ist seitdem ein Mysterium. Ein Leben in Briefen, ein Leben, das aus unzähligen schriftlichen Hinterlassenschaften besteht: Das war Franz Kafka. Sein Leben verlief im Schatten der Literatur. Aus seinen Briefen atmete sein Leben, das ihm die Literatur immer wieder zu einem Horrortrip machte.

 

Er glaubte, auf allen Linien versagt zu haben. Doch in Wirklichkeit ist ihm mehr gelungen, als er zu träumen gewagt hätte. Seine hohen Ansprüche an sich selbst haben ihn in die Knie gezwungen. Wer diese Biographie liest, wird Teil eines Lebensentwurfes, der ganz der Literatur gewidmet war. Und leider Gottes blieb es – weitgehend – ein Entwurf. Er hätte es nicht fast ausschließlich buchstäblich beschreiben sollen. In seinen letzten Monaten könnte es ihm gelungen sein. Seine letzte Liebe, Dora Diamant, hat in sein Herz gesehen, und das bestand nicht nur aus Buchstaben.

 

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2112

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