Der Autor Jürgen Heimlich – und wie er die Welt sieht

Di

02

Jun

2009

Zum 85. Todestag von Franz Kafka

 

 

Ich kannte ihn – vor dem Kriege – als einen langen, magern, braunen Menschen, dunkel, sehr schweigsam, sehr schüchtern und zurückhaltend.

Im Gegensatz zu Brod, der mir nicht recht gefiel und mir in Prag und Berlin eine große Enttäuschung war, liebte ich Kafka – ohne eine Zeile von ihm zu kennen.

Er wollte nie etwas veröffentlichen – Brod musste ihm alles einzeln aus der Schublade ziehen.

                                                                      

                                                                                 

(Kurt Tucholsky, 20. Juni 1924)

 

Was Hartmut Binder im Laufe einer langjährigen – ja jahrzehntelangen – akribischen Auseinandersetzung mit Franz Kafka zusammentrug kann und soll zu Recht als Monumentalwerk bezeichnet werden. Es ist weit mehr als eine bloße biographische Datensammlung über den Autor, die mit Bildmaterial angereichert ist. Tatsächlich existieren mehrere Bildbände, durch die das Leben von Franz Kafka halbwegs verdeutlicht werden mag.

Jedoch ist es das einmalige Verdienst von Hartmut Binder, direkte Verbindungen von Fotos zu Texten geknüpft zu haben, durch die das Leben von Franz Kafka wie durch eine Lupe vergrößert gesehen werden kann. Der Prager Autor definierte sich selbst vorwiegend über seine zahlreichen Texte, welche im Laufe seines relativ kurzen Lebens entstanden sind. Hierbei fällt auf, dass er weit mehr Briefe geschrieben hat als eigentliche literarische Werke. Hinzu kommen noch seine Tagebücher, die der Nachwelt glücklicherweise überliefert werden konnten.

 

Die Frage ist aber, wie es grundsätzlich möglich ist, hunderte von Fotos spezifischen Textstellen aus dem Fundus von Franz Kafka zuordnen zu können? Der Rezensent glaubt, dass es kaum einen anderen Autor gab, gibt und geben wird, der dermaßen genau seine Lebenswelt beschrieb, und jedes noch so unscheinbare Detail in Betracht zog. Kafka ging nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt, betrachtete nicht die Pflastersteine der Prager Altstadt, sondern zog oft stundenlang die Gassen entlang, und erkundete die Gebäude, Läden, Menschen, Skulpturen, Sehenswürdigkeiten, Kirchen, Synagogen. Sein wachsamer Blick blieb auf Gemälden hängen, und wenn es sein musste, auch stundenlang. Damit bildet Kafka einen erstaunlichen Kontrapunkt zu Dostojewski, der einer seiner vier Lieblingsautoren war, und dessen Die Brüder Karamasoff  ihm seine Geliebte Felice eines Tage zu feierlichem Anlass schenkte. Dostojewskis literarischer Nachlass besticht durch die Darstellung von fein ausgearbeiteter Innenwelt. Wahrscheinlich vermochte es kein anderer Autor, die psychischen Zustände der Menschen so kompakt und tiefgründig zu beschreiben. Kafka hatte eine reichhaltige Innenwelt, wovon seine außerordentlichen literarischen Arbeiten zeugen. Seine drei Romane, und die Erzählungen verzichten jedoch darauf, psychische Zustände darzustellen. Vielmehr sind es die genauen Lebensabläufe, die äußerlichen Ereignisse, die genauen Beobachtungen der Szenarien und Menschen, welche sein Werk prägen. Nur in seinen Tagebüchern, und auch in vielen Briefen werden die Abgründe deutlich, in denen sich Kafka aufhielt. Möglicherweise war es gerade dieser Kontrapunkt zu Dostojewski – fein beschriebene Innenwelten im Vergleich zu detailverliebten Außenwelten -, der ihn zu Dostojewskis Schaffen hinzog.

 

Es wäre falsch, die vorliegende Lebenschronik in Bildern als „Sekundärliteratur“ zu bezeichnen. Mir ist nichts Lebendigeres, Kraftvolleres bekannt, das sich auf Franz Kafka beziehen lässt. Der Autor spricht den Betrachter und Leser mit seinen Schilderungen und Erkenntnissen an, und die dazugehörigen Fotos vermögen die Lebenswelt von Franz Kafka dermaßen zu verdeutlichen, dass es eine Freude für Auge und Herz ist. Die Tiefgründigkeit und imposante Weitschichtigkeit des Autors ist stets präsent, und ständig kann es dem Leser passieren, dass er neue Erkenntnisse erlangt, die ihm bis dato unbekannt waren.

 

Angesichts eines solcherart pompösen Werkes mag es unmöglich sein, die richtigen Worte für eine Besprechung zu finden, welche dem Buch auch nur halbwegs gerecht wird. Jedoch möchte ich die Leserschaft auf zwei Aspekte hinweisen, die allein schon diese erstaunliche Lebenschronik zu einem außerordentlichen Gewinn machen. Es sind einerseits die ursächlich mit den Entstehungsprozessen der einzelnen Romane und Erzählungen zusammenhängenden Einzelheiten, und andererseits die Familienverhältnisse der Kafkas, die in einem zuvor vielleicht nie so konkret beschienenen Licht reflektieren.

 

Vergessen Sie Nabokov und seine absurde „Interpretation“ der Verwandlung. Hartmut Binder weist nach, dass Kafka in der Verwandlung die räumlichen Verhältnisse in einer Wohnung der Familie Kafka (Haus zum Schiff) haargenau wiedergab. Keinerlei Spekulation trübt hier den Blick, sondern eine Skizze spricht für sich!

 

Und wussten Sie, dass die drei Schwestern von Kafka in der Schule sehr schlechte Leistungen erbrachten, und Lichtjahre entfernt von den Qualifikationen ihres Bruders waren? Franz Kafka hatte nie daran geglaubt, je die höhere Schule oder das Studium zu überstehen. Es ging sich für ihn – insbesondere im Studium – gerade so aus, dem verhassten Lernen einen Erfolg abzutrotzen. Seine Zeugnisse fielen nie außerordentlich positiv auf. Dennoch bestand ein eklatanter Unterschied, was die schulischen Leistungen von Kafka gegenüber seinen Schwestern betraf. Franz besuchte von vornherein Schulen mit höheren Anforderungen, während seine Schwestern kaum gefordert wurden, und dessen ungeachtet das Lernziel manchmal nicht erreichten.

 

Ich möchte zum Schluss kurz auf das Zitat zu schreiben kommen, das dieser versuchten Besprechung eines Monumentalwerkes vorangestellt ist. Kurt Tucholsky sah Kafka vielleicht nur einmal in seinem Leben, und der schweigsame Autor vermittelte ihm einen unvergesslichen Eindruck. Es gibt Menschen, die unmöglich vergessen werden können; egal wie viel Zeit seit der Begegnung vergangen sein mag. Franz Kafka war nicht nur ein großartiger Autor und fleißiger Tagebuch- und Briefschreiber; er war gleichermaßen ein bescheidener, empathischer Mensch, der sein Schreiben in keinster Weise als besonders gut definierte, und der nur wenigen Erzählungen zugestand, einer Öffentlichkeit zugemutet werden zu können. Die Lebenschronik in Bildern ist somit nicht „nur“ die Darstellung des Lebens eines Autors, sondern zudem eine Zurechtrückung eines Menschen, dessen Persönlichkeit noch lange nicht ausreichend beleuchtet worden ist. Hartmut Binder gelingt es, mit diesem Werk Kafka ein gehöriges Stückchen näher zu kommen, und dafür gebührt ihm höchstes Lob. Ob es überhaupt möglich ist, noch weitgehender das allzu Menschliche von Franz Kafka zu belegen und in einen Kontext zu seinem reichhaltigen Leben zu setzen, kann nur die Zukunft weisen…

 

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Friedhofsidylle (E-book)



Im Laufe von 20 Jahren kommen viele Texte zusammen. Damit bildet sich vor dem Autor seine eigene Welt ab, die er geschaffen hat. Diese Welt bleibt nie gleich, verändert sich ständig. Der Schaffensprozess ist das Eine, das Weltbild das Andere. Hunderte Texte ergeben ein Konglomerat, das nur schwer durchschaut werden kann. Die Verdichtung auf wenige Texte lässt tiefer blicken. Ausgehend von 12 Geschichten werden Spuren von Figuren sichtbar, die von der Leichtigkeit des Seins weit entfernt sind.

 

 

Blumfeld, ein älterer

Arbeitsloser

Jürgen Heimlichs Figuren zeigen uns eine kafkaeske Welt voller unerfüllter Liebe und Sehnsüchte. Seine Charaktere gehen bis zum Äußersten und zerbrechen dabei an Lieblosigkeit, Unglaube, Herzlosigkeit – und an der Gesellschaft.

 

© Ruth Reuter

 

 

Die schüchterne Zeugin

 

Nie war es so ruhig in den Büros der Inspektoren gewesen. Belinda Winter versuchte, ihren unmittelbaren Vorgesetzten zu trösten, doch der winkte ab. Chefinspektor Kneiffer hätte am liebsten den Schreibtisch in Brand gesetzt, um danach für immer diesen schrecklichen Ort zu verlassen.

 

 

 

Zentralfriedhofs-Führer

 

Der Wiener Zentralfriedhof eignet sich hervorragend zum Flanieren, zum Innehalten vom Trubel des Alltags und Berufslebens. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen zweitgrößten Friedhof Europas zu entdecken. Die meisten Touristen und Friedhofsgänger beschränken sich auf die Ehrengräber, als hätte der Zentralfriedhof sonst nichts zu bieten. Aber so ist es nicht und kann es freilich nicht sein! Jeder Friedhofsbesucher kann den Zentralfriedhof auf individuelle Weise entdecken, und ich möchte mit diesem Friedhofsführer Anregungen zu individuellen Entdeckungsreisen geben.

Das diabolische Experiment

 

Nach dem selbigen Strickmuster (nonkonformistisches Weltverhältnis, erotische Genialität, typisierte Weiblichkeit) konstruierte ja übrigens Hesse seine Sozialmilieus und Handlungsträger, u.a. Goldmund und Siddharta, welche bis zuletzt in einem gewissen Sinne gesellschaftliche Außenseiter bleiben, jedenfalls hierbei typologische Übermenschen sind, was sie vom normierten Menschen trennt, hingegen sie gegenüber dem Dasein (in seiner rein ontologischen Manifestation) schlussendlich oder eigentlich immer schon versöhnlich gestimmt sind.

(© Harald Schulz)

 

Die zwei Leben des Sebastian

 

Sebastian, immer auf der Suche nach sich selbst, fühlt sich von seiner Umwelt unverstanden, verkriecht sich in die Welt seiner Bücher, die er in großer Anzahl nicht nur zu lesen scheint, sondern sie nahezu "frisst". Er lebt in der Welt dieser Geschichten, die zudem seine Fantasie ins Unermessliche beflügeln und ihn veranlassen, selbst zu schreiben. In dieser Welt ist er lange "gefangen", es fällt ihm schwer der täglichen Realität ins Auge zu schauen. Er fühlt sich in seiner Fähigkeit zum Schreiben erst durch seinen Lehrer Specht bestätigt, der viel zu früh an Leukämie stirbt und Sebastian wieder zurück in sein Maulwurf-Dasein wirft.

(© Astrid Karger)

 

Die Ewiggleichen

 

Bei „Die Ewiggleichen“ handelt es sich um keinen klassischen Gedichtband. Genau genommen ist überhaupt nur der Text auf dem Rückcover als Gedicht erkennbar. Ansonsten enthält das Bändchen lyrische Prosa, wobei sich der Autor weit aus dem Fenster lehnt, und behauptet, dieser Stil sei an Lord Byron angelehnt, obzwar dieser ein britischer Dichter war.