Der Autor Jürgen Heimlich – und wie er die Welt sieht

Mo

25

Jan

2010

Kafka heute

 

Darüber nachgedacht habe ich schon oft, aber erst kürzlich wurde ich wieder daran erinnert: „Kafka würde heute nicht veröffentlicht werden.“ Ein Satz, den der Erfolgsregisseur Dieter Wedel anlässlich einer Diskussion aussprach. Diesem Satz ging ein kleines Gespräch über die Quote voraus.

 

Was aber hat die Einschaltquote mit Kafka zu tun? Das lässt sich gar nicht so schwer herleiten. Eine hohe Quote erzielt nur „massentaugliches“, und „massentauglich“ waren die Romane und Erzählungen von Franz Kafka nie, wollten es auch nie sein. Kafka wollte schreiben. Er war ein Getriebener, ein lebendiges Buch. Er hat es nie darauf angelegt, veröffentlicht zu werden. Sein Freund Max Brod hat ihn mit Verlegern in Kontakt gebracht, und Kafka erlebte einige Veröffentlichungen. Es geht nicht allein darum, dass Franz Kafka einfach nur schreiben wollte, und mit dem Geschaffenen oft schwer ins Gericht ging. Kafka wäre heutzutage auf dem Literaturmarkt ein „Nischenprodukt“.

 

Nicht selten bekam ich von Verlagen zu hören, dass sich ein Buch auch verkaufen muss. Und dazu muss es mehr oder weniger dem „Mainstream“ dienen. Jedes Jahr wird der Markt mit unzähligen neuen Büchern überschwemmt, doch nur die wenigsten davon haben das Zeug, hohe Verkaufszahlen zu erzielen. Das hängt zum Einen vom Marketing ab, zum Anderen von Mundpropaganda. Vom Autor hängt es nicht ab. Denn der Autor wird gemacht.

 

Franz Kafka wäre heutzutage nicht zum Autor gemacht worden. Er hätte sich nicht von irgendwelchen Verlagen über den Tisch ziehen oder mit Knebelverträgen binden lassen. Nie und nimmer wäre er bereit gewesen, monatelange Lesereisen auf sich zu nehmen. Ganz zu schweigen davon, dass ihm Talkshows ein Gräuel wären, und er nicht mal in „Treffpunkt Kultur“ fünf Minuten lang harmlose Fragen hätte beantworten wollen.

 

Wenn Dieter Wedel sagt, dass Franz Kafka heute nicht veröffentlicht werden würde, dann meint er damit die großen Verlagshäuser, also jene, die – im übertragenen Sinne – hohe „Quoten“ erzielen. Kleine, aber feine Verlage wären mit Sicherheit an seinen Werken interessiert. Ein Autor seines Ranges würde auch heute nicht unbemerkt bleiben. Traurig ist jedoch, dass tatsächlich ganz andere Autoren die großen Erfolge abstauben. Klar, es gibt auch Thomas Pynchon und Patrick Süskind, die einige Anknüpfungspunkte mit Kafka haben. Aber hätte es Kafka heutzutage so weit bringen können? Hätte er ein Drehbuch geschrieben? Wäre er bereit, als ewiger „Geheimfavorit“ auf den Literaturnobelpreis zu gelten?

 

Franz Kafka würde auch heute veröffentlicht werden, wenn er einen Freund hätte, der ihn unterstützt. Ohne Protektion ist es nicht vorstellbar, dass dieser wunderbare Autor von seinem Schreiben leben könnte. Wahrscheinlich würde er das auch gar nicht wollen…

 

Würde, könnte, hätte, wäre… Zeichen von Spekulation. Was ich damit jedoch zum Ausdruck bringen will: Autoren, die nicht bereit sind, den „Mainstream“ zu bedienen, haben es auch heute schwer. Ob sie es wollen oder nicht. Kafka wäre es wohl einerlei… Er wollte auch heute nur schreiben, und hinausschreien: „Ich bin Literatur!“

  

Trackback-Url für diesen Artikel


Trackbacks / Pingbacks: 0

Friedhofsidylle (E-book)



Im Laufe von 20 Jahren kommen viele Texte zusammen. Damit bildet sich vor dem Autor seine eigene Welt ab, die er geschaffen hat. Diese Welt bleibt nie gleich, verändert sich ständig. Der Schaffensprozess ist das Eine, das Weltbild das Andere. Hunderte Texte ergeben ein Konglomerat, das nur schwer durchschaut werden kann. Die Verdichtung auf wenige Texte lässt tiefer blicken. Ausgehend von 12 Geschichten werden Spuren von Figuren sichtbar, die von der Leichtigkeit des Seins weit entfernt sind.

 

 

Blumfeld, ein älterer

Arbeitsloser

Jürgen Heimlichs Figuren zeigen uns eine kafkaeske Welt voller unerfüllter Liebe und Sehnsüchte. Seine Charaktere gehen bis zum Äußersten und zerbrechen dabei an Lieblosigkeit, Unglaube, Herzlosigkeit – und an der Gesellschaft.

 

© Ruth Reuter

 

 

Die schüchterne Zeugin

 

Nie war es so ruhig in den Büros der Inspektoren gewesen. Belinda Winter versuchte, ihren unmittelbaren Vorgesetzten zu trösten, doch der winkte ab. Chefinspektor Kneiffer hätte am liebsten den Schreibtisch in Brand gesetzt, um danach für immer diesen schrecklichen Ort zu verlassen.

 

 

 

Zentralfriedhofs-Führer

 

Der Wiener Zentralfriedhof eignet sich hervorragend zum Flanieren, zum Innehalten vom Trubel des Alltags und Berufslebens. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen zweitgrößten Friedhof Europas zu entdecken. Die meisten Touristen und Friedhofsgänger beschränken sich auf die Ehrengräber, als hätte der Zentralfriedhof sonst nichts zu bieten. Aber so ist es nicht und kann es freilich nicht sein! Jeder Friedhofsbesucher kann den Zentralfriedhof auf individuelle Weise entdecken, und ich möchte mit diesem Friedhofsführer Anregungen zu individuellen Entdeckungsreisen geben.

Das diabolische Experiment

 

Nach dem selbigen Strickmuster (nonkonformistisches Weltverhältnis, erotische Genialität, typisierte Weiblichkeit) konstruierte ja übrigens Hesse seine Sozialmilieus und Handlungsträger, u.a. Goldmund und Siddharta, welche bis zuletzt in einem gewissen Sinne gesellschaftliche Außenseiter bleiben, jedenfalls hierbei typologische Übermenschen sind, was sie vom normierten Menschen trennt, hingegen sie gegenüber dem Dasein (in seiner rein ontologischen Manifestation) schlussendlich oder eigentlich immer schon versöhnlich gestimmt sind.

(© Harald Schulz)

 

Die zwei Leben des Sebastian

 

Sebastian, immer auf der Suche nach sich selbst, fühlt sich von seiner Umwelt unverstanden, verkriecht sich in die Welt seiner Bücher, die er in großer Anzahl nicht nur zu lesen scheint, sondern sie nahezu "frisst". Er lebt in der Welt dieser Geschichten, die zudem seine Fantasie ins Unermessliche beflügeln und ihn veranlassen, selbst zu schreiben. In dieser Welt ist er lange "gefangen", es fällt ihm schwer der täglichen Realität ins Auge zu schauen. Er fühlt sich in seiner Fähigkeit zum Schreiben erst durch seinen Lehrer Specht bestätigt, der viel zu früh an Leukämie stirbt und Sebastian wieder zurück in sein Maulwurf-Dasein wirft.

(© Astrid Karger)

 

Die Ewiggleichen

 

Bei „Die Ewiggleichen“ handelt es sich um keinen klassischen Gedichtband. Genau genommen ist überhaupt nur der Text auf dem Rückcover als Gedicht erkennbar. Ansonsten enthält das Bändchen lyrische Prosa, wobei sich der Autor weit aus dem Fenster lehnt, und behauptet, dieser Stil sei an Lord Byron angelehnt, obzwar dieser ein britischer Dichter war.