Der Autor Jürgen Heimlich – und wie er die Welt sieht

Fr

05

Mär

2010

(K)ein Buch in der Hand

Männer tragen gerne Aktenkoffer, Aktentaschen, Herrentäschchen. Frauen freilich gerne Handtaschen und Handtäschchen. Sowohl Frauen als auch Männer sind gerne mit allerlei sonstigen Taschen und Täschchen unterwegs. Oder aber sie tragen gar nichts, das kommt ebenso vor. Das hat natürlich nichts mit Freikörperkultur zu tun.

 

Die Finger der Menschen, die ich beobachte, umschließen nur selten ein Buch. Nun ja, es kommt immer wieder mal vor, dass die Ausnahme die Regel bestätigt. Wenn ich jedoch eine prozentuelle Schätzung abgeben müsste, so behaupte ich, dass weniger als ein Prozent der Menschen ein Buch auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, und selbst in Parkanlagen spazieren tragen. Bücher werden durchaus gelesen. Freilich viel mehr von Frauen als von Männern. Doch im Dschungel der Großstadt (wenn ich mal Wien diese „Ehre“ angedeihen lasse) sind Bücher nur dann sichtbar in Beschlag genommen, wenn in ihnen geschmökert wird.

 

Ist es en vogue, kein Buch in der Hand zu tragen? Da gibt es dieses großartige Bookcrossing, dem ich mich bislang wunderbar entzogen habe, und auf der anderen Seite werden Bücher nur sehr selten in aller Öffentlichkeit als treuer Begleiter präsentiert?

 

Ich gehe gerne mit Büchern spazieren, wenn es sich ergibt. Nicht, dass ich das ständig und überall tun würde. Also, wundern Sie sich nicht, falls Sie mal auf mich treffen, und die Finger meiner linken Hand kein Buch umschließen! Dafür kann es geschehen, dass ich mit einer Zeitung für Leser promeniere. Bücher sind meine Freunde, und somit lasse ich mich gerne mit ihnen sehen. Menschen, die nur wenig bis nichts lesen, haben etwas versäumt. Nicht nur, weil sie die vielen Welten nicht kennen, die in jedem Buch, das mehr als bloß Buchstaben enthält, stecken. Nein, sie kennen auch nicht das Gefühl, mit einem Buch auf Du und Du zu sein, und es mit Freude nach außen zu präsentieren. Auf ein Buch angesprochen wurde ich höchstens zwölf Mal, möglicherweise sogar seltener. Es wäre natürlich schön, über ein Buch ins Gespräch zu kommen, doch damit muss eine Hemmschwelle überwunden werden. Ich selbst habe es möglicherweise erst ein oder zwei Mal gewagt, einen Menschen auf ein Buch anzusprechen.

 

In einem der Werke von Paul Auster gibt es meiner Erinnerung nach eine Szene, wo ein Autor seinen Roman in den Händen einer jungen Frau entdeckt, und sie anspricht. Irgendwie erinnere ich mich auch dunkel daran, mal einen Film gesehen zu haben, wo eine solche Szene inszeniert ist. Das ist mir bislang noch nie passiert, dass ein Mensch – egal ob Frau oder Mann – eines meiner Werke öffentlich gelesen hat. Andererseits wäre das ein sehr glücklicher Zufall. Schließlich habe ich nur sehr, sehr selten Menschen Bücher lesen sehen, die zu meinen persönlichen Lieblingsbüchern zählen. Die Chance, einen Menschen zu treffen, der ausgerechnet – sagen wir mal – meinen „Zentralfriedhofs-Führer“ liest, ist also gering. Selbst auf dem Zentralfriedhof ist mir das noch nicht passiert. Wird es irgendwann einmal so weit sein? Keine Ahnung. Und werden irgendwann mehr Menschen mit den Büchern flanieren, die sie gerade lesen? Ebenso keine Ahnung. Es freut mich jedenfalls, fast ein Leben lang den Aktenkoffer mit einem Buch getauscht zu haben. Wobei heutzutage eher Aktenmäppchen und Herrentäschchen en vogue sein mögen. Ehrlich gesagt weiß ich da nicht so genau Bescheid. Schließlich brauche ich mir darüber keinen Kopf zu machen, da ich gerne Bücher und auch Qualitätszeitungen mit den Fingern meiner linken Hand umschließe, wenn ich meiner Wege gehe.  

 

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Friedhofsidylle (E-book)



Im Laufe von 20 Jahren kommen viele Texte zusammen. Damit bildet sich vor dem Autor seine eigene Welt ab, die er geschaffen hat. Diese Welt bleibt nie gleich, verändert sich ständig. Der Schaffensprozess ist das Eine, das Weltbild das Andere. Hunderte Texte ergeben ein Konglomerat, das nur schwer durchschaut werden kann. Die Verdichtung auf wenige Texte lässt tiefer blicken. Ausgehend von 12 Geschichten werden Spuren von Figuren sichtbar, die von der Leichtigkeit des Seins weit entfernt sind.

 

 

Blumfeld, ein älterer

Arbeitsloser

Jürgen Heimlichs Figuren zeigen uns eine kafkaeske Welt voller unerfüllter Liebe und Sehnsüchte. Seine Charaktere gehen bis zum Äußersten und zerbrechen dabei an Lieblosigkeit, Unglaube, Herzlosigkeit – und an der Gesellschaft.

 

© Ruth Reuter

 

 

Die schüchterne Zeugin

 

Nie war es so ruhig in den Büros der Inspektoren gewesen. Belinda Winter versuchte, ihren unmittelbaren Vorgesetzten zu trösten, doch der winkte ab. Chefinspektor Kneiffer hätte am liebsten den Schreibtisch in Brand gesetzt, um danach für immer diesen schrecklichen Ort zu verlassen.

 

 

 

Zentralfriedhofs-Führer

 

Der Wiener Zentralfriedhof eignet sich hervorragend zum Flanieren, zum Innehalten vom Trubel des Alltags und Berufslebens. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen zweitgrößten Friedhof Europas zu entdecken. Die meisten Touristen und Friedhofsgänger beschränken sich auf die Ehrengräber, als hätte der Zentralfriedhof sonst nichts zu bieten. Aber so ist es nicht und kann es freilich nicht sein! Jeder Friedhofsbesucher kann den Zentralfriedhof auf individuelle Weise entdecken, und ich möchte mit diesem Friedhofsführer Anregungen zu individuellen Entdeckungsreisen geben.

Das diabolische Experiment

 

Nach dem selbigen Strickmuster (nonkonformistisches Weltverhältnis, erotische Genialität, typisierte Weiblichkeit) konstruierte ja übrigens Hesse seine Sozialmilieus und Handlungsträger, u.a. Goldmund und Siddharta, welche bis zuletzt in einem gewissen Sinne gesellschaftliche Außenseiter bleiben, jedenfalls hierbei typologische Übermenschen sind, was sie vom normierten Menschen trennt, hingegen sie gegenüber dem Dasein (in seiner rein ontologischen Manifestation) schlussendlich oder eigentlich immer schon versöhnlich gestimmt sind.

(© Harald Schulz)

 

Die zwei Leben des Sebastian

 

Sebastian, immer auf der Suche nach sich selbst, fühlt sich von seiner Umwelt unverstanden, verkriecht sich in die Welt seiner Bücher, die er in großer Anzahl nicht nur zu lesen scheint, sondern sie nahezu "frisst". Er lebt in der Welt dieser Geschichten, die zudem seine Fantasie ins Unermessliche beflügeln und ihn veranlassen, selbst zu schreiben. In dieser Welt ist er lange "gefangen", es fällt ihm schwer der täglichen Realität ins Auge zu schauen. Er fühlt sich in seiner Fähigkeit zum Schreiben erst durch seinen Lehrer Specht bestätigt, der viel zu früh an Leukämie stirbt und Sebastian wieder zurück in sein Maulwurf-Dasein wirft.

(© Astrid Karger)

 

Die Ewiggleichen

 

Bei „Die Ewiggleichen“ handelt es sich um keinen klassischen Gedichtband. Genau genommen ist überhaupt nur der Text auf dem Rückcover als Gedicht erkennbar. Ansonsten enthält das Bändchen lyrische Prosa, wobei sich der Autor weit aus dem Fenster lehnt, und behauptet, dieser Stil sei an Lord Byron angelehnt, obzwar dieser ein britischer Dichter war.