Der Autor Jürgen Heimlich – und wie er die Welt sieht

Mo

04

Mai

2009

Klaus Wagenbach: "Kafka"

 

 

Es hatte in Strömen geregnet, und ich habe mich dessen ungeachtet dazu entschieden, eine Lesung von Klaus Wagenbach zu besuchen, zu der ich mich per Mail angemeldet hatte. Vor dem Eingang einer der größten Buchhandlungen Wiens war ein Mann postiert, und fand bald meinen Namen auf einer Liste, welches mich in einen Saal geleiten sollte, der nahezu völlig leer war. Auf der Liste waren gut 150 Namen gestanden, die an der Lesung Interesse vorgegaukelt hatten. Letztlich ließen sich aber mindestens 135!!! dieser Personen von ein bisschen Regen abhalten, dem großartigen Kafka-Biographen Klaus Wagenbach fast eineinhalb Stunden lauschen zu dürfen.

 

Mir war es sogar recht, dass gut 90 Prozent der angeblichen Literaturinteressenten irgendwo anders postiert waren, da auf diese Art und Weise eine sehr intime Atmosphäre herrschte, von der insbesondere die wenigen Zuhörer profitieren mochten. Klaus Wagenbuch ließ sich angesichts des nahezu leeren Saales nicht davon abhalten, auf professionelle Art und Weise über seine Bezüge zu Kafka zu sprechen. Mehr noch: Er war voll und ganz in seinem Element, und verriet dem Publikum Einzelheiten, die in keinem Buch beschrieben sind. Er bestand darauf, dass er dies „freiwillig“ geschildert habe; Herr Wagenbach erwies sich so und so als kleiner Schelm und gleichzeitig liebenswürdige, schrullige Persönlichkeit.

 

Besonders bemerkenswert war seine Antwort auf die Frage des (nur wenig störenden) Buchhändlers, wie denn Kafka auf seine Berufswahl gekommen sei. Klaus Wagenbach lachte auf seine typische Art und Weise und erzählte davon, dass Franz Kafka schon mit 15 oder 16 Jahren gewusst habe, dass er Schriftsteller sei, und dies also sein Beruf ist. Nie stellte er dies in Frage, und aus den Tagebüchern, und zahlreichen Briefen ist ersichtlich, dass dies nur so sein konnte. Denn für Kafka war sein Beruf jenes, mit dem er sich am meisten identifizieren konnte, und das war auf überwältigende Art und Weise das Schreiben! Was nun genau hinter diesem Begriff „Beruf“ steht muss an dieser Stelle nicht versuchsweise aufgelöst werden (ist wahrscheinlich auch gar nicht möglich). Doch für Kafka waren die Begriffe Beruf und Berufung einander wohl sehr nahestehend, und wer heutzutage Kafka NICHT als Schriftsteller bezeichnet, sondern (primär) als Angestellten einer Arbeiter-Versicherungs-Anstalt oder gar Juristen, hat von Kafkas Werk und dessen Leben keinerlei Ahnung.

Klaus Wagenbach wies darauf hin, dass es Kafka nur darum gehen konnte, eine dem Schreiben nicht allzu sehr im Wege stehende „Tätigkeit“ zu suchen. Das war seinerzeit im Prag des beginnenden 20. Jahrhunderts nahezu unmöglich. Seinen ersten Job war Kafka glücklicherweise bald los; zehn und mehr Arbeitsstunden pro Tag waren dauerhaft einfach zuviel. In der Arbeiter-Versicherungs-Anstalt arbeitete er immer noch zumindest sechs Stunden pro Tag (auch samstags), und zweimal pro Monat auch sonntags, sodaß er im Endeffekt auf gut und gern 45 Arbeitsstunden pro Woche kam. Für einen Schriftsteller eigentlich eine Unmöglichkeit; doch Kafka arrangierte sich mit der Zeit mit dieser Unbill und fand abends und nachts Zeit, seinem eigentlichen Beruf nachzugehen.

 

Gerade in der heutigen Zeit ist die Frage des „Berufs“ in unseren Breitengraden von erstaunlicher Bedeutung. Es gibt zwar immer mehr Berufsbezeichnungen, aber immer weniger Menschen, die einem „Beruf“ nachgehen können. Somit wäre es im Sinne von Kafka auch richtig, von TÄTIGKEITEN zu sprechen, und irgendwelche Manager-Typen nicht fälschlicherweise in Berufsschemata einzusetzen. Mit einer Erwerbstätigkeit muß man sich nicht identifizieren, mit einem Beruf sehr wohl. Dies hat Herr Wagenbach mit dem Beispiel Franz Kafka auf eindrucksvolle Weise demonstriert. Es wäre wünschenswert, dass es mehr Menschen gibt, die ihr auf Tätigkeiten beschränktes Dasein kritisch reflektieren, und damit beginnen, sich ihrer eigentlichen Fähigkeiten zu besinnen. Klaus Wagenbach ist das seltene Beispiel eines Menschen, der als Verleger jene Tätigkeit ausübte (nunmehr ist er „bloß“ noch Lektor des Verlags, was die wenigsten Menschen wissen), die für ihn ein Beruf war. Franz Kafka hatte dieses Glück nicht, und wollte es vielleicht auch gar nicht haben, da es ihm sogar widerstand, eine TÄTIGKEIT auszuüben, die auf sekundäre Art und Weise mit Literatur zusammenhing.

 

Die Lesung von Klaus Wagenbach wird mir als Literatursternstunde in Erinnerung bleiben.

 

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Friedhofsidylle (E-book)



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Blumfeld, ein älterer

Arbeitsloser

Jürgen Heimlichs Figuren zeigen uns eine kafkaeske Welt voller unerfüllter Liebe und Sehnsüchte. Seine Charaktere gehen bis zum Äußersten und zerbrechen dabei an Lieblosigkeit, Unglaube, Herzlosigkeit – und an der Gesellschaft.

 

© Ruth Reuter

 

 

Die schüchterne Zeugin

 

Nie war es so ruhig in den Büros der Inspektoren gewesen. Belinda Winter versuchte, ihren unmittelbaren Vorgesetzten zu trösten, doch der winkte ab. Chefinspektor Kneiffer hätte am liebsten den Schreibtisch in Brand gesetzt, um danach für immer diesen schrecklichen Ort zu verlassen.

 

 

 

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Das diabolische Experiment

 

Nach dem selbigen Strickmuster (nonkonformistisches Weltverhältnis, erotische Genialität, typisierte Weiblichkeit) konstruierte ja übrigens Hesse seine Sozialmilieus und Handlungsträger, u.a. Goldmund und Siddharta, welche bis zuletzt in einem gewissen Sinne gesellschaftliche Außenseiter bleiben, jedenfalls hierbei typologische Übermenschen sind, was sie vom normierten Menschen trennt, hingegen sie gegenüber dem Dasein (in seiner rein ontologischen Manifestation) schlussendlich oder eigentlich immer schon versöhnlich gestimmt sind.

(© Harald Schulz)

 

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Sebastian, immer auf der Suche nach sich selbst, fühlt sich von seiner Umwelt unverstanden, verkriecht sich in die Welt seiner Bücher, die er in großer Anzahl nicht nur zu lesen scheint, sondern sie nahezu "frisst". Er lebt in der Welt dieser Geschichten, die zudem seine Fantasie ins Unermessliche beflügeln und ihn veranlassen, selbst zu schreiben. In dieser Welt ist er lange "gefangen", es fällt ihm schwer der täglichen Realität ins Auge zu schauen. Er fühlt sich in seiner Fähigkeit zum Schreiben erst durch seinen Lehrer Specht bestätigt, der viel zu früh an Leukämie stirbt und Sebastian wieder zurück in sein Maulwurf-Dasein wirft.

(© Astrid Karger)

 

Die Ewiggleichen

 

Bei „Die Ewiggleichen“ handelt es sich um keinen klassischen Gedichtband. Genau genommen ist überhaupt nur der Text auf dem Rückcover als Gedicht erkennbar. Ansonsten enthält das Bändchen lyrische Prosa, wobei sich der Autor weit aus dem Fenster lehnt, und behauptet, dieser Stil sei an Lord Byron angelehnt, obzwar dieser ein britischer Dichter war.